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22.07.2020 - SPORT

Coubertins Traeume von einer neuen Aristokratie des Leibes

... und die Olympischen Spiele der Neuzeit

von Josef Tutsch

 
 

Pierre de Coubertin
Bild: Wikipedia

Rund um den Titel „olympische spiele“, modisch mit kleinen Anfangsbuchstaben geschrieben, stehen auf dem Einband allerlei Schlagwörter, die in diesen Zusammenhang gehören, von „pierre de coubertin“ über „tv-einnahmen“ bis zu „ethik des sports“. Auch Begriffe zur Historie wie „berlin 1936“ und „münchen 1972“. Und dann, ganz aktuell, „tokio 2020“.

Am 24. Juli dieses Jahres hätte es wieder soweit sein sollen, mit den 32. Olympischen Spielen der Neuzeit. Doch dann kam Corona. Pünktlich zum ursprünglich vorgesehenen Ereignis hat der Sportsoziologie Gunter Gebauer von der Freien Universität Berlin jetzt einen knappen Abriss zur Geschichte dieser Mega-Events vorgelegt. Es ist über weite Strecken ein sehr persönliches Buch geworden, ein Wechselspiel zwischen Begeisterung für den Sport und Frustration durch politische oder ökonomische Vereinnahmung. 1965, während er sich selbst als Leistungssportler im Weitsprung betätigte, erinnert sich Gebauer, sagte ihm ein „freundlicher Herr“ nach einigen guten Wettkampfergebnissen eine große Zukunft voraus. „Ich wusste nicht, was er mit mir vorhatte, war aber darauf gespannt.“

Zu seinem Glück, erzählt Gebauer weiter, habe der Direktor seines Sportinstituts dann ein „großes Donnerwetter“ auf ihn losgelassen. Zuvor hatte der junge Gunter nur verwundert festgestellt, dass einige seiner Athletenkollegen in kurzer Zeit sehr viel Muskelmasse zulegten und ihre Leistungen rasant verbesserten. „Zu jener Zeit war das Bewusstsein, dass Doping Betrug ist, noch deutlich unterentwickelt.“

So hatte Pierre de Coubertin, als er 1894 die Olympischen Spiele der Neuzeit begründete, sein „Citius – altius – fortius“, „Schneller – höher – stärker“, nicht gemeint. Aber man kann fragen, wie sich dieses rein quantitative „Prinzip der Steigerung“, der Konkurrenz um immer neue Rekorde, eigentlich zu jenem anderen Postulat verhält, das heute gern in die Formel gefasst wird „Dabeisein ist alles“. „Das Wichtige an den Olympischen Spielen“, sagte Coubertin einmal, „ist nicht zu siegen, sondern daran teilzuhaben“, „sein Bestes zu geben.“

Heute, vermerkt Gebauer, geht es bei der „Steigerung“ nicht nur um die sportlichen Leistungen, sondern auch um die Zahl der Teilnehmer und der Zuschauer, um die Kosten der Infrastruktur, um die Einnahmen für das IOC, auch – Stichwort Korruption – um die Einnahmen für einzelne IOC-Mitglieder. Wenn daran Kritik laut wird,  „verweist das IOC auf die Werte, die angeblich von den Olympischen Spielen verwirklicht werden: Fairness, Ritterlichkeit, olympischer Geist“.

Die Werte und die Wirklichkeit … Der Forscher verschließt sich nicht der Frage, inwieweit Coubertins Werte eigentlich „ideal“ waren. Jedenfalls frönte der Neubegründer der Spiele einem recht ungehemmten Chauvinismus – und einer reichlich anti-egalitären Gesellschaftskonzeption. Im Zeichen der Antikenbegeisterung konnten die Spiele, schreibt Gebauer, „für nationalistische Zwecke und für das Distinktionsstreben höherer gesellschaftlicher Kreise genutzt werden.“ „Den republikanischen Teil seiner Anhänger überzeugte die Vorstellung einer neuen Führungsklasse, die sich durch Leistung anstatt durch gesellschaftlichen Stand auszeichnete“, „seine adligen Freunde begrüßten, dass sich die alte Aristokratie über körperliche Betätigung erneuern könne.“

Gebauer erinnert daran, dass die Epoche des „fin de siècle“ von pessimistischen Décadence-Analysen geprägt war. Durch sportlichen Wettkampf sollte der Mensch körperlich, vor allem jedoch ethisch „verbessert“ werden, „die Spiele sollten eine neue Aristokratie des Leibes hervorbringen“. Eine Aristokratie von „Amateuren“: Der Gedanke, jemand könnte mit seiner sportlichen Betätigung Geld verdienen wollen, war ihm fremd.

