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kultur

29.03.2020 -KULTURGESCHICHTE

Wenn der Po zur Kusszone wird

Aus der Kulturgeschichte des Toilettenpapiers

von Josef Tutsch

 
 

Toilettenpapier mit Geldaufdruck
Bild: Eskaa/Wikipedia

Die Älteren unter uns werden sich noch erinnern: Zu Zeiten der deutschen Teilung war Toilettenpapier ein beliebtes Mitbringsel, sowohl wenn Westdeutsche ihre Angehörigen in der DDR besuchten, als auch wenn Bürger der DDR von einem ihrer raren Besuche im Westen zurückkehrten. In der Bundesrepublik hatte das weiche, hautfreundliche, saugfähige Tissue-Papier, das Ende der 1950er Jahre aufgekommen war, eine stille, wenn man so will: sanfte Kulturrevolution ausgelöst. In der DDR musste sich die Bevölkerung dagegen weiter mit dem harten Krepppapier behelfen. Es gab den Anlass für zahllose politische Witze ab, Beispiel: „Warum ist das Klopapier in der DDR so rauh?“ „Damit auch der letzte Arsch rot wird.“

Wer hätte das gedacht, dass Klopapier in der Gegenwart wieder zur Mangelware werden könnte? Psychologen reflektieren über die Frage, warum ausgerechnet bei diesem Artikel gehamstert und gehortet wird. Und natürlich melden sich auch Kulturkritiker zu Wort und fragen mahnend, ob die Erfindung des Toilettenpapiers unser Leben wirklich glücklicher gemacht und mit mehr Sinn erfüllt hat. Richtig ist jedenfalls, dass der massenhafte Papierverbrauch ein Umweltproblem nach sich gezogen hat. Und zwangsläufig ist diese Methode, sich den Hintern abzuwischen, keineswegs. In vielen alten Kulturen wurde ganz einfach die Hand genommen.

Irgendwann bildete sich dann eine strenge Arbeitsteilung zwischen der rechten und der linken Hand heraus:  Die linke diente der Hygiene, die rechte der Nahrungsaufnahme – schließlich wurde das Essen oft aus einer gemeinsamen Schüssel genommen. Da saß man wohl nicht gern zusammen mit Linkshändern zu Tisch, die im Verdacht standen, es mit der Arbeitsteilung zwischen ihren Händen nicht so genau zu nehmen. Erst recht nicht mit Menschen, denen die rechte Hand amputiert worden war – früher eine verbreitete Strafe bei Raub oder Diebstahl. Wahrscheinlich liegt hier auch ein Ursprung der Sitte, anderen zur Begrüßung die „gute“ oder „schöne“ Hand zu geben – nicht die andere, die wir womöglich kurz zuvor auf dem Abort benutzt haben.

Aus Funden in einem alten Salzbergwerk bei Hallstatt schließen Archäologen, dass bereits in der Bronzezeit statt der bloßen Hand auch Blätter der Pestwurze genommen wurden. Ein Brauch, der sich bis in die jüngste Vergangenheit gehalten hat: In Bayern wird diese Pflanze volkstümlich „Arschwurze“ genannt. Daneben kamen natürlich auch sonstige Pflanzenblätter in Frage, ebenso Moos oder Heu.

Und allerlei Materialien, die zuvor einem anderen Zweck gedient hatten, aber nun allzu unansehnlich geworden waren, zum Beispiel Lumpen aus abgetragener Kleidung und Schwämme. Um sie mehrfach verwenden zu können, wurden sie zur Desinfektion in Essig getaucht. In der Hansestadt Tartu in Estland konnten Archäologen Latrinen aus dem späten Mittelalter untersucht. Ergebnis: Wohlhabende Bürger nahmen feine und weiche Wollstoffe, manchmal auch Seide. 1669 machte sich Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen in einer Fortsetzung zu seinem „Abenteuerlichen Simplicissimus“ tiefgründige Gedanken über die „Karriere“ eines Hanfsamens: Über die Jahre wandelt er sich zu Kleidung, zu Windeln, zu Schreib- und Packpapier, bis er schließlich auf dem Abort dient. Ein Spiegel des menschlichen Lebens: Das Korn wird wieder zur Erde, aus der es entstanden war.

