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08.04.2020 - THEATER

Wie leidest du so grosse Not um aller Menschen Suenden willen!

Die Tradition der Passions- und Osterspiele

von Josef Tutsch

 
 

Passionsspiel auf der Via Dolo-
rosa in Jerusalem, 2005 - Bild:
Daniel Maleck Lewy/Wikipedia

„Wen sucht ihr im Grab, ihr Anhängerinnen Christi?“, fragen die Engel. Und die Frauen antworten: „Jesus von Nazareth, den Gekreuzigten, ihr Himmelsboten.“ „Er ist nicht hier. Er ist auferstanden, wie er es vorausgesagt hat. Geht und verkündet, dass er aus dem Grab auferstanden ist.“

Mit diesem gesungenen Dialog wurde einem Manuskript aus St. Gallen zufolge im 10. Jahrhundert in den Klöstern die Osterliturgie gefeiert. Der Wortlaut hielt sich recht eng an den Bericht der Evangelien. In der Folge wurde der Dialog zwischen den Frauen und den Engeln dann nach und nach um weitere, zum Teil frei erfundene Episoden erweitert. Etwa durch das „Krämerspiel“, das den Kauf der Salben darstellte; das gab Anlass zu allerlei Spitzen gegen das Kaufmannswesen. Oder den „Apostellauf“: Petrus und Johannes liefern einander ein Wettrennen zum Grab, um festzustellen, ob es wirklich leer ist.

Und die Auferstehung wurde um ihre Vorgeschichte ergänzt, die mit der Zeit den Schwerpunkt der Spiele zur Karwoche und zu Ostern ausmachte, das Leiden und Sterben Jesu. Heute sind von diesem religiösen Theater vor allem noch die „Oberammergauer Passionsspiele“ erhalten geblieben: Einem Gelübde aus dem Jahr 1633 folgend, führen die Bewohner der oberbayerischen Gemeinde in einer viele Stunden dauernden Aufführung die letzten Tage im Leben Jesu nach, in der Regel alle zehn Jahre.

Am 16. Mai sollte es wieder soweit sein, zum 42. Male. Zu den etwa 100 Aufführungen wurden in der oberbayerischen Gemeinde eine halbe Million Zuschauer erwartet, bis Corona eine Verschiebung auf 2022 erzwang. Im Grunde ist Oberammergau für die Tradition der Passionsspiele recht untypisch. In den Städten des Mittelalters hatte es keiner besonderen Gelübde bedurft. Die Passions- und Osterspiele waren selbstverständliche Stationen im kirchlichen Festkalender. Davon waren die Spiele in Oberammergau, wie der Termin im Mai zeigt, von Anfang an abgelöst. Sie werden auch nicht von der Kirche ausgerichtet, sondern von der weltlichen, politischen Gemeinde.

Allein aus dem deutschen Sprachraum sind etwa zwei Dutzend mittelalterliche Passionsspiele überliefert, dazu ebenso viele Osterspiele. Es ist viel darüber spekuliert worden, ob ihre Entstehung vielleicht durch antike Vorbilder beeinflusst war, vermittelt etwa durch byzantinische Gelehrte. Aber die biblische Handlung gab einen ganz wesentlichen Unterschied zur griechischen Tragödie vor. Deren Helden hatten ihre Fehler, durch die sie ihr Unglück mit verschuldeten. Der Gottessohn Christus dagegen und seine Mutter Maria waren der Inbegriff von Unschuld und Reinheit.

Dennoch: Die antiken Tragödien und die mittelalterlichen Passionsspiele hatten gemeinsam, dass sie im Zuschauer ein Mitleiden hervorriefen. „Jesus Christus, mein Herr und Gott“, ruft im „Sterzinger Spiel“, das um 1500 gedichtet wurde, Veronika, jene fromme Frau, in deren Tuch Christus alter Legende zufolge auf dem Gang nach Golgatha sein „Haupt voll Blut und Wunden“ drückt, „wie leidest du so große Not um aller Menschen Sünden willen!“ Anders als in der griechischen Tragödie gab es im Mittelalter niemals eine strenge Trennung zwischen „tragischen“ und „komischen“ Stoffen. Zum Beispiel im „Benediktbeurer Passionsspiel“ aus dem 13. Jahrhundert nimmt die Handlung um die große „Sünderin“ Maria Magdalena fast ein Drittel des Textes ein.

Einige Verse aus diesem Spiel sind in die moderne Musik eingegangen. „Krämer, gib die Schminke mir, die meine Wangen röte, damit ich die jungen Männer mir gefügig machen kann“, singt Maria Magdalena. Carl Orff hat das Lied in seinen „Carmina Burana“ neu vertont. Ähnlich breiten Raum beansprucht im etwa gleichzeitigen „Innsbrucker Osterspiel“ das „Krämerspiel“. Der Einkauf der Salben für Jesu Leichnam wird sogar um eine Flirtszene zwischen der Krämersfrau und dem Gehilfen bereichert.

