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24.06.2020 - GESCHICHTE

Nehmt davon, was ihr moegt

Vor 500 Jahren erfuhr die spanische Eroberung der Neuen Welt in der Noche trista ihren grossen Rueckschlag

von Josef Tutsch

 
 

Moctezuma, aus dem Co-
dex Mendoza
Bild: Wikipedia

„Das Metall lag in glänzenden Haufen zerstreut am Boden und reizte die Habgier der Soldaten. ‚Nehmt davon, was ihr mögt‘, sagte Cortés zu seinen Leuten. ‚Es ist besser, dass ihr es habt, als die mexikanischen Hunde.‘ ‚Aber gebt acht, dass ihr euch nicht überladet. Wer in der finsteren Nacht am leichtesten reist, der reist am sichersten.‘“

So in etwa, meinte der amerikanische Historiker William Prescott, als er 1843 seine Erzählung von der „Eroberung Mexikos“ vorlegte, müsste Hernán Cortés am Abend des 30. Juni 1520 zu seinen Soldaten gesprochen haben. Der Ausbruch aus der aztekischen Hauptstadt Tenochtitlán, den das spanische Heer in den folgenden Stunden unternahm, endete in einer Katastrophe. Von den mehr als 1.300 Mann entkamen nur 425. Ebenso fanden die meisten der 2.000 tlaxcaltekischen Krieger, die das Heer begleitet hatten, den Tod. Wer nicht in den Kämpfen fiel, wurde am folgenden Tag den aztekischen Göttern geopfert.

Die Nacht vor 500 Jahren ging als „Noche trista“, „Traurige Nacht“, in die spanische Geschichte ein. Das Projekt der Konquistadoren, sich der Neuen Welt zu bemächtigen, erlitt einen dramatischen Rückschlag. Es ging ihnen um Gold – eine handfest materielle Motivation, die natürlich nicht bedeuten muss, dass die religiösen Impulse, die so gern vorgetragen wurden, nicht ernst gemeint waren. In ihrer Heimat waren die meisten von Cortés‘ Soldaten Habenichtse gewesen, er selbst stammte aus einer mittellosen Familie des kleinen Adels in der Extremadura. Der Militärdienst in den neu entdeckten Ländern gab ihnen ein Auskommen – und die vage Aussicht auf unermessliche Beute, nämlich dann, wenn sich die Gerüchte bestätigen sollten, die bereits Columbus eine Generation zuvor bestimmt hatten, die Fahrt über den Atlantik zu wagen.

Als Cortés im April 1519 an der mexikanischen Küste unweit der heutigen Stadt Veracrúz landete, wurden diese Aussichten konkret. Die Bewohner berichteten ihm von dem mächtigen Aztekenreich, das in seiner Hauptstadt Tenochtitlán reiche Tribute von allen Stämmen des Landes anhäufte. Cortés verstand es, die Stämme der Totonaken und Tlaxcalteken, die sich von den Azteken unterdrückt fühlten, als Verbündete zu gewinnen. Soweit er bei seinem Vormarsch auf Widerstand traf, konnte er ihn mit den europäischen Feuerwaffen rasch niederschlagen – das verschaffte ihm den Mythos der Unbesiegbarkeit.

Aztekenkönig Moctezuma war höchst irritiert, als plötzlich eine  überlegene militärische Macht an den Grenzen seines Reiches auftauchte. Mit Hilfe von Menschenopfern ließ er die Götter befragen – und dann, wenn niemand die Situation zu deuten wusste, die Priester mitsamt ihren Familien hinrichten. Den Spaniern übersandte er reiche Geschenke, um sie von einem „Besuch“ in seiner Hauptstadt abzubringen – erreichte damit jedoch gerade das Gegenteil: Die Geschenke überzeugten die Ankömmlinge, dass in Tenochtitlán viel zu holen war.

Als die Spanier am 8. November 1519 tatsächlich in der Hauptstadt eintrafen, begrüßte sie der König, indem er seine Hand zunächst zum Boden führte und dann zu seinem Gesicht. Eine Höflichkeitsgeste – doch die Spanier interpretierten sie als Unterwerfung unter König Karl von Spanien, als dessen Vertreter Cortés auftrat. Vielleicht ein naives Missverständnis, vielleicht aber auch eine zweckhafte Erfindung: Sie gab Cortés später die Gelegenheit, die Eroberung Mexikos zum Niederschlagen eines Aufstands umzudeuten.

Da die ungebetenen Gäste nun einmal da waren, übte sich Moctezuma in Freundlichkeit und erlaubte ihnen, sich eine Kapelle einzurichten. Es half nichts – eine Woche nach seiner Ankunft nahm Cortés den Herrscher in Arrest, um ein Besatzungsregime über die aztekische Hauptstadt zu errichten. Den Vorwand gab ein Zwischenfall bei Veracrúz. Dort waren einige Spanier getötet worden. Moctezuma wurde beschuldigt, diesen Angriff befohlen zu haben.

