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13.04.2020 - BRAUCHTUM

Die Freundlichkeit des anderen erschnueffeln

Begruessungsrituale - vom Speerewerfen bis zum Handschlag

von Josef Tutsch

 
 

Sozialistischer Bruderkuss an der East
Side Gallery in Berlin, Fotografie von
Joachim F. Thurn - Bild: German
Federal Archives/Wikipedia

Andere Länder, andere Sitten. In Neuseeland begrüßten die Maori früher ihre Besucher, indem sie ihnen Speere entgegen warfen, die knapp vor den Füßen der Fremden in den Boden gingen. Eine Geste der Hochachtung, vergleichbar mit den Salutschüssen, wie sie heute bei Staatsbesuchen international üblich sind. Danach tauschten Gastgeber und Gast einen „Riechgruß“ aus, indem sie ihre Nasen vorsichtig gegeneinander drückten. Nicht etwa aneinander rieben, wie frühe Entdeckungsreisende aus Europa dieses Ritual missdeuteten. Das wäre ein Fauxpas gewesen, ähnlich wie beim Handkuss in Europa der Kuss ja auch nur angedeutet werden darf.

Das Speerewerfen ist unüblich geworden. Dagegen wird der Nasengruß, der sogenannte „Hongi“, weiter gepflegt, sowohl gegenüber Touristen als auch gegenüber den Staatsgästen Neuseelands. Zur Zeit allerdings empfehlen die Regierung und die Autoritäten der Maorigemeinschaft, auf die alte Sitte zu verzichten. Sinn des Hongi war es, den anderen über das Sehen und Hören hinaus auch mit dem Geruchssinn wahrzunehmen. Mit dem Tastsinn ohnehin: Es wird keine menschliche Kultur geben, die in ihren Begrüßungsritualen grundsätzlich ohne körperliche Berührung auskäme. Da verändert Corona gerade unsere Umgangsformen, wer weiß, ob nur vorübergehend. Wir sind gehalten, uns mit optischen und akustischen Signalen zu begnügen – einem gesprochenen Gruß, einer Geste aus der Distanz.

„Ein Gruß schafft und bestätigt Verbundenheit“, stellte der Verhaltensforscher Irenäus Eibl-Eibesfeldt 1970 in seinem Buch über „Liebe und Hass“ fest. In vielen gesellschaftlichen Gruppen ist es quasi „Pflicht“, dass die Mitglieder durch einen Gruß ihre Zusammengehörigkeit bekräftigen, auch wenn sie vorher einander gar nicht kennen. Lokführer und Buslenker heben die Hand, wenn sie aneinander vorbeifahren, Lastkraftwagenfahrer blenden ihre Scheinwerfer kurz auf. Oft sind diese Gesten eine „Sprache“ für sich. So wird beim „Pfadfindergruß“ die rechte Hand auf Schulterhöhe gehoben, die drei mittleren Finger weisen nach oben, der Daumen ist auf den kleinen Finger gelegt.

Bei den Pfadfinden sollte der Geste eine Berührung folgen: Die jeweils linken Hände werden ineinander geschlagen; sowohl der Daumen als auch der kleine Finger ist dabei um die Hand des anderen gelegt. Angeblich lernte der Begründer der Bewegung, der britische General Robert Baden-Powell, dieses Begrüßungsritual 1895 beim Stamm der Krobo in Ghana kennen. Die Bedeutung kann kaum zweifelhaft sein: Die rechte Hand hält keine Waffe, zugleich drückt die linke tiefe Verbundenheit aus.

Sicherlich soll auch der heute weltweit verbreitete Handschlag mit der Rechten friedliche und freundliche Absichten demonstrieren. Studien am Weizman Institute of Science in Tel Aviv ergaben, dass wir uns nach dem Händeschütteln die Hand gern zum Gesicht führen, vielleicht, vermuten die Forscher, um uns der Duftstoffe zu vergewissern, die dabei ausgetauscht wurden. Womit wir wieder beim Hongi wären: Wir versuchen sozusagen die Friedlichkeit und Freundlichkeit des anderen zu „erschnüffeln“. Oder umgekehrt womöglich auch dessen Aggressivität. 2008 erklärte ein Vertreter der Maori gegenüber der Presse, der Hongi habe seinen Vorfahren dazu gedient, ihre Feinde besser einzuschätzen – „ihre Gestalt, ihre Form, ihren Geruch und ihr Denken kennen zu lernen“.

