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24.03.2020 - THEOLOGIEGESCHICHTE

Die Wundertaten des Jesuskindes und die Rueckkehr der Seele in ihre Heimat

Die apokryphen Evangelien im fruehen Christentum

von Josef Tutsch

 
 

Beginn des Thomasevangeliums aus
Nag Hammadi - Bild: Wikipedia

Jesus habe Maria Magdalena mehr geliebt als seine übrigen Jünger, heißt es in einer frühchristlichen Schrift, die 1945 von Bauern bei dem ägyptischen Dorf Nag Hammadi gefunden wurde, „er küsste sie oftmals“. Leider ist der Papyrus am Ende dieses Satzes beschädigt. Die ersten Herausgeber dieses sogenannten „Philippusevangeliums“ haben wie selbstverständlich ergänzt „auf ihren Mund“ und damit eine Welle von Spekulationen losgetreten: Gab es eine Liebesbeziehung zwischen Jesus und Maria Magdalena?

2012 erfuhr die staunende Weltöffentlichkeit sogar von einem bislang unbekannten „Evangelien“-fragment, in dem Jesus ausdrücklich von seiner „Frau“ sprach. Aller Wahrscheinlichkeit nach handelt es sich um eine moderne Fälschung: Irgendein Scherzbold hat sich ein altes Papyrusstück besorgt und darauf ein paar Zeilen in koptischer Sprache niedergelegt. Im Grunde, stellte der Münchner Neutestamentler Hans-Josef Klauck vor einigen Jahren achselzuckend fest, sei die Produktion von apokryphen Texten zu Leben und Lehre Jesu „seit den Tagen der alten Kirche nie ganz zum Erliegen gekommen“.

Apokryph – das griechische Wort heißt zunächst soviel wie „verborgen“ oder „dunkel“. Populärwissenschaftliche Abhandlungen über die „apokryphen Evangelien“ der ersten Jahrhunderte nach Christi Geburt gehören zu den „Rennern“ auf dem Büchermarkt von heute: Viele Leser suchen nach der Enthüllung von „Geheimnissen“, wie sie der kanonische Bibeltext nicht zu bieten vermag. Darum geht es in dem neuen Buch des Neutestamentlers Jens Schröter von der Berliner Humboldt-Universität nun nicht. Schröter bietet stattdessen eine grundsolide Einführung in dieses Kapitel frühchristlicher Literaturgeschichte.

Genauer: in ein Teilkapitel. Neben den Evangelien finden sich in den Apokryphen zum Neuen Testament noch Apostelgeschichten und Apostelbriefe sowie mehrere „Apokalypsen“, also Offenbarungen über die wunderbare Verwandlung der Welt, die erwartet wurde. Schröter beschränkt sich auf die Evangelien. Von den zwei Dutzend Texten, die in dem Bändchen besprochen werden, waren bis zum späten 19. Jahrhundert nur wenige bekannt. Von vielen anderen kannte man zuvor bloß Zitate aus den Kirchenvätern – polemische Zitate, weil die theologischen Positionen, die in den apokryphen Evangelien vertreten waren, bekämpft und unterdrückt werden sollten.

Den größten Teil der inzwischen hinzugekommenen Texte verdanken wir zufälligen Funden in der ägyptischen Wüste. 1898 wurden in der Stadt Oxyrhynchus Papyri mit „Worten Jesu“ entdeckt, 1945 in Nag Hammadi dreizehn Papyrus-Codices mit ganzen „Evangelien“. Wie vieles an diesen Texten, die zumeist in griechischer oder koptischer Sprache abgefasst sind, bis heute ungeklärt ist und vielleicht auf Dauer ungeklärt bleiben muss, zeigt eine Passage in der Zeittafel, die dem Band beigegeben ist: „100 bis 300 n. Chr. – Entstehung der apokryphen Evangelien (genauere Datierungen sind in der Regel nicht möglich).“

In  einem Fall müsste es sogar heißen „bis 700 n. Chr.“: Das lateinische „Pseudo-Matthäusevangelium“ entstand erst um die Mitte des 7. Jahrhunderts. Bekannt ist es heute vor allem, weil darin erstmals von Ochs und Esel an der Krippe in Bethlehem erzählt wird. In der bildenden Kunst gehörten die beiden Tiere bereits seit dem 4. Jahrhundert zur Weihnachtsgeschichte dazu. Von modernen Jesusromanen, die eben auch oder in erster Linie Belletristik sein wollen – Beispiele: Nikos Kazantzakis oder Norman Mailer – unterscheiden sich diese Evangelien durch ihren Anspruch auf religiöse „Wahrheit“.