Aztekisches Menschenopfer, aus dem Codex
Tudela - Bild: Wikipedia 

Im Grunde war es eine Flucht nach vorn. Cortés sah sehr genau: Sollten die Einheimischen sich feindselig verhalten, saßen die Ankömmlinge in der Falle. Auf einigen Inseln in einem großen See erbaut, war die Stadt mit dem Umland nur über drei Dämme verbunden, da gab es wenig Fluchtmöglichkeiten. Die Überzahl der Azteken war erdrückend: Mit vielleicht an die hunderttausend Einwohnern war Tenochtitlán eine der größten Städte damals in der Welt.

Einen Schwachpunkt des Reiches erkannte Cortés jedoch in der gottgleichen Stellung, die der Herrscher einnahm. Hatte man sich seiner Person bemächtigt, dann durfte man hoffen, auch die Bevölkerung unter Kontrolle zu halten. Die Spanier waren sich ihrer Sache so sicher, dass sie  keine Provokation scheuten. Auf der Plattform des Großen Tempels wurden Kreuze und ein Bild der Jungfrau Maria aufgestellt. Und mit der größten Selbstverständlichkeit eigneten sich die Soldaten die Kostbarkeiten aus Moctezumas Schatzkammer an.

Die Strategie schien zunächst sogar aufzugehen. Im Frühjahr konnte Cortés es wagen, mit einem Teil der Besatzung Tenochtitlán zu verlassen, um sich an der Küste einer Auseinandersetzung mit Beauftragten des Statthalters von Kuba zu stellen, mit dem er sich überworfen hatte. Dass die Azteken in seiner Abwesenheit ihr traditionelles Frühlingsfest abhielten, hatte er zuvor ausdrücklich genehmigt. Doch während des Festes verlor Cortés‘ Stellvertreter Pedro de Alvarado die Nerven. Am 23. Mai ließ er die Teilnehmer überfallen und töten. Angeblich hatte er von einer geplanten Empörung Kunde erhalten. Es kam zu einem Aufstand, bei dem auch einige Spanier umkamen.

Als Cortés am 24. Juni zurückkehrte, hatte sich die Lage zwar beruhigt. Aber er erkannte, dass es nun nicht mehr bloß um Beute ging – das Überleben des Expeditionsheers stand auf dem Spiel. Von einer Dachterrasse des Palastes aus ließ er den gefangenen König sprechen, um das Volk zu beruhigen. Die Spanier behaupteten später, Moctezuma sei durch Steinwürfe aus der Menge ums Leben gekommen. Die Azteken unterstellen dagegen, ihr König sei von den Spaniern ermordet worden.

Wie auch immer – die Lage des Heeres war unhaltbar geworden. Inzwischen hatten die Azteken, um zu verhindern, dass die Invasoren aus der Stadt entkamen, die Dämme zum Festland abgebaut. Daraufhin ließ Cortés ein Großteil der Balken aus dem Palast herausreißen, um daraus Brücken errichten zu können. Am 30. Juni kurz vor Mitternacht brachen die Spanier und ihre Verbündeten auf, viele von ihnen trotz aller Gefahr mit Schätzen schwer beladen. Acht Pferde und 80 Tlaxcalteken mussten allein das Gold tragen, mit dem Cortés sich die Gunst von König Karl erkaufen wollte.

Als die Vorhut das Seeufer erreicht hatte, wurde sie entdeckt. Auf dem See und in den Straßen der Stadt kam es zu einer Schlacht. Sollte Cortés seine Soldaten tatsächlich ermahnt haben, sich nicht mit Beute zu überlasten – er behielt Recht. Der Überlieferung zufolge wurden manche der Soldaten, während sie den See zu durchschwimmen versuchten, vom Gewicht des Goldes auf den Grund gezogen. Nur etwa ein Viertel der Spanier erreichte das Festland, viele schwer verwundet.

Zu ihrem Glück fanden sie dort ein kleines Fort, das sie mit wenig Mühe einnehmen konnten. Von dort aus sahen sie am folgenden Tag die Opferfeuer auf den Pyramiden von Tenochtitlán – und mussten sich vorstellen, wie die Priester ihren noch lebenden Kameraden das Herz aus der Brust rissen. Für das Aztekenreich bedeutete die „Noche trista“ jedoch nicht die Rettung, sondern nur einen kurzen Aufschub. Nachdem die Spanier erlebt hatten, dass auch sie zu Menschenopfern werden konnten, fühlten sie sich noch viel weniger als zuvor an ein „Völkergewohnheitsrecht“ gebunden. In ihrer Wahrnehmung standen die Azteken außerhalb menschlicher Gesittung. Das gab ihnen selbst umgekehrt den Anschein einer Legitimation für jede Brutalität.