Der Riechgruß war nicht nur in Polynesien üblich, sondern auch auf der malaiischen Halbinsel und Madagaskar sowie in der Arktis. Aus manchen Regionen ist die Variante überliefert, dass man die Hand des Partners beriecht. Oder umgekehrt dessen Hand zur eigenen Nase führt. Die Verhaltensforscher rätseln, inwieweit es sich bei diesem Schnüffeln um ein Erbe unserer tierischen Vorfahren handeln könnte. Jeder Hundebesitzer weiß, wie wichtig das gegenseitige Sichbeschnüffeln ist. Und unser Sprachgebrauch gibt den Hunden recht: Im Zusammenleben ist entscheidend, ob man einander „riechen“ kann.

Hongi bei der Akkreditierung des Botschaf-
ters von Ost-Timor, Lisualdo Gaspar, in
Wellington - Bild: Ministériu Negósius Estran-
jeirus no Kooperasaun/Wikipedia 


Grob kann man die Begrüßungsrituale, die sich in vielen Jahrtausenden Menschheitsgeschichte ausgebildet haben, in zwei Gruppen einteilen: solche, die keinen unmittelbaren körperlichen Kontakt erfordern, und andere, bei denen gerade das unabdingbar dazugehört.  Zur ersten Gruppe gehören die sprachlichen Formeln, von „Guten Tag!“ über „Grüß Gott!“ bis zu „Hi!“ Und bis zu jenem „Heil Hitler!“, mit die Deutschen in der Nazizeit ihre „Treue“ zum Führer demonstrieren mussten.

Dazu gehören auch Gesten wie das Anheben der Augenbrauen, das Nicken des Kopfes, das freundliche Lächeln oder das Heben der Hand. Ohne körperliche Berührung läuft erst recht der „Kriegergruß“ ab: mit Speeren oder Pfeilen, die gegen die Ankömmlinge geschossen wurden. Das war nicht aggressiv gemeint, sondern respektvoll. Aber „Missverständnisse kamen vor“, vermerkte Eibl-Eibesfeldt lakonisch.

Schimpansen beugen oft den Kopf zu Boden, um ihre Artgenossen zur Fellpflege aufzufordern. Ähnlich deuten wir eine Verneigung an, wenn wir freundlichen Kontakt aufnehmen wollen. Häufig sind solche Gesten in einem Maße radikalisiert, dass Beobachter aus anderen Kulturen es als grotesk empfinden mussten. Nichts befremdete die alten Griechen an den orientalischen Kulturen mehr als der Brauch, dass die Untertanen, wenn sie sich dem Herrscher näherten, zu Boden fielen und die Erde küssten oder berochen, die sein Fuß berührt hatte. 1852 berichtete der Ethnologe Friedrich Kunzelmann aus dem afrikanischen Königreich Katunga, dort müssten sich Besucher zunächst ausgiebig auf dem Boden wälzen und mit Erde besudeln, bevor sie die Erlaubnis erhielten, sich zu ihrem König zu setzen.

Dass auch am byzantinischen Kaiserhof diese sogenannte „Proskynese“ zum Hofzeremoniell wurde, prägt das Bild der gesamten Kultur bis heute - „Byzantinismus“ wurde zum Synonym für Servilität. Bis weit in die Neuzeit erhielt sich die Sitte, dass Besucher dem Papst bei einer Audienz die Füße küssten. Es gibt aber auch das genaue Gegenteil: Begrüßungsrituale, in denen die Gleichrangigkeit von Gast und Gastgeber betont wird. In Grönland pflegten beide einander Backenstreiche zu verabreichen. Das „Duell“ konnte solange dauern, bis einer umfiel. Offenbar musste der Fremde zunächst einmal beweisen, dass er der Gastfreundschaft würdig war.

Ein Element von Wettbewerb kann aber auch in unserem Handschlag enthalten sein: Die Festigkeit des Händedrucks demonstriert Stärke, kann der andere das nicht gebührend erwidern, gilt er als Weichei. Ein besonders fester Handschlag ging in die Kriminalgeschichte ein. 1924 wurde in Chicago der Bandenführer Dean O‘Banion ermordet. Sein Konkurrent Frankie Yale hatte O‘Banions Hand nicht mehr losgelassen, sodass der sich gegen den Angriff der Komplizen nicht wehren konnte.

