Berlin, den 29.03.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

18.03.2020 - DEUTSCHE LITERATUR

Was zu tun indes und zu sagen, weiss ich nicht

Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hoelderlin geboren

von Josef Tutsch

 
 

Friedrich Hölderlin, Portrait von
Franz Karl Hiemer, 1792
Bild: Wikipedia

„Im Falle, dass die Franzosen glücklich wären, dürfe es vielleicht in unserem Vaterlande Veränderungen geben“, schrieb Friedrich Hölderlin im März 1799 aus dem Bad Homburg in Hessen an seine Mutter im württembergischen Nürtingen. Der Dichter, der heute als einer der größten Lyriker deutscher Sprache gilt, stand gerade vor seinem 29. Geburtstag. Welche Hoffnungen er auf den Vormarsch der französischen Truppen in Richtung Rhein setzte, zeigt das Trauerspiel „Der Tod des Empedokles“, an dem Hölderlin damals schrieb. „Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr“, ließ er seinen Helden zu den Agrigentinern sagen. „Schämet euch, dass ihr noch einen König wollt.“

Wie konkret diese Hoffnungen auf einen revolutionären Umbruch waren, inwieweit Hölderlin in die Pläne für eine „Schwäbische Republik“ eingeweiht war, die damals in Intellektuellenkreisen kursierten – das gehört bis heute zu den großen Rätseln der deutschen Literaturgeschichte. Der französische Germanist Pierre Bertaux ist zu dem Schluss gekommen, der „Jakobiner“ Hölderlin habe den „Empedokles“ als Festspiel zur Gründung dieser erhofften Republik konzipiert. Nach dem Scheitern des Projekts habe er nur noch einen Ausweg gesehen: seine politischen Botschaften in Mythologie zu verschlüsseln und zu verrätseln. „Alle Heiligtümer begraben dem Feind in verschwiegener Erde“, heißt es einem der Gedichte.

Ein Dichter, der es aus Furcht vor politischer Verfolgung vorzog, von seinen Zeitgenossen nicht verstanden zu werden? Der, als er im Februar 1805 tatsächlich von der württembergischen Polizei der Komplizenschaft verdächtigt wurde, seinen Wahnsinnsausbruch womöglich simulierte? Als 1969 Bertaux‘ Studie „Hölderlin und die französische Revolution“ in deutscher Übersetzung erschien, traf sie auf eine Germanistik, die sich unter dem Stichwort „Werkimmanenz“ darum bemühte, literarische Texte aus sich selbst heraus zu verstehen. Politische Bezüge wurden weitgehend ausgeklammert.

In seinem ersten Hölderlinbuch 1936 hatte sich Bertaux noch mit einem ganz anderen Gegner auseinanderzusetzen. Im Umkreis des Nationalsozialismus wurde Hölderlin damals als der große Dichter des militärischen Opfertodes gepriesen. Diese Interpretation konnte sich sogar auf einige Hölderlin-Verse berufen: „Siegesboten kommen herab: Die Schlacht ist unser! Lebe droben, o Vaterland, und zähle nicht die Toten! Dir ist, Liebes! nicht Einer zu viel gefallen.“ Dass der Dichter dabei an eine freiheitliche Republik gedacht und sein Gedicht „Der Tod fürs Vaterland“ der „Marseillaise“ nachgebildet hatte, wurde übersehen.

Doch es finden sich ebenso Verse, die es als sehr fraglich erscheinen lassen, inwieweit der Dichter überhaupt an eine Heimat in dieser Welt glauben konnte. „Der Menschen Worte verstand ich nie“, heißt es im Gedicht „Da ich ein Knabe war“, 1798. „Die Lüftchen des Himmels spielten mit mir“, „mich erzog der Wohllaut des säuselnden Hains, und lieben lernt' ich unter den Blumen. Im Arme der Götter wuchs ich groß.“

