Berlin, den 13.07.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

08.08.2020 - DEUTSCHE LITERATUR

So wahr ich luege!

Vor 300 Jahren wurde Hieronymus Carl Friedrich von Muenchhausen, der Luegenbaron, geboren

von Josef Tutsch

 
 

Aus der Postkartenserie
"Münchhausens Abenteuer"
von Oskar Herfurth, vor
1934 - Bild: Wikipedia

Alles begann mit „Jägerlatein“. Im Alter von gerade einmal 17 Jahren hatte es den Freiherrn Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen ins Zarenreich verschlagen. Dort nahm er an Russlands Kriegen gegen die Osmanen und gegen Schweden teil. In Ruhepausen ging er gemeinsam mit einem Freund, dem wenige Jahre älteren baltischen Landadligen Georg Gustav von Dunten, auf dessen Gut im heutigen Lettland der Entenjagd nach.

Und selbstverständlich wurde nach der Jagd in geselliger Runde geflunkert, was das Zeug hielt. Der junge Münchhausen muss ein wahrhaft begnadeter „Jägerlateiner“ gewesen sein. Am 11. Mai 1720, vor nunmehr 300 Jahren, war der „Lügenbaron“ in Bodenwerder bei Holzminden geboren worden. Nachdem er 1750 seinen Abschied aus der russischen Armee genommen  hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, widmete er sich der Verwaltung seines ererbten Landgutes.

Und seinen Passionen, also der Jagd und dem Erzählen unglaublicher Geschichten. Fast ein halbes Jahrhundert lang, bis zu seinem Tod 1797, kompensierte Münchhausen seinen vermutlich wenig aufregenden Alltag in Aufschneidereien. Nach dem Abendessen, „nachdem sein kolossaler Meerschaumkopf mit kurzem Rohr in Rauch gesetzt war und ein dampfendes Glas Punsch vor ihm stand“, berichtet ein Zeitgenosse, ließ der Landedelmann sich gern bitten. „Fing das Gespräch an, lebhafter zu werden, so wirbelten auch die Wolken aus seiner Pfeife immer dicker empor.“

Der Gedanke, irgendeines seiner Histörchen schriftlich festzuhalten, lag ihm fern. Zu seiner literarischen Berühmtheit kam er wie die Jungfrau zum Kinde und soll darüber höchst verärgert gewesen sein. Dass der dänische Diplomat Rochus Friedrich zu Lynar 1761 drei Erzählungen veröffentlichte, die sich, für Eingeweihte unverkennbar, an Münchhausen anlehnten, mochte noch angehen. Der Name des Freiherrn wurde in dem Büchlein nicht genannt.

Aber 1781 erschien in Berlin das „Vade Mecum für lustige Leute, enthaltend eine Sammlung angenehmer Scherze, witziger Einfälle und spaßhafter kurzer Historien“. „Es lebt ein sehr witziger Kopf, Herr von M-h-s-n im H-schen“, war darin zu lesen, „der eine eigene Art sinnreicher Geschichten aufgebracht, die nach seinem Namen bekannt wird, obgleich nicht alle von ihm sein mögen.“ Die „M-Lügen“, wie sie der Herausgeber zwei Jahre später in einem Folgeband nannte, waren bereits zu einer literarischen Gattung geworden. „Es sind Erzählungen voll der unglaublichsten Übertreibungen, dabei aber so komisch und launig, dass man, ohne sich um die Möglichkeiten zu bekümmern, von ganzem Herzen lachen muss.“

Der Ursprung der Münchhausiaden im Jägerlatein war noch deutlich zu erkennen: „Auf der Jagd hab’ ich immer die meisten sonderbaren Geschichten gehabt“, sagt M. an einer Stelle. Beispiel: Dem „Helden“ ist auf der Jagd der Schrot ausgegangen. Ersatzweise schießt er mit Kirschkernen auf einen stattlichen Hirsch. Der entkommt ihm zwar, doch ein Jahr später begegnet M. dem Tier wieder. Ihm wächst ein Kirchbaum aus der Stirn.

