Berlin, den 29.03.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

26.02.2020 - KIRCHENGESCHICHTE

Keine Ruecksicht auf die oeffentliche Meinung, wenn es um die Wahrheit geht

Vor 150 Jahren tagte das I. Vatikanische Konzil

von Josef Tutsch

 
 

Papst Pius IX., Portrait von
George Peter Alexander Healy
Bild: Wikipedia

Der kroatische Bischof Joseph Georg Stroßmayer griff zu einem drastischen Vergleich: „Die römischen Kaiser wurden durch einen servilen Senat zum Gott erhoben. Heute macht sich jemand selbst zum Gott, und wir sollen es unterschreiben.“

Stroßmayers Rede auf dem Ersten Vatikanischen Konzil löste einen Sturm der Entrüstung aus. Von anderen Bischöfen, die für das Dogma von der päpstlichen Unfehlbarkeit, der „Infallibilität“, eintraten, wurde er als „Protestant“ beschimpft. Und natürlich wurde sein Gedanke von der anti-katholischen Publizistik der Zeit gern aufgegriffen. Radikale unter den Befürwortern des Dogmas wiederum versuchten, das Argument ins Positive zu wenden. Gott habe sich dreimal „inkarniert“, predigte allen Ernstes der Genfer Weihbischof Gaspard Mermillod: erstens in Jesus Christus, zweitens in Brot und Wein des Abendmahlsakraments, drittens in der Person des jeweils amtierenden Papstes.

Das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes – es ist das, was sich der Mitwelt und Nachwelt vom Ersten Vatikanischen Konzil 1870/71 eingeprägt hat. Die Erfurter Theologin Julia Knop und ihr Münsteraner Kollege Michael Seewald haben jetzt zum 150. Jubiläum einen Sammelband herausgebracht. Den Kritikern der katholischen Kirche brachte das Dogma willkommene Argumentationshilfe, weiten Teilen der Kirche selbst war es in den folgenden Jahrzehnten eine große Verlegenheit. Das Konzil hinterließ ein „schwieriges Erbe“, vermerkt Hans-Joachim Höhn von der Universität Köln. 1979 führte eine Grundsatzdebatte, die der Tübinger Theologe Hans Küng zur Unfehlbarkeit angestoßen hatte, dazu, dass ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen wurde.

Der eine oder andere Bischof damals scheint durchaus vorausgesehen zu haben, welche „Hypothek“ dieses Dogma bedeuten würde. Gegenstand des Konzils, schreibt der Kirchenhistoriker Klaus Schatz von der Philosophisch-Theologischen Hochschule St. Georgen, war nicht mehr und nicht weniger als die „Positionierung der Kirche in der Moderne“. Das letzte Ökumenische Konzil, das von Trient, lag mehr als drei Jahrhunderte zurück. Inzwischen sah sich die Kirche – jedenfalls die konservative Mehrheit ihres Episkopats – einer „kirchenfeindlichen“ Welt gegenüber.

Und die Antwort der großen Mehrheit des Konzils auf diese Bedrohung war ein trotziges „Jetzt erst recht“. Ein wichtiges Argument lautete, so berichtet Schatz, dass ein Verzicht auf das Unfehlbarkeitsdogma in der Weltöffentlichkeit als ein Zurückweichen vor dem „Protest der Kirchengegner“ verstanden würde. Wie die Diskussionen um den katholischen Glauben damals geführt wurden, erläutert Florian Baab von der Universität Münster an einer Sammlung von Vorträgen, die Theologe Franz Hettinger in Würzburg 1863 „für Studierende aus allen Fakultäten“ herausgebracht hatte. „Apologie des Christentums“ lautete der Titel. Denker wie Ludwig Feuerbach und Charles Darwin prägten damals die Debatte. Der Einsicht, schreibt Baab, dass er in einer Zeit des „religiösen Zweifels“ lebte, konnte sich Hettinger nicht entziehen.

Dabei mochte er auf die Tragfähigkeit theoretischer, also etwa naturwissenschaftlicher „Beweise“ für den Glauben nicht vertrauen. Zuversicht gab ihm etwas anderes: „Alles ist verschwunden, die Kirche steht. So oft wähnten ihre Feinde, sie vernichtet zu haben […] Aber wie neugeboren ist sie noch jedes Mal hervorgegangen aus dem Feuer der Verfolgung.“ „Geschichte bedeutet Bewahrheitung des Christentums, und Christentum bedeutet Wahrheit in der Geschichte“, fasst Baab diese Beweisführung zusammen. Statt der „sogenannten Wissenschaftlichkeit“, die in seinen Augen nicht aus dem Subjektivismus hinausführen konnte, propagierte Hettinger „die kirchliche Traditionsorientierung“ als den richtigen Weg.

