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12.03.2020 - IDEENGESCHICHTE

Der Mythos von den geborenen Kaufleuten

Geschichte des Antisemitismus - vor und nach dem Holocaust

von Josef Tutsch

 
 

Wilhelm Marr - Bild: Wikipedia

Es war während des „Frankfurter Häuserkampfs“ in den frühen 1970er Jahren. Im Stadtteil Westend blühte die Grundstücksspekulation. Unter den Kaufleuten, die daran verdienten, waren auch Mitglieder der jüdischen Gemeinde. Bei einer der Demonstrationen, erzählt der spätere Professor für Erziehungswissenschaften an der Goethe-Universität und Direktor des Fritz-Bauer-Instituts, Micha Brumlik, ging er neben einem Kommilitonen, der nach der Wiedervereinigung bei der Linkspartei Karriere machte. Der legte Brumlik gönnerisch den Arm um den Hals und sagte: „Ach, weißt du, Micha, du bist doch ganz anders als die anderen Juden.“

Brumlik hat sein neues Buch über die Geschichte des Antisemitismus vor und nach dem Holocaust mit einigen persönlichen Erinnerungen eingeleitet. Fälle von Alltags-Antisemitismus, die sich natürlich nicht mit dem nationalsozialistischen Massenmord in eine Reihe stellen lassen. Und dennoch … Ein anderes Erlebnis klingt deutlich an den religiös motivierten Antijudaismus früherer Jahrhunderte an. Bei der Abiturreise nach Rom 1967 war dem jungen Micha ein Hundert-Lire-Stück klirrend auf den Boden der Kirche Santa Maria Maggiore gefallen. Wahrscheinlich wollte der Griechischlehrer, der die Klasse begleitete,  bloß witzig sein, jedenfalls rief er: „Ha, Brumlik, wer hat die Wechsler aus dem Tempel gejagt, wer hat den Herrn ans Kreuz genagelt?“

Brumliks Eltern waren vor der nationalsozialistischen Verfolgung in die Schweiz geflohen, Verwandte der Mutter wurden in den Konzentrationslagern ermordet. Als fünfjähriges Kind, schreibt Brumlik, empfand er die Rückkehr nach Deutschland als „traumatisch“. Spätere Vorfälle wie zuletzt der Anschlag auf die Synagoge in Halle am Jom-Kippur-Fest im Oktober 2019  hätten ihn danach zwar „tief erschüttert, aber nicht überrascht“.

Es mag der Beschränkung des Bändchens auf „100 Seiten“ durch den Verlag geschuldet sein, dass Brumlik die Frage, was das eigentlich ist, „Antisemitismus“, auf gerade mal vier Seiten abzuhandeln versucht. Für die Neuzeit ist jedenfalls sicher, dass sich der Antisemitismus in Wechselwirkung mit einem allgemeineren „Rassismus“ entwickelte. Im Zuge der Expansion Europas über andere Kontinente seit dem Ausgang des Mittelalters lernten die Europäer erstmals in größerer Zahl Nicht-Europäer kennen. Deren mindere Bewertung gehörte zur moralischen Legitimation des Unternehmens.

Gab es Antisemitismus bereits in der Antike? Um 100 n. Chr. erklärte der römische Geschichtsschreiber Tacitus die Juden für religiös abergläubisch, politisch illoyal und sozial eigenbrötlerisch. Ihre kultischen Regeln standen einem gemeinsamen Leben im Wege, der jüdische Monotheismus wurde in der polytheistischen Religionswelt der Antike als höchst absonderlich wahrgenommen.

Brumlik bezweifelt jedoch, dass von einer „systematisch verbreiteten Judenfeindschaft“ in der heidnischen Antike die Rede sein kann. Selbst die Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 n. Chr. sei „eher die Niederschlagung eines Aufstandes in einer gefährdeten Provinz“ gewesen „denn ein religionsfeindlicher Akt“. Der Feldzug des syrischen Königs Antiochos IV. Epiphanes gegen Jerusalem 167 v. Chr. könnte eine Ausnahme sein: Bei der Entweihung des Tempels, meint Brumlik, sei es „wirklich um eine Maßnahme gegen die jüdische Religion“ gegangen.

Sicher ist diese Interpretation jedoch keineswegs. Ziel des Königs wird eine kulturelle, damit auch politische Vereinheitlichung seines Reiches gewesen sein. Mit seiner grundsätzlichen Feststellung hat Brumlik sicherlich Recht: „Die systematische Judenfeindschaft begann erst mit der Verbreitung der christlichen Religion.“ „Im christlichen Antijudaismus stand ‚jüdisch‘ für eine Glaubenshaltung, die vor allem durch ihre ‚Gesetzlichkeit‘ sowie ihre Ablehnung der durch den Messias Jesus erfahrenen Gnade bestimmt war.“ In den frühesten Evangelien wurde der Begriff „Juden“ noch mehr oder minder neutral verwandt.