Passionsspiele Oberammergau 1900,
Fotografie von Joseph Albert
Bild: zeno/Wikipedia 


Oft wurden auch Zeitereignisse in die biblische Handlung integriert. So erinnerte das Redentiner Spiel im 15. Jahrhundert seine Zuschauer an eine erst kurz zurückliegende Pestepidemie – noch sei es Zeit zur Buße, aber eben höchste Zeit. Der Verfasser des Innsbrucker Osterspiels wollte gar in die Konkurrenz zwischen den Päpsten von Rom und Avignon eingreifen. Er schickte einen Teufel nach Avignon: Dort am päpstlichen Hof müssten doch eine Menge Seelen zu finden sein, mit denen man die nach Jesu Opfertod entleerte Hölle wieder auffüllen könne.

Eine sehr weltliche Spielfreude bemächtigte sich des frommen Stoffs.  Eine der sündigen, verdammten Seelen im Innsbrucker Spiel möchte sich klammheimlich in den Auszug der Erlösten aus der Hölle einreihen. Ein Teufel reißt sie zurück: „Nein, nein, du Bösewicht, du kommst mir von der Stelle nicht!“ Sicherlich trugen die komödiantischen Elemente mit dazu bei, dass die Spiele aus dem Kirchenraum auf den Vorplatz verlegt wurden. Die Kirchensprache Lateinisch wurde durch die Volkssprachen ersetzt.

Oft wurden dem Leben und Sterben Jesu Szenen aus dem Alten Testament gegenübergestellt, als „Präfigurationen“. Manchmal entwickelten die Städte sogar den Ehrgeiz, in ihren Passions- und Osterspielen die gesamte Heilsgeschichte, von der Schöpfung bis zum Letzten Gericht, unterzubringen. Aus Valenciennes ist belegt, dass im Jahr 1547 ein Spiel nicht weniger als 25 Tage lang dauerte und etwa 100 Rollen erforderte.

Von den Massenszenen, an denen selbstverständlich die gesamte Stadt beteiligt war, zu schweigen. Die gesamte Stadt – doch mit Ausschluss jener, die eben nicht dazu gehören sollten. Die romantische Begeisterung, mit der im 19. und frühen 20. Jahrhundert das mittelalterliche „Volkstheater“ wiederentdeckt wurde, könnte leicht über die sozialen Zwänge hinwegtäuschen, die damit verbunden waren. Zum Beispiel das Innsbrucker Spiel schließt mit dem Lied „Christ ist erstanden“. Da wurde zweifellos erwartet, dass das gesamte Publikum mit einstimmte. Die Juden einer Stadt hatten guten Grund, sich zu diesem Zeitpunkt nicht am Aufführungsort blicken zu lassen.

Die „special effects“ dieser Passionsspiele dürfen wir uns recht drastisch vorstellen. 1501 berechnete ein Handwerker in Mons in der Wallonie der Stadt Geld für die Herstellung von Kunstblut. 1257 wurde in Siena ein junger Mann entlohnt, weil er sich im Passionsspiel hatte „kreuzigen“ lassen. Offenbar ein unblutiger Vorgang, der nur gespielt wurde. Aber es sind tatsächlich aus dem Mittelalter Fälle belegt, dass Gläubige im Nachspielen der Passion Christi ernsthafte Verletzungen auf sich nahmen, die dann auch zum Tod führen konnten.

Im 16. Jahrhundert ging es in großen Teilen Europas mit den Passions- und Osterspielen zu Ende. Dabei hatte sich Martin Luther zu diesen Traditionen zunächst durchaus freundlich geäußert. „Ich würde es nicht ungern sehen“, schrieb er in einem Brief 1530, „dass Christi Taten in den Schulen, lateinisch oder deutsch, ordentlich und unverfälscht zusammengestellt, aufgeführt würden.“ Luthers Bedenken richteten sich bloß gegen die Einbeziehung von Episoden, die im Bibeltext nicht belegt waren – und gegen alles, was seinem Sinn für religiöse Ernsthaftigkeit zuwiderlief.

In der Folge jedoch setzte sich im Protestantismus eine rigoros ablehnende Haltung durch. „Komödienspiele“ „mit der Darstellung der Angst und Schmerzen Christi“ seien grundsätzlich zu unterlassen, beschloss 1598 eine Kirchenversammlung in Berlin. Im Gegenzug wurden die Spiele als massenwirksame Frömmigkeitsform im Katholizismus vehement gefördert, vor allem vom Jesuitenorden. Sie wurden nun auch in kleinen Orten neu etabliert, wo es sie im Mittelalter nicht gegeben hatten. So gelobten im Jahr 1633 die Einwohner von Oberammergau, sollte ihre Gemeinde die Pestepidemie überstehen, würden sie fortan regelmäßig ein großes Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi aufführen.