Ein weltfremder Träumer? Ein politisch Radikaler, ob nun „rechts“ oder „links“? Ein Geistesgestörter, vielleicht schon vor dem offenen Ausbruch der Krankheit 1805? Oder eben doch ein Simulant? Seinen Zeitgenossen war Friedrich Hölderlin vor allem als Autor des mäßig erfolgreichen Briefromans „Hyperion“ geläufig, erschienen in zwei Bänden 1797 und 1799. Mit seinem Freund Alabanda nimmt der Erzähler Hyperion am Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken 1770 teil. Der Aufstand bricht zusammen. Doch viel schlimmer ist für Hyperion die Erkenntnis, dass seine Ideale in der Wirklichkeit der Waffengewalt keinen Bestand haben können: „Unsere Leute haben geplündert, gemordet, ohne Unterschied.“

Im Roman spiegelte sich die Erfahrung, dass die Französische Revolution beim Versuch, die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit in die Nachbarstaaten zu exportieren, sehr schnell ihre Unschuld verloren hatte. In dem revolutionären Aktivisten Alabanda, hat der Frankfurter Germanist Dieter Kimpel interpretiert, stellte Hölderlin die Tragödie des gewaltsamen Weltverbesserers dar: die Versuchung, die Verwirklichung des Guten in „totalitärer Anmaßung“ zu erzwingen.

Hölderlinturm am Neckarufer in Tübingen
Bild: Hedwig Storch/Wikipedia 


Die Mutter, die den jungen Friedrich nach dem frühen Tod von Vater und Stiefvater allein erziehen musste, hatte ihn eigentlich für den geistlichen Stand bestimmt. Aber während seiner Zeit im Tübinger Stift von 1788 an hatte er sich der Kirchenlehre entfremdet. Gemeinsam mit seinen Studienfreunden Hegel und Schelling las er Platon, Spinoza, Kant und Fichte. Erst 1917 wurde ein Papier bekannt, das die drei Freunde damals vermutlich gemeinsam verfassten. Sie träumten von nicht mehr und nicht weniger als von einer „Mythologie“ des neuen, „vernünftigen“ Zeitalters. „Die Poesie wird am Ende wieder, was sie am Anfang war – Lehrmeisterin der Menschheit“, hieß es darin. 1803 griff Hölderlin diesen Gedanken in seinem Gedicht „Andenken“ wieder auf: „Was bleibet aber, stiften die Dichter.“

In der Realität verlief Hölderlins Lebensweg eher prosaisch. Er musste sich als Hauslehrer in Familien des kleinen Adels und des wohlhabenden Bürgertums durchschlagen, zuletzt bei dem Frankfurter Bankier Jakob Gontard. Diese Stelle verlor er im September 1798, nachdem der Hausherr eine Beziehung seiner Gattin mit dem Lehrer der Kinder entdeckt hatte. Doch Susette ging in die Weltliteratur ein: Sie gab das Modell für die Diotima im „Hyperion“ ab, als das Urbild eines schönen Einklangs von Mensch und Natur.

Und als die Muse, die Hyperion – oder Hölderlin – darauf vorbereitet, zum Dichter und Lehrer seines Volkes zu werden. Noch während er am „Hyperion“ schrieb, nahm er auch das Drama „Der Tod des Empedokles“ in Angriff. Vorlage war eine antike Legende, die davon erzählte, der griechische Philosoph Empedokles habe sich „in freiem Tod, nach göttlichem Gesetz“ durch einen Sturz in den Ätna das Leben genommen. In dem Drama wollte Hölderlin einen freiwilligen Opfertod für die ersehnte Republik verherrlichen – mit dem christlichen Mysterium von Christi Leiden am Kreuz als Folie.

Im Laufe der folgenden Jahre schrieb er nicht weniger als drei sehr verschiedene Fassungen, ohne das Stück doch vollenden zu können. Das mag mit den Zeitereignissen zusammenhängen, sicherlich auch mit Hölderlins mangelnder Übung in der dramatischen Form. Aber der Dichter hatte auch Schwierigkeiten damit, eine schlüssige Konzeption zu erarbeiten. Die politische Intention, die antike Legende, die Passion Christi – das alles wollte nicht so recht zueinander passen.