Trauerfeier in München 1972 
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia 


Daraus ist inzwischen eine veritable Gelddruckmaschine geworden, und zwar weniger für die Spieler selbst als für die Funktionäre: „Die wenigsten Athleten der Spiele erhalten einen Anteil an den Riesengewinnen; sie haben nicht einmal Rechte an ihren Bildern.“ Was Coubertin wohl zur medialen Aufbereitung der Spiele in der Gegenwart gesagt hätte? 1982 in Los Angeles, berichtet Gebauer, brachte das amerikanische Fernsehen bei jedem Wettbewerb, in dem ein Amerikaner Aussicht auf den Sieg hatte, zuvor eine patriotisch gefärbte „Soap Opera“ über den Sportler. Im Gedächtnis der Zuschauer wurde er automatisch zum „Sieger“, auch wenn er die Medaille am Ende verfehlte. In der Sportreportage verband sich die Heldenverehrung mit dem Druck auf die Tränendrüse.

Gebauer vermutet sogar, dass erst durch diese Amalgamierung die Sportreportage, die bis dahin vorwiegend Männer interessiert hatte, zum „Familienprogramm“ wurde. Auch das hatte finanzielle Folgen: „Die Einschaltquoten stiegen rapide an, damit erhöhte sich auch der Wert der Werbeminuten.“ Vollends aufgeben möchte Gebauer seinen Glauben an den „Sinn“ der Spiele dennoch nicht: „Die Athleten machen für uns etwas Menschliches sichtbar – Anstrengung, Emotionen, Glücksmomente, Angst, Erschöpfung, Gegnerschaft.“ Solche Momente „zeigen uns ein verbindendes Band zwischen den Menschen“.

In einem Punkt wandte sich Coubertin übrigens grundsätzlich vom Vorbild ab. Die antiken Spiele sollten die „Gemeinsamkeit aller Griechen“ bekräftigen, abgegrenzt von anderen Völkern. Coubertin dagegen schwebte, in den Denktraditionen der europäischen Aufklärung, ein Fest für die gesamte Welt vor. Deshalb blockierte er den Vorschlag von König Georg I. von Griechenland, die Spiele auf Dauer in Athen anzusiedeln.

Diese universale Idee hat aber nicht daran gehindert, dass die Spiele immer wieder politisch in Dienst genommen wurden. Als 1908 Großbritannien die Ausrichtung übernahm, schreibt Gebauer, nutzte es alle Möglichkeiten, sich selbst als die führende Sportmacht zu präsentieren – führend vor allem vor dem Konkurrenten Frankreich. Der italienische Faschismus etablierte dann endgültig das System, dass die vermeintlichen Amateure in Wahrheit Staatsbedienstete waren.

Die olympischen Verbände setzten solcher Instrumentalisierung der Idee kaum Widerstand entgegen. 1936 gab es in den USA Proteste gegen Tendenzen in Deutschland, jüdische Sportler wie die Hochspringerin Gretel Bergmann von der Teilnahme auszuschließen. Doch die bloße Versicherung aus Berlin, dergleichen sei nicht beabsichtigt, genügte, um einen Boykott abzuwenden. Am Ende fand das Regime Gründe, Bergmann doch nicht antreten zu lassen.

Immer wieder beschworen die Funktionäre die vermeintliche Kraft der olympischen Idee, Frieden und Demokratie zu fördern. 2008 prophezeite IOC-Präsident Thomas Bach, die Spiele von Peking würden tiefgreifende demokratische Veränderungen in China nach sich ziehen. 2014, kurz bevor russische Truppen in die Ukraine einmarschierten, jubelte er, die Winterspiele von Sotschi hätten eine Botschaft von „Frieden, Toleranz und Respekt“ in die Welt geschickt.

Da war Bachs Vorgänger Avery Brundage ein Stück weit ehrlicher, als er 1972 nach dem Terroranschlag in München lapidar sagte: „The Games must go on!“ Das Geschäft mit Olympia muss weitergehen, es steht zu viel Geld auf dem Spiel. Vor allem sein Nachfolger Juan Antonio Samaranch habe viel daran gesetzt, „aus den Olympischen Spielen den größten ökonomischen Nutzen zu ziehen“, schreibt Gebauer.

