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14.02.2020 - FILM

Nostalgie nach einem unversehrten Deutschland

Die Themen Judentum und Antisemitismus in Thomas-Mann-Verfilmungen nach dem Zweiten Weltkrieg

von Josef Tutsch

 
 

Thomas Mann, 1905 - Bild: Wikipedia

Dass ein Bundespräsident bei einer Film-Uraufführung spricht, kommt nicht alle Tage vor. Als am 16. Dezember 2008 in der Essener „Lichtburg“  Heinrich Breloers „Buddenbrooks“-Film erstmals gezeigt wurde, ließ sich Horst Köhler wohl recht gern bitten. „Für uns Deutsche“, sagte er in seiner Festrede, „ist dieses Buch immer noch wie ein Spiegel unseres Wesens und unserer Kultur - wenn auch aus einer vergangenen Zeit.“ „Wenn wir nur genau hinsehen, können uns auch alte Geschichten etwas über uns selber erzählen.“

Mit Spiegelbildern von uns selbst und von unserer Vergangenheit ist das aber so eine Sache. Einmal davon abgesehen, dass bei dem Versuch, einen Roman zu verfilmen, im besten Fall ein ganz neues Kunstwerk herauskommt, im schlimmsten bloß eine Verhunzung des alten – ganz allgemein wird bei solchen „Spiegeln“ das Bedürfnis übermächtig, im Sinne eigener Selbstliebe zu retuschieren. Thomas Mann selbst wäre davon keineswegs verwundert gewesen. Den psychologischen Mechanismus hatte einer seiner Lehrmeister, Friedrich Nietzsche, charakterisiert: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis. Das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtnis nach.“

Der Germanist Yahya Elsaghe von der Universität Bern hat jetzt in einer umfangreichen, ungemein detaillierten Studie die „Aneignung“ von Thomas Manns Erzählwerk durch Kino und Fernsehen im Deutschland der Nachkriegszeit analysiert. Und tatsächlich, in vielen Filmen hat das „Gedächtnis“ dem Stolz „nachgegeben“. Dabei könnte der Titel des Buches, „Thomas Mann auf Leinwand und Bildschirm“, freilich in die Irre führen. Es geht um einen ganz bestimmten, allerdings beherrschenden Aspekt: die „Nostalgie nach einem unversehrten Deutschland“, die in den Verfilmungen immer wieder zum Ausdruck kommt – unversehrt nämlich durch die Schuld des Holocaust. Anders gesagt: um die Frage, wie die Filme mit den Themen Antisemitismus und Judentum allgemein in Thomas Manns Romanen und Erzählungen umgingen.

Der früheste Thomas-Mann-Film entstand übrigens bereits 1923, also sieben Jahre, bevor Josef von Sternberg den Roman „Professor Unrat“ von Thomas‘ Bruder Heinrich zu seinem „Blauen Engel“ verarbeitete. Der Romancier selbst gestand freimütig, er habe sich allein „um erheblicher wirtschaftlicher Vorteile willen“ zur Mitwirkung an dem „Buddenbrooks“-Film von Gerhard Lamprecht bereit gefunden. Das Ergebnis sei „strohdumm“, aus dem Roman sei „ein gleichgültiges Kaufmannsdrama“ geworden. Der Film, resümiert Elsaghe, war von „Harmonisierungsbedürfnis“ geprägt: Alle sozialen und weltanschaulichen Spannungen wurden verdeckt, vermutlich deshalb, weil sie in der Krise der jungen Republik weiterhin als gefährlich galten.

Eine „Beschwichtigungs“- und „Vermeidungsstrategie“, die – Jahre vor dem Holocaust – bereits die Richtung für die Filme in der Bundesrepublik und in der DDR vorgab. In den Thomas-Mann-Verfilmungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele jüdische Figuren „kurzerhand entfernt“. In den Romanen und Erzählungen selbst sind sie durchaus reichlich vertreten, als ökonomische oder auch sexuelle Rivalen anderer, nicht-jüdischer Deutscher, angefangen bei Hermann Hagenström, der die Buddenbrooks erfolgreich aus dem Geschäft drängt. Wenn eine Entfernung nicht möglich war, ohne die Handlung zu zerstören, wurden ihre „jüdischen Markierungen“ oft getilgt, so dass sie nicht mehr als Juden erkennbar waren. So entfernte der „Tonio-Kröger“-Film von 1964 an der Figur des Erwin Jimmerthal alles, was an antisemitische Stereotypen hätte erinnern können. Als Beraterin beim Drehbuch fungierte übrigens Thomas Manns Tochter Erika. Anscheinend war sie mit dieser Bearbeitung einverstanden.