Welche Aufbruchstimmung unter Deutschlands Intellektuellen in diesen Jahren herrschte, zeigt ein Brief Hegels an Schelling, vom Januar 1795: „Vernunft und Freiheit bleiben unsere Losung, und unser Vereinigungspunkt die unsichtbare Kirche.“ „Das Reich Gottes komme, und unsere Hände seien nicht müßig im Schoße!“ Neben dem Vorbild der Antike und einem sehr undogmatisch verstandenen Christentum gab es noch eine dritte geistige Potenz, in deren Licht die Jugendfreunde die Tagespolitik deuteten: die Philosophie eines Kant und eines Fichte. Kant, schrieb Hölderlin zu Neujahr 1799 an seinen Bruder, „ist der Moses unserer Nation, der sie aus der ägyptischen Erschlaffung in die freie einsame Wüste seiner Spekulation führt, und der das energische Gesetz vom heiligen Berge bringt.“

Hegel wurde in den folgenden Jahrzehnten so etwas wie ein philosophischer Kirchenvater des 19. Jahrhunderts. Ähnlich fühlte sich Hölderlin zum Stifter einer neuen, poetischen Religion berufen. Ein groteskes Missverhältnis zu seinem kärglichen Leben als Hauslehrer und dann als Hofbibliothekar in Bad Homburg. Sein Ehrgeiz ging auf eine Synthese von Antike und Christentum, mythologisch ausgedrückt: auf eine Verbrüderung von Christus und Dionysos. „Denn zu sehr, o Christus, häng‘ ich an dir“, dichtete er 1802 in seiner Hymne „Der Einzige“, „kühn bekenn‘ ich, du bist Bruder auch des Eviers [= Dionysos], der die Todeslust der Völker aufhält und zerreißet den Fallstrick.“

Dass bei dem „Fallstrick“ auch an die Tyrannei des Ancien régime gedacht war, lässt sich kaum bezweifeln, so sehr uns Hölderlins Vertrauen auf die befreiende Macht der Poesie verwundern mag. Das unterscheidet diesen Dichter von seinen „romantischen“ wie von seinen „klassischen“ Zeitgenossen, stellte der Philosoph Rüdiger Safranski unlängst in seiner großen Hölderlinbiographie heraus: Für ihn war die Antike nicht nur ein Bildungserlebnis. Sie gab ihm die Heimat, die das Deutschland seiner Gegenwart nicht bieten konnte. Oder wenigstens ein Gefühl von Heimat. Dass er es auf andere Weise nicht finden konnte, wird viel zu der Instabilität beigetragen haben, die 1805 den Wahnsinn ausbrechen ließ.

Hölderlin-Denkmal in Lauffen am Neckar  
Bild: A. Kniesel/Wikipedia 


Man kann auch fragen, ob Hölderlin sich mit der Rolle eines Dichter-Sehers, die er sich selbst bei der neuen „Religion“ zudachte, nicht überfordert fühlen musste. „Was zu tun indes und zu sagen, weiß ich nicht, und wozu Dichter in dürftiger Zeit“, heißt es in der Hymne „Brot und Wein“, in der er das christliche Abendmahl und die antiken Dionysosmysterien miteinander verschränkte. „Aber sie sind […] wie des Weingotts heilige Priester, welche von Land zu Land zogen in heiliger Nacht.“

Es sind vor allem die großen Hymnen dieser späten Jahre, mit denen Hölderlin zur Weltliteratur zählt. Ihre mythologische Sprache gibt bis heute Rätsel auf. „Kein Sterblicher kann es fassen“, ließ er in einem Eintrag die Muse sagen, „vom Höchsten will ich schweigen.“ Von einem Großteil der Gedichte gibt es zwei oder drei oder vier verschiedene Fassungen, ohne dass eine davon als die „endgültige“ gezählt werden könnte. Das stellt die Editoren vor Herausforderungen, wie es bei keinem anderen deutschen Dichter der Fall ist. Und die Interpreten haben erst recht die verschiedensten „Hölderline“ präsentiert. Den Denkern wie Martin Heidegger und Theodor W. Adorno wurden Hölderlins Verse zum Gegenstand subtiler Auslegungsversuche. Oft in sehr fragwürdiger Hinsicht. Heidegger, hat Jürgen Habermas kritisch vermerkt, nutzte die mythische Sprechweise des Dichters als Vorbild, um auch seine eigene Philosophie einer rationalen Beurteilung zu entziehen.

