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kultur

14.06.2020 - GESCHICHTSKULTUR

Die Geschichte reparieren

Das moralische Bewusstsein der Gegenwart und die Denkmaeler der Vergangenheit

von Josef Tutsch

 
 

Das gemalte schwarze Tuch im Dogenpa-
last von Venedig
Bild: Warburg/Wikipedia

„Schatte, du sollst verhört werden, du sollst Rechenschaft ablegen über dein Leben unter den Menschen, ob du ihnen genützt, ob du ihnen geschadet hast.“ Der Fürsprecher allerdings, den der Schatten des römischen Feldherrn in Bertolt Brechts Oper „Die Verurteilung des Lukullus“ anruft, der „große Alexander von Makedonien“, „ist unbekannt in den Gefilden der Seligen“. Die Geschlagenen seiner Kriege berichten von Tod und Zerstörung. Nicht einmal bei seinen Soldaten findet er Unterstützung: Während er Gold erbeutete, fanden sie den Tod. Die römischen Mütter beklagen den Verlust ihrer Söhne, auch Käse und Thunfisch wurden nicht billiger. Nur Lukulls Koch und ein Bauer finden gute Worte: Der Feldherr wusste die kulinarische Kunst zu würdigen, und er brachte den Kirschbaum nach Italien. Am Ende heißt es: „Ins Nichts mit ihm und ins Nichts mit Allen wie er!“

Brecht formulierte in seinem Hörspiel von 1940 und elf Jahre später in seiner Oper mit der Musik von Paul Dessau nicht mehr und nicht weniger als eine Philosophie der Geschichte. Das „Totengericht“ bedeutete das Gericht der Gegenwart über die Vergangenheit der Menschheit. Als die Oper im Oktober 1951 in Berlin uraufgeführt wurde, hatte die junge DDR die Umgestaltung ihrer Hauptstadt bereits weit vorangetrieben. Im Jahr zuvor war das Hohenzollernschloss gesprengt worden, im Juli 1951 wurde das Reiterstandbild König Friedrichs II., ein Meisterwerk des Bildhauers Christian Daniel Rauch, von seinem Standort Unter den Linden entfernt.

Geschichte kann für die Lebenden unerträglich werden. Dann neigt das moralische Bewusstsein dazu, sich gegenüber den Zeugnissen der Vergangenheit mit Hammer und Meißel Geltung zu verschaffen. Vier Jahrzehnte nach Friedrich hielt Wladimir Iljitsch Lenin dem „Gericht“ der Nachwelt, ob er den Menschen genützt oder geschadet habe, nicht stand; seine Monumentalstatue in Berlin-Friedrichshain wurde demontiert. In der Gegenwart geht es um die Denkmäler von Sklavenhaltern und Kolonialherren, die von ihren Sockeln gestürzt werden – oder jedenfalls wird ihr Sturz gefordert.

„Réparons l‘histoire“ nennt sich eine Aktivistengruppe in Belgien, die daran arbeitet, die Denkmäler für König Leopold II. zu entfernen, „Lasst uns die Geschichte reparieren!“ Oder sollte man die Intention besser wiedergeben: „die Geschichte heilen“, von ihrem Unheil erlösen? Leopold hatte sich in den 1870er Jahren von den europäischen Großmächten ein riesiges Gebiet in Zentralafrika als persönliches Eigentum zusprechen lassen. Sein „Kongo-Freistaat“, in dem er Kautschuk und Elfenbein erbeutete, gilt als eines der entsetzlichsten Regime, die es jemals gegeben hat.

Nun kann von „Reparatur“ oder „Heilung“ im strengen Sinn keine Rede sein, Geschehenes lässt sich nicht ungeschehen machen. Aber Denkmäler wollen ja nicht nur erinnern, sondern auch „würdigen“, also das Würdige vom Unwürdigen und Nichtswürdigen scheiden. Eine Form des Umgangs mit Geschichte, die wahrscheinlich so alt ist wie die Geschichte selbst und aus den verschiedensten Motiven resultierte. Im alten Ägypten wurde der Name der Pharaonin Hatschepsut, die im 15. Jahrhundert v. Chr. geherrscht hatte, auf vielen ihrer Statuen und Reliefs getilgt. Ob das von ihrem Stiefsohn Thutmosis III. veranlasst wurde, der ihr vorwarf, ihn unrechtmäßig vom Thron ferngehalten zu haben, ist umstritten. Vielleicht sah auch ein späterer Pharao durch eine Frau in der Liste der Könige die Legitimität der Erbfolge bedroht.

„Unerträglich“ war für spätere Generationen auch der „Ketzerkönig“ Echnaton im 14. Jahrhundert, weil er die Priesterschaft um den Gott Amun entmachtet hatte. Viele seiner Denkmäler wurden zerstört, sein Name wurde in den Inschriften ausgemeißelt. „Damnatio memoriae“ hat sich in der Geschichtswissenschaft als Terminus für solche posthumen Ächtungen eingebürgert. Der Übergang von der Ächtung zu einem kontrafaktischen Umschreiben der Geschichte war manchmal fließend. In der Sowjetunion wurden auf historischen Fotografien immer wieder Funktionäre, die inzwischen in Ungnade gefallen waren, wegretuschiert.