Moderne Benimmbücher befassen sich ausgiebig mit der Frage, wer wem gegenüber „grußpflichtig“ ist, ihm also als Erster seinen Gruß entbieten muss. Die Bundeswehr hat das sogar in einer „Formaldienstordnung“ geregelt. Allgemein gilt der Grundsatz: „Grußpflichtig“ ist der Rangniedere der beiden, der Jüngere, der Gast, der Herr.

Wie viel an Nähe und gegenseitiger Berührung der „Grußberechtigte“ dann gestattet, ist wieder ein Kapitel für sich. Heute setzt sich als Begrüßungsritual weltweit immer mehr der Handschlag durch; ihn zu verweigern, gilt als Affront. Wie der Anthropologe Wulf Schiefenhövel berichtet, sind die alten Begrüßungsrituale zum Beispiel unter den Papua im Hochland von Neuguinea in den letzten Jahrzehnten weitgehend ausgestorben. Früher war es üblich, dass Männer hochachtungsvoll das Penisfutteral des anderen berührten, ein Rohr aus Kürbis, je größer, desto imposanter.

Handkuss, Gemälde von Pietro    
Longhi, 1746 - Bild: Wikipedia 


In islamischen Ländern und in Südeuropa hält sich neben dem Handschlag hartnäckig die Umarmung mit dem Wangenkuss – ohne jede Andeutung von Erotik, wohlgemerkt. Und in manchen Kreisen der Handkuss – in der Hauptsache gegenüber vornehmen Damen, aber manchmal auch noch gegenüber geistlichen Würdenträgern. Geschmatzt werden darf dabei auf gar keinen Fall, der Kuss ist nur anzudeuten. Auf den Mund und zwar wirklich geküsst wurde dagegen beim „sozialistischen Bruderkuss“, dem zentralen Zeremoniell der sozialistischen Staaten und Bewegungen.

Oft gehören das Überreichen von Geschenken und das gemeinsame Mahl zur Begrüßung zwingend hinzu. Die Einladung zu gemeinsamem Essen und Trinken darf auf keinen Fall ausgeschlagen werden, es wäre eine tödliche Beleidigung. Der Ethnologe Hugo Bernatzik berichtete von der Ermordung eines französischen Forstingenieurs in Indonesien. Die Täter rechtfertigten sich: „Der Weiße hat uns in unerträglicher Weise beleidigt. Wir boten ihm einen Willkommenstrunk an und das Fleisch eines Schweins, das wir zu seinen Ehren den Geistern geopfert hatten. Er weigerte sich aber, unsere Gaben anzunehmen.“ „Da beschlossen wir, diese Beleidigung zu rächen und ihn zu töten.“

In solchen Fällen ist es das Begrüßungsritual selbst, das in seinem Vollzug oder Nichtvollzug darüber entscheidet, ob der Fremde ein Gast wird oder ein Feind. Das deutsche Wort „Gast“ hängt etymologisch mit dem lateinischen „hostis“, „Feind“, zusammen. Die Bedrohungen, die uns aktuell Corona bewusst gemacht hat, sind vorderhand weniger dramatisch, können am Ende jedoch ebenso tödlich sein. Im Zusammenleben werden Krankheiten übertragen, das ist an sich nichts Neues. Erst wenn sich die Infektionen ungewohnt häufen, kommt uns das Risiko unvertretbar vor.

Oder sind die Unkosten unserer Vorsichtsmaßnahmen, also des Verzichts darauf, Hände zu schütteln und einander zu umarmen, am Ende größer? Corona hat in den Hintergrund gedrängt, dass es bereits in den letzten Jahren aufgeregte Diskussionen über den religiösen oder kulturellen Wert von Begrüßungsritualen gegeben hat. Manche strenggläubigen Muslime, die nun als Migranten im Westen leben, berufen sich auf den Propheten Mohammed, der alter Überlieferung zufolge sagte: „Ich gebe Frauen nicht die Hand.“

Im Gegenzug erklärte Bundesinnenminister Thomas de Maizière 2017 den Händedruck, in welcher Geschlechterkombination auch immer, zum Element einer deutschen „Leitkultur“. Ganz ausgestorben ist der Gedanke, dass es zwischen Männern und Frauen unterschiedliche Begrüßungsrituale geben müsste, aber auch hierzulande nicht. In besonders vornehmen Kreisen, etwa an Königshöfen, ist für Mädchen und Frauen weiterhin der „Knicks“ vorgeschrieben. Jungen und Männer begnügen sich mit einer leichten Verbeugung, dem „Diener.“ 


Mehr im Internet:

Begrüßungsrituale - Wikipedia 
scienzz artikel Rituale 

 

 

 

 

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