In nur 13 Monaten brach das Reich völlig zusammen. In offenen Feldschlachten konnten die Spanier ihre Überlegenheit aufgrund der Pferde und der Feuerwaffen ausspielen. Viele Stämme, die bisher Tribut an die Azteken gezahlt hatten, nutzten die Gelegenheit zum Aufstand. Und vor allem: Bislang unbekannte Krankheiten, die mit den Spaniern gekommen waren, wie Pocken, Masern und Grippe dezimierten die Bevölkerung. Am 13. August 1521 war die Hauptstadt eingenommen, jeder Widerstand gebrochen.

Hernán Cortés, Zeichnung von     
Christoph Weidlitz, 1529
Bild: Wikipedia 

Durch die spätere Geschichtsschreibung geistert noch eine andere Erklärung für den raschen Erfolg der Spanier. Die Azteken seien wie gelähmt gewesen, da sie in den Fremden Abgesandte ihres mythischen Ahnvaters vermutet hätten. Ob es diesen Glauben an die „Wiederkehr der weißen Götter“ wirklich gegeben hat, muss wohl auf Dauer offen bleiben. Belegt ist er erst einige Jahre nach der Eroberung. Wie überhaupt die Quellen nicht durchweg ein klares Bild der Ereignisse ergeben. Am nächsten an den Geschehnissen stehen Cortés‘ Briefe an König Karl. Sie sind jedoch tendenziös geschrieben, sollten den „Helden“ am spanischen Hof in ein günstiges Licht rücken.

Vier Jahrzehnte später schrieb einer von Cortés‘ Soldaten, Bernal Díaz del Castillo, seine „Wahrhafte Geschichte der Eroberung von Neuspanien“. Eine Geschichte aus der Sicht der Sieger, wenngleich sich der alte Soldat durchaus um Unparteilichkeit bemühte. Er kritisierte nicht nur die Gebräuche der Indianer, sondern oft auch die Vorgehensweise seiner Landsleute. Cortés allerdings, der es immerhin geschafft hatte, einen Teil des Heeres durch alle Gefahren hindurch zu führen, wurde zu einer verehrungswürdigen Figur stilisiert.

Etwa gleichzeitig erstellte der Franziskanermönch Bernardino de Sahagún eine großangelegte „Geschichte Neuspaniens“. Über weite Strecken enthält der Text, von Sahagúns einheimischen Schülern unter seiner Anleitung verfasst, eine aztekische Sicht der Geschehnisse. In diesem Fall waren es die Besiegten, die Geschichte schrieben. Als sich Prescott im 19. Jahrhundert mit großer Erzählkunst daran macht, die Geschichte der Eroberung zu rekonstruieren, unterstellte er seinen Quellen reichlich viel Zuverlässigkeit.

Die Kultur der Azteken sei zerstört worden „wie eine Sonnenblume, der ein Vorübergehender den Kopf abschlägt“, hat der Geschichtsphilosoph Oswald Spengler die Eroberung Mexikos auf den Punkt gebracht. Die Rücksichtslosigkeit, mit der Spanier vorgingen, scheint ihm Recht zu geben. Die blendende Formulierung unterschlägt allerdings, dass indianische Traditionen in Mexiko wie auch sonst in Lateinamerika viel kräftiger erhalten blieben als im Norden des Kontinents. War die Vorgehensweise der spanischen Konquistadoren, wie unser gängiges Geschichtsbild uns suggeriert, tatsächlich brutaler als die ihrer englischen oder französischen Konkurrenten?

„Leyenda negra“ hat sich in Spanien als Terminus für diese Auffassung eingebürgert: Die spanische Geschichte werde „schwärzer“ gemalt, als sie es verdiene. Die Ironie der Geschichte will es, dass dieser Gedanke am Ende auf die Kritik zurückgeht, die spanische Mönche sehr früh an der Kolonisierung der Neuen Welt übten. „Mit welchem Recht haltet ihr diese Indios in solch grausamer und schrecklicher Dienstbarkeit?“, fragte bereits 1511, ein Jahrzehnt vor der Eroberung Mexikos, der Dominikaner Antonio de Montesino in einer Predigt. Eine Generation später brachte Bartolomé de Las Casas diese Anklage in ihre klassische Form: Unter dem Vorwand, den Indianern das Evangelium zu bringen, würden seine Landsleute in der Neuen Welt „Überfälle, Plünderungen, Morde und Schändungen“ verüben, alles im Dienste der „Göttin Habgier“.


Mehr im Internet:

Eroberung Mexikos - Wikipedia 
scienzz artikel Geschichte Amerikas 

 

 

 

 

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