Das schließt natürlich nicht aus, dass einer naiven Erzählfreude freier Lauf gelassen wird. Zum Beispiel im „Kindheitsevangelium des Thomas“, das von allerlei Wundertaten des Knaben Jesus erzählt. Kleine Kostprobe: Jesus spielt mit anderen Kindern in einer Lehmgrube und formt Figürchen, die Sperlinge darstellen. Als ein „alter Jude“ die Kinder ausschimpft, weil solche Tätigkeiten am Sabbat verboten seien, lässt Jesus die Vögel davon fliegen. In einer anderen Episode lässt Jesus einen Spielkameraden, über den er sich geärgert hat, tot umfallen.

"Vogelwunder" nach dem Kind-
heitsevangelium des Thomas,
aus dem Kloster-Neuburger
Evangelienwerk, um 1340
(Stadtbibl. Schaffhausen)
Bild: Wikipedia


Wenige Generationen nach Jesu Tod bestand bereits das Bedürfnis, sich die Offenbarung der göttlichen Allmacht im Erlöser reichlich handfest vorzustellen. Ebenso lebendig war das Bedürfnis, über Jesu Geburt und Familie mehr erfahren zu wollen, als die kanonischen Evangelien boten. Das sogenannte „Protevangelium des Jakobus“ erzählt in aller Ausführlichkeit vom Leben der Gottesmutter Maria. Über Nacherzählungen, zum Beispiel in der „Legenda aurea“ des Jacobus de Voragine im 13. Jahrhundert, prägte es die Kunstgeschichte wie wenige andere Texte außerhalb des Bibelkanons – bis die gesamte apokryphe Literatur durch Reformation und Gegenreformation in Verruf geriet.

An dem einen oder anderen Evangelientext wird deutlich, dass er seinen Ursprung in den theologischen Auseinandersetzungen der Zeit hatte. So demonstriert das sogenannte „Protevangelium des Jakobus“ mit einer drastischen Erzählung die Jungfräulichkeit Mariens auch nach Jesu Geburt: Die Hebamme Salome äußert ihre Zweifel und überprüft den Sachverhalt. Zur Strafe droht ihr die Hand abzufallen.

Wenn man unter „Evangelium“, wie es die vier Evangelien im Neuen Testament ja nahelegen, eine fortlaufende Erzählung vom Leben und Sterben Jesu versteht, dürfte man streng genommen eigentlich keinen der apokrypen Texte so nennen. Offenbar setzten die Verfasser durchweg die Kenntnis der später als „kanonisch“ anerkannten Evangelien voraus und wollten sie bloß in dieser oder jener Hinsicht ergänzen oder auch korrigieren. Eine Stelle beim Kirchenvater Irenäus von Lyon, geschrieben um das Jahr 180, zeigt, dass zumindest in Teilen der Kirche die Evangelien nach Markus, Matthäus, Lukas und Johannes bereits zu diesem Zeitpunkt als „inspiriert“ galten – und alle konkurrierenden Texte als irgendwie verdächtig.

Andererseits kamen die Darstellungen der vier kanonischen Evangelien vielen Lesern als unvollständig vor, wie bei der Geburt so auch beim Sterben Jesu. Die „Pilatusakten“ ergänzten die Passionsgeschichte durch die Erzählung vom Schweißtuch der Veronika. Das „Nikodemusevangelium“ erzählte vom Abstieg Christi in die Unterwelt, um die Gerechten seit Adam dort zu erlösen.

Bei vielen dieser „apokryphen Evangelien“ handelt es sich jedoch gar nicht um Erzählungen, sondern eher um Predigtgespräche oder Sprüchesammlungen. Oft stehen Textstücke unvermittelt nebeneinander, die auf sehr unterschiedliche Theologien verweisen. So finden sich im „Thomasevangelium“, das 1945 in Nag Hammadi entdeckt wurde (nicht zu verwechseln mit dem „Kindheitsevangelium des Thomas“) sowohl Stellen, die auch in den kanonischen Evangelien stehen könnten, als auch andere, die eine radikale Askese predigen. „Werdet Vorübergehende!“ heißt es an einer Stelle.

Deutlicher noch als „Thomas“ verweist das „Philippusevangelium“, erläutert Schröter, auf jene Strömung in der spätantiken Religionswelt, die als „Gnosis“ bekannt ist, mit dem Mythos von den bösen „Archonten“, die eine Befreiung des Menschen von der irdischen Welt verhindern wollten. Erst wenn der Mensch sich „vom Fleisch entkleide“, heißt es dort, könne er zum Ort der Ruhe gelangen.