Lüftlmalerei in Oberammergau zu den        
Passionnspielen. links der Schwur von
1633 - Bild: Andreas Praefcke/Wikipedia   


Ausfallen mussten die Spiele bislang nur wenige Male. 1770 und dann wieder 1810 verbot sie, vom „Rationalismus“ der Aufklärung beflügelt, die bayerische Regierung: Das „größte Geheimnis unserer heiligen Religion“ gehöre nicht auf die Bühne. Eine antitheatralische Haltung, die von der katholischen Kirche weitgehend geteilt wurde. Durch die Passionsspiele werde das Volk „von Gebet und Andacht zu Vorwitz und Gelächter“ verführt, klagte das Ordinariat in Regensburg.

Von den etwa 160 Passionsspielen, die es in Altbayern in der Barockzeit gegeben hatte, überstand nur Oberammergau die Krise. Den Spielorten in Österreich erging es nicht besser. Lediglich Erl in Tirol kann auf alte Tradition zurückblicken. Sie geht bis auf das Jahr 1613 zurück und ist damit sogar noch älter als die in Oberammergau. Heute ist der bayerisch-österreichische Alpenraum wieder voll von Passionsspielen. Im 19. Jahrhundert belebte die Romantik das Interesse für die alte Volkskultur.

Unnötig zu sagen, dass auch der Nationalsozialismus das „Bauerntheater“ nur zu gern für seine Ideologie instrumentalisieren wollte. Der religiöse Antijudaismus, der in den Versen um Judas und die Schuld an Jesu Tod zum Ausdruck kam, ließ sich in eine Vorgeschichte des antisemitischen Rassismus umdeuten. Heute ist es vor allem der Tourismus, der in vielen kleinen Orten solche „Events“ fordert. Gerade in den letzten Jahrzehnten wurden viele Spiele neu etabliert, eine Reaktion auf die „Entzauberung“ unserer modernen Welt, darf man vermuten.

Von den gut 5.000 Einwohnern der Gemeinde Oberammergau nehmen jedes Mal etwa 2.000 aktiv teil, ob nun als Schauspieler auf der Bühne oder als Chorsänger oder Orchestermusiker oder Bühnenarbeiter. Damit alles so aussieht, wie wir uns die Welt der Bibel vorstellen, lassen sich die Männer bereits Monate zuvor Haupthaar und Bart wachsen. Zum Ärger von Traditionalisten hat sich Spielleiter Christian Stückl, der seit 1986 amtiert, manche Abweichung vom Bibeltext und von der Spieltradition erlaubt: Während Jesus den Evangelien zufolge am frühen Nachmittag stirbt, findet die Kreuzigung in Oberammergau in den Abendstunden statt. Die letzten Szenen werden also, theatralisch effektvoll, in nächtlicher Dunkelheit dargeboten, nur durch Fackeln erleuchtet.

Es kennzeichnet das Oberammergauer Theater, dass diese künstlerische Freiheit 2007 erst durch einen Volksentscheid ermöglicht wurde: Es handelt sich tatsächlich um „Volkstheater“. Internationale Dimensionen hat seit Jahrzehnten der Streit um den Text. 1977 wurde erwogen, zum Libretto des Benediktinerpaters Ferdinand Rosner zurückzukehren, einem barocken Mysterienspiel. Doch die Oberammergauer entschieden sich für die sogenannte Weis-Daisenbergersche Fassung aus dem 19. Jahrhundert, die ihnen lieb und teuer geworden war.

Immer wieder gab es Proteste wegen der antijüdischen Passagen in diesem Text. In vielen Details wurden inzwischen „Entschärfungen“ vorgenommen. Während im Matthäusevangelium berichtet wird, das „ganze Volk“ habe gerufen „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“, besagt eine Regieanweisung im Textbuch von 1984, dass nur „einige“ aus der Menge diesen Satz schreien.

So versucht sich jede Spielsaison von neuem an der Aufgabe, die Passion Christi in einer Weise nachzuspielen, die einerseits in den Bahnen der Tradition bleibt, andererseits aber auch die Erfordernisse der christlich-jüdischen Verständigung wahrt. Oft hängt es an den Details. So wunderte sich der deutsch-israelische Journalist Schalom Ben-Chorin bei seinem Besuch 1990 über die Hörner auf der Kopfbedeckung der jüdischen Hohenpriester. Mit der historischen Tracht hätten sie jedenfalls nichts zu tun, stellte Ben-Chorin fest. Aber er wusste auch, dass sie alter Spieltradition entsprachen. Ursprünglich sollten sie wohl den satanischen Charakter der Priester andeuten, da man sich den Teufel gehörnt vorstellte. Inzwischen sind die Hörner aus den Priesterkostümen verschwunden.


Mehr im Internet:

Passionsspiele Oberammergau - Wikipedia 
Passionsspiele Oberammergau 2020 
sicenzz artikel Rund um den Karfreitag 
scienzz artikel Rund um Ostern 

 

 

 

 

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