Heute würde wohl „kaum ein Theologe mehr wagen, solch eine zirkuläre Logik explizit zu vertreten“, stellt Baab nüchtern fest. Aber Hettingers Buch macht vielleicht begreiflich, dass auf dem Konzil einige Jahre später eine Mehrheit der Bischöfe ebenfalls in einem historischen und historisch wandelbaren Moment, eben dem Papsttum, einen Zipfel des Absoluten festhalten zu können glaubte. „Die christliche Glaubenslehre ist einerseits geschichtlich bedingt“, umschreibt Michael Seewald das Problem, „sie stellt andererseits normativ verbindliche Ansprüche, deren Geltung über die historischen Kontexte ihrer Geltung hinausreichen.“

Sitzung des I. Vatikanischen Konzils 1870
Bild: Wikipedia 


Oder, aus der Sicht von Skeptikern formuliert, beansprucht jedenfalls, solche Ansprüche stellen zu können. Am 18. Juli 1870 verkündete das Konzil als Dogma, der Papst besitze „durch den ihm im seligen Petrus verheißenen göttlichen Beistand jene Unfehlbarkeit, mit welcher der göttliche Erlöser seine Kirche […] ausgestattet wissen wollte“. „Unfehlbarkeit“ - das ist als „unbedingte Verlässlichkeit“ zu verstehen, erläutert der Kölner Theologe Hans-Joachim Höhn. Das Gegenmodell waren die vielen „Irrtümer“ der modernen Welt, die Papst Pius IX. 1864 in seinem „Syllabus“ verurteilt hatte, etwa die Meinung, die verschiedenen Religionen seien im Grunde  miteinander gleichwertig.

Als es am Mittag des 18. Juli 1870 zur Schlussabstimmung kam, war es im rechten Querschiff der Peterskirche, in dem das Konzil tagte, stockdunkel. Ein heftiges Gewitter tobte über der Ewigen Stadt. Für viele Zeitgenossen ein willkommener Anlass zum Spott. Und in der Tat, dem dogmatischen Triumph des Papsttums folgte sein tiefster politischer Sturz. Nur einen Tag später, am 19. Juli, brach der Deutsch-Französische Krieg aus. Frankreich zog sein Militär aus Rom ab, im September 1870 besetzten Truppen des Königreichs Italien den Kirchenstaat. Es dauerte zwei Generationen, bis die Päpste in den Lateranverträgen ihre politische Entmachtung akzeptierten.

Mit dem Ende des Kirchenstaates, resümiert Seewald, gab es in Europa kein einziges Land mehr, das sich vorbehaltlos hinter die Staatslehre der katholischen Kirche gestellt hätte. Man kann fragen, ob sich das Papsttum, den Erwartungen der Konzilsmehrheit entgegen, durch das Unfehlbarkeitsdogma nicht Jahrzehnte lang die Chance verbaut hat, seine politische Ohnmacht durch moralische Autorität zu kompensieren. War dieses Dogma seinen Aufwand überhaupt wert? Nur ein einziges Mal seit 1870, nämlich 1950, als Papst Pius XII. das Dogma von der leiblichen Aufnahme der Gottesmutter Maria in den Himmel verkündete, sprach ein Römischer Bischof „ex cathedra“, also „in Ausübung seines höchsten Amtes als Hirte und Lehrer aller Christen kraft seiner höchsten Apostolischen Autorität“.

Die übrigen Stellungnahmen der Päpste, ob nun gegen den Atheismus oder zur katholischen Soziallehre, zum Frieden in der Welt oder zur christlichen Ökumene oder zur Frömmigkeitspraxis, betrafen zwar in aller Regel ebenfalls „den Glauben oder das sittliche Leben“, traten jedoch mit einem Anspruch unterhalb dieser Schwelle auf, so auch die berühmt-berüchtigte Enzyklika Pauls VI. zur Empfängnisverhütung.

Dennoch – jene Bischöfe, die 1870 warnten, dieses Dogma „würde die Vorurteile gegen die päpstliche Autorität nicht beheben, sondern vielmehr noch verstärken“, behielten offenkundig Recht. Die Gegenposition lautete, berichtet Höhn, die Kirche dürfe auf die „öffentliche Meinung“ keine Rücksicht nehmen, wenn es um die „Wahrheit“ gehe. Zu einer Kampfabstimmung kam es nicht. Die Gegner des Dogmas hatten bereits resigniert und Rom verlassen.

„Alt-Katholiken“ wurde der Name einer Minderheit in der katholischen Kirche vor allem in den deutschsprachigen Ländern, die das Dogma nicht akzeptieren wollte. „Wir halten fest an der alten Verfassung der Kirche“, erklärte der erste Kongress der Alt-Katholiken 1871 in München. Wie treffend das Stichwort „Verfassung“ war, konnten die Begründer dieser Kirche noch gar nicht ahnen. Über die Dogmatik hinaus gab das Konzil den Anstoß zur Schaffung des kirchlichen Gesetzbuchs, des „Codex Iuris Canonici“, der 1918 in Kraft trat. Im Einklang mit „Pastor Aeternus“ wurde der unumschränkte Jurisdiktionsprimat des Papstes festgeschrieben: „Der Bischof von Rom verfügt […] kraft seines Amtes in der Kirche über höchste, volle, unmittelbare und universale ordentliche Gewalt, die er immer frei ausüben kann.“

Das Konzil hatte es noch deutlicher ausgesprochen: „Der Römische Pontifex hat über den gesamten Erdkreis den Primat inne.“ Warnende Stimmen hatte es auf dem Konzil sehr wohl gegeben. Der politische Absolutismus habe in die Revolution geführt, sagten die Erzbischöfe von Prag und von Mainz, Friedrich zu Schwarzenberg und Wilhelm Emmanuel von Ketteler: „Sehen wir zu, dass wir nicht ähnliche Erfahrungen in der heiligen Kirche machen müssen.“ Die Herausgeber des Sammelbandes haben jedoch darauf verzichtet, einen Beitrag über den Spott aufzunehmen, der dem Unfehlbarkeitsdogma in den folgenden Jahren und Jahrzehnten aus der protestantischen und säkularen Welt entgegenschlug.

Der Papst am Steuerruder der Kirche,    
Gemälde in der Wallfahrtskirche von
Kevelaer, um 1900 - Bild: Wikipedia


Dagegen finden sich Beiträge aus der protestantischen, der orthodoxen und der alt-katholischen Kirche von heute. Im modernen Katholizismus hat Seewald drei sehr unterschiedliche Richtungen gefunden, die sich streiten, wie mit dem „Erbe“ des Ersten Vatikanischen Konzils umzugehen sei. Eine radikale Position vertrat der Schweizer Theologe August Bernhard Hasler, der den Beschlüssen des Konzils keinerlei Gültigkeit mehr zuerkennen wollte. Seine Schrift „Wie der Papst unfehlbar wurde“ erregte 1979 einen Skandal. Hasler klagte eine fehlende Freiheit der Beratungen auf dem Konzil an, Papst Pius IX. habe auf die Konzilsväter massiven Druck ausgeübt.

Und er zweifelte auch gleich am Geisteszustand des Papstes, der zu dieser Zeit mindestens altersstarrsinnig gewesen sei. Nach der Veröffentlichung soll es Versuche gegeben haben, Hasler aus dem Priesteramt zu entfernen, doch er starb bereits im folgenden Jahr. Zu einer größeren Bewegung wurden dagegen die „Traditionalisten“ um Erzbischof Marcel Lefebvre, die sich im Protest gegen die Reformen des Zweiten Vatikanums sammelten. In ihrer Perspektive, schreibt Seewald, besteht die „Bedrohungslage“ fort, die 1870 von den Konservativen in der Kirche wahrgenommen wurde, die Säkularität der Moderne wird weiterhin nicht als Chance aufgefasst.

Darin liegt, meint Seewald, etwas Paradoxes: Die Traditionalisten übernahmen zwar die „antimoderne“ Haltung des Ersten Vatikanums, aber – zumindest in ihrer Praxis – gerade nicht dessen Lehre vom päpstlichen Primat, die ja nun ein „aggiornamento“, eine Öffnung der Kirche hin zur modernen Welt, forderte. Die römische Kurie maßregelte einige Lefebvrianer zeitweise mit Suspendierungen und Exkommunikationen.

Repräsentativ für die katholische Kirche heute wird wohl die dritte Richtung sein: Das alte „Bedrohungsnarrativ“ gilt nicht mehr als aktuell, damit könnten auch die Antworten, die das Konzil darauf fand, „nicht ungebrochen in die Gegenwart hinein überführt werden“. So werde insbesondere die Entwicklung hin zum „monarchischen Primat“ des Papstes längst als „einseitig“ erkannt, vermerkt Seewald und verweist auf die Konstitution „Gaudium et Spes“ des Zweiten Vatikanums, 1965: „Selbst die Feindschaft ihrer Gegner und Verfolger, so gesteht die Kirche, war für sie sehr nützlich und wird es bleiben.“ Mit den „Gegnern und Verfolgern“ waren vermutlich auch jene Kräfte gemeint, gegen die das Konzil 1870 mit dem Unfehlbarkeitsdogma so entschieden – oder, wie Kritiker sagten: so anmaßend und überheblich – zu Felde zog.


Neu auf dem Büchermarkt:
Das Erste Vatikanische Konzil. Eine Zwischenbilanz 150 Jahre danach, herausgegeben von Julia Knop und Michael Seewald, Academic/Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2019, ISBN 978-3-534-27136-8, 334 S., 62,00 €


Mehr im Internet:
I. Vatikanisches Konzil - Wikipedia 
Das Erste Vatikanische Konzil, hg. von J. Knop und M. Seewald, Wissenschaftliche Buchgesellschaft 
scienzz artikel Kirche und Papsttum

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet