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18.05.2020 - PHILOSOPHIE

Passt nicht auf weite Teile der Welt

Die Saekularisierung im Abendland - und die Schwierigkeiten eines Exports

von Josef Tutsch

 
 

Ernst-Wolfgang Böckenförde,
Portrait von Michael Otto, 2014
Bild: Harvey Kneeslapper/
Wikipedia

Nach dem 11. September 2001 befragte die Regierung der USA die RAND Corporation, wie potentiell terroristischen Strömungen im Islam entgegenzuwirken sei. Die Forscher des Think Tanks betonten in ihrer Antwort, problematischer als die Gewaltbereitschaft einzelner extremistischer Gruppen sei das Verhältnis vieler Muslime zu ihrer religiösen Tradition. Bislang habe es im Islam so etwas wie Reformation und Aufklärung nicht gegeben. Die „natürlichen Verbündeten“ des „Westens“ seien deshalb jene Muslime, die sich für eine „liberale“ Interpretation des Islams geöffnet hätten. Solche Tendenzen müsse man fördern, wenngleich auch in diesen Kreisen nicht unbedingt Beifall für die aktuelle Politik der USA im Nahen Osten zu erwarten sei.

Gedanken, die in Nordamerika und Europa viel Zustimmung fanden. In Teilen der islamischen Welt dagegen, berichtet die Anthropologin Saba Mahmood von der University of California, Berkeley, in ihrem Beitrag zum neu erschienenen Sammelband zum Thema „Säkularisierung“, wurden sie als herabwürdigende Pädagogik wahrgenommen, als „paternalistischer Gestus“. Von den Muslimen werde erwartet, den Koran zu „historisieren“, wie es seit der Aufklärung im Christentum mit der Bibel geschah. Mit dem Unterschied, dass diese „Säkularisierung“ in Westeuropa und Nordamerika aus dem Christentum selbst erwuchs, ihm nicht von außen zugemutet wurde.

In dem umfangreichen Band, den drei Germanisten der Berliner Humboldt-Universität sowie der Universität Konstanz sowie des Macalester College in St. Paul, Minnesota, herausgegeben haben, sind fast 80 „Grundlagentexte zur Theoriegeschichte“ der Säkularisierung zusammengestellt. In dem thematisch verwandten Handbuch über „Religionsphilosophie und Religionskritik“, der vor zwei Jahren ebenfalls im Suhrkamp Verlag herauskam, ging es so gut wie ausschließlich um die abendländische Ideengeschichte, daneben war lediglich das islamische Mittelalter berücksichtigt. Hier befasst sich ein Zehntel der Texte kulturvergleichend mit dem Islam der Neuzeit und der Gegenwart. Die meisten davon sind auch aus islamischer Perspektive geschrieben.

Ein Zehntel klingt nach gar nicht so viel. Aber dieser Teil gewinnt an Gewicht, wenn man bedenkt, dass ein solches Handbuch unvermeidlich auch den „klassischen“ Texten zum Thema ihren Raum geben muss, von John Locke über Kant und Hegel bis zu Max Weber und zu Hans Blumenberg. Durch die Kulturvergleichung gewinnt der ideenhistorisch angelegte Band zugleich eine aktuelle Brisanz. Religion sei heute weniger das „Opium des Volkes“, wie Karl Marx es einst formulierte, sondern ein „Dynamit“, vermerkte 2006 der Ägyptologe Jan Assmann.

„Secularisierung“, definierte 1743 „Zedlers Universal-Lexicon“, sei „eine Einziehung geistlicher Güter, die Verwendung geistlicher Güter zu weltlichen Dingen“. Also ein juristischer Begriff, nämlich zur Stellung der Kirche im weltlichen Recht. 1765 ergänzte die französische „Encyclopédie“, das Wort habe auch eine innerkirchliche Bedeutung: Es bezeichne den Akt, einen Geistlichen „gegen sein Gelübde in seinen früheren“, nämlich weltlichen Stand zurückzuversetzen.

Recht vorsichtig sprach die „Encyclopédie“ die Hoffnung aus, „Säkularisationen“ könnten ihre Rolle im Kampf gegen „Unwissenheit und Aberglauben“ spielen. Da deutete sich bereits der geschichtsphilosophische Klang an, der den Begriff in der Folgezeit über das rein Deskriptive hinaus zur politischen Parole machte. Mit dem Begriff der Säkularisierung, erläutern die Herausgeber des Bandes in der Einleitung, „verbinden sich im westlichen Denken unhintergehbare Werte wie ‚Gleichheit‘, ‚Demokratie‘, ‚Freiheit‘, ‚Individualität‘ und nicht zuletzt ‚Toleranz‘“.

