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23.05.2020 - TIMBROLOGIE

Was die Staaten zur Schau tragen wollen

Geschichtskultur und Politik ueber Briefmarken

von Josef Tutsch

 
 

Germania auf Briefmarke des
Deutschen Reiches, 1920
Bild: Wikipedia

1980 wollte die Deutsche Bundespost die Einführung des Weinbaus hierzulande würdigen. Die drei Bilder auf der 50-Pfennig-Briefmarke zeigten die Arbeit im Weinberg, in der Kelter und im Keller. „Zwei Jahrtausende Weinbau in Mitteleuropa“ besagte die Aufschrift.

„Zwei Jahrtausende“ – das würde etwa 20 v. Chr. bedeuten, ein Vierteljahrhundert, nachdem Caesars Truppen die Gebiete an Rhein und Mosel erreicht hatten. Dass die ersten römischen Siedler gleich damit begannen, Wein anzubauen, ist aber ganz unwahrscheinlich, meint der Mittelalter-Historiker Achim Thomas Hack von der Universität Jena im neu erschienen Sammelband zur Kulturgeschichte der deutschen Briefmarke. Sicherlich wurde der Rebensaft einige Jahrzehnte lang noch aus dem Süden importiert.

Mit dem großen Jubiläum hätte man, streng genommen, also noch eine Weile warten müssen. Ein bisschen zu spät kam dagegen 1998 die Briefmarke „Über 1.100 Jahre Hopfenanbau in Deutschland“. Zu sehen sind etliche Personen bei der Erntearbeit. Der älteste Beleg für Hopfen in Deutschland stammt jedoch spätestens aus den Jahren um 870.

Allzu genau darf man es mit den „runden“ Jubiläen wohl nicht nehmen. Aber offenbar besteht in der Politik ein großes Bedürfnis, dass historische Ereignisse, von denen man annimmt, sie könnten etwas Wichtiges über unser Land aussagen, in den Briefmarken wider gespiegelt werden. Im Jahr 2018, hat Hack ausgezählt, machten solche Jubiläen nahezu ein Drittel der Motive auf deutschen Briefmarken aus.

Von einer „Spiegelung“ im Sinn getreuer, sozusagen wissenschaftlich exakter Wiedergabe der Historie kann dabei natürlich keine Rede sein, betonen die Forscher von der Universität Jena, die den Sammelband erstellt haben. Es ist eher die Geschichtskultur der Gegenwart, der politisch motivierte Umgang mit Geschichte, der in den Briefmarken zum Ausdruck kommt. Hack zitiert den Kunsthistoriker Aby Warburg, der 1926 sagte: „Wenn alle Dokumente verloren sind, genügt ein vollständiges Markenalbum zur Total-Rekonstruktion der Weltkultur im technischen Zeitalter.“

Bislang, klagt Hack, sind Briefmarken jedoch ein arg vernachlässigter Forschungsgegenstand, anders als zum Beispiel Münzen und Wappen. Während Numismatik und Heraldik sich längst als „historische Hilfswissenschaften“ etablieren konnten, steht ein vergleichbarer Prozess bei der „Timbrologie“ noch aus. Nicht einmal dieser Name für die Disziplin ist im Deutschen fest eingeführt. Der gängige Ausdruck Philatelie macht klar: Briefmarkenkunde ist keine Wissenschaft, sondern eine Liebhaberei. Das philatelistische Standardwerk, der „Michel“, ist vor allem ein Preiskatalog.

1947 brachte die Postverwaltung von Rheinland-Pfalz einige Motive mit historischen Persönlichkeiten heraus, angefangen bei Karl dem Großen. Der Kaiser sollte als Integrationsfigur dienen: Er gab der Bevölkerung des neu gegründeten Landes einen Bezugspunkt und war auch für die französische Besatzungsmacht akzeptabel. Briefmarken „sind zuerst und zuletzt Ausdruck staatlicher Repräsentation“, schreiben Hack und sein Kollege Klaus Ries in der Einleitung des Sammelbandes – aber nicht als „simples Abbild staatlicher Politik“, eher als „Wunschvorstellung, wie die Staaten im In- und Ausland gesehen werden möchten“.

2001, im Vorfeld der Beitrittsverhandlungen mit der Europäischen Union, kam in Kroatien ein Briefmarkenblock zu „Carolus Magnus“ oder „Karlo Veliki“ heraus. „Stvaranje Europe“, „Schaffung Europas“, verkündete die Aufschrift. Eine Europakarte zeigte beinahe das ganze heutige Kroatien als Teil des Fränkischen Reiches. Soweit bekannt, kam die fränkische Herrschaft jedoch niemals über die Halbinsel Istrien hinaus. Die Briefmarke übertrug die politischen Wünsche der Gegenwart etwas phantasievoll in die Zeit um 800.

