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18.04.2020 - ETHNOLOGIE

Die Raben stuerzten sich hinterher

Die Sitte des Senizids in fruehen Nomaden- und Agrarkulturen

von Josef Tutsch

 
 

Herstellung von Corona-Schutzmas-
ken in Heimarbeit, Köln, April. 2020
Bild: Superbass/CC-BY-SA-4.0/
Wikimedia Commons

Der „Duden“ kennt nicht einmal das Wort, selbst im „Fremdwörter-Duden“ findet sich kein Eintrag. Bislang war der Begriff „Senizid“, übersetzt „Altentötung“, nur in der Ethnologie gebräuchlich, als Fachterminus für den Umstand, dass es bei manchen Völkern üblich war, sich alter Menschen durch Tötung zu entledigen. Allzu fremdartig und barbarisch erschien diese Sitte.

Angesichts von Corona macht nun das Wort von einem modernen Senizid die Rede. Nur die Autokorrekturfunktion des Computers sperrt sich noch: Sie will das Wort in „Suizid“ „verbessern“. Bei wachsenden Infektionszahlen, also auch steigender Belastung des Gesundheitssystems, ist die Frage aktuell, welche Unkosten die Gesellschaft zu tragen bereit ist, um das Leben alter Menschen zu erhalten. Wenn die Ressourcen der Krankenversorgung nicht ausreichen, stellt sich das Problem der „Triage“. Mit einem Begriff aus der Evolutionstheorie könnte man auch sagen: der „Selektion“. Ein Vorgang, der aus den Weltkriegen bekannt ist. In den Lazaretten damals war es allerdings nicht das Alter, das über Leben oder Tod entscheiden konnte, sondern die erhoffte Wiederherstellung der Einsatzfähigkeit. Heute sind die Wartelisten für Spenderorgane eines der schwierigsten Themen der medizinischen Ethik.

Darf man im Zusammenhang mit der Coronakrise von einem drohenden „Senizid“ sprechen? Der Publizist Ansgar Graw tat es vor einigen Wochen im Debattenmagazin „The European“. Nicht dass jemand vorgeschlagen hätte, Alte zu töten. Aber das Ergebnis, meinte Graw, könnte in der Tat ein „Zurück zu archaischen Bräuchen“ sein. Vielleicht ja „nur“ in einem metaphorischen Sinn, als Separierung der „Generation 70+“ vom Rest der Gesellschaft – der Vergleich mit dem „sozialen Tod“, den im Mittelalter eine Lepraerkrankung bedeutete, liegt nahe. Oder auch wörtlich, wenn Alter eine Nachrangigkeit in der Krankenversorgung begründet – und damit unter Umständen ein Todesurteil.

Als „ein Recht der Kinder, Verwandte zu ermorden, die, durch Alter und Krankheit überlastet, für die Familie zu teuer und für Mitbürger nutzlos sind“, definierte der russische Historiker Nikolai Karamzin im frühen 19. Jahrhundert den Senizid. Er hatte in der Hauptsache die Bewohner Sibiriens im Sinn. Vor allem bei nomadisch lebenden Völkern, manchmal aber auch in Agrarkulturen, berichtete 1970 die französische Schriftstellerin Simone de Beauvoir in ihrem Buch über das Alter, kam es in Notzeiten vor, dass Greise und Säuglinge ermordet wurden, um den übrigen die Nahrung zu sichern. War die Not weniger drückend, beschränkte man sich auf die Greise, die Säuglinge wurden verschont. Beauvoir: „Das Kind, das die Zukunft darstellte, hatte den Vorrang gegenüber dem Greis, der als purer Abfall galt.“

In abgelegenen japanischen Dörfern soll die Altentötung noch im 19. Jahrhundert Brauch gewesen sein. 1956 erzählte der Schriftsteller Fukazawa Shichiro davon in seiner Erzählung „Schwierigkeiten beim Verständnis der Narayama-Lieder“. 1983 lenkte auf dem Festival in Cannes die Verfilmung das Interesse der internationalen Öffentlichkeit auf das Thema. Wenn die Alten das 70. Lebensjahr erreicht haben, rufen sie die Dorfgemeinschaft zu einem großen Fest zusammen. Am folgenden Morgen bringt die Familie ihre Alten auf einen Berg, der bereits voll von Leichnamen und Skeletten liegt, Raben umkreisen den Ort. Dort werden sie allein zurückgelassen.