Um 280 v. Chr. legte in der griechischen Stadt Ilion ein Gesetz fest, wenn jemand mit Tyrannen oder Oligarchen gemeinsame Sache gemacht habe, sei sein Name aus allen Inschriften auszumerzen. Mehrere römische Kaiser fielen einer „damnatio“ zum Opfer, oft wurden die Statuen dann ihrer Gesichter beraubt und zu Portraits ihrer Nachfolger umgearbeitet. Ein Beispiel, dass eine solche „Wunde“ der Geschichte demonstrativ sichtbar gehalten wurde, bietet die „Sala del Maggior Consiglio“ im Dogenpalast von Venedig. Unterhalb der Decke sind die Portraits von 73 Dogen aufgereiht, mittendrin ein schwarzes Tuch, unter dem der Betrachter ein fehlendes Bild vermuten soll: das von Marino Faliero, der sich 1355 durch einen Staatsstreich zum Alleinherrscher aufschwingen wollte.

Denkmal für Friedrich II. in Berlin,
Unter den Linden, von Eduard 
Gaertner, um 1853
Bild: Wikipedia


Eine halb und halb humoristische Parallele war Jahrzehnte lang auf dem Kölner Heumarkt zu sehen. Das Reiterdenkmal von König Friedrich Wilhelm III. von Preußen war im Zweiten Weltkrieg zerstört worden. Köln hatte ihm den Weiterbau am Dom zu verdanken. Andererseits – bei großen Teilen der Bevölkerung waren die Preußen nach wie vor als ungeliebte Besatzungsmacht verschrien. So erinnerte neben den Sockelfiguren lange Zeit nur das erhalten gebliebene Hinterteil des Pferdes an das Denkmal – bis der Reiter 2007 seinen Platz wieder einnahm.

Immerhin ehrte dieses Denkmal neben Friedrich Wilhelm auch eine Reihe von Kölner Bürgern, die sich zu dessen Zeit um ihre Stadt verdient gemacht hatten – ebenso wie am Sockel des Friedrich-Denkmals Unter den Linden die Geistesgrößen der deutschen Aufklärung verewigt sind; das erleichterte es der DDR-Führung 1980, den König wieder an seinen Ort zurückkehren zu lassen. In Hamburg dagegen denkt sicherlich niemand an eine Rückkehr von Hermann von Wissmann, ehemals Kolonialgouverneur von Deutsch-Ostafrika, vor die Universität. 1909 war sein Denkmal in Daressalam aufgestellt worden. Die kleineren Figuren eines Löwen und eines einheimischen Soldaten  symbolisierten die Macht Deutschlands über Mensch und Tier in der Kolonie.

Nach dem Ersten Weltkrieg wurde die Gruppe von der britischen Mandatsmacht demontiert. 1921 erreichte das Auswärtige Amt die Rückgabe, Wissmann erhielt seinen neuen Platz vor der Hamburger Universität, passenderweise vor dem Gebäude, in dem zur Kaiserzeit das Kolonialinstitut untergebracht war. Im Zweiten Weltkrieg beschädigt, wurde Wissmann 1949 neu aufgestellt, 1967 vom Sockel gestürzt, wieder aufgestellt, ein Jahr später erneut heruntergeholt. Heute ist er im Keller der Sternwarte eingelagert.

Gut möglich, dass das Kapitol in Washington sein Gesicht bald verändern wird. Dort stehen neben vielen anderen Statuen die von Jefferson Davis, dem Präsidenten der „Konföderierten Staaten von Amerika“, und General Robert E. Lee, dem Kommandanten der Südstaaten-Armee im Bürgerkrieg 1861-65. Im Kapitol fanden sie als Symbole der Wiederaufnahme der Südstaaten in die Union ihren Platz. Die Sprecherin der Demokraten im Repräsentantenhaus, Nancy Pelosi, forderte nun, diese „Symbole des Hasses“ abzubauen.

Im englischen Bristol wird demnächst vielleicht die Statue von Cecil Rhodes entfernt – im späten 19. Jahrhundert trieb er die Expansion des britischen Weltreichs im südlichen Afrika voran. Usw. usf., zur Zeit kommen Tag für Tag neue Meldungen über Denkmäler, die gestürzt wurden oder Gefahr laufen, gestürzt zu werden. Ob Christoph Columbus vor einem „Totengericht“ Gnade finden könnte? In Boston wurde jetzt eine Columbus-Statue geköpft – und es ist schon richtig, ohne die Entdeckung Amerikas hätte es den Sklavenhandel über den Atlantik hinweg nicht gegeben.