Noël Hallé: Antiochos stürzt von seinem
Streitwagen, um 1760 - Bild: Wikipedia


Doch es war die darin überlieferte Passionsgeschichte, die die Juden zu „Gottesmördern“ erklärte, schreibt Brumlik. Bereits im 1. Thessalonicherbrief, geschrieben um 50 n. Chr., heißt es pauschal „Die Juden haben unseren Herrn Jesus getötet.“ Nachdem das Christentum im Römischen Reich zur Staatsreligion geworden war, berichtet Brumlik, führte der Antijudaismus zwar zu einer gesellschaftlich minderen Stellung der Juden, zunächst jedoch nicht zu pogromartigen Verfolgungen. Manchmal konnten Juden im Handel wie an den Höfen wichtige Stellungen einnehmen – sowohl im christlichen Mittelalter wie auch in der islamischen Welt.

Dass es dann vom 11. Jahrhundert an tatsächlich zu antijüdischen Pogromen kam, bringt Brumlik nicht nur mit den Kreuzzügen in Verbindung, die es den ärmeren Bevölkerungsschichten nahelegten, parallel zur Rückeroberung des Heiligen Landes von den Muslimen durch die Ritter die angeblichen Feinde Christi in der eigenen Heimat zu bekämpfen. Die aufblühenden Städte verstanden sich als „christliche Körperschaften“ auf der Basis von Zünften, die ebenfalls ausschließlich christlich sein sollten. Die jüdischen Gemeinden galten als Fremdkörper, ihre Angehörigen, schreibt Brumlik, waren „Bürger zweiter Klasse“.

Strenger müsste man sagen: Die Juden waren gar nicht als Bürger anerkannt. Geschützt wurden sie lediglich durch die Herrscher, die sich ihren Schutz reichlich entgelten ließen. Für Jahrhunderte gerieten die Juden „in direkte Abhängigkeit von den Herrscherhäusern“. Der Geldbedarf der Höfe und der florierende Fernhandel drängte sie mehr und mehr in einen Geschäftszweig, der Juden wie Christen „eigentlich untersagt“ war: das Geldverleihen gegen Zins. Der Ärger über Schulden und Zinsen wurde auf die Juden projiziert und entlud sich in zahllosen Pogromen.

Neuesten Forschungen zufolge – Brumlik beruft sich auf die amerikanische Judaistin Talya Fishman – spielte auch eine theologische Änderung im Judentum selbst eine Rolle. Bis ins hohe Mittelalter wurde im westeuropäischen Judentum nicht die hebräische Bibel, sondern die griechische Übersetzung aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., die Septuaginta, als Heilige Schrift benutzt. Erst im 13. Jahrhundert, meint Fishman, sei in Westeuropa der hebräische Bibeltext und zusätzlich der Talmud bekannt geworden. Für die Kirche eine Provokation: Da die Juden neben dem Alten Testament, das ja auch im Christentum als heilig galt, nun eine zweite Schrift als autoritativ anerkannten, waren sie nicht mehr „verblendete ältere Brüder“, sondern Ketzer.

Ein wichtiges Bindeglied zwischen dem mittelalterlichen Antijudaismus und dem modernen, rassistischen Antisemitismus hat Brumlik im Spanien des 15. und 16. Jahrhunderts gefunden, in der Ideologie von der „Reinheit des Blutes“, genauer: des christlichen Blutes. Brutal gezwungen oder unter dem Druck der sozialen Verhältnisse fanden sich viele Juden wie auch Mauren zur Konversion bereit. Anscheinend waren die Inquisitoren dann ehrlich verwundert, wenn jüdische Traditionen dennoch fortlebten. Das wird den Gedanken gefördert haben, im Zweifel sei die Abstammung doch mächtiger als das individuelle Bekenntnis.

Ansätze zu rassistischem Denken stellt Brumlik auch bei Martin Luther fest. Frustriert von der Erfolglosigkeit seiner Bemühungen, die Juden für die Reformation zu gewinne, verstieg sich Luther zu der Aussage, es gebe unter der Sonne „kein blutdürstigeres und rachgieriges Volk“ als die Juden. In Luthers Judenfeindschaft, schreibt Brumlik, verbanden sich theologische Motive mit politischen und ökonomischen. Im 20. Jahrhundert fiel es den Nazis leicht, Luther als „Antisemiten“ auszuwerten. Seit dem späten 19. Jahrhundert an war „Judentum“ nicht mehr „ein durch Gesinnungswechsel veränderbarer religiöser Glaube“, sondern eine „vermeintlich objektive, schädliche biologische Tatsache“, eine „Rasse“.