Fukazawas Heldin nimmt ihr Schicksal ergeben auf sich. Ihr Sohn weint, er widerstrebt dem Vollzug, doch er fügt sich. In einer Parallelhandlung zeigte Fukazawa, dass es auch anders laufen konnte. Ein alter Mann will den Aufbruch zum Berg verweigern. Sein Sohn fesselt ihn und bringt ihn gewaltsam dorthin, stürzt ihn am Ende in eine Schlucht, „die Raben stürzen sich hinterher“. Ein schändlicher Tod, die Schande trifft den Vater, der sich gegen die Notwendigkeit sperrte.

Roman und Film machen deutlich, dass Karamzins Ausdruck „Recht der Kinder“ viel zu kurz greift. Es ging nicht, zumindest nicht nur um ein Recht der möglichen Erben, ihr Erbe frühzeitig anzutreten. 1889 machte der englische Entdeckungsreisende Henry Hamilton Johnston, der den Begriff „Senizid“ prägte, auf die Kehrseite aufmerksam: „Die Bewohner Sardiniens sahen es einst als heilige Pflicht der jungen Menschen an, ihre alten Verwandten zu töten.“ Liebenden Kindern wird es hart angekommen sein, diese Pflicht erfüllen zu müssen.

Tschuktschen-Famiilie, von Louis Choris,
1816 - Bild: Wikipedia 


Weitverbreitet war der Senizid vor allem in nomadisch lebenden Gesellschaften. Wenn die Familie sich permanent auf Wanderschaft befand, war es eine  Herausforderung, Alte und Schwache mitzutragen. In den 1920er Jahren beobachtete der dänische Arktisforscher Knud Rasmussen diesen Brauch bei den Netsilik, einem Inuitstamm auf King-William-Island im Norden Kanadas. Wenige Jahre später begegnete der französische Schriftsteller Gontran de Poncins dort einem Mann, der berichtete, er selbst habe seine Mutter auf einer Eisscholle zum Sterben zurückgelassen. Bei Inuit-Stämmen auf Grönland wurden den Alten Kajaks zur Verfügung gestellt. Man trieb sie auf Nimmerwiedersehen ins Meer hinaus.

Zwangsläufig ist der Zusammenhang zwischen Nomadismus und Altentötung jedoch nicht. „Die wirtschaftliche Lage ist nicht absolut bestimmend“, betonte Beauvoir, „es handelt sich um eine Wahl, die die Gesellschaft trifft.“ Immer im Rahmen der Möglichkeiten, die der Natur abgerungen wurden. So soll bei den Yaghan an der Küste Feuerlands trotz aller Ärmlichkeit der Verhältnisse der Altenmord unüblich gewesen sein.

Auch von einigen Stämmen der Tschuktschen im Nordosten Sibiriens wird berichtet, dass sie die Alten auf ihren Wanderungen mitführten. Vor allem wohl jene Alten, denen es gelungen war, zusätzlich zum Fischfang durch Handel mit den Weißen ein kleines Kapital anzuhäufen, wurden verschont – neben auskömmlichen Lebensbedingungen war die Ausbildung des Privateigentums ein wichtiger Faktor, der die Möglichkeit eines Lebens bis zum natürlichen Ende begünstigte. Ein solcher Kulturwandel spiegelt sich auch in der russischen „Nestorchronik“ aus dem 12. Jahrhundert: Im Laufe der Christianisierung Russlands wurde aus dem alten Gewohnheitsrecht der Altentötung ein Straftatbestand.

In Agrargesellschaften waren die Chancen, dass alte Menschen bis zu ihrem natürlichen Tod fortleben durften, in der Regel größer als im Nomadismus – vorausgesetzt, die Landwirtschaft ermöglichte einen gewissen Spielraum. Einen sozialen Druck, sein Leben „freiwillig“ zu beenden, wenn es von den anderen als Last empfunden wurde, gab es aber auch hier. Oft wurden die Alten mit ein wenig Wasser und Essen ausgesetzt und ihrem Schicksal überlassen. Bei den Hopi in Arizona und den San in Südafrika war es üblich, hierfür eigene Hütten weit abseits der Dörfer zu errichten.

Die Regel war ein derart einsamer Tod aber nicht. Die Altentötung wurde in vielen Gesellschaften als großes Fest gefeiert. Bei den Tschuktschen aß man Seehundfleisch, trank Branntwein, sang und schlug die Trommel. Dann schlich sich der Sohn oder ein jüngerer Bruder an und erschlug den zum Tod Verurteilten mit einem Seehundsknochen. Ähnlich heißt es von den Ojibwa in Kanada, die Alten würden sich lieber bei einem großen Fest von ihren Söhnen mit dem Tomahawk töten lassen als auf einer einsamen Insel ausgesetzt zu werden.