Im Februar 1805 wurde Hölderlins Freund Isaac von Sinclair verhaftet, nachdem der Hochstapler Alexander Blankenstein ihn beim württembergischen Hof angeschwärzt hatte: In Sinclairs Freundeskreis seien Pläne geschmiedet worden, den Kurfürsten zu ermorden und eine „Schwäbische Republik“ auszurufen. Im Prozess im Sommer des Jahres ergab sich jedoch bloß, dass „böse“ Worte gegen den Kurfürsten gefallen seien. Von konkreten Umsturzplänen war nichts zu finden.

Die Ermittlungen gegen Hölderlin waren bereits im April eingestellt worden. Ein Arzt hatte ihm geistige Zerrüttung bescheinigt, ein bereits länger andauernder Wahnsinn sei in Raserei übergegangen. Im September 1806 wurde Hölderlin mit Gewalt in das Tübinger Universitätsklinikum geschafft. Von 1807 an bis zu seinem Tod 1843 wohnte er dann bei einem Tischler in Tübingen zur Pflege.

Die Krankenstube in einem Turm am Neckar wurde zur Pilgerstätte für Literaturbegeisterte. „Während ich mich begeistere an seinen Liedern, hat er vielleicht vergessen, dass er jemals eines gedichtet“, klagte 1839 Georg Herwegh. Oder doch nicht so ganz: In lichten Augenblicken schrieb Hölderlin auch in diesen Jahren und Jahrzehnten noch Gedichte, aber nun weitab vom hochfliegenden Ehrgeiz, so etwas wie eine poetische Religion stiften zu wollen. „Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen“, heißt es in einem Gedicht von 1811, „die Jugendstunden sind, wie lang! wie lang! verflossen, April und Mai und Julius sind ferne, ich bin nichts mehr; ich lebe nicht mehr gerne!“


Mehr im Internet:

Friedrich Hölderlin - Wikipedia 
scienzz artikel Goethezeit 



Nachtrag

Reden Sie nicht von Dingen, von denen Sie nichts verstehen

Ein Versuch, Hoelderlins Frankfurter Zeit zu rekonstruieren



Er sei mit unhöflichem Stolz behandelt worden, mit täglicher Herabwürdigung, schrieb Friedrich Hölderlin Ende September 1798, nachdem er aus dem Haus des Bankiers Jacob Gontard in Frankfurt geflohen war, an seine Mutter. Vor allem habe ihn die Äußerung verletzt, auch ein „Hofmeister“, also Hauslehrer, sei bloß ein Bediensteter.

Ob Gontard das wirklich so gesagt hat, muss offen bleiben. Von Henry, dem Sohn des Hauses, den er unterrichtet hatte, erhielt Hölderlin einen herzlichen Brief, er möge bald zurückkommen. Die Mutter lasse grüßen, auch der Vater habe bei Tisch gefragt, wo Hölderlin denn sei.

Viel mehr wissen wir nicht über das Ende von Hölderlins Hauslehrertätigkeit bei den Gontards. Der Autor und Theaterkritiker Peter Michalzik hat, pünktlich zum 250. Geburtstag des Dichters, den Versuch einer Rekonstruktion seiner Frankfurter Zeit unternommen. Die Geschichte der Liebe zwischen Susette Gontard und dem Hauslehrer ihres Sohnes ist allbekannt. Michalzik versucht einen anderen Ansatz. Jacob, der Abkömmling einer Hugenottenfamilie aus der Dauphiné, war Bankier, das Leben beider unter einem Haus war eine Begegnung von Geld und Geist, Poesie und Ökonomie.

Da liegt der Gedanke nahe, dass Hölderlin, während er in der damals und heute wichtigsten Finanzmetropole Deutschlands lebte, sich über Geld Gedanken gemacht haben könnte. Und dass diese Gedanken auch in seinen Gesprächen mit dem Hausherrn zum Ausdruck gekommen sein werden. Dokumentarisch belegen lässt sich da jedoch nichts. Michalziks „biografische Erzählung“, wie der Untertitel lautet, ist mehr fiktive Erzählung als Biographie.