Auf einer französischen Briefmarke von 1966 war, angelehnt an eine Anekdote, die ein Jahrhundert später der Mönch Notker von St. Gallen überliefert hat, Karl der Große bei einer Schulvisitation zu sehen. Seit dem 19. Jahrhundert, erläutert Hack, wurde der Kaiser als „patron des écoliers“, sozusagen als Ahnherr der modernen Schulbildung, hochgehalten. Da die Anekdote davon erzählte, wie der Kaiser schlechte Schüler von adliger Abkunft tadelte, die guten aus „niederer“ Familie dagegen lobte, konnte er zugleich als Vorbild republikanischer „égalité“ gelten.

SKH Prinzregent Luitpold auf einer 
bayerischen Briefmarke, 1911
Bild: Wikipedia 


Briefmarken, die ganz verschiedene Aspekte der Überlieferung hervorhoben, je nach Intention der zuständigen Postverwaltung. In diktatorischen Regimen, vermerkt die Einleitung des Sammelbands, „degenerieren Briefmarken zu einem reinen politischen Propagandainstrument“. Eine Legitimationsaufgabe erfüllen Briefmarken oft aber auch in Demokratien. In den frühen 1950er Jahren hatte der „Bund der Vertriebenen“ sich beim Postministerium sich für die „Ausgabe von Sondermarken anlässlich der großen Vertriebenen- und Heimattreffen“ stark gemacht. Das Ministerium blieb zunächst zurückhaltend. Die erste Marke trug dann den Schriftzug „Zehn Jahre Vertreibung 1945/1955“, bezog sich also bloß auf die Vertreibung selbst, nicht auf die gelungene Eingliederung der Vertriebenen.

„Anhand von Briefmarken lässt sich sozusagen ‚die Politik hinter der Politik‘ ablesen“, schreiben Hack und Ries in der Einleitung, „das heißt die geheimen Wünsche und Ziele, die man auf Marken besser darstellen und verpacken kann als etwa in öffentlichen Reden und Denkschriften, wo die Handelnden wesentlich vorsichtiger und zurückhaltender agieren müssen.“ Bot die Vertriebenenmarke von 1955 also einen Fall, dass, wie die Herausgeber es an anderer Stelle formulieren, „das ‚wahre Gesicht‘ der Mächtigen“ zum Vorschein kam?

Da ist allerdings Vorsicht geboten. Ebenso gut könnte es sein, dass die Regierung Adenauer zwar „eigentlich“ die weltpolitischen Gegebenheiten realistisch einschätzte, jedoch wahltaktisch eine Geste gegenüber den Vertriebenen für angebracht hielt. Dass es kritische Reaktionen auf die Marke geben könnte, wurde in Kauf genommen: Auch in der westdeutschen Öffentlichkeit setzte sich, wenngleich ganz langsam, das Bewusstsein durch, dass die Vertreibung  in der deutschen Kriegsschuld ihren Ursprung hatte. Manche Postkunden, erzählt Smolarski, fühlten sich übrigens betrogen, wenn sie feststellen mussten, dass ihre Sendungen in die DDR, die sie mit der Vertriebenenmarke frankiert hatten, nicht zugestellt wurden.

Ein Beispiel dafür, dass die „Visitenkarten“ eines Staates, wie der Philosoph Walter Benjamin die Briefmarken nannte, von einem anderen Staat nicht anerkannt wurden. Briefmarken sind „Werbeträger“, schreibt Ries: Auf ihnen wird präsentiert, was die Staaten „zur Schau tragen“ wollen. Das wird erst recht bei Staaten oder Quasi-Staaten gelten, denen die Gewissheit ihrer Existenz und Legitimität abgeht. 1920 und dann wieder 1945 wurde das Saargebiet von Deutschland abgetrennt und unter französische Verwaltung gestellt. Eine Briefmarke von 1925 zeigte die Blieskasteler „Pfeilermadonna“ aus dem 14. Jahrhundert. Gedruckt wurde die Marke von der Pariser Firma Vaugirard. Vielleicht, meint Ries, war dort gar nicht bewusst, dass die Statue in weiten Teilen der Bevölkerung an der Saar als Symbol regionaler und indirekt auch nationaler Identität hochgehalten wurde. 1925 – in diesem Jahr feierte Deutschland das tausendjährige Jubiläum der Angliederung des Herzogtums Lothringen an das Ostfränkische Reich.

Jedenfalls konnte „das Saarland relativ autonom über seine eigene Briefmarkenproduktion entscheiden“. Ries spricht von „subtilen Mitteln im Kampf um politische Autonomie und Fremdbestimmung“. Nun ja, manchmal auch weniger subtil. 1956, nachdem die Rückgliederung an die Bundesrepublik Deutschland bereits beschlossen war, kam eine Marke mit dem „Winterbergdenkmal“ in Saarbrücken heraus, beschriftet mit dem Wort „Wiederaufbau“. Das Monument war in den 1870er Jahren zur Erinnerung an eine Schlacht im Deutsch-Französischen Krieg errichtet worden. 1939 hatte die deutsche Wehrmacht es gesprengt, um der feindlichen Artillerie keinen Orientierungspunkt zu geben.

Betrachtet man die vielseitige Verwendbarkeit dieser staatlichen „Visitenkarten“, ist es erstaunlich, dass diese Möglichkeiten sehr spät erkannt und genutzt wurden. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts, berichtet Hans-Werner Hahn in seinem Beitrag, begnügte sich die Deutsche Reichspost auf ihren Briefmarken mit einem einzigen Motiv, dem Reichsadler. Nur Bayern zeigte auf den Marken das Portrait seiner Könige. Kaiser Wilhelm II., der sonst auf Selbstinszenierung soviel Wert legte, wurde niemals auf einer Briefmarke verewigt. Erst 1900 wurde die Marke mit dem Kopf der „Germania“ geschaffen. Etwa gleichzeitig erschien erstmals eine deutsche Briefmarke, in der ausdrücklich eine politische Botschaft formuliert war: „Seid einig, einig, einig!“ – dazu gezeichnet zwei Heroen, die den Norden und den Süden Deutschlands versinnbildlichen sollten.

Über die Gründe dieser relativen Zurückhaltung in den ersten Jahrzehnten der Briefmarke bleibt zu spekulieren. Sicherlich setzte der damalige Stand der Drucktechnik einer ästhetisch ansprechenden Darstellung enge Grenzen. In Mode waren damals die ganz großen Formate, da müssen die winzigen Briefmarken als undankbare Aufgabe erschienen sein. Eine Generation später, im Dritten Reich, dagegen wurden die Jubiläen der nationalsozialistischen Bewegung geradezu inflationär auf Briefmarken gefeiert. Dass der 48. Geburtstag des Staatsoberhaupts oder der 11. Jahrestag des Regimewechsels mit einer Briefmarke begangen werden, vermerkt Hack, ist ansonsten völlig unüblich.

Reichspostbriefmarke "Seid einig - einig -  
einig" von 1900 - Bild: Wikipedia 


Nach dem Zweiten Weltkrieg hielt sich die Bundesrepublik mit Briefmarken zur deutschen Nationalbewegung „lange Zeit sehr zurück“ – trotz aller politischen Bekenntnisse zur Wiedervereinigung. Ganz anders die DDR, die sich in den 1950er und 1960er Jahren mit mehreren Marken in die Tradition der anti-napoleonischen Kriege stellte: Der Rückgriff auf die Geschichte des frühen deutschen Nationalismus, vermutet Hahn, konnte zeigen, „wie eng in dieser Phase die deutsch-russische Verbundenheit gewesen war“.

Ein Großteil der Marken zum 19. Jahrhundert, in beiden deutschen Staaten und dann ebenso im vereinigten Deutschland, befasste sich gar nicht mit Politik im engeren Sinn, sondern mit der sozialen und kulturellen Entwicklung. Nur ein Beispiel für die Fallstricke, die auch hier lauern: 1981 wurde Wilhelm Raabe zum 150. Geburtstag gewürdigt – ungeachtet des Antisemitismus, der in seinem Roman „Der Hungerpastor“ unverkennbar durchscheint. 2016 verzichtete die Post darauf, Gustav Freytags 200. Geburtstag zu begehen – ebenfalls wegen antisemitischer Tendenzen im Werk.

Am ungefährlichsten ist die „Geschichtspolitik“ über Briefmarken, wenn die Ereignisse schon ziemlich lange her sind, also der politischen Auseinandersetzung irgendwie entrückt – und sich dennoch als Stichworte aktuell anbieten. 1977 kam die sogenannte „Staufer-Marke“ heraus: der Kopf von Kaiser Friedrich Barbarossa, beschriftet „Staufer-Jahr 1977 in Baden-Württemberg“. Ein 800-Jahr-Jubiläum, wie man vermuten könnte, war es eigentlich nicht. Ganz klein war vermerkt, dass es um eine Ausstellung im Landesmuseum Stuttgart ging, aus Anlass eines nicht ganz so „runden“ Jubiläums: Das Land Baden-Württemberg wurde 25 Jahre alt. Wie bereits die drei Löwen im Landeswappen andeuten, hatte es in der schwäbischen Kaiserdynastie des hohen Mittelalters einen historischen „Referenzpunkt“ gefunden.


Neu auf dem Büchermarkt: 

Geschichte zum Aufkleben. Historische Ereignisse im Spiegel deutscher Briefmarken, herausgegeben von Achim Thomas Hack und Klaus Ries, Franz Steiner Verlag, Stuttgart 2020, ISBN 978-3-515-12658-8, 208 S., 46,00 €


Mehr im Internet:

Briefmarken - Wikipedia 
Geschichte zum Aufkleben, hg. von A. Hack und K. Ries, Franz Steiner Verlag 
scienzz artikel Alltag

 

 

 

 

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