Dabei war der Antisemitismus, wie Brumlik betont, zunächst nicht unbedingt auf der politischen Rechten angesiedelt. „Ein Volk von geborenen Kaufleuten unter uns, die Juden“, zitiert der Autor den Journalisten Wilhelm Marr, der sich als Anarchist verstand, „hat eine Aristokratie, die des Geldes geschaffen, welche alles zermalmt von oben her.“ „Geborene Kaufleute“ - die angeblich jüdische Anhänglichkeit an das Geld wurde als vererbbare Eigenschaft aufgefasst.

Ähnlich auch Richard Wagner: Der Jude werde „solange herrschen, als das Geld die Macht bleibt, vor der all unser Tun und Treiben seine Kraft verliert.“ Nicht rassentheoretisch, sondern historisch argumentierte dagegen Karl Marx: „Wir erkennen im Judentum ein allgemeines antisoziales Element“, „die Judenemanzipation in ihrer letzten Bedeutung ist die Emanzipation der Menschheit vom Judentum“.

Martin Luther, Von den Jüden
und ihren Lügen, 1543
Bild: Wikipedia 


Wobei Marx mit „Judentum“, interpretiert Brumlik, nichts anderes als „Eigennutz“ meinte, in Übereinstimmung  mit Ludwig Feuerbach, der geschrieben hatte, der „Gott“ der Juden sei „das praktischste Prinzip der Welt, der Egoismus“. Weniger bekannt ist heutzutage die Position eines anderen „Linkshegelianers“, Bruno Bauer: Der Fortschritt der Geschichte setze „ein Ende des Judentums durch die freiwillige Aufgabe jüdischer Identität voraus“.

Für die Gegenwart analysiert Brumlik mindestens drei Varianten von Antisemitismus. Neben dem der Neonazis, die den Holocaust entweder rechtfertigen oder verharmlosen, gebe es einen Antisemitismus der „neuen bürgerlichen deutschen Mitte“, der die Auseinandersetzung mit der deutschen Schuld „als übertrieben, aufgebürdet und an sein Ende gekommen ansieht. Und einen „linken“ Antisemitismus, der von seinem Selbstverständnis her eigentlich ein Antikapitalismus sein will.

Womit wir wieder beim Frankfurter „Häuserkampf“ wären. Brumlik hat darauf verzichtet, darauf näher einzugehen, eine Konsequenz der Knappheit, zu der das Prinzip der 100 Seiten bei dieser Buchreihe zwingt. 1975 ließ Rainer Werner Fassbinder in seinem Stück „Der Müll, die Stadt und der Tod“ einen „reichen Juden“ das Schuldgefühl seiner Umwelt instrumentalisieren: „Ich kaufe alte Häuser in dieser Stadt, reiße sie ab, baue neue, die verkaufe ich gut. Die Stadt schützt mich, dass muss sie. Zudem bin ich Jude.“

Ist es antisemitisch, wenn ein Angehöriger der jüdischen Gemeinde als Spekulant gezeichnet wird? Man darf unterstellen, dass der allgemein menschliche, vielleicht allzu menschliche Eigennutz unter Juden nicht mehr und nicht weniger verbreitet ist als in anderen Gruppen der Bevölkerung auch. Neben dem Antikapitalismus scheint ebenso der „Antiimperialismus“ einer Verbindung mit antisemitischen Motiven zugänglich – und natürlich der „Antizionismus“. Brumlik zitiert eine Studie des Bundesinnenministerium 2007: Unter Muslimen in Deutschland würde der Satz „Menschen jüdischen Glaubens sind überheblich und geldgierig“ mehr als doppelt soviel Zustimmung finden wie bei nicht-muslimischen Migranten und fast dreimal soviel wie unter Deutschen ohne „Migrationshintergrund“.

Andererseits wird gefragt, ob nicht heute an die Stelle des Antisemitismus mindestens partiell die „Islamophobie“ getreten sei. Tatsächlich hat Brumlik einige Übereinstimmungen gefunden. So wurde die „Überschwemmung“, die heutzutage populistische Parteien angesichts der Zuwanderung aus islamischen Ländern an die Wand malen, ähnlich in den 1880er Jahren beschworen, damals gegen das Judentum, genauer: gegen das osteuropäische Judentum, von dem damals viele Vertreter Richtung Mittel- und Westeuropa drängten. Und auch die Vermischung von religiösen mit ethnischen Momenten bildet eine Konstante. Die grundlegende Frage, wo die Grenze liegt zwischen legitimer Religionskritik einerseits, illegitimer Feindschaft gegen Islam oder Judentum andererseits hat der Verfasser allerdings ausgeklammert.


Neu auf dem Büchermarkt:

Micha Brumlik: Antisemitismus. 100 Seiten, Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2020, ISBN 978-3-15-020533-4, 102 S., 10,00 €


Mehr im Internet:

Antisemitismus - Wikipedia 
Micha Brumlik: Antisemitismus, Philipp Reclam jun. Verlag 
scienzz artikel Rassismus 

 

 

 

 

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