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01.05.2020 - ALTE GESCHICHTE

Ein Opfer des eigenen Erfolgs - und einer Laune der Umwelt

Klimawandel und Seuchen beim Untergang Roms

von Josef Tutsch

 
 

Erzengel Michael auf der Engels-
burg, von P. A. von Verschaffelt,
1753, zur Erinnerung an die Er-
rettung von der Pest im Jahr 590
Bild: Giovanni dall'Orto/Wikipedia

Wäre die deutsche Übersetzung von Kyle Harpers Studie zur Spätantike ein paar Wochen später konzipiert worden – auf dem Einband wäre vielleicht eine etwas andere Formulierung zu lesen. „Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches“ lautet jetzt der Untertitel. Im englischen Original, das 2017 herauskam, ist nicht nur von „climate“, sondern auch von „disease“ die Rede. Warum auch immer – die Übersetzer haben, kurz vor dem Ausbruch von Corona, die „Krankheiten“ wegfallen lassen.

Der Untergang des Römischen Reiches gehört seit zweieinhalb Jahrhunderten zu den meistdiskutierten Fragen der historischen Wissenschaft. Mittlerweile soll es dazu mehr als 200 Theorien geben. „Manche halten der Prüfung besser stand als andere“, konstatiert der Altertumswissenschaftler Kyle Harper von der University of Oklahoma. Am ehesten plausibel, meint Harper, erscheint erstens der Verweis auf den wachsenden Druck an den Außengrenzen – die Konkurrenz des Partherreichs im Osten, die Migrationsbewegungen germanischer Stämme aus dem Norden. Und zweitens die mangelnde „Nachhaltigkeit“ des politischen Systems – vor allem seine Überforderung durch die permanenten Kriege und durch einen ständig wachsenden Beamtenapparat.

Harper arbeitet in seiner Studie die Bedeutung zweier „natürlicher“ Faktoren heraus: erstens des Klimas, zweitens der Pandemien. Die aktuelle Diskussion um den vom Menschen verursachten Klimawandel in der Gegenwart hat den Blick dafür geschärft, dass sich auch in der Vergangenheit Klimaschwankungen dramatisch auf das Leben der Menschen und den Verlauf der Geschichte auswirken konnten. „Die Erde war und ist eine schwankende Plattform menschlichen Tuns“, schreibt Harper, „so instabil wie ein Schiffsdeck in einem Sturm“.

Die andere furchtbare Kraft, die immer wieder über menschliche Gesellschaften hereinbrach, waren und sind Infektionskrankheiten. Die Medizin gehört zu den ältesten Wissenschaften der Menschheit, doch sie musste lange Zeit ohne Wissen über Viren und Bakterien arbeiten. Gerade die Spätantike wurde zu einer wahren „Ära pandemischer Krankheiten“. Harper nennt drei „biologische Katastrophen“ in dieser Zeit, in den Jahren 165 bis 172 n. Chr., dann wieder 249 bis um 260 und schließlich von 541 an über volle zwei Jahrhunderte hinweg.

Die verheerenden Wirkungen macht der Verfasser an einem Vergleich mit dem Kriegsgeschehen deutlich. Die Schlacht von Adrianopel 378 n. Chr. gegen die Goten war die vielleicht schwerste militärische Niederlage der römischen Geschichte. Damals kamen etwa 20.000 Römer ums Leben. Die erste und „mildeste“ der Pandemien, die sogenannte „Antoninische Pest“, raffte binnen weniger Monate sieben Millionen Menschen hin – sieben von den etwa 75 Millionen, die damals im Reich lebten. „Bakterien sind weitaus tödlicher als Barbaren“, resümiert Harper.

Der Autor vermeidet jede Form monokausaler Erklärung, lässt jedoch keinen Zweifel: Die Wirkung natürlicher Faktoren in eine komplexe Betrachtung des Geschichtsverlaufs einzubeziehen, ist eine der großen Forschungsaufgaben der Gegenwart. Die Blüte des Römischen Reiches wurde durch einen Glücksfall der Klimageschichte zumindest begünstigt, wenn nicht überhaupt erst ermöglicht, das sogenannte „Römische Klimaoptimum“. Von etwa 200 v. bis 150 n. Chr. herrschte „ein feuchtwarmes, stabiles Klima.“

Nach den Angaben des Geographen Ptolemäus regnete es damals in Alexandria in jedem Monat des Jahres außer im August. Nordafrika galt als die Kornkammer Roms, im Atlasgebirge waren Elefanten heimisch. Das außergewöhnlich freundliche Klima wurde auch von den Römern selbst bemerkt. So beschrieb Plinius d. Ä. im 1. Jahrhundert n. Chr., dass die Buche, die bis dahin nur im Tiefland gewachsen war, nun auch in den Bergen heimisch wurde.