Eröffnungsfeier in Sotschi 2024 
Bild: Presidential Press and Information
Office, Russian Federation/Wikipedia 


Da liegt es nahe, ein verklärtes Bild der antiken Spiele gegen die schnöde Realität der modernen in Stellung zu bringen. Doch Gebauer winkt ab. Zum Beispiel mit dem vielgerühmten „Olympischen Frieden“ war es im alten Griechenland nicht weit her. Immerhin bat der Stadtstaat Elis, in dessen Gebiet Olympia lag, durch seine Herolde bei den anderen griechischen Städten darum, den Teilnehmern eine friedliche Reise zu gewährleisten. Aber 364 v. Chr. kam es sogar zu einer Schlacht im Heiligtum selbst: Der benachbarte Arkadische Bund beanspruchte die Ehre und das Recht, die Spiele auszurichten.

In der Gegenwart beobachten wir eine ganz andere Tendenz. 1972 beschloss die Stadt Denver in einer Volksabstimmung, die Winterspiele für 1976 zurückzugeben. Erstmals befand ein Gastgeber, die „Ehre“ sei zu kostspielig, wegen der vorgesehenen Eingriffe in die Landschaft am Ende sogar schädlich. Seitdem hat sich an mehreren Orten bei Abstimmungen oder Meinungsumfragen eine Mehrheit gegen Olympia ausgesprochen. Wie es scheint, ist der Mythos nicht mehr zwingend genug, um alle Bedenken hinweg zu wischen.

Gebauer nennt aber auch ein Beispiel, dass Olympische Spiele einer Stadt den lange erwarteten Modernisierungsschub gaben. Durch die Spiele von 1992 wurde Barcelona „ein großer Touristenmagnet und ist es bis heute geblieben.“ Als abschreckendes Gegenbeispiel gilt Athen 2004. Zwar wurde auch hier viel an der Infrastruktur erneuert. Aber die Kosten trugen wesentlich dazu bei, Griechenland an den Rand des Staatsbankrotts zu bringen. Und ob die Ausgaben alle sinnvoll und zielführend waren … Gebauer scheut nicht das Wort „Korruption“.

Noch schlimmer lief es vielleicht 2016 in Rio de Janeiro. Die angekündigte Verbesserung des Verkehrs- und Kanalisationssystems, klagt Gebauer, fand entweder gar nicht statt oder nur in den wohlhabenderen Stadtteilen. Das hinderte Thomas Bach nicht daran, Brasilien „außerordentliches Lob für die ‚wundervollen Spiel‘“ zu spenden. Blickt man auf die Liste der Austragungsorte in den letzten Jahrzehnten, stellt sich in der Tat die Frage, ob das IOC die Spiele nicht am einfachsten „autokratisch regierten Ländern“ oder aber demokratischen Staaten „mit korrupter Struktur“ anvertrauen sollte. Jedenfalls nicht funktionierenden Demokratien, in denen die Bevölkerung womöglich kritische Fragen stellt.

Immer wieder dringen Nachrichten an die Öffentlichkeit, dieses oder jenes IOC-Mitglied hätte aus der Vergabe von Spielen einen persönlichen Vorteil gezogen: „Der Handel Stimme gegen Geld war für viele Olympier offensichtlich etablierte Praxis.“ Warum wurden in Sotschi vor allem österreichische Firmen mit Aufträgen bedacht? Gebauer gibt eine klare Antwort: „Das österreichische NOK hatte wesentlich zum Abstimmungserfolg von Sotschi beigetragen.“ Ansonsten ging der Großteil der Bauaufträge „an den engsten Oligarchen-Kreis um Putin“.

Da gerät der Leser ins Grübeln, ob wenigstens die Vergabe der Medaillen streng nach Regelwerk abläuft. Zur Zeit ist Doping das große Thema. Vor gut einem halben Jahrhundert, erzählt Gebauer in seinem Büchlein, war es dieser Punkt, der ihm sein ideales Bild von Olympia zerstörte. 2016 kam in Sotschi heraus, was viele längst geahnt hatten: In Russland wurde Doping von Staats wegen betrieben. Mitarbeiter der russischen Antidoping-Agentur tauschten gemeinsam mit Geheimdienstagenten die problematischen Urinproben ganz einfach gegen unproblematische aus, durch ein kleines Loch in der Wand des Labors. Hand aufs Herz: Würde jemand beschwören wollen, dass in anderen Nationen solche Praktiken völlig unbekannt sind?



Neu auf dem Büchermarkt:

Gunter Gebauer: Olympische Spiele. 100 Seiten, Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2020, ISBN 978-3-15-020558-7, 102 S. mit 9 Abb. u. Infograf., 10,00 €


Mehr im Internet:

Olympische Spiele - Wikipedia 
Gunter Gebauer: Olympische Spiele. 100 Seiten, Philipp Reclam jun. Verlag 
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