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09.06.2020 - SOZIOLOGIE

Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, wir muessen es sein

Vor 100 Jahren starb Max Weber

von Josef Tutsch

 
 

Max Weber, 1918
Bild: Wikipedia

Als Max Weber am 14. Juni 1920, vor 100 Jahren, in München verstarb, wusste die Öffentlichkeit kaum etwas von seinem Werk. Spezialisten für das Altertum kannten natürlich seine Arbeiten über die „Römische Agrargeschichte“ und zu den „Sozialen Ursachen des Untergangs der antiken Kultur“. Wirtschafts- und sozialpolitisch engagierte Kollegen wussten seine „Enqueten zu den Land- und Industriearbeitern“ zu schätzen, ökonomisch interessierte seine Broschüre über die Börse. 

Aufsehen hatten, wenigstens vorübergehend, zwei religionssoziologische Aufsätze von 1904/05 erregt, überschrieben „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“. Viele Gläubige fanden Webers These befremdlich, das Christentum könnte etwas mit der modernen Wirtschaft zu tun haben; Kritiker aus dem Umkreis des Sozialismus wiederum nahmen Anstoß an Webers Blickrichtung, genauer: an seiner Voraussetzung, nicht nur die sozialen Umstände, sondern auch Ideen und Weltbilder könnten auf das Leben der Menschen Einfluss nehmen und womöglich gesellschaftlichen Wandel verursachen.

Ein Werk von „fragmentarischem Charakter“, urteilte der Philosoph Karl Jaspers, in seiner Gedenkrede vor Studenten an der Universität Heidelberg – und bekannte, mit dem überschwänglichen Pathos, das damals gebräuchlich war, Max Weber dennoch „als den geistigen Gipfel der Zeit zu empfinden“. Zum „Klassiker“ der deutschen Soziologie wurde Max Weber jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Vor allem der fast 900 Seiten lange Text von „Wirtschaft und Gesellschaft“ eignete sich ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod als eine Art Steinbruch, in dem sich Ansätze für eine Neuorientierung der deutschen Sozialwissenschaften finden ließen.

1909 hatte Weber gemeinsam mit Kollegen ein umfassendes Handbuch, einen „Grundriss der Sozialökonomik“, konzipiert und als eigenen Beitrag eine soziologische Kategorienlehre in Angriff genommen. Kurz vor seinem Tod konnte er den Band noch redigieren. Später ergänzte Webers Witwe Marianne den Text um eine Reihe von Entwürfen aus dem Nachlass – zur Religionssoziologie, zur Bürokratie, zu den Legitimationsformen von Herrschaft usw. usf.

Vielleicht einer der sprödesten Texte der gesamten Wissenschaftsgeschichte. Dazu trug auch Webers wissenschaftliche Haltung bei, die er mit dem Begriff „Wertfreiheit“ oder „Werturteilsfeiheit“ charakterisierte. Seine Soziologie sollte subjektive Sinngebungen verstehen – aber eben nur verstehen, nicht in sich selbst aufnehmen. Er hielt es für illusorisch, dass eine Tatsachenforschung, wie gründlich auch immer durchgeführt, Fragen des moralischen oder politischen Sollens „objektiv“ beantworten könne.

Diese kritische Selbstbegrenzung der Wissenschaft hat Weber heftige Kritik eingetragen, und zwar in zweierlei Hinsicht. Erstens sei eine strikte Trennung zwischen empirischen Aussagen und normativen Forderungen von vornherein unmöglich. Ein Argument, dem der Erfurter Soziologe Johannes Weiß kühl gekontert hat, das Postulat der Widerspruchsfreiheit lasse sich manchmal ebenfalls nur schwer erfüllen. Dennoch denke niemand daran, es fallen zu lassen.

Und zweitens sei eine solche „Wertfreiheit“ oder „Werturteilsfreiheit“ der sozialwissenschaftlichen Forschung auch gar nicht wünschenswert, weil sie im Ergebnis den Interessen der „Herrschenden“ diene. Die Erfahrung hat allerdings reichlich gezeigt, dass gerade eine auf Wertungen verpflichtete Wissenschaft sich für politische Ideologien jedweder Art in Dienst nehmen lässt.