Andere Geschichten haben sich von der Jagd gelöst. M. wirft ein Beil gegen zwei Bären, um sie zu vertreiben. Es fliegt bis zum Mond. „Wie sollte ich das Beil wieder beschaffen? Ich besann mich schnell, pflanzte eine türkische Bohne“, „sie schoss empor und ringelte sich wirklich um den Mond. Nun stieg ich mit Behendigkeit daran herauf und kam glücklich oben an.“ Leider verwelkt die Bohne rasch. „Ich flocht mir einen Strick so lang wie möglich, knüpfte ihn oben recht fest an und ließ mich getrost daran herunter. Wie ich ans Ende kam, hielt ich mich mit einer Hand fest, hieb mit der anderen oben ein Stück ab, knüpfte das unten an und rutschte nun weiter.“ Doch dann reißt das Seil, M. stürzt „neun Klafter tief in den Boden“. „Nun war kein anderer Rat, als nach Hause zu gehen, einen Spaten zu holen und mich herauszugraben.“

Gravur von August von Wille, vor 1872
Bild: Wikipedia 


Münchhausen sah sich durch den „Herrn von M-h-s-n im H-schen“ verunglimpft.. Erst recht, als der Hannoveraner Gelehrte Rudolf Erich Raspe, der in England lebte, 1785 das Material aus dem Berliner „Vade mecum“ 1785 zu einem Band „Baron Munchhausens Narrative of His Marvellous Travels und Campaigns in Russia“ verarbeitete. Durch die Nennung seines Namens im Titel des Buches war Münchhausen nun für die Gebildeten auch in Deutschland ein für allemal zum „Lügenbaron“ geworden.

Mylius hatte reine Unterhaltung im Sinn. Raspe dagegen verfolgte eine politische Tendenz: Er wollte „die dreisten Behauptungen mancher Parlamentsschreier lächerlich machen“. Sein Buch erlebte binnen weniger Jahre nicht weniger als sechs Auflagen, in die nach und nach weitere Abenteuer eingebaut wurden. Sie waren großenteils den Berichten englischer Seefahrer entnommen.

Oder auch gleich aus dem griechischen Schriftsteller Lukian von Samosata abgeschrieben. Der hatte sich im 2. Jahrhundert n. Chr. in seiner „Wahren Geschichte“ zum Beispiel die Reise zum Mond einfallen lassen, die bereits Mylius in seine „M-Lügen“ aufnahm. Erzählmotive, die längst herrenlos geworden waren. Niemand kann heute sagen, ob vielleicht auch der Freiherr selbst dergleichen gelesen hatte und das eine oder andere daraus in seinen abendlichen Phantasien verwertete. 1786 übersetzte der Dichter Gottfried August Bürger das englische Buch ins Deutsche und fügte ihm weitere Abenteuer ein: „Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt“.

„Man schilt oft spöttisch Zeitvertreib, was stärkt zur Arbeit Seel‘ und Leib“, zitierte Bürger in der Vorrede ein Fabelepos aus dem 16. Jahrhundert, den „Froschmeuseler“ von Georg Rollenhagen. 1786 – während Goethe gerade seine „Iphigenie auf Tauris“ vollendete und Schiller seinen „Don Karlos“, brachte Bürger einen Gegenentwurf zur beginnenden „Klassik“ heraus. „Alle Poesie soll volkstümlich sein“, formulierte er einige Jahre später sein literarisches Programm, „denn das ist das Siegel ihrer Vollkommenheit.“

Und volkstümlich war in Bürgers Augen vor allem das phantasievolle Spiel mit dem Unmöglichen. Einmal wird Münchhausens Pferd durch ein Torgatter zweigeteilt. Mit der vorderen Hälfte reitet der Baron weiter, während sich die hintere auf der Wiese mit Stuten vergnügt. Ein andermal greift ein Wolf das Pferd an, das Münchhausens Schlitten zieht. Nachdem er es ganz aufgefressen hat, bleibt er im Geschirr stecken und zieht nun den Schlitten.

Der Kirchturm, an den Münchhausen in einer verschneiten Winternacht sein Pferd anband, wird heute noch gezeigt, im lettischen Dorf Liepupe. Nachdem der Schnee geschmolzen war, fand der aufwachende Baron sich am Fuß des Turms wieder, sein Pferd hoch oben an der Turmspitze. Da „nahm ich eine von meinen Pistolen, schoss nach dem Halfter, kam glücklich auf die Art wieder an  mein Pferd und verfolgte meine Reise“.

1791 kam es zwischen Bürger und Schiller zu einer öffentlichen Debatte über die Möglichkeit einer „volkstümlichen“ Literatur. Schiller erklärte es für illusorisch, den „ungeheuren Abstand“ des Geschmacks zwischen den gesellschaftlichen Gruppen überwinden zu können. Dafür sei die moderne Welt zu pluralistisch, wie wir es heute ausdrücken würden. Bürger hatte es dennoch versucht, und sein „Münchhausen“ bietet ein Beispiel dafür, dass auch in der Moderne noch „Volksbücher“ entstehen können, wenigstens in Ausnahmefällen. Freilich um den Preis, dass der Autor in seiner Originalität beinahe unkenntlich wird und das Werk selbst seine Festigkeit, seine einmalig gültige Gestalt, verliert und für neue Bearbeitungen offen bleibt. Dieses Schicksal teilt der „Münchhausen“ zum Beispiel mit Daniel Defoes „Robinson Crusoe“. Und natürlich mit den Märchen- und Schwanksammlungen, von „Tausend und eine Nacht“ bis zu „Till Eulenspiegel“.