Dagegen muss es im alten China spätestens im 6. Jahrhundert üblich gewesen sein, Papier zu verwenden. Spezielles Toilettenpapier war es zunächst vermutlich nicht. Im Jahr 589 empörte sich der Gelehrte Yan Zhitui, dass beschriebenes Papier zweckentfremdet wurde: „Ich würde es niemals wagen, Papier mit Zitaten oder Kommentaren aus den Fünf Klassikern oder Namen von Weisen darauf für die Toilette zu verwenden!“ Bei Beobachtern, die an Waschungen nach dem Stuhlgang gewöhnt waren, erregte die Sitte Anstoß. Aus einem Reisebericht von 851: „Die Chinesen sind nicht sehr sorgfältig mit Sauberkeit, und sie waschen sich nicht mit Wasser, wenn sie ihr Geschäft erledigt haben, sondern wischen sich nur mit Papier ab.“

„Nur mit Papier“ - aber im Vergleich mit Pflanzenblättern oder Textillappen doch viel praktischer. Im Laufe der Zeit wurde das chinesische Toilettenpapier immer luxuriöser. Im 14. Jahrhundert gab es am Hofe von Kaiser Hongwu bereits eine besonders weiche und parfümierte Papiersorte. Ein Komfort, von dem man in Europa damals nicht einmal eine Vorstellung hatte. Erst die Verbreitung von Massendrucksachen im Gefolge der Reformation sorgte dafür, dass Papier in größerer Menge überhaupt zur Verfügung stand. Bedrucktes und hartes Papier, wohlgemerkt, für die Hygiene eigentlich ungeeignet. Mangels Alternativen war es aber nicht bloß eine Metapher, wenn Protestanten und Katholiken einander versicherten, sie würden sich mit den Bullen des Papstes respektive den Traktaten Martin Luthers den Hintern abwischen.

Plumpsklo im Schwäbischen, 
Volkskundemuseum Ober-
schönenfeld
Bild: Neitram/Wikipedia 


Die Selbstverständlichkeit, dass in den meisten Haushalten große Mengen von Altpapier anfallen, verdankt sich erst dem Aufstieg der Zeitungen seit dem 18. Jahrhundert. Eine befriedigende Lösung für die Hygiene boten sie nicht. Auf dem Land dienten die Exkremente als Dünger. Sie mit dem nur sehr langsam verrottenden Papier zu „verunreinigen“, war also nicht angebracht. Auch in den Städten behalf man sich, indem neben dem Abort Behälter zum Papiersammeln aufgestellt wurden.

Auch die Einführung von Wasserklosetts im Laufe des 19. Jahrhunderts schuf da zunächst keine Abhilfe: Das grobe Papier verstopfte die Abflüsse. Als Erfinder des speziellen Toilettenpapiers gilt der Amerikaner Joseph Gayetty. Seit den 1850er Jahren brachte er Schachteln  mit gestapelten Blättern auf den Markt. Sie waren mit Aloe getränkt und lösten sich in Wasser auf, konnten also mit hinuntergespült werden.

Um 1880 kam die Rolle mit einem Pappkern in der Mitte und mit der praktischen Perforation zwischen den Blättern auf. Seitdem teilen sich die Benutzer, mehr oder weniger humoristisch, in zwei Gruppen: Sollte das Papier nach vorn oder nach hinten abgerollt werden? Nicht die einzige kontroverse Frage im Gebrauch des Toilettenpapiers. Es gibt „Falter“ und es gibt „Knüller“. In Deutschland falten Umfragen zufolge mehr als zwei Drittel der Benutzer vor der Benutzung das Papier, in Südeuropa und Nordamerika ist das Knüllen üblich.

Zurück zum Zeitungspapier oder gar zu Pflanzenblättern will vermutlich kaum jemand. Aber es hat Mangelzeiten gegeben, in denen nichts anderes möglich war. Nach dem Ersten Weltkrieg sowie in den letzten Jahren des Zweiten und in der frühen Nachkriegszeit wurde wieder Zeitungspapier in Streifen geschnitten. In den Lagern der Nazis und des Archipel Gulag war die knappe Zuteilung von Papier eine bewusste Schikane: Die Gefangenen sollten zusätzlich erniedrigt werden.

In der Wohlstandsgesellschaft stiegen dagegen die Anforderungen an das Papier. Es muss sanft sein, selbstverständlich mehrlagig, am besten zart befeuchtet. Es darf parfümiert sein wie einst am chinesischen Kaiserhof, gern auch bedruckt mit Witzen oder Quizfragen, damit am stillen Örtchen keine Langeweile aufkommt. Auch mit Portraits von Personen, die einen – nun ja, am Arsch lecken sollen. International „beliebt“ ist zur Zeit US-Präsident Donald Trump. Der eine oder andere nutzt das Papier, um wenigstens in der Einsamkeit seine Meinung auszudrücken. Damit an die Öffentlichkeit zu gehen, empfiehlt sich nicht unbedingt. Vor einigen Jahren wurde in Lüdinghausen ein Mann zu Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil er auf Toilettenpapier das Wort „Koran“ gestempelt und die Blätter dann an Presseorgane und Moschee verschickt hatte.