Max und Marianne Weber, 1894
Bild: Wikipedia 


Von der Wissenschaft dürfe man keine „Führung“ erwarten, sagte Weber in einer Rede über „Wissenschaft als Beruf“, die er am 7. November 1917 vor Münchner Studenten hielt. Es war der Tag, an dem in St. Petersburg die Bolschewiki die Macht ergriff. Hellsichtig warnte Weber davor, an die Wissenschaft quasi-religiöse Erwartungen zu stellen. In der Zusammenfassung des Berliner Soziologen Hans-Peter Müller: „Die Wissenschaft schafft Erkenntnis auf der Basis von Wahrheit, die Religion verspricht das Heil auf der Basis von Erlösung.“

Nichts hat Weber so sehr verachtet wie die „Kathederpropheten“ unter seinen Kollegen, die der Öffentlichkeit unter dem Schein der Wissenschaft Ziele und Werte vorgeben wollten. Im Januar 1919 ließ er einen zweiten Vortrag folgen, „Politik als Beruf“. Mit seiner Forderung, ein verantwortlicher Politiker müsse über seine Gesinnung hinaus auch die Folgen seines Handelns im Auge behalten, wurde die Rede zu einem der meistzitierten Texte des 20. Jahrhunderts. Und zu einem Lieblingsobjekt „linker“ Polemik. Georg Lukács ordnete Weber in die Dekadenzgeschichte des deutschen Geistes ein, die dem Nationalsozialismus vorgearbeitet habe.

Weber war 1864 als Sohn eines nationalliberal gesinnten Elternhaus geboren worden. Er entstammte jener Schicht, die 1848 die Revolution getragen hatte, sich dann jedoch, als jede andere Lösung der „deutschen Frage“ abgeschnitten schien, der Bismarckschen Politik anschloss. Das Deutschland, das Bismarck geschaffen hatte, empfand er als „unser Schicksal“. Noch der 50-jährige sah im nationalen Machtstaat den selbstverständlichen Maßstab von Politik, im Weltkrieg mit dem erhofften siegreichen Ausgang den unumgänglichen Abschluss dieser Großmachtbildung.

Der Kriegsverlauf brachte ihn jedoch zu der Einsicht, dass es mit „einer weltpolitischen Rolle Deutschlands“ vorbei war. Er beteiligte sich an der Gründung der Deutschen Demokratischen Partei, spürte aber doch bald, dass der politische Tageskampf nicht seine Welt war. Anfang 1920 entschloss er sich, aus der Politik auszusteigen. Den Anlass gab, dass seine Kritik an der Begnadigung des Grafen Arco, der den sozialistischen Politiker Kurt Eisner ermordete hatte, unter den Studenten zu Tumulten geführt hatte.

Wenige Monate später starb er, knapp ein Jahr nach Friedrich Naumann, der sich ebenfalls in der DDP engagiert hatte. Gleich zu Beginn der Republik verloren die Liberalen von Weimar zwei ihrer intellektuell führenden Repräsentanten. In seinen letzten Jahren hatte sich Weber vor allem mit einem Problem befasst, dessen politische Relevanz erst auf den zweiten Blick deutlich wird: „Universalgeschichtliche Probleme wird der Sohn der modernen europäischen Kulturwelt unvermeidlicher- und berechtigterweise unter der Frage behandeln: welche Verkettung von Umständen hat dazu geführt, dass gerade auf dem Boden des Okzidents, und nur hier, Kulturerscheinungen auftraten, welche doch […] in einer Entwicklungsrichtung von universeller Bedeutung und Gültigkeit lagen?“

„Wie wenigstens wir uns gern vorstellen“, fügte Weber hinzu. Ein Gedanke, gegen den zwangsläufig der Vorwurf des „Eurozentrismus“ aufkommt. Wenn es denn ein Vorwurf ist, wenn man also im Ernst bestreiten will, dass die „Wiege des take-off zur Moderne“ in Europa und Nordamerika lag, wie es Hans-Peter Müller ausgedrückt hat.

