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05.05.2020 - LINGUISTIK

Haare auf den Zaehnen und ein Brett vorm Kopf

Redewendungen rund um den menschlichen Koerper

von Josef Tutsch

 
 

Peter Paul Rubens: Enthauptung des
Argus, um 1636 (Prado, Madrid)
Bild: Wikipedia

Warum haben manche Menschen eigentlich „Haare auf den Zähnen“? In Schillers „Räubern“ vor fast 240 Jahren war noch vom „Haar auf der Zunge“ die Rede.

Aber ob nun auf der Zunge oder auf den Zähnen – jedenfalls an einer Körperstelle, wo keine Haare wachsen. Der Ursprung der Wendung, meint der Autor Rolf-Bernhard Essig, der bereits mehrere Bücher über Sprichwörter und Redensarten veröffentlicht hat, liegt im Umstand, dass Männern mit der Pubertät überall oder fast überall am Körper Haare wachsen, Frauen dagegen nicht. Aufgrund der früher üblichen Aufgabenteilung, dass Männer und nur Männer für den Kampf zuständig waren, wurden Haare mit Mut assoziiert. Und Haare an Stellen, wo sie eigentlich nicht wachsen, mit ungehöriger Streitlust, vor allem bei Frauen.

Essig hat in seinem neuen Buch etwa 500 Redewendungen rund um den menschlichen Körper unter die Lupe genommen, „von Kopf bis Fuß“. Ein buntes Kaleidoskop, ohne Anspruch auf Vollständigkeit: Das fünfbändige „Deutsche Sprichwörter-Lexikon“ von Karl Friedrich Wilhelm Wander listete im Jahr 1880 allein für „Herz“ 628 Wendungen auf, für „Auge“ 751 usw., für den menschlichen Körper insgesamt mehr als 4.000. Der knappe Umfang des Bändchens von gut 200 Seiten zwingt zur Beschränkung. Offene Forschungsfragen können nur selten angesprochen werden.

Mancher Ausdruck erklärt sich von selbst, aus der Alltagsbeobachtung. Wenn es den Leuten bei Grusel heiß oder kalt den Rücken hinunterläuft, beschreibt das eine Reaktion des vegetativen Nervensystems. Bei anderen weiß man nicht so recht. Was meint etwa der „Arsch mit Ohren“? Dass „Arsch“ einen verächtlichen Menschen bezeichnet, ist nichts Besonderes. Aber warum die Ohren? Vielleicht, vermutet Essig, sollte das Gesicht als Ausdruck der Persönlichkeit mit dem verachteten Hinterteil gleichgesetzt werden.

Viele Wendungen stammen aus einer Lebenswelt, die früher selbstverständlich war, uns heute jedoch fremd geworden ist. Zum Beispiel das „Brett vorm Kopf“. Es handelte sich um das Blendbrett, das man Ochsen in der Landwirtschaft vor die Augen hängte, damit sie nur vorsichtig einen Schritt vor den anderen setzten. Oder das „Schlitzohr“. Sah man einen Menschen mit geschlitzten Ohren, dann wusste man, er war als Betrüger verurteilt und bestraft worden. Ebenfalls auf einen alten Rechtsbrauch geht zurück, dass etwas „Hand und Fuß“ hat. Bei schweren Vergehen konnten Hände oder Füße abgeschlagen werden. Wer sie nicht hatte, war womöglich kein Kriegsheld, sondern ein Verbrecher.

An den Zirkus haben wir zu denken, wenn jemand „genasführt“ wird: Bären konnte man seinen Willen mit einem Ring durch die Nasenscheidewand aufzwingen. An einem Seil wurden sie dann durch die Manege geführt. Die „Nagelprobe“ bezieht sich auf einen alten Trinkbrauch. Wenn man auf das Wohl eines anderen trank, durfte möglichst wenig an Flüssigkeit bleiben. Um das darzutun, wurde das Glas über dem Daumen umgedreht. Tropfte mehr als bloß ein einziger Tropfen herunter, der auf dem Daumen Platz hatte, war die Nagelprobe vertan.

Ziemlich viele der im Deutschen gebräuchlichen Redewendungen stammen aus der Bibel. Wenn wir sagen „ich kann mir nichts aus den Rippen schneiden“, dann bedeutet das: Ich bin nicht allmächtig. In der Genesiserzählung ist es Gott, der aus Adams Rippe die erste Frau, Eva, schafft. Dass wir „aus unserem Herzen keine Mördergrube machen“, liegt dagegen nicht direkt an der Bibel. Es geht auf eine Freiheit zurück, die sich Martin Luther in seiner Übersetzung erlaubte. In der Erzählung von der Vertreibung der Händler aus dem Tempel spricht das griechische Original von einer „Höhle der Räuber“. Luther schrieb, ein Stück drastischer, „Mördergrube“. Das Herz ist in die Redewendung hineingekommen, weil es theologisch gern als Tempel Gottes aufgefasst wird.

Michelangelo: Erschaffung Evas, um 1510
(Sixtinische Kapelle, Vatikan, Rom)
Bild: Wikipedia 


Andere Ausdrücke erklären sich aus der antiken Medizin, die das Denken der Ärzte über den menschlichen Körper bis weit in die Neuzeit hinein bestimmte. „Einem läuft die Galle über“: Gemeint ist die bittere Flüssigkeit aus der Gallenblase, die für Zorn und Wut verantwortlich gemacht wurde. Oder auf die volkstümliche Naturkunde. „Sich etwas aus den Fingern saugen“: Altem Volksglauben zufolge ernähren sich Bären im Winterschlaf, indem sie Milch aus ihren Pfoten saugen. Der Ausdruck wurde dann auf jede Art von freier Erfindung angewendet. Essig zitiert Goethe: „Dichter gleichen Bären, die stets an eignen Pfoten zehren.“

Manche Redensarten setzen Vertrautheit mit der antiken Mythologie voraus, sie müssen in Gelehrtenkreisen entstanden sein. Die „Argusaugen“: Noch heute benennen Detektive gelegentlich ihre Agentur nach dem hundertäugigen Riesen, dem nichts entgehen konnte. Leider haben diese Detektive die alte Geschichte wohl nicht zu Ende gelesen: In den „Verwandlungen“ des Ovid wird der Riese eingeschläfert und enthauptet.

In manchen Fällen boten auch populäre Werke der zeitgenössischen Literatur einen Boden, aus dem sich neue Redensarten entwickelten. Ich wollte „über einen Morast setzen“, erzählte 1786 der Freiherr von Münchhausen in Gottfried August Bürgers „Wunderbare Reisen“. „Ich fiel nicht weit vom anderen Ufer bis an den Hals in den Morast. Hier hätte ich unfehlbar umkommen müssen, wenn nicht die Stärke meines eigenen Armes mich an meinem eigenen Haarzopfe, samt dem Pferd, welches ich fest zwischen meine Knie schloss, wieder herausgezogen hätte.“

In vielen Fällen ist sogar damit zu rechnen, dass eine Redewendung mehrere Ursprünge haben könnte, die einander verstärkten. Beim römischen Geschichtsschreiber Livius ist die Geschichte von Gaius Mucius Scaevola überliefert, der vor dem Etruskerkönig Porsenna seine „Hand ins Feuer legte“, um die überragende Tapferkeit der Römer zu demonstrieren. Aber seine Hand ins Feuer zu legen, konnte im Mittelalter durchaus zur Lebenswelt gehören. Es war eine der Proben, die Angeklagten im Gottesurteil abverlangt wurden.

Manchmal muss Essig passen, weil bislang keine befriedigende Erklärung für eine Redensart gefunden werden konnte. „Der Bart ist ab“ kam im späten 19. Jahrhundert auf. Ging es um Kaiser Wilhelm II., der im Gegensatz zu Vater und Großvater lediglich einen Schnauzer trug? Oder vielmehr um einen Schlüsselbart? Ist er ab, kann man mit dem Stumpf jedenfalls nichts anfangen.

Aber Hand aufs Herz: Kann man eigentlich „aus Scheiße Gold“ machen? Diese Kunst gehörte bis weit in die Neuzeit hinein zwar nicht zur Lebens-, wohl aber zur Vorstellungswelt der Menschen: Die Alchemisten behaupteten von sich tatsächlich, aus unedlen Stoffen Gold machen zu können. Und woher kommt der Ausdruck „Da steh ich nun mit meinem gewaschenen Hals“, in dem Sinn: Warum hab ich mir soviel Mühe gemacht? Ein alter Witz, erläutert Essig. Ein Junge wird aufgefordert, seinen Hals zu waschen, weil Besuch angekündigt ist. Er kontert mit dem Satz: „Und wenn der Besuch nicht kommt, steh ich da mit meinem gewaschenen Hals.“


Neu auf dem Büchermarkt:

Rolf-Bernhard Essig: Hand aufs Herz. Redensarten von Kopf bis Fuß und ihre wunderbaren Geschichten, mit Illustrationen von Detlef Surrey, Duden Verlag, Berlin 2020, 208 S., ISBN 978-3-411-71115-4, 10,00 €


Mehr im Internet:
Redensarten - Wikipedia 
Rolf-Bernhard Essig: Hand aufs Herz, Duden Verlag
scienzz artikel Sprechen

 

 

 

 

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