Eine Seite später lassen die Herausgeber die große Ernüchterung folgen: Dieses Modell der Säkularisierung „passt nicht auf weite Teile der Welt“, er „ist nicht globalisierbar“. In diesem Satz liegt nicht mehr und nicht weniger als der Abschied von jener Hoffnung, die Max Weber vor einem Jahrhundert in seinen „Aufsätzen zur Religionssoziologie“ ausdrückte: Der Weg der „europäischen Kulturwelt“ in die Moderne möge „in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit“ liegen.

Max Weber 1917 - Bild: Wikipedia 


Ein Großteil des Bandes besteht aus Reflexionen über die Frage, was im „Westen“ in den letzten drei Jahrhunderten unter dem Titel „Säkularisierung“ eigentlich geschehen ist. 1799 zeichnete Novalis in einem Fragment unter dem Titel „Europa“, sicherlich nicht ohne Ironie, ein Bild davon, wie die „ächtkatholischen“ und „ächtchristlichen“ Zeiten vor der Reformation gewesen sein könnten: „wo Europa ein christliches Land war, wo ‚eine‘ Christenheit diesen menschlich gestalteten Weltteil bewohnte“. Heute würde man da wohl von „Nostalgie“ sprechen. Bloß in einer Anmerkung notieren die Herausgeber, dass der Orientalist Gustav Edmund von Grunebaum 1963 die islamische Kultur ganz ähnlich als ein großes Einheitsprojekt sah, aber mit deutlich kritischem Unterton: „Der Islam fordert als Ideal ein Leben, in dem von der Wiege bis zum Grabe nicht ein einziger Augenblick im Widerspruch mit der religiösen Norm verläuft.“

1874 veröffentlichte der britische Philosoph John Stuart Mill einen Aufsatz mit dem Titel „Die Nützlichkeit der Religion“. Eine Fragestellung, die erst aufkommen konnte, nachdem der Glaube seine zwingende Selbstverständlichkeit verloren hatte. Wir leben in einem Zeitalter, schrieb Mill, in dem der Glaube „viel mehr durch den Wunsch der Menschen zu glauben bestimmt wird, als durch die Überzeugung von seiner Beweiskraft“.

Eine Entwicklung, die durch die Verheerungen der konfessionellen Bürgerkriege in der frühen Neuzeit gefördert wurde. 1967 skizzierte der Rechtsphilosoph Ernst-Wolfgang Böckenförde die Folgen für das Institutionengefüge: „Die Religion wurde in den Bereich der Gesellschaft verwiesen, zu einer Angelegenheit des Interesses und der Wertschätzung einzelner oder vieler Bürger erklärt, ohne aber Bestandteil der staatlichen Ordnung als solcher zu sein.“

Böckenförde würdigte darin eine große Errungenschaft, sah jedoch zugleich eine große Gefahr: Die Religion habe den europäischen Staaten ein ethisches Fundament gegeben, das Freiheit, auch die Freiheit von Religion, erst möglich mache. Seine nachdenkliche Überlegung wurde als „Böckenförde-Dilemma“ berühmt: „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann.“

Ist es vielleicht eine Selbsttäuschung, wenn wir annehmen, im modernen Leben habe die Religion ihre beherrschende Stellung verloren? 1921 stellte Walter Benjamin, mit Lust an der Provokation, die These auf, der Kapitalismus habe in der frühen Neuzeit nicht etwa die Säkularisierung von Religion begünstigt. Vielmehr habe sich das Christentum „in den Kapitalismus umgewandelt“. 2017 knüpfte der italienische Philosoph Giorgio Agamben an diesen Gedanken an: Kapitalismus wie Christentum seien geprägt vom unbedingten Glauben an das, was man eigentlich bloß hoffen könne.

Andererseits geriet auch die kommunistische Ideologie unter Verdacht, sie sei eine Fortsetzung religiöser Heilsversprechen mit anderen Mitteln. 1950 deutete der Philosoph Karl Löwith die modernen Fortschrittsideologien insgesamt als weltliche Umformulierungen der jüdisch-christlichen Heilsgeschichte. Umgekehrt hielt Hans Blumenberg den Säkularisierungsthesen vor, sie würden die „Legitimität der Neuzeit“ in Frage stellen: Die „humane Selbstbehauptung“ sei ein Bruch mit dem „theologischen Absolutismus“ des Mittelalters, nicht dessen Transformation – was wiederum Löwith zu der Replik veranlasste, auch das sei eine Variante der Säkularisierungtheorie.