Dieser gnostische Mythos steht bei einer ganzen Reihe der apokryphen Evangelien im Hintergrund. Er wird der Hauptgrund gewesen sein, dass diese Texte von der Mehrheitskirche als häretisch verworfen wurden. In kleinen Kreisen von „Heilsvirtuosen“, wie der Soziologe Max Weber es ausgedrückt hat, konnten radikal asketische Gedanken faszinieren, bei der Etablierung der christlichen Kirche in breiteren Bevölkerungsschichten waren sie hinderlich.

Wie die Debatten um die „richtige“ Lehre in den christlichen Gemeinden im späten 2. Jahrhundert abgelaufen sein wird, zeigt Schröter an einem Brief des Bischof Serapion von Antiochia. Bei einem Besuch der Gemeinde in Rhossos hatte er ein „Petrusevangelium“ kennen gelernt. Beunruhigt stellte er fest, einige Gemeindemitglieder würden die „doketische“ Irrlehre vertreten, also Jesu menschlich Natur anzweifeln, und verbot die Lektüre dieser Schrift.

Im Winter 1896/97 wurde dieses Petrusevangelium tatsächlich auf einem Gräberfeld in der Nähe des Ortes Akhmim in Oberägypten gefunden. Abgesehen vom Doketismus, den Serapion beklagte, schreibt Schröter, ist vor allem bemerkenswert, dass den Juden darin noch stärker als in den kanonischen Evangelien die Schuld an Jesu Kreuzigung aufgebürdet wird. Der Text entstand offenbar in einer Situation, da sich die Spannungen zwischen den beiden Religionen verschärften.

"Höllenfahrt Christi" nach dem Ni-   
kodemusevangelium, aus dem
Albanipsalter, 12. Jahrhundert
(Dombibliothek Hildesheim)
Bild: Wikipedia 


Bis heute stehen die apokryphen Evangelien, allen voran das des Thomas, im Ruf, sie könnten ein ganz anderes, historisch womöglich verlässlicheres Jesusbild bieten als die kanonischen. Auf die Verwertung der Apokryphen in der Populärkultur, etwa im Rom „Der Da Vinci Code“ von Dan Brown, geht Schröter gar nicht erst ein. Aber auch in der seriösen Forschung gab man sich gelegentlich der Illusion hin, in den Apokryphen „angeblich alte, von den neutestamentlichen Evangelien unabhängige Jesusüberlieferungen“ zu finden. Den historischen Befund über Jesu Wirken und Geschick haben die neu entdeckten Schriften aus der ägyptischen Wüste, wie Schröter den Forschungsstand bündig zusammenfasst, jedoch „kaum verändert“.

Dagegen ermöglichen sie einen lebendigen Einblick in die innerchristlichen Auseinandersetzungen der ersten Jahrhunderte. Zum Beispiel, was die bis heute viel umrätselte Frage angeht, warum eigentlich der Jünger Judas seinen Meister „verriet“. Als 1976 bei al-Minya in Mittelägypten das koptische „Judasevangelium“ zu Tage kam, witterte die Weltöffentlichkeit eine Sensation. Bislang war es nur aus einer Notiz bei Irenäus bekannt, der von einem „Machwerk“ schrieb. Darin werde gelehrt, berichtete der Bischof von Lyon mit unüberhörbarem Abscheu, dass Judas „das Mysterium der Auslieferung vollbracht“ habe. „Durch ihn [Judas] wurden alle irdischen und himmlischen Dinge aufgelöst.“

Leider ist die Deutung des Judasevangeliums bis heute hoch umstritten. Der erste Herausgeber, der Koptologe Rodolphe Kasser, wollte 1961 daraus lesen, Jesus selbst habe Judas beauftragt, ihn um des Heils willen zu verraten. Als der einzige „Erleuchtete“ unter den Jüngern gehe Judas gemeinsam mit dem Heiland in die göttliche Welt ein. Andere Exegeten meinen ganz im Gegenteil, Judas werde als ein Dämon gezeichnet. Kassers Interpretation beruhe auf Übersetzungsfehlern. Die Interpretation des Judasevangeliums bleibt, wie so vieles in den apokryphen Evangelien, vorläufig eine offene Forschungsfrage.


Neu auf dem Büchermarkt:

Jens Schröter: Die apokryphen Evangelien. Jesusüberlieferungen außerhalb der Bibel, Verlag C. H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-75018-2, 128 S. mit 6 Abb. u. 1 Karte, 9,95 €


Neu auf dem Büchermarkt:

Apokryphen - Wikipedia
Jens Schröter: Die apokryphen Evangelien, Verlag C. H. Beck
scienzz artikel Frühes Christentum

 

 

 

 

 

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