„Ins Nichts mit ihm und ins Nichts mit Allen wie er!“ Im April 2003 praktizierten amerikanische Soldaten gemeinsam mit einer Gruppe von Irakern eine solche symbolische Ächtung an Diktator Saddam Hussein in Bagdad, einige Monate, bevor er selbst gefasst wurde. Die Bilder, wie seiner Statue eine Kette um den Hals gelegt und das Monument mithilfe eines Militärfahrzeugs vom Sockel geholt wurde, gingen um die Welt. Noch symbolträchtiger war die Verstümmelung, die ein amerikanischer Panzerfahrer einen Tag später an einer anderen Saddam-Hussein-Statue verübte: Er schoss ihr ein Loch in den Unterleib.

Nach derselben Logik verstümmelten die frühen Christen die „heidnischen“ Götterstatuen besonders gern im Gesicht und an den Genitalien. In Palmyra in der syrischen Wüste findet sich sogar eine Athenestatue, die im Laufe der Geschichte gleich zweimal durch religiöse Fanatiker zertrümmert wurde: Einmal um 395 durch radikale Christen und dann wieder 2015 durch Kämpfer des „Islamischen Staates“. Es wäre zu kurz gegriffen, wollte man etwa die Zerstörung der riesigen Buddhastatuen von Bamiyan in Afghanistan durch die Taliban im Jahr 2001 bloß als Kunstfrevel auffassen. Aus der Perspektive der Islamisten betrachtet, waren die „heidnischen“ Monumente selbst ein Frevel, ein unerträglicher Verstoß gegen die Gebote der Frömmigkeit. Sie mussten aus der Welt geschafft werden.

Ähnlich im 16. Jahrhundert, als radikale Anhänger der Reformation Kunstwerke in den Kirchen zerstörten, die in ihrer Sicht Gotteslästerung waren. Oder beim „Bildersturm“ im 8. und 9. Jahrhundert in Byzanz: Wahrscheinlich unter islamischem Einfluss sollte dem alttestamentarischen Verbot, das Göttliche und Heilige im Bild darzustellen, wieder Geltung verschafft werden. Dahinter stand die Furcht, Bildwerke könnten Macht über den Menschen gewinnen, indem sie ihn zum Götzendienst verführen.

Wissmann-Denkmal in Daressalam   
1909 - Bild: Wikipedia 


Oder, um den Bogen zurück zum politischen „Ikonoklasmus“ zu schlagen, zu einer Ehrerbietung gegenüber Traditionen, die im Lichte heutiger Moralvorstellungen ganz und gar nicht ehrwürdig sind, sondern vielmehr abscheulich. Bei einem Großteil der Denkmäler im öffentlichen Raum von heute lässt sich freilich bezweifeln, ob sie für das PUblikum wirklich mehr sind als beliebige Dekorationsstücke. Da ist Heinrich Spoerls humoristischer Roman „Der Maulkorb“ von 1936 durchaus realistisch. Jemand hat in volltrunkenem Zustand dem Denkmal des Landesvaters in einer rheinischen Kleinstadt einen Maulkorb verpasst. Im Prozess um Majestätsbeldeidigung fällt dem Anwalt des Beschuldigten die Schliche ein, sein Mandant sei sich über die Identität der Statue gar nicht im Klaren gewesen. Ein Maulkorb für „Goethe oder so“ wäre zwar grober Unfug, aber nur halb so schlimm.

Vielleicht war es ja ein Glücksfall, dass der Reiterstatue von Kaiser Marc Aurel auf dem Kapitol in Rom irgendwann die Assistenzfigur abhanden kam. Ein besiegter, unterwürfig kniender Barbar, de vermutlich die Sklaverei bevorsteht – im Sinne heutiger Vorstellungen nicht gerade politisch korrekt. Im Mittelalter vermutete man in dem Reiter den christlichen Kaiser Konstantin, in dem Barbaren demzufolge das niedergeworfene Heidentum. Nur diesem Irrtum verdanken wir es, dass die Statue erhalten blieb. Ein heidnischer Kaiser wäre wahrscheinlich eingeschmolzen worden – „ins Nichts mit ihm!“

Als Kaiser war Marc Aurel auch Feldherr, der blutige Kriege führte, und selbstverständlich hielt er eine Menge Sklaven – könnte er sich vor einem „Totengericht“ damit retten, dass seine „Selbstbetrachtungen“ zahllosen Menschen Anregungen gaben, über den Sinn ihres Lebens zu reflektieren? Heroisierung oder Verdammung ins Nichts, ein Mittleres kennt die historische Erinnerung bei solchen Figuren nicht. In Bristol wurde jetzt die Statue von Edward Colston ins Hafenbecken versenkt. Anfang des 18. Jahrhunderts hatte er durch den Handel mit schwarzen Sklaven ein enormes Vermögen erworben. Er nutzte es unter anderem dazu, seiner Heimatstadt Schulen und Krankenhäuser zu bauen. 1895 setzte ihm Bristol zum Dank das Denkmal. 


Mehr im Interenet:

Damnatio memoriae - Wikipedia 
scienzz artikel Umgang mit Geschichte

 

 

 

 

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