Die westlichen Reisenden, die uns von diesen Bräuchen berichteten, waren immer wieder erstaunt, wie wenig ihre Gewährsleute, nachdem sie ihre Verwandten ermordet hatten, von Schulgefühlen geplagt wurden. Oder umgekehrt: mit welcher Selbstverständnis sie voraussetzten, die Morde, wenn man das so nennen darf, seien im Einverständnis mit den Opfern geschehen.

Wie es damit in Wirklichkeit ausgesehen hat, ist schwer zu beurteilen. Wahrscheinlich traf Fukazawa das Richtige, als er beides nebeneinander schilderte: Das Sich-Ergeben der Opfer in die Tradition und das verzweifelte Aufbegehren. Analog wird es ein solches Nebeneinander auch bei den Jüngeren gegeben haben, die ja in ihre eigene Zukunft blickten. Bei den Ossäten im nördlichen Kaukaus entstand das sogenannte „Narten-Epos“. Es erzählt aus einer Zeit, als der Senizid nicht mehr selbstverständlich war. Ein alter Mann und eine alte Frau streiten sich vor der Dorfversammlung, welcher von beiden als erster getötet werden muss. „Nachdem die Versammlung ihre Zähne angesehen hatte, entschied sie, dass der Mann der ältere sei. Man trug den Murrenden fort, gab ihm Bier zu trinken und stürzte ihn ins Tal.“

Tanzzeremonie bei den Ojibwa von George 
Catlin, 1835 - Bild: Wikipedia 


Ein sehr wirksamer Schutz für die alten Eltern sei die Liebe ihrer Kinder, meinte Beauvoir. Eine Aussage, die inmitten der vielen Belege, die sie in ihrem Buch für die Macht der Tradition anführte, allerdings etwas zweifelhaft wirkt. In der historischen Realität war es eher die gesteigerte Arbeitsteilung, die viele frühe Völker vom Senizid abkommen ließ. Den Alten fielen Aufgaben zu, die weniger körperliche Kraft erforderten: die Anhäufung von Kenntnissen über Tiere und Pflanzen, die Herstellung von Werkzeugen und Gebrauchsgegen-ständen, die Beratung der Jüngeren aufgrund langer Erfahrung.

Alter wurde mit „Weisheit“ assoziiert, und Weisheit konnte Macht verleihen. Beauvoir machte jedoch darauf aufmerksam, dass eine solche Umwidmung des Alters, bis hin zu den Ämtern von Priestern und Magiern, weitgehend ein Privileg der herrschenden Schichten war. Bis weit in die Neuzeit hinein hatten die Ärmeren auch in Europa viel weniger Chancen, alt zu werden. Die „Triage“ wurde nicht bewusst entschieden, sie war eine Folge der Lebensumstände.

Dagegen war der Senizid als bewusste und gewollte Tötung alter Menschen unüblich geworden. Nicht erst in der christlich-abendländischen Kultur, sondern bereits bei den alten Griechen und Römern stand das sittliche Bewusstsein dem entgegen. Durch die Ethik des Neuen Testaments wurde die Lage der Alten weiter verbessert. Der Ausbau der Krankenversorgung, den der Sieg des Christentums nach sich zog, kam auch ihnen zugute.

Beauvoir beobachtete jedoch bereits vor einem halben Jahrhundert, dass das „Prestige des Alters“ in der Gegenwart wieder nachgelassen hat. Nicht nur, dass sich die Relation zwischen Jungen und Alten durch den Fortschritt der Medizin verschoben hat. Die Individualisierung der Lebensverhältnisse und die Medien der Massenkommunikation haben bewirkt, dass der Rat der Alten heute weniger zählt. Wenn er überhaupt etwas zählt. Vor einigen Wochen brachte der Satiriker Schlecky Silberstein im Jugendmagazin „Funk“ der ARD einen makabren Kommentar zum Thema „Corona“ heraus. Ob Silberstein etwas von den ethnologischen Befunden zu Triage und Senizid wusste, muss offen bleiben. Jedenfalls traute er dem Coronoavirus ähnliche Wirkungen zu. Es „rafft die Alten dahin, aber die Jungen überstehen diese Infektion nahezu mühelos. Das ist nur gerecht, hat doch die Generation 65+ diesen Planeten in den letzten fünfzig Jahren voll gegen die Wand gefahren.“


Immer noch lesenswert:

Simone de Beauvoir: Das Alter, 1970, übersetzt von Ruth Henry und Anjuta Aigner-Dünnwald, 784 S., rororo-Taschenbuch, 2000, ISBN 978-3-499-22749-3, 14,00 €


Mehr im Internet:

Senizid - Wikipedia 
scienzz artikel Soziale Mechanismen  

 

 

 

 

 

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