Man kann fragen, welches Echo der Film wohl gefunden hätte, wäre Jimmerthal als Klischeejude markiert worden – auf der Leinwand unvermeidlich „sichtbarer“, als der Erzähler das in seiner andeutenden Prosa tat. Elsaghe weist darauf hin, dass dieses Verschweigen und Verzeichnen in den Thomas-Mann-Verfilmungen auch bei anderen Themen geübt wurde. Thomas Mann hatte in seinen Texten, bei einem Autor seiner Generation wenig verwunderlich, Sexuelles in seinen Texten eher vorsichtig angesprochen. Als 1957 die „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“ verfilmt wurden, hielten Drehbuchautor und Regisseur es für angebracht, Felix‘ „Lektionen“ bei der Prostituierten Rosza kurzerhand wegzulassen.

Nachbau der Thomas-Mann-Villa auf dem
Bavaria-Filmgelände in München
Bild: senator86/Wikipedia 


In der einen wie in der anderen Hinsicht zeigt diese Strategie des Verschweigens zunächst einmal eine große Hilflosigkeit und Verlegenheit. Alles, was an Thomas Mann im Sinne der Aufnahme bei einem breiten Publikum problematisch schien, wurde eskamotiert. Was die Aussparung antisemitischer Motive angeht, spricht Elsaghe mit einem Ausdruck, der dem Dramatiker Henrik Ibsen entliehen ist, von einer „Lebenslüge der Bundesrepublik Deutschland“. Dabei meinte Ibsen nicht bloß, dass Menschen dazu neigen, sich über sich selbst etwas vorzumachen. Er warf die Frage auf, ob sich ohne solche „Lügen“ überhaupt leben lässt. „Wenn Sie einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge nehmen, so bringen Sie ihn gleichzeitig um sein Glück“, sagt der Arzt Relling im Stück „Die Wildente“, 1884.

Elsaghe hat beobachtet, dass auch Thomas Mann selbst in seinem Spätwerk eine solche Strategie des Aussparens übte. In jenen Werken, die erst verfasst wurden, nachdem der Nürnberger Prozess den ganzen Schrecken des Holocaust offen gelegt hatte, „fehlen Juden oder assimilierte Juden“ – mit einer Ausnahme, einem jüdischen Geldverleiher im Mittelalter-Roman „Der Erwählte“.

Als der problematischste seiner frühen Texte muss dem späten Thomas Mann die Novelle „Wälsungenblut“ vorgekommen sein, geschrieben 1905, der Verfasser selbst nannte sie eine „Judengeschichte“. Ein jüdisches Geschwisterpaar, aus einer durch und durch assimilierten Familie, spielt den Inzest aus Richard Wagners Oper „Die Walküre“ nach. Mit der Novelle, interpretiert Elsaghe, wollte Thomas Mann in der damals aktuelle „Judenfrage“ Stellung beziehen: Juden „sind ‚etwas anderes‘ und bleiben etwas anderes, mögen sie sich noch so angestrengt der Mehrheitskultur anzugleichen versuchen und ihren Wagnerianismus noch so enthusiastisch vor sich hertragen.“ Noch schärfer formuliert: Die Geschwister „erschleichen sich das deutsche Kulturerbe.“

Richtig daran ist zweifellos: Thomas Mann hatte durchaus Verständnis für die Vorbehalte, die in seiner Zeit „gegen das Jüdische“ im Schwange waren. Derart aggressiv-antijüdische Artikel, wie der Bruder Heinrich sie in den 1890er Jahren verfasste, sind aus Thomas‘ Feder jedoch nicht bekannt. Zwei Jahre nach der Entstehung von „Wälsungenblut“ sprach er sich in einem Essay für eine „Europäisierung des Judentums“ aus. Unausgesprochen war darin vorausgesetzt, ein sozusagen nicht-europäisiertes Judentum würde tatsächlich ein Problem darstellen. Die Lektüre der Tagebücher spricht nicht dafür, dass der alte Thomas Mann von solchen Vorbehalten grundsätzlich abrückte.

1964 kam die Verfilmung von „Wälsungenblut“ nach dem Drehbuch von Franz Seitz heraus. Die Geschichte wurde sozusagen entkernt. „Das Drehbuch durfte ich nur unter der Prämisse schreiben, dass die Familie nicht jüdisch sein darf“, erklärte Seitz später in einem Interview. „Durfte“ - nämlich nach dem Willen von Thomas Manns Tochter Erika, die ihm nur unter dieser Bedingung die Rechte gewährte. Offenbar hatte Erika die Brisanz der „Judenfrage“ im Text ihres Vaters erkannt und beschlossen, sie auf diese radikale Weise aus der Welt zu schaffen. Die Geschwister im Film, schlug sie vor, sollten nicht jüdischer, sondern polnischer Herkunft sein.