Begegnung von Papst Leo I. mit Hunnen-
könig Attila, Fresko von Raffael, in den
Stanzen des Vatikans, 1514 
Bild: Wikipedia 


Dabei führte die Zivilisation sehr bald zu Umweltveränderungen. Zum Beispiel dass die Elefanten im Atlas ausstarben, hängt wahrscheinlich nicht nur mit der zunehmenden Versteppung in der späten Kaiserzeit zusammen, sondern auch mit der Bejagung: Elfenbein war ein begehrtes Luxusgut. Wichtiger wurden jedoch die Klimaveränderungen in der eurasischen Steppe. Durch die Untersuchung von Wacholder-Jahresringen auf der tibetischen Hochebene, berichtet Harper, konnte nachgewiesen werden, dass die Jahrzehnte von 350 bis 370 die schlimmste Dürre der vergangenen zwei Jahrtausende brachten. Die Hunnen, die damals aus Zentralasien nach Westen drängten, waren „bewaffnete Klimaflüchtlinge zu Pferde“. Ihr Ansturm destabilisierte die Herrschaft gotischer Stämme nördlich der Donaugrenze.

Die Goten wiederum „baten massenhaft um Asyl auf römischem Territorium“. An anderer Stelle spricht Harper von „Invasionen“, die aber keine Raubzüge waren, sondern „Migrationen“, „ganze Völker begaben sich auf Wanderschaft, mitsamt Frauen und Kindern“. Der Versuch, die „Barbaren“ als Soldaten in den Dienst des Imperiums zu stellen, hatte nur sehr partiell Erfolg. Am Ende „verlor das Westreich die Kontrolle über die europäische Geopolitik“.

Den größeren Teil seines Buches widmet der Forscher jedoch den Krankheiten. Bei der „Antoninischen Pest“ von 165 handelte es sich um die Pocken. Die Natur der zweiten Pandemie von 249, der sogenannten „Cyprianischen Pest“, ist bis heute ungeklärt. Ihr war eine plötzliche Klimaveränderung voran gegangen. In Nordafrika waren Ernten durch eine Dürreperiode ausgefallen, in Ägypten blieb die gewohnte Nilschwemme mehrere Jahre lang so gut wie aus.

Beide Krisen erschütterten das Imperium, doch es überlebte. Dass Kaiser Decius im Jahr 250 durch Erlass allen Bürgern des Reiches ein Opfer für die Staatsgötter abverlangte und damit eine systematische Christenverfolgung in Gang setzte, sieht Harper im Zusammenhang mit dem Ausbruch der zweiten Pandemie im Jahr zuvor: Wer sich dem Opfer weigerte, bekundete seine Illoyalität und gefährdete darüber hinaus den Schutz der Götter für das Reich.

Aber es könnte sein, dass diese Pestilenz dem Christentum den Durchbruch in breite Bevölkerungsschichten öffnete. Das Chaos bot ein Feld für die tätige Nächstenliebe, der Glaube an die Auferstehung stärkte gegen die Angst vor dem Tod. Unter den „heidnischen“ Göttern erfuhr der Heilgott Apollon eine große Karriere. Offenbar verfügten seine Priester durchaus über medizinisches Wissen – oder jedenfalls eine Ahnung von den Zusammenhängen. In London, berichtet Harper, wurde ein Amulett gefunden, auf dem Apollon den allgemein üblichen Begrüßungsritus des Küssens verbot.

Eigentlich, meinte bereits der britische Historiker Edward Gibbons 1776, müsste man nicht fragen, warum das Reich unterging, sondern vielmehr, wie es sich so lange erhalten konnte. Das Ostreich überstand sogar die germanische Völkerwanderung des 5. Jahrhunderts und konnte in den folgenden Jahrzehnten unter Kaiser Justinian große Teile der Länder im westlichen Mittelmeerraum zurückerobern. Niemand weiß, ob dieser Erfolg vielleicht von Dauer gewesen wäre, hätte sich nicht von 541 an die Pest von Ägypten aus verbreitet. In den Jahren zuvor hatte es einen Kälteeinbruch gegeben. Die Knappheit an Nahrungsmitteln hatte das Immunsystem der Menschen geschwächt.

Anscheinend war die Pest vereinzelt bereits in früheren Jahrhunderten im Mittelmeerraum aufgetreten. Der Forscher vermutet, dass es irgendwann zu einer „winzigen genetischen Korrektur“ kam, die „ein gefährliches Bakterium in ein mörderisches verwandelte“. Wie viele Menschen der "Justinianischen Pest" zwischen dem 6. und dem 8. Jahrhundert zum Opfer fielen, lässt sich kaum schätzen. Bereits beim ersten Ausbruch könnte es in manchen Regionen ein Drittel der Bevölkerung gewesen sein. Zusammen mit der Klimaverschlechterung, die heute als „Spätantike kleine Eiszeit“ bekannt ist, schreibt Harper, „unterminierte sie die letzten Fundamente der alten Ordnung“.

Wahrscheinlich, meint Harper, ermöglichte erst die Abkühlung in den 530er Jahren dem Yersinia-pestis-Bakterium sein Vordringen. Also ein Zusammenhang zwischen dem Klimawandel und der Pandemie. Sollte das richtig sein, liegt die Frage nahe, ob nicht die Große Pest des 14. Jahrhunderts ganz ähnlich mit dem Übergang von der mittelalterlichen Warmzeit zur folgenden „Kleinen Eiszeit“ zusammenhängt. „Die beiden großen Pestpandemien zu Beginn und am Ende des Mittelalters waren die schlimmsten biologischen Katastrophen der Geschichte“, stellt Harper fest.

Ärzte der Antike, aus dem "Wiener Diosku-  
rides", um 512 (Österreichische National-
bibliothek, Wien) - Bild: Wikipedia 


Ähnlich wie in den Pandemien des 2. und des 3. Jahrhunderts reagierte das Volk auch auf die große Pest im 6. mit einer Intensivierung der Frömmigkeit, nunmehr im Zeichen des Christentums. In Rom veranstaltete Papst Gregor der Große eine drei Tage währende Bittprozession durch die Stadt. Angeblich fielen 80 Personen während der Gebete auf den Straßen tot um. Heute versuchen wir, der Corona-Pandemie mit anderen, wissenschaftlich begründeten Mitteln Herr zu werden. Aber eins ist gleich geblieben: Wir Menschen konkurrieren nicht nur mit Tieren und Pflanzen, sondern auch mit den unsichtbaren Viren und Bakterien. Was sich allerdings geändert hat, vermerkt Harper: Durch den Anstieg der Bevölkerung und die industrielle Revolution wurden die „Spielregeln“ dieser Ökologie „neu definiert“.

Zurück in die späte Antike. In den 620er Jahren gelang es Kaiser Herakleios, in einem Krieg gegen Persien zu bestehen. Aber die Kräfte des Imperiums waren erschöpft. Binnen weniger Jahre konnten die Araber beinahe mühelos Syrien, Palästina und Ägypten erobern. Harper unterstellt, dass der Siegeszug des Islams durch die apokalyptische Stimmung begünstigt wurde, die sich in den Katastrophen der Jahrzehnte zuvor herausgebildet hatte.

Begünstigt durch das „Klimaoptimum“ war es den Römern gelungen, der Natur ein Maximum dessen abzutrotzen, was unter vorindustriellen Bedingungen überhaupt möglich war – und dieses Maximum Jahrhunderte lang aufrecht zu erhalten. Das Römische Reich wurde, so Harper, „ein Opfer sowohl des eigenen Erfolgs als auch einer Laune der Umwelt“. Es waren die Handelsstraßen durch die Sahara, entlang der Seidenstraße, durch das Rote Meer und den Indischen Ozean, die dann auch den pathogenen Mikroorganismen den Weg eröffneten.

Und das Immunsystem der Bevölkerung am Mittelmeer war ihnen nicht gewachsen. Hinzu kam, dass die hygienischen Bedingungen vor allem in den Städten eine große Schwachstelle des Imperiums bildeten. Auch die Kanalisation in den Städten, meint Harper, war vermutlich nicht so effektiv, wie heute oft geglaubt wird. Vor allem im Sommer und Herbst grassierten Magen- und Darmerkrankungen. In den Sümpfen war die Malaria allgegenwärtig – ihre Opfer, wenn sie überlebten, waren umso anfälliger für andere Infektionen. Die „ökologischen Bedingungen“ begünstigten das Auftreten von Pandemien, fasst Harper zusammen. Die dicht besiedelten Städte ohne hinreichendes Abwassersystem und die enge Vernetzung der Handelsräume schufen eine Umwelt, die auch Viren und Bakterien nutzen konnten.


Neu auf dem Büchermarkt:

Kyle Harper: Fatum. Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches, aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube, Verlag C. H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-74933-9, 567 S. mit 42 Abb., 9 Tab. und 26 Kart., 32,00 €


Mehr im Internet:

Untergang des Römischen Reiches - Wikipedia 
Kyle Harper: Fatum, Verlag C. H. Beck 
scienzz artikel Römisches Reich 

 

 

 

 

 

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