Frankfurt am Main mit dem Garten des
"Weißen Hirschs", Anwesen der Familie
Gontard, 1872 - Bild: Wikipedia 


Geld und Geist … Kunst und Kultur standen für den Bankier (Michalzik schreibt, die Situation durch das Weglassen eines einzigen Buchstabens aktualisierend, angelsächsisch von einem „Banker) natürlich nicht im Zentrum seiner Aufmerksamkeit. Aber uninteressiert war er nicht. Es ist belegt, dass er Hölderlin gelegentlich ins Theater mitnahm. Und in Erziehungsfragen war Gontard auf der Höhe seiner Zeit. Dass Hölderlin überhaupt angestellt wurde, verdankte er der Vorliebe des Hausherrn für die Ideen von Jean-Jacques Rousseau, auf die sich auch Hölderlin gern berief.

Vielleicht, meint der Autor, gab die Erziehung des Sohnes dann aber einen noch wichtigeren Konfliktpunkt ab als das Verhältnis des Lehrers mit der Gattin. Gontard wollte Henry zu einem gebildeten Menschen erzogen sehen. Aber er „bekam den Eindruck, sein Sohn würde sich ihm entfremden, das geschäftliche Denken würde ihm fremd und er würde sich ins Feld der Poesie bewegen. Das durfte er nicht zulassen.“ Die Zukunft des Familienunternehmens war am Ende wichtiger als alle Poesie.

Das Beispiel des todgeweihten Künstlers Hanno Buddenbrook lässt grüßen. Michalzik nennt keine Belege aus den Quellen rund um Hölderlin und Gontard. Der Autor hat mit viel „Empathie“ und mit mindestens ebenso viel Phantasie ausgeführt, was der Dichter zum Thema „Geld und Geist“ gesagt haben könnte, gesagt haben müsste. Mit der Schwierigkeit, dass wir nicht wissen können, ob Hölderlin wirklich so etwas gedacht und gesagt hat.

In der Frankfurter Bankierswelt begegnete er einer Welt, die ihm fremd war. Hölderlin, schreibt Michalzik, „betrachtete Geld und die hündische Unterwerfung, die es mit sich brachte, mit Verachtung. Die Sorge um Geld, so war er überzeugt, war eines freien Mannes unwürdig.“ Dabei fühlte er sich im Haus des Bankiers zunächst sogar freundlich aufgenommen. Dass Gontard ebenfalls ein Konzept von Freiheit verwirklichte, nahm er wohl zur Kenntnis. Aber es ist unwahrscheinlich, dass er es verstand.

Ob Michalzik wohl die historische Realität trifft, wenn er seine fiktiven Dialoge im Hause Gontard immer wieder um das Thema „Geld“ konzentriert? Während Hölderlins Hauslehrerzeit in Frankfurt passierten im europäischen Geldverkehr umstürzende Dinge. Anfang Februar 1797 musste Frankreich sein Experiment mit Papiergeld beenden, es hatte eine ungeheure Inflation nach sich gezogen. Wenige Wochen später befreite das britische Parlament die Bank von England von ihrer Verpflichtung, Banknoten in Münzgeld einzutauschen.

Gontard scheint als Geschäftsmann eher ein „Konservativer“ gewesen zu sein. Er investierte sein Geld im Handel, nicht in Anleihen an die kriegführenden Mächte. In den Häusern seiner Kollegen wäre Hölderlin sich vermutlich viel fremder vorgekommen. Vielleicht, spekuliert Michalzik, hatte Gontard dem Hauslehrer seines Sohnes sogar eine Einführung in das Geschäftsleben gegeben. Er konnte es zwar „nicht leiden, wenn man Geld und Geist vermischte“. Doch die Illusion, der Lehrer Hölderlin könnte die Themen Geschäft und Geld grundsätzlich vermeiden, wird er sich nicht gemacht haben.

Versuchte Hölderlin, der junge Dichter und ehemalige Theologiestudent, tatsächlich, wie Michalzik unterstellt, im Gespräch mit Gontard eine „Poetologie“ des Geldes zu entwickeln? Und wollte er den Jugendfreund Hegel, der seine Reflexionen damals primär theologisch formulierte, dazu bewegen, das Geld auch ganz ausdrücklich zum Thema zu machen? „Das erste Buch Gottes ist die Natur, die Welt“, lässt Michalzik Hegel sagen. „Das zweite Buch ist die Schrift, die Bibel. Geld ist da nirgends vorgesehen.“ Hölderlins (oder vielmehr Michalziks) Antwort klingt nach einem geradezu tollkühnen Versuch, die eigene Fremdheit gegenüber der Sphäre des Geldes spekulativ zu überspringen: „Aber das dritte Buch, das sind die Gesellschaft und das Geld, das sie zusammenhält, die Form und Leben geben.“

Hölderlin-Denkmal in Bad Homburg
Bild: Dontworry/Eva K./Wikipedia


Dass es wirklich so oder so ähnlich gewesen sei, will der Autor nicht mit letzter Bestimmtheit behaupten. Seine „biographische Erzählung“ will eine Alternative zur gewohnten Erzählung von Hölderlins Hauslehrertätigkeit bei den Gontards bieten: „An manchen Stellen hat sie den Vorteil, wahrscheinlicher zu sein“, schreibt er im Vorwort.

Eine Wahrscheinlichkeit, hinter die aber doch ein Fragezeichen zu setzen ist. 1959 erregte der britische Schriftsteller C. P. Snow viel Aufsehen mit seiner These von den „zwei Kulturen“ unter den Intellektuellen der Gegenwart, einer geisteswissenschaftlich-literarischen Kultur einerseits, einer naturwissenschaftlich-technischen andererseits. Und er beklagte, viele Geisteswissenschaftler würden sich angesichts der Fortschritte in der Naturerkenntnis in einen antiintellektuellen Konservatismus flüchten.

Auf die Idee, dass es da weitere „Kulturen“ geben könnte, zu denen die Kluft vielleicht noch größer ist, scheint Snow nicht gekommen zu sein. Zum Beispiel die Ökonomie. „Es ist ein schöner Zug“, notierte Hegel irgendwann zwischen 1803 und 1806, „welche Verachtung man in Deutschland gegen das Geld hat und zeigt.“

Sogar in den späteren Schriften und Vorlesungen des Philosophen, die sich doch so intensiv um eine Theorie der modernen bürgerlichen Gesellschaft bemühen, kommt das Wort „Geld“ kaum ein Dutzendmal vor. Was spricht eigentlich für die Vermutung, dass sein Dichterfreund in der Begegnung mit dem Bankier versuchte, sich die fremde, irritierende Sphäre des Geldes intellektuell anzueignen?

Hölderlins Begeisterung für die republikanischen Ideen, könnte man sagen. Moderne Demokratie und moderner Kapitalismus entwickelten sich miteinander als zwei Phänomene der bürgerlichen Gesellschaft. Aber es ist sehr fraglich, ob Hölderlin sich über diesen Zusammenhang Rechenschaft ablegte. Sein Republikanismus war – wie hätte es anders sein können? – in der Hauptsache eine Lesefrucht aus den griechischen und römischen Geschichtsschreibern.

Am Ende ist Michalziks Buch wohl doch mehr „Erzählung“ als „Biographie“, mehr Belletristik als Historie. Zum Abschluss des fiktiven Dialogs legt der Autor seinem Bankier eine etwas harsche Äußerung in den Mund. Sie mag durchaus das treffen, was der historische Jacob Gontard dachte, wenn seinen geschäftsfremden Gästen, nicht nur Hölderlin, gelegentlich ein Satz zum Thema „Geld“ entschlüpfte: „Fangen Sie nicht schon wieder vom Geld an, Hölderlin. Bleiben Sie bei den Griechen, bleiben Sie bei der Dichtung, bleiben Sie meinetwegen beim Geist. Aber sprechen Sie nicht von Dingen, von denen Sie nichts verstehen.“


Neu auf dem Büchermarkt:
Peter Michalzik: Der Dichter und der Banker. Friedrich Hölderlin, Susette und Jacob Gontard. Eine biografische Erzählung, Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2020, 188 S., ISBN 978-3-15-011261-8, 16,00 €

 

 

 

 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet