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06.03.2020 - PHILOSOPHIE

Materialismus und Soziologismus - und die Sehnsucht nach dem Bruch

Eine Philosophiegeschichte unserer Gegenwart

von Josef Tutsch

 
 

Karl Popper - Bild: Lucinda Douglas-
Menzies/flickr/Wikipedia

Die Philosophie sei „ihre Zeit, in Gedanken erfasst“, sagte einst Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Der „Zeitgeist“ als Stufe in der Entwicklung des Weltgeistes zu seiner Selbstverwirklichung: Hegels Zeitgenosse Goethe scheint da ein Stück weniger zuversichtlich gewesen zu sein. „Was ihr den Geist der Zeiten heißt“, ließ er seinen Faust sagen, „das ist im Grund der Herren eigner Geist, in dem die Zeiten sich bespiegeln.“

Darf man voraussetzen, dass es im „Geist“ einer Epoche, zum Beispiel in ihrer Philosophie, so etwas wie eine zeittypische Gemeinsamkeit der Denkrichtungen gibt? Dass das europäische Denken der Neuzeit vom Bemühen um „wissenschaftliche“ Erkenntnis geprägt ist, lässt sich wohl kaum bezweifeln. Und „das wissenschaftliche Weltbild“ unserer Gegenwart „ist materialistisch“, konstatiert der Frankfurter Soziologe Gerhard Preyer im 14. Band der „Geschichte der Philosophie“, die in den letzten Jahren im Verlag C. H. Beck herausgekommen ist. „Physik und Neurophysiologie haben ein Deutungsmonopol in der Erkenntnis der physischen und psychischen Welt.“

Dieser 14., abschließende Band befasst sich mit der „Philosophie der neuesten Zeit“, gemeint ist: etwa seit Mitte des 20. Jahrhunderts. Ursprünglich, berichtet der Frankfurter Philosoph Wilhelm K. Esser im Vorwort, war geplant, dass sein Kollege Wolfgang Röd von der Universität Innsbruck den Band verfassen sollte, der auch das Gesamtunternehmen als Herausgeber verantwortete. Bei Röds Tod 2014 lag jedoch weniger als die Hälfte des Textes vor. Die fehlenden Kapitel erarbeiteten Essler und drei weitere Autoren.

Es spricht vieles dafür, dass Preyers Aussage vom „materialistischen Weltbild“ unserer Gegenwart zu Recht besteht: Unverkennbar geben Disziplinen wie etwa die Neurophysiologie dem philosophischen Denken die Richtung vor – wie es im frühen und hohen Mittelalter die Theologie gab. Die Frage, ob und inwieweit die angebliche Freiheit des Willens in Wirklichkeit eine vom Gehirn erzeugte Selbsttäuschung sei, wurde in den letzten Jahren heiß diskutiert. Für „Naturalisten“ oder „Materialisten“ sind mentale Zustände grundsätzlich „neuronale Zustände“.

Ein „Reduktionismus“, gegen den sich jedoch unser Alltagsbewusstsein, wie Preyer gleich hinzufügt, hartnäckig zur Wehr setzt. „Wir halten unsere Gedanken, Gefühle, Wünsche und Absichten und Stimmungen für real und nicht für Fiktionen, nicht für eine Art von ideologischem Überbau oder für neurologische Nebenprodukte“. Wie der Begriff des Selbstbewusstseins zu denken ist, zeigt Preyers Überblick über die aktuellen Strömungen in der „Philosophie des Mentalen“, bleibt heute so offen wie eh und je.

Ein weiteres „Charakteristikum der Moderne“ ist „die Unterscheidung von Tatsachen und Werten“, schreiben Julian Nida-Rümelin und Christina Bratu von der Ludwig-Maximilians-Universität München in ihrem Artikel zur Praktischen Philosophie. In der Nachfolge von Max Weber wird der Begriff der Wissenschaft heute in der Regel auf Tatsachenurteile beschränkt. Dahinter steht das Ziel wissenschaftlicher „Objektivität“, nicht nur in den Naturwissenschaften.

Jürgen Habermas
Bild: Wolfram Huke/Wikipedia 


Oft wird der „Weberianismus“ noch weiter radikalisiert: Nicht nur Wissenschaftlichkeit im engeren Sinn, sondern Rationalität insgesamt soll es ausschließlich im Reich der Tatsachen geben. Damit allerdings, so Nida-Rümelin und Bratu, wird eine philosophische Ethik als normative Disziplin grundsätzlich suspekt. Spätestens seit der amerikanische Philosoph John Rawls 1971 seine „Theorie der Gerechtigkeit“ herausbrachte, scheint die Welle einer „subjektivistischen Ethik-Skepsis“ jedoch vorbei zu sein, stellen die beiden Autoren fest.  Vor allem Fragen der politischen Philosophie werden heute breit diskutiert. Als Reaktion auf Rawls „Liberalismus“, dem Kritiker „atomistische“ Tendenzen nachsagten, hat sich in den 1980er Jahren der „Kommunitarismus“ ausgebildet. Erst die Einbettung des Individuums in eine Gemeinschaft mache „Identität“ aus, betonte etwa Michael Sandel.

Solche Liberalismuskritik kann aber auch sehr problematische Folgerungen nach sich ziehen, zeigen Nida-Rümelin und Bratu am Beispiel am Beispiel von Alasdair MacIntyre. Im Anschluss an Aristoteles entwickelte MacIntyre die Theorie, die Aufklärung sei gescheitert, weil in der modernen Gesellschaft „eine gemeinschaftliche Praxis in Form einer weitgehend geteilten Religion oder Weltanschauung verloren gegangen“ sei.

Da gestatten sich die beiden Philosophiehistoriker eine polemische Erwiderung: „Erblickt man im Fehlen einer gemeinschaftsstiftenden Religion oder Weltanschauung ein grundlegendes Übel, dann erhebt sich allerdings die Frage, ob MacIntyre wirklich Theokratien den westlichen liberalen Demokratien vorziehen würde.“ Die angewandte Ethik würde also geradewegs in „Irrationalismus“ umschlagen. Hiergegen sollte philosophische Ethik als Projekt der Aufklärung doch verteidigt werden.

Mit einer anderen Gefährdung der Ethik befasste sich die Diskussion zwischen Hans-Georg Gadamer und Jürgen Habermas. Gadamer hatte im Anschluss an Martin Heidegger die „Hermeneutik“, also die Lehre der Auslegung von Texten, zu einer umfassenden Philosophie des Erschließens von Wirklichkeit ganz allgemein ausgebaut: „Sein, das verstanden werden kann, ist Sprache.“ In diesem Rahmen wollte er auch das „Vorurteil“ - verstanden in einem wertfreien Sinn als unvermeidliches „Vorwissen“ oder „Vorverständnis“ – rehabilitieren.

Dagegen betonte Habermas die Notwendigkeit der Ideologiekritik, der kritischen Reflexion, damit die Überlieferung nicht in Irrationalismus mündet. Tatsächlich ist die Skepsis gegenüber der Vernunft ein weiteres Leitmotiv in der Philosophie des 20. Jahrhundert. Sie findet sich in den verschiedensten Kontexten, so in Heideggers Versuchen einer „Kehre“ als Überwindung der rationalen Metaphysik. Oder in Max Horkheimers und Theodor W. Adornos „Dialektik der Aufklärung“, in der die Logik auf soziale und ökonomische Zwänge zurückgeführt wurde.

Da hätten die beiden Philosophen die „Natur der Logik“ wohl missverstanden, kommentiert Röd kühl – worauf Adorno und Horkheimer wohl erwidern würden, Röd habe ihre Ideologiekritik missverstanden. Bei Philosophen in der Nachfolge von Karl Marx waren es nicht die Naturwissenschaften wie die Neurobiologie, die der Philosophie die Fragestellung vorgaben, sondern die Ökonomie und die Gesellschaftswissenschaften. Röd spricht von „soziologistischen Strömungen“, in denen die Geschichte der Ideen rein als Widerspiegelung sozioökonomischer Entwicklungen betrachtet wird. Auch damit gerät jede Art von Metaphysik wie auch von Moral oder Religion unter Ideologieverdacht.

Als zeitweise einflussreichste Gedankenrichtung dieser Art nennt Röd die „Kritische Theorie“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Der strikten Trennung von Tatsachen und Werten, die Nida-Rümelin und Bratu als Charakteristikum der Moderne konstatieren, wird in der Kritischen Theorie vehement widersprochen: Für Horkheimers Denken, schreibt Röd, „ist der Versuch charakteristisch, das in einen Vorzug umzumünzen, was sonst als Mangel gilt, nämlich die Zulassung von Wertvoraussetzungen als Prämissen erklärender Theorie.“

„Mit Recht als Mangel gilt“, fügt Röd ein: Wertungen können vielleicht das Erkenntnisinteresse schärfen, aber ebenso gut den Blick für das Ganze trüben. Fragt man, welcher Philosoph das Denken auch außerhalb des akademischen Elfenbeinturms geprägt hat, wäre Karl Popper zu nennen: Intellektuell interessierte Politiker wie Helmut Schmidt haben ihn gern zitiert. Einflussreich, meint Röd, wurde am Kritischen Rationalismus vor allem die „antidogmatische“ Haltung, sie prägte das konservative, liberale und sozialdemokratische Denken unserer Zeit: „Popper hat betont, dass Theorien hypothetischen Charakter haben und diesen auch nicht verlieren, wenn sie allen bisherigen Falsifikationsversuchen standgehalten haben.“

Jacques Derrida, Portrait von Pablo   
Secca - Bild: pablosecca/Wikipedia 


Über einen abtrünnigen Popperschüler, den „erkenntnistheoretischen Anarchisten“ Paul Feyerabend, der in den 1970er Jahren groß Furore machte, fällt Röd ein hartes Urteil: „Die Art des Argumentierens von Feyerabend hat wenig bis nichts mit guter philosophischer Analyse zu tun, sondern ist im Stil eines mittelguten Wissenschaftsjournalismus verfasst.“

In der Tat, eine Lust daran, das „Establishment“ seines Fachs zu provozieren, ist in Feyerabends Büchern unverkennbar. Aber natürlich ist leicht vorstellbar, dass eine Philosophiegeschichte aus anderer Feder zu ganz anderen Urteilen kommen würde. „Der Philosophiehistoriker darf sich nicht darauf beschränken, Vergangenes zu beschreiben“, schreibt Röd in einem programmatischen Nachwort, „er hat die Aufgabe, „das Denken früherer Philosophen von seinem Standpunkt aus und mit seinen begrifflichen Mitteln zu rekonstruieren.“

Und dann eben auch von seinem Standpunkt aus zu beurteilen. Dabei liegt der Einwand, dass eine solche „Beurteilung“ mit dem in der modernen Wissenschaft herrschenden Trend zum Ausschluss von Werturteilen in Konflikt geraten wird, freilich nahe. Ein Problem, wie es sich zum Beispiel auch in der Politikwissenschaft zeigt: Spätestens wenn es um politische Bildung geht, erwarten wir nicht nur eine kühle Analyse von Mechanismen der Macht, sondern darüber hinaus eine normative Demokratietheorie.

Auch bei der neueren französischen Philosophie, Schlagwort „Poststrukturalismus“, macht Röd aus seinen Vorbehalten kein Hehl. Einer der wichtigsten Philosophen der letzten Jahrzehnte, Jacques Derrida, „will sich von allem bisherigen Philosophieren lossagen.“ „Der Kritik der Metaphysik als einem dem Logos verpflichteten Denken soll ein von der Vernunft unabhängiger Weg gebahnt werden, der hinter die Differenzierung von Vernunft und Wahnsinn zurückgeht.“

Röd fragt mit gutem Grund, ob ein solches Denken sprachlich überhaupt artikulierbar wäre. Und wollen wir uns wirklich von der Philosophie als einem vielleicht nicht nach dem Vorbild der Physik streng wissenschaftlichen, aber doch „rationalen“ Unternehmen verabschieden? Eine andere Form hat die Absage an das traditionelle Wissens- und Wissenschaftsideal, die Sehnsucht nach einem „Bruch“, bei Jean-François Lyotard angenommen. Lyotard radikalisierte den „Perspektivismus“, wie ihn etwa Friedrich Nietzsche vertrat, zu einer Theorie der Unübersetzbarkeit von Diskursen – und zog die Konsequenz, dass man sich „mit der Verschiedenheit der Betrachtungsweisen abfinden“ müsse. Aber vielleicht war das ja doch als Provokation gemeint, mehr Literatur als Philosophie. Schließlich kann man fragen, ob damit nicht ein rationaler Dialog verschiedener Standpunkte von vornherein für aussichtslos erklärt würde. Lyotard selbst, berichtet Röd, wollte in späteren Büchern seine „Heterogenitätsthese“ nicht in ihrer ganzen Radikalität aufrecht erhalten.

Doch unverkennbar ist das Unbefriedigtsein durch die „Moderne“ seit einigen Jahrzehnten so etwas wie „Zeitgeist“. Es prägte auch die Philosophie eines Michel Foucault. Sind Rationalität und Wissenschaftlichkeit bloß historisch gewordene und damit, wie zu vermuten wäre, vergängliche Formen des Denkens? Als Ideenhistoriker, schreibt Röd, wollte Foucault seine Gegenwart – einschließlich seiner eigenen Denkweise – von der Historisierung nicht ausnehmen. Vor allem die seit Kant leitende „anthropologische“ Betrachtungsweise in der Philosophie, konstatierte Foucault, verliere ihren Einfluss. Was an diese Stelle treten würde, konnte er allerdings nicht antizipieren.


Neu auf dem Büchermarkt:

Geschichte der Philosophie Band XIV: Die Philosophie der neuesten Zeit. Hermeneutik, Frankfurter Schule, Strukturalismus, Analytische Philosophie, herausgegeben von Wolfgang Röd und Wilhelm K. Essler, Verlag C. H. Beck, München 2019, ISBN 978-3-406-58756-6, 315 S., 34,00 €


Mehr im Internet:

Philosophiegeschichte - Wikipedia 
Geschichte der Philosophie Band XIV, C. H. Beck  
scienzz artikel Moderne Philosophie 

 

 

 

 

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