Seitz fand eine andere Lösung: Die Frage, inwieweit assimilierte Juden als „Deutsche“ gelten könnten, wurde in einen Standes- oder Klassenkonflikt transformiert. Vielleicht war es ja eine Rache für die Knebelung in diesem Vertrag, dass Seitz statt des Geschwisterpaares nun den düpierten Brautwerber mit jüdischen oder vermeintlich jüdischen Merkmalen ausstattete. Thomas Mann, resümiert Elsaghe, hatte bei den Geschwistern mit den Stereotypen des gefährlichen Juden und der schönen Jüdin gearbeitet. Seitz ersetzte sie durch ein anderes „antisemitisches“ Klischee: das des lächerlichen Juden.

Erika und Thomas Mann 1955 in Weimar   
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia 


Da stellen sich sehr grundsätzliche Fragen zur Ethik des künstlerischen Schaffen. Besagt der moralisch und politisch zwingende Bann gegen Antisemitismus, dass jüdische Figuren in einem belletristischen Werk nicht lächerlich oder gefährlich dargestellt werden dürfen? Die Frage wurde 1975 anhand von Rainer Werner Fassbinders Theaterstück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ heftig diskutiert. Darf ein Jude zum Beispiel als reicher Spekulant auftreten – was ja tatsächlich einem uralten antijüdischen Stereotyp entspricht?

Noch drei weitere Beispiele für Retuschen in den Thomas-Mann-Verfilmungen. In Bernhard Sinkels Fernsehserie „Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull“, 1981, wurde Hoteldirektor Stürzli „als Jude unkenntlich gemacht“. Der jüdische Halsabschneider, der Krulls Verarmung mit zu verantworten hat, fehlt völlig. Als Felix Seitz 1982 den „Doktor Faustus“ auf die Leinwand brachte, wurde die komplexe Überblendung von Zeitroman und Künstlerroman, die Thomas Mann in seinem Text vorgenommen hatte, zerstört: Das Thema deutscher Schuld trat gegenüber der Problematik von Adrian Leverkühns Künstlertum völlig in den Hintergrund. Als Hans W. Geißendörfer im selben Jahr den „Zauberberg“ verfilmte, wurde vieles aus der Romanhandlung, worin antisemitische Motive der Diskussion in den 20er Jahren zum Ausdruck kamen, „sorgsam wegretuschiert“.

Eine „Lebenslüge“, wenn man so will. Eine Parallele zur Integration von Mitläufern und Mittätern in das demokratische System, die Bundeskanzler Konrad Adenauer einst achselzuckend mit den Worten rechtfertigte: „Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein sauberes hat.“ Elsaghe weist darauf hin, dass sich auch die DDR auf eine solche Lebenslüge aufbaute. 1975 brachte die DEFA eine Verfilmung von „Lotte in Weimar“ heraus. Alle Stellen, „an denen der Roman ungute Erinnerungen an die ‚Judenfrage‘ und deren ‚Endlösung hätte wachrufen können“, entfielen. Bürgerliche Demokratie und Diktatur galten als zwei Varianten kapitalistischer Herrschaft, der Antisemitismus des NS-Systems durfte keine Rolle spielen.

Und Breloers „Buddenbrooks“ von 2008, die Verfilmung eines „Spiegels unseres Wesens und unserer Kultur“, wie Köhler sagte? 2001 hatte Breloer mit seinem Fernsehdreiteiler „Die Manns. Ein Jahrhundertroman“ vorgelegt und darin die Stellungnahmen des frühen Thomas Mann gegen die „westliche“ Demokratie konsequent ausgespart. Im „Buddenbrooks“-Film löschte er die jüdischen Markierungen der Familie Hagenström. Elsaghe zitiert ein Interview, in dem sich Breloer offen dazu bekannte, er habe es richtig gefunden, das Judentum der Familie „nicht zu betonen“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Yahya Elsaghe: Thomas Mann auf Leinwand und Bildschirm. Zur deutschen Aneignung seines Erzählwerks in der langen Nachkriegszeit, Walter de Gruyter, Berlin – Boston 2029, ISBN 978-3-11-063480-8, mit 96 Abb., 49,95 €


Mehr im Internet:

Thomas-Verfilmngen Wikipedia 
Yahya Elsaghe: Thomas Mann auf Leinwand und Bildschirm, Walter de Gruyter
scienzz artikel Film

 

 

 

 

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