Weber hatte das Thema bereits 1904 in seinen Aufsätzen über die merkwürdige Wahlverwandtschaft zwischen dem Puritanismus als einem asketischen Protestantismus und dem „Geist“ des Kapitalismus angerissen. Calvins Lehre, dass Gott in seinem unergründlichen Ratschluss die Erlösung oder Verdammnis jedes einzelnen Menschen von Ewigkeit her vorab entschieden habe, meinte Weber, hätte eigentlich zum Fatalismus führen müssen. Doch die calvinistischen Prediger mahnten die Gläubigen, sich zum Kreis der Erwählten zu zählen und auf der Grundlage dieses Glaubens ein gottgefälliges Leben zu führen. Der Fatalismus wurde in eine aktivistische „innerweltliche Askese“ umgemünzt, die sich verselbständigte und als kapitalistische Konkurrenz schließlich ohne Verweis auf ihre religiösen Ursprünge auskam.

Max Weber auf dem Totenbett, 1920        
Bild: Wikipedia 


Das kann man „Idealismus“ nennen: Weber wollte die Möglichkeit aufzeigen, dass der kulturelle oder religiöse „Überbau“ die wirtschaftliche „Basis“ beeinflussen kann. Der „bürgerliche Marx“, wie man ihn, halb anerkennend, halb spöttisch, gern nannte, sah selbst, dass darin nur ein Teil der Wahrheit liegen konnte. Die „Aufsätze zur Religionssoziologie“, an denen er von 1915 an arbeitete, verfolgten das ehrgeizige Ziel, diese Einseitigkeit in einer umfassenden Welt-Kulturgeschichte aufzuheben: „Zu den Determinanten der Wirtschaftsethik gehört als eine – wohlgemerkt: nur eine – auch die religiöse Bestimmtheit der Lebensführung.“

Es war vor allem der chinesische Konfuzianismus, der Weber intellektuell herausforderte. In seiner „Nüchternheit“, im Fehlen einer Metaphysik sah er eine Parallele zum Rationalismus der westlichen Moderne. Andererseits – von einer „Entzauberung der Welt“ konnte in China keine Rede sein, da der Konfuzianismus von vornherein kein „Heilsziel“ kannte. Für die chinesischen Intellektuellen, beobachtete Weber, ging es darum, den Menschen ein Leben in Frieden und Ruhe zu ermöglichen – nicht, sich die Welt untertan zu machen.

Webers Sicht des Islams hat der Heidelberger Soziologe Wolfgang Schluchter aus den knappen, mehr andeutenden Passagen in „Wirtschaft und Gesellschaft“ rekonstruiert: Der Vorsehungsglaube habe durchaus Ähnlichkeit mit jenem im Calvinismus. Aber er sei nicht mit dem „Bewährungsgedanken“ verknüpft. Mehr noch: Der im Islam weit verbreitete Glaube an eine Vorbestimmung bereits des diesseitigen Schicksals habe nicht die disziplinierende Wirkung hervorrufen können, die von der Jenseitsfurcht im asketischen Protestantismus ausging.

Inwieweit der Islam da vielleicht missverstanden sein könnte, ist bis heute nicht ausdiskutiert. Auch Max Webers Sicht der abendländischen Entwicklung selbst bleibt umstritten, muss es vielleicht bleiben, da widerstreitende Impulse darin eingegangen sind. Einerseits bewunderte Weber die „Rationalität“, die er im Kapitalismus stärker wirksam sah als in anderen Wirtschaftsformen, die Bereitschaft zur langfristigen Planung. Andererseits fürchtete er die zunehmende Sinnentleerung, die Entstehung eines zwanghaften, „stahlharten Gehäuses der Hörigkeit“: „Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, wir müssen es sein.“ Ein Punkt, in dem er sich überraschend mit den Entfremdungsanalysen in der Tradition eines Rousseau, Hegel und Marx traf.


Einen umfassenden Überblick über Webers Werk vermittelt:
Max-Weber-Handbuch. Leben – Werk – Wirkung, herausgegeben von Hans-Peter Müller und Steffen Sigmund,  Verlag J. B. Metzler, Stuttgart – Weimar 2024, 419 S., ISBN 978-3-476-05308-4, 59,95 € 


Mehr im Internet:
Max Weber - Wikipedia 
scienzz artikel Soziologie 

 

 

 

 

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