Offenbar sei das Denkschema „Säkularisierung“ bei aller Wandelbarkeit doch sehr lebenskräftig, merken die Herausgeber zu dieser Kontroverse an. 1996 betonte Jacques Derrida, Vernunft und Religion, Wissenschaft und Religion seien nicht in einem naiven Gegensatz zu denken: „Religion und Vernunft haben eine gemeinsame Entwicklung, die ausgeht von ihrem gemeinsamen Kräftevorrat – Derrida erinnerte an den religiösen Eid, die Anrufung Gottes, des „absoluten Zeugen“, zum „Versprechen, wahrhaft zu reden“.

Immanuel Kant, Portrait von Gott-
lieb Doebler, 1791 - Bild: Wikipedia 


Vielleicht ist dieser Wille zur Wahrheit, wie der Philosoph Michel Foucault argwöhnte, aber auch nur ein Denksystem neben möglichen anderen, konkurrierenden. 2009 kam der amerikanische Religionswissenschaftler José Casanova zu dem Schluss, der Säkularismus sei heute die Ideologie der westlichen Moderne, mit der Funktion, Religiosität zu einer „intellektuellen Regression“ zu erklären. Casanova verwies auf eine Meinungsumfrage des International Survey Social Programme von 1998, also bereits vor den Terroranschlägen 2001: In den westeuropäischen Ländern hielten mehr als zwei Drittel der Befragten Religion ganz allgemein für einen Quell der Intoleranz. 

Aber hat nicht auch die Kultur des Westens mitsamt der „Säkularisierung“ ihr expansionistisches Potential, das in anderen Kulturen als eine Form von „Gewalt“ empfunden werden kann? 1962 formulierte der persische Schriftsteller Dschalal Al-e Ahmad eine Generalabrechnung mit dem „Westen“: „Ich spreche von ‚Verwestlichung‘ so, wie man von einer ansteckenden Krankheit oder von einer Seuche spricht“, „oder von einem Befall mit Schädlingen.“

Al-e Ahmad sah in den westlichen „Werten“ bloß einen Lebensstil – und verneinte rigoros, dass dieser Stil Anspruch auf universale Geltung haben könnte. Sein Artikel, der 1962 entstand, gab der shiitischen Revolution im Iran die Richtung vor. Nun wären entsprechende Polemiken natürlich auch im Europa des 19. und 20. Jahrhunderts zu finden. Die Herausgeber des Sammelbands haben auf Texte aus diesem Zusammenhang verzichtet. 1922 verwies der Staatsrechtler Carl Schmitt in seinem Buch „Politische Theologie“ auf den Spanier Donoso Cortés, der in der Mitte des 19. Jahrhunderts das Bürgertum als „diskutierende Klasse“ gegeißelt hatte. Die tendenziell unendliche Diskussion in Presse und Parlament einerseits, andererseits der Versuch, metaphysischen Wahrheitsfragen auszuweichen, gehörten in Donoso Cortés‘ Sicht zusammen.

Weniger aggressiv als Al-e Ahmad, prinzipiell jedoch vergleichbar stellte auch Saba Mahmood 2006 die „moralische Überlegenheit“ der westlichen, säkularen Kultur in Frage: Der Säkularismus laufe weniger auf eine „Vermeidung religiöser Streitigkeiten“ hinaus als auf die „Marginalisierung oder Eliminierung jener religiösen Lebensformen, die als unverträglich mit einem säkular-politischen Ethos eingestuft werden“.

Zum Beispiel in Form der womöglich herablassenden „Pädagogik“, die von der RAND Corporation empfohlen wurde. Wie immer man den abendländischen Säkularisierungsprozess einschätzen mag – die Schwierigkeit, seinen Ertrag, den man doch wohl eine „Errungenschaft“ nennen darf, in andere Kulturen zu „exportieren“, ist offenkundig. Die andere Frage muss sein, wie bei solchen Diskrepanzen ein friedliches Zusammenleben in einer einzigen Welt möglich sein könnte.



Neu auf dem Büchermarkt:

Säkularisierung. Grundlagentexte zur Theoriegeschichte, herausgegeben von Christiane Frey, Uwe Hebekus und David Martyn, Suhrkamp Verlag, Berlin 2020, suhrkamp taschenbuch wissenschaft 2203, ISBN 978-3-518-29803-9, 765 S., 34,00 € [D], 35,00 [A]



Mehr auf dem Büchermarkt:

Säkularisierung - Wikipedia
Säkularisierung, hg. von C. Frey, U. Hebekus und D. Martyn, Suhrkam Verlag  
scienzz artikel Religion in der Moderne 

 

 

 

 

 

 

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