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kultur

03.06.2020 - ENGLISCHE LITERATUR

Alptraeume - mit Moral und versoehnlichem Ausgang

Vor 150 Jahren verstarb Charles Dickens

von Josef Tutsch

 
 

Charles Dickens
Bild: Wikipedia

Wer weiß, wenn die Übersetzerin Erika Fuchs sich nicht bereits in den 1950er Jahren daran gemacht hätte, Walt Disneys „Duck Tales“ ins Deutsche zu übertragen – vielleicht hieße die reichste Ente der Welt heute nicht Dagobert. Im amerikanischen Original trägt sie den Namen „Scrooge McDuck“ – Scrooge nach dem herzlosen Geizhals bei Charles Dickens, der sich über Weihnachten zu einem gütigen Menschen läutert. Fuchs konnte damals noch nicht davon ausgehen, dass „Scrooge“ durch die alljährliche Fernsehübertragung von Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ dem deutschsprachigen Publikum etwas sagen würde. Sie wählte stattdessen den Vornamen „Dagobert“.

Charles Dickens, der vor 150 Jahren, am 9. Juni 1870, auf seinem Landsitz bei Rochester in der Grafschaft Kent verstarb, ist bis heute einer der beliebtesten englischen Erzähler – kein Wunder, dass sich auch die Disney Company gern aus seinem Werk bediente. Manche seiner Figuren sind sprichwörtlich geworden wie eben jener Ebenezer Scrooge oder auch Uriah Heep aus dem Roman „David Copperfield“, der im Englischen zum Synonym des schurkischen Speichelleckers wurde; auch eine erfolgreiche Rockband wählte ihn ironisch zu ihrem Namen.

Dass spätestens beim zweiten Lesen der dickleibigen Romane ermüdende Weitschweifigkeiten und penetrante Sentimentalitäten auffallen – geschenkt. Dem Beifall des großen Publikums tat es keinen Abbruch. Dickens zeigte niemals Bedenken, dem Geschmack seiner Leser Rechnung zu tragen, und zugleich prangerte er in seinen Romanen soziale Missstände seiner Gegenwart genau in jenem Maße an, das aufwühlte und erschütterte, aber niemals abstieß. Immer wird die Sozialkritik mit grotesker Komik und skurrilem Humor vorgetragen; Held und Leser dürfen darauf bauen, dass am Ende ein versöhnlicher Ausgang steht. So sind viele seiner fast zwei Dutzend Romane bis heute populär geblieben; sie werden von Jung und Alt gelesen und in allen Gesellschaftsschichten.

Dickens selbst hatte in seiner Jugend hinreichend Gelegenheit gehabt, die Schattenseite der englischen Gesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kennen zu lernen. Bereits der Umzug der Familie aus einem kleinen, eher idyllischen Ort an der Südküste in die Riesenstadt London muss für den Zehnjährigen ein Kulturschock gewesen sein. Ein Jahr später kam sein Vater ins Schuldgefängnis; Charles musste als Hilfsarbeiter in einer Fabrik für Schuhpolitur das Aufkommen der Familie sichern.

Die Romane lassen die Gefühlsverwirrung ahnen, in die das Kind damals gestürzt wurde: der neidvolle Blick auf die unerreichbaren Sphären bürgerlicher Respektabilität und zugleich eine gewisse Faszination durch die dunkle Alternative des Verbrechens ... Seine Berufstätigkeit als Schreiber bei einem Rechtsanwalt und als Parlamentsberichterstatter verschaffte ihm Einblick in die Mechanismen, die solche Zustände hervorbrachten. Zum Glück blieb ihm Zeit, in der Bibliothek des Britischen Museums Literatur zu lesen. 1836/37 brachte er seinen ersten eigenen Romanen heraus, die „Pickwick Papers“.

Das humoristische Werk, das in monatlichen Fortsetzungen erschien, zum Preis von jeweils einem Shilling, machte ihn über Nacht berühmt. Es blieb Dickens’ heiterstes Werk. Erst im zweiten Roman, „Oliver Twist“, 1837 bis 1839 ebenfalls in Fortsetzungen erschienen, griff er auf seine düsteren Jugenderinnerungen zurück. Millionen und Abermillionen Leser haben die Geschichte von dem armen Waisenjungen verschlungen, der in Kinderarbeit ausgebeutet wird und beinahe eine Verbrecherlaufbahn einschlagen muss, bis am Ende dann doch seine wahre, gutbürgerliche Herkunft entdeckt wird. Dickens’ Schilderung der sozialen Missstände gilt als das vielleicht eindrucksvollste literarische Zeugnis jener Zeit – um so eindrucksvoller, als der Titelheld selbst im Kontrast dazu doch bis zur Unglaubwürdigkeit edel wirkt.

Illustration vom Titelblatt der Original-
ausgabe von "Christmas Carol", 1843,
John Leech - Bild: Wikipedia 


Eine Schwäche der Charakterzeichnung? Der englische Untertitel „The Parish Boy’s Progress“, „Der Weg des Fürsorgezöglings“, weist auf eine andere Spur. Dickens bezog sich auf „The Pilgrim’s Progress“, das berühmte Erbauungsbuch des Baptistenpredigers John Bunyan von 1678, das den Weg der Seele durch die irdischen Niederungen bis an den Rand der Hölle und am Ende dann doch in die himmlische Stadt aufzeigte. Dickens überführte die barocke Dichtung sozusagen in die Sphäre des literarischen Realismus – mit dem schwer erklärlichen Faktum, dass der Held durch seine Umwelt zwar massiv behindert und gefährdet, aber in seiner moralischen Persönlichkeit niemals geschädigt wird. Am Ende darf er sich dann tatsächlich in die ersehnte bürgerliche Welt integrieren.

Mit „Oliver Twist“ erwarb sich der Autor einen Ruf in der gesamten englischsprachigen Welt. Nach seiner Rückkehr von einer Amerikareise veröffentlichte er die „Weihnachtsgeschichte“ – über eine Unzahl von Film- und Fernsehfassungen heute wohl sein bekanntestes Werk. Ein hartherziger und höchst unsympathischer Geschäftsmann, der sich zum Lieblingsgroßvater aller Kinder läutert – nur durch den „Geist der Weihnacht“ konnte es gelingen, diese Wandlung glaubhaft zu machen. Dickens wird sich nicht der Illusion hingegeben haben, dass so etwas in die Realität zu übersetzen wäre. Er hatte den Institutionen und Mechanismen, die alles Menschliche zu erdrücken drohten, nur einen Appell an die Menschlichkeit entgegen zu setzen.

Die Figur des Scrooge hatte Dickens als Allegorie des „Malthusianismus“ konzipiert. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der Ökonom Thomas Malthus es für eine Art Naturgesetz erklärt, dass die Armen arm sind und womöglich hungern müssen. Das war zunächst einmal als nüchterne Erkenntnis gemeint, aber weite Teile des Publikums nahmen es als Ausdruck eines göttlichen Willens. Der Nationalökonom David Ricardo hielt dagegen, Malthus gebe „den Reichen eine sehr erfreuliche Formel an die Hand, die Missgeschicke der Armen zu erklären“.

Dabei hatte Dickens gar nicht erst den Ehrgeiz, Malthus theoretisch zu kritisieren. Er erklärte das scheinbare Naturgesetz unter moralischem Gesichtspunkt für unerträglich. Ein wenig hat der Roman „David Copperfield“, 1849, denn auch von einem Märchen. Der junge Held wächst in einer grausamen Erwachsenenwelt auf und macht dennoch sein Glück. Übrigens als Schriftsteller, nach dem Vorbild seines Verfassers. Auch der hatte inzwischen den Durchbruch geschafft und konnte beruhigt auf seine jugendlichen Leiden zurückblicken. Dickens erklärte den „David Copperfield“ für sein „Lieblingskind“. Viele Literaturkritiker halten ihn für sein bestes Werk, und einer der bedeutendsten Kindheits- und Jugendromane der Weltliteratur ist er allemal.

Die folgenden Romane legen jedoch den Gedanken nahe, dass Dickens sowohl diese Märchenwelt als auch den rein moralischen Appell an die Menschlichkeit als ungenügend empfand. Er versuchte, sich eine sozialpolitische Programmatik zu erarbeiten. In „Harte Zeiten“ von 1854 haben die Interpreten Spuren einer intensiven Lektüre des Historikers Thomas Carlyle und des sozialreformerischen Theologen Charles Kingsley gefunden.

Mit den Ansätzen zu einem solchen Programm setzte sich Dickens im Ergebnis freilich zwischen alle Stühle. Von konservativer Seite wurde ihm vorgeworfen, das Buch rufe zum Klassenkampf auf; aber ebenso wurde ihm Verständnislosigkeit gegenüber den Organisationen der Arbeiterklasse vorgehalten – im Grunde wolle er doch auf eine illusorische Versöhnung von Kapital und Arbeit hinaus. Die Bewertung von „Harte Zeiten“ schwankt bis heute zwischen „misslungen“ und „Meisterwerk“. Zu den Bewunderern gehörte Dickens’ jüngerer Kollege George Bernard Shaw; von dem folgenden Roman „Little Dorrit“ meinte Shaw gar, er sei „aufrührerischer“ als Karl Marx’ „Kapital“.

Mit der „Geschichte aus zwei Städten“ wagte sich Dickens 1859 auf ein Gebiet, das ihm bislang fremd gewesen war, das des historischen Romans. Grundlage war Thomas Carlyles großes historisches Werk über die Französische Revolution. Anhand der beiden Städte London und Paris spürte Dickens einer Alternative zu der englischen Entwicklung nach, die seiner Einsicht nach doch so viel soziales Unglück hervorgebracht hatte. Der Autor blieb zwiespältig: Einerseits sympathisierte er mit der Revolution in Frankreich, andererseits konnte er sich nicht der Einsicht verschließen, dass auch sie viel Schrecken verursacht hatte.

Illustraton zu "David Copperfield", 1849,
von Hablot Knight Browne - Bild: Wikipedia


Dickens’ ambivalente Haltung haben sich wohl nicht alle Leser zu eigen gemacht. 1989 bei der 200-Jahr-Feier der Französischen Revolution überreichte Premierministerin Margaret Thatcher Frankreichs Staatspräsidenten Francois Mitterand ein Exemplar der Erstausgabe – mit der Bemerkung, dort könne er nachlesen, dass diese Revolution unnötig gewesen sei. Großbritannien habe eine viel glücklichere Entwicklung absolviert. Wahrscheinlich ist diese Äußerung für die Dickens-Rezeption in England gar nicht so untypisch: Das Werk eines Nationalschriftstellers kann mit der Vergangenheit dieser Nation versöhnen, so kritisch er selbst sie auch dargestellt haben mag.

Der große Erzähler, der ja nicht nur Sozialkritiker war, sondern vor allem Humorist und Satiriker, stattete seine alptraumhaften Romane vom viktorianischen Zeitalter immer auch mit versöhnlichen Zügen aus. Und in seinen besten Passagen mit einer Kunst der symbolischen Verdichtung, die bis heute unübertroffen ist. So wird in „Bleak House" der Londoner Nebel als Sinnbild des undurchsichtigen Rechtssystems geschildert. In einem späten Roman, den „Großen Erwartungen“ von 1860/61, entwickelte er eine Virtuosität in der Erfassung des inneren Erlebens, die wie eine Vorwegnahme des Surrealismus zwei Generationen später wirkt.

Oder vielmehr wie eine Wiederaufnahme barocker Dichtungselemente, die ansonsten im bürgerlichen Realismus des 19. Jahrhunderts verschüttet waren. Der alternde Dickens hatte seine Leseeindrücke aus der British Library nicht vergessen, etwa an John Miltons Epos vom „Verlorenen Paradies“, 1667. Der Schluss von „Große Erwartungen“ paraphrasierte Miltons Schilderung, wie Adam und Eva das Paradies verlassen mussten, damit zugleich aber auch die Menschheitsgeschichte eröffneten.

Mit diesem hoffnungsvollen Ausgang tat sich Dickens schwer. Er schuf ihn erst auf Drängen seines Freundes Edward Bulwer-Lytton, des Verfassers der „Letzten Tage von Pompeji“. In einer ersten Version hatte das Buch in Resignation geendet. Viele Kritiker wie zum Beispiel Shaw sind vehement für diese erste Fassung eingetreten. Aber Dickens wollte wohl – ganz in christlicher Tradition – ein Zeichen setzen, dass diese Welt zwar keine Stätte des Glücks sei, aber eben doch eine Stätte des liebevollen Handelns.

Und, allem Leiden zum Trotz, auch eine Stätte des Humors. Nicht nur in seinen Romanen: Generationen von Reisenden aus England dienten Dickens „Bilder aus Italien“ als Begleitbuch, auch zur Tröstung, wenn sie sich mit der „klassischen“ Bildung ein wenig schwer taten. Der Erzähler verstand es, die hohen Vorbilder von ihrem Podest herunter zu holen, ohne doch seine Liebe zu verleugnen. Von seinem Besuch am Balkon der Julia in Verona, „wo man in einer Brut kotbespritzter Gänse knöcheltief im Schmutze ging“: „Ein grimmiger Hund lauerte boshaft unter dem Torweg und hätte, wenn er damals am Leben gewesen wäre, Romeo im Augenblicke am Bein erwischt, sobald er es über die Mauer gebracht hätte.“


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