Zu schweigen von den erotischen Phantasien, mit denen die Hersteller in ihrer Werbung gern spielen. „Hakle macht den Po zur Kusszone“, hieß es 1994 auf einem Plakat: Frauenlippen nähern sich einem Gesäß, das vermutlich gerade in den Genuss des sanften Papiers kam. Das Toilettenpapier ist zum Symbol des hygienischen, nein: des zivilisatorischen Fortschritts schlechthin geworden. Der Mensch „ist, was er isst“, behauptete 1850 der Philosoph Ludwig Feuerbach. Er wollte seiner „materialistischen“ Umkehrung von Hegels idealistischer Philosophie einen möglichst prägnanten Ausdruck verleihen. Ein Satz, der einerseits zu weit geht: Der Mensch ist noch manches andere als das, was die Nahrung aus ihm macht. Aber andererseits in seiner Provokation nicht weit genug. Ist der Mensch nicht auch das, was er – man muss es wohl so drastisch ausdrücken – was er scheißt?

Der Kult um das Toilettenpapier ist die Kehrseite unseres Ekels vor den Exkrementen. Der Angst, wir könnten von den materiellen Gegebenheiten doch stärker abhängig sein, als wir wahrhaben wollen. Auch die Sorge um unsere Rückseite ist ein wesentlicher Teil unserer Lebenskunst. In den 1950er und 1960er Jahren war in vielen PKWs im Heck gut sichtbar eine Klopapierrolle aufgestellt, eingehüllt in gehäkelten Stoff. Ein sichtbares Zeichen, dass der Fahrer zur zivilisierten Welt gehören wollte.

Aber jenseits oder diesseits aller tiefgründigen Spekulationen hat das Toilettenpapier, wer wollte es leugnen, gegenüber den Alternativen auch einen ganz praktischen Vorzug: Es ist, in der Arbeitswelt nicht ganz unwichtig, am ehesten geeignet, eine Waschung des Unterleibs unmittelbar nach dem Stuhlgang zu ersparen. Gerade aus diesem Grund wird in der islamischen Welt, ähnlich wie in dem zitierten Reisebericht aus China, als Alternative weiterhin der Gebrauch von Hand und Wasser hoch gehalten. Da vermischt sich die kulturelle Differenz mit der religiösen: Nach der Toilette muss die „Reinheit“, das Wort in einem mehr als bloß hygienischen Sinn verstanden, wiederhergestellt werden.

Gehäkelter Toilettenrollen-Überzug
Bild: selbst/Wikipedia 


Im Westen gibt es in vielen Haushalten, die sich ein größeres Badezimmer leisten können, heute ein „Bidet“, ein Sitzwaschbecken – aber nicht anstelle des Toilettenpapiers, sondern zusätzlich. Umweltschützer, die auf die ökologischen Unkosten des Papiers verweisen, und die Prediger eines Ideals vom einfachen Leben dringen vorläufig nicht durch: Nichts spricht dafür, dass eine Mehrheit der Bevölkerung bereit wäre, auf diesen Komfort zu verzichten. Da ist es kein Wunder, dass Panik ausbricht, wenn am Horizont, wenngleich ganz fern und unwahrscheinlich, die Gefahr aufscheint, er könnte nicht mehr zu Verfügung stehen.

Es hat Fälle gegeben, dass es dazu kam, auch in Friedenszeiten. In Venezuela wurde unter den Regierungen Chávez und Maduro neben vielen anderen Konsumartikeln auch das Klopapier zur Mangelware. 1973 ging in Japan das Gerücht um, bei einem weiteren Rückgang der Ölimporte könnte das Toilettenpapier knapp werden. Durch Hamsterkäufe wurde es dann zeitweise wirklich knapp, ähnlich wie jetzt in der Coronakrise: Die Beobachtung, dass andere hamsterten, führte beinahe zwangsläufig zu der Folgerung, auch selbst hamstern zu müssen.

Da kommen dann Zweifel auf, ob der Begriff der „Schwarmintelligenz“, der seit einiger Zeit in den Sozialwissenschaften Furore macht, so ganz sinnvoll sein kann. Dass Gruppen von Individuen als eine Art Superorganismus zu Entscheidungen kommen können, mag ja richtig sein. Aber offenbar funktioniert diese „Intelligenz“ unabhängig davon, ob das Ergebnis irgendwie „intelligent“ ist. Zum Glück ist davon auszugehen, dass der Run auf das Toilettenpapier nicht allzu lang dauern wird. Irgendwann muss doch die Frage aufkommen, welchen Sinn es eigentlich hat, sich enge Wohnungen mit ganzen Jahresvorräten von Klopapier voll zu stellen.


Ausstellung:

Wie der Zufall es will – in der „Papiermühle Alte Dombach“ in Bergisch Gladbach bei Köln eröffnete das Industriemuseum des Rheinischen Landesverbands seit dem 1. März 2020 seine Ausstellung „Von der Rolle – KloPapierGeschichten“. Zur Zeit leider geschlossen, Wiedereröffnung voraussichtlich am 20. April 2020, Dauer bis zum 7. Februar 2021.


Mehr im Internet:

Toilettenpapier - Wikipedia 
scienzz artikel Alltag 

 

 

 

 

 

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