Illustration von Theodor Hosemann, vor    
1875 - Bild: Wikipedia 


Nicht einmal in der „gehobenen“ Literatur blieb Bürgers „Münchhausen“ das letzte Wort. 1839 veröffentlichte Karl Immermann einen „Münchhausen“-Roman, 1934 schrieb Walter Hasenclever ein „Münchhausen“-Drama. Und dann die zahlreichen Verfilmungen, am berühmtesten bis heute der UFA-Farbfilm von Josef von Báky, 1943, mit Hans Albers in der Hauptrolle. Das NS-Regime hatte den verfemten Erich Kästner mit dem Drehbuch beauftragt, da ein geeigneter und zugleich linientreuer Autor nicht zu finden war. Goebbels höchstpersönlich erteilte eine Sondergenehmigung. Vielleicht war er es auch, der die Weisung gab, über die eine oder andere subversive Spitze im Text hinweg zu hören: „Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme; und sie hat die Macht, Recht und Unrecht zu tun – ganz wie es ihr beliebt.“

Albers‘ Ritt auf einer Kanonenkugel durch die Lüfte wurde zu einer Ikone der Filmkunst. Eine andere Münchhausiade ist sogar zu philosophischen „Ehren“ gelangt. Friedrich Nietzsche brandmarkte das Münchhausensche Verfahren, sich selbst aus dem Sumpf herauszuziehen, als „eine Art logischer Notzucht und Unnatur“. Ein Vertreter des „Kritischen Rationalismus“ in der Nachfolge von Karl Popper, Hans Albert, prägte danach den Begriff des „Münchhausen-Trilemmas“. Jeder Versuch, letzte Sicherheiten zu gewinnen, so Albert, müsse ins Leere führen. Entweder wir setzen den Versuch, unsere Behauptungen zu begründen und für diese Begründungen wiederum Gründe zu finden, bis ins Unendliche fort. Oder wir führen in den Voraussetzungen unserer Schlüsse insgeheim bereits das ein, was wir am Ende beweisen wollen. Oder wir brechen das Verfahren an irgendeiner Stelle willkürlich ab und erklären einen Faktor zur „causa sui“, zum Grund seiner selbst.

War Bürger von solchen Gedanken wirklich so weit entfernt, wie man glauben möchte, wenn man seine demonstrative Distanz zur „gebildeten“ Literatur der Klassik betrachtet? Von 1784 an hielt der Dichter an der Universität Göttingen Vorlesungen über die Philosophie Immanuel Kants. Fünf Jahre vor dem „Münchhausen“ war die „Kritik der reinen Vernunft“ erschienen. Sie erschütterte das Vertrauen der Zeitgenossen auf die Möglichkeit menschlicher Erkenntnis in den letzten, also metaphysischen Fragen nachhaltig. Mit seinen Münchhausiaden bot Bürger dem breiten Publikum ein populäres Pendant zu Kants Blick auf Wahrheitsansprüche, die der kritischen Vernunft nicht standhalten.

Immer und immer wieder beteuert Bürgers Lügenbaron, dass er die Wahrheit erzählt und nichts als die Wahrheit. An einer Stelle streift die Lügengeschichte das Makabre. Wir „sahen drei Leute, die an hohe Bäume bei den Beinen aufgehängt waren. Ich erkundigte mich, was sie begangen hätten,um eine so harte Strafe zu verdienen, und hörte, sie wären in der Fremde gewesen und hätten bei ihrer Rückkunft nach Hause ihre Freunde belogen“, „ihnen Dinge erzählt, die sich nie zugetragen hätten.“ „Ich fand diese Strafe sehr gerecht; denn nichts ist mehr eines Reisenden Schuldigkeit, als streng der Wahrheit anzuhängen.“ Erich Kästner fasste in seinem Drehbuch den quasi philosophischen Hintergrund der Lügengeschichten in eine noch bündigere Formel: „So wahr ich lüge!“


Mehr im Internet:

Freiherr von Münchhausen - Wikipedia 
scienzz artikel Phantastische Literatur

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet