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19.06.2020 - BIOLOGIE

Musik und Tanz, Farben und Duefte

Aus der Naturgeschichte der Verfuehrung

von Josef Tutsch

 
 

Pfau, Botanischer
Garten, Madeira
Bild: Amanda Gro-
be/Wikipedia

„Wer möchte glauben“, erregte sich 1737 der Professor der Botanik in Sankt Petersburg, Johann Georg Siebesbeck, „dass von Gott solche verabscheuungswürdige Unzucht im Reiche der Pflanzen eingerichtet worden ist? Wer könnte solch unkeusches System der akademischen Jugend darlegen, ohne Anstoß zu erregen?“

Den Stein des Anstoßes gab ein grundsolides naturwissenschaftliches Projekt. Der schwedische Biologe Carl von Linné hatte bei Hunderten und Aberhunderten von Pflanzen die Staubblätter und Fruchtknoten, Blüten- und Kelchblätter gezählt und klassifiziert, um sie dann in ein „System“ von Gattungen und Arten zu bringen. Aber Linné ließ keinen Zweifel, was er da zählte, waren die Geschlechtsorgane der Pflanzen.

Ein bisschen „Romantik“, erzählt der Pflanzenbiologe Claude Gudin in seiner „Kleinen Naturgeschichte der Verführung“, die fast zwei Jahrzehnte nach dem französischen Original jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist, brachte Linné aber doch in sein System hinein. Oder jedenfalls einen Hauch von Anthropomorphismus, Vermenschlichung. Nach den griechischen Bezeichnungen für Eheleute nannte er die Gesamtheit der männlichen „Sexualorgane“ „andria“, die der weiblichen „gynia“. Und die spezialisierten Geschlechtszellen, die sich bei der Befruchtung vereinigen, „Gameten“, von „gametes“, „Hochzeiter“.

In der strengen Naturwissenschaft gilt Anthropomorphismus „eigentlich“ als ein ganz und gar unzulässiges Verfahren. Aber „der Mensch, der sich als Produkt der Natur betrachtet, schließt sich in seiner Eigenschaft als Gelehrter in diese Forschung ein“, zitiert Gudin den französischen Schriftsteller Pierre Klossowski. „Natur wird von Natur erforscht.“ Das erlaubt zwei gegensätzliche Betrachtungsweisen. Man kann kulturelle Phänomene als Spezialisierungen der Natur betrachten - oder umgekehrt in der übrigen Natur eine Art Vorgeschichte unserer Kultur suchen.

Zum Beispiel beim Thema „Verführung“ – Gudin verfolgt ihre Entwicklung bis zurück zu der einzelligen Grünalgenart „Chlamydomonas nivalis“. Es sind solche Algen, schreibt der Autor „die die Farben erfunden haben“. Genauer: den Umgang mit Farben, der dann später für die Kunst der Verführung so wichtig wurde. Die Algen haben nicht gerade ein Auge, aber doch einen winzigen roten Punkt, einen „lichtempfindlichen Rezeptor“. Die Energie grüner Lichtquanten, die damit aufgenommen wird, bringt die Alge zum Schwimmen, sie „sucht“ das Licht. Dann kann es geschehen, dass die Zellkerne von zwei Algen „sich umarmen und aneinander schmiegen“.

Formulierungen, die man befremdlich finden kann, mindestens ungewohnt. Aber sie sind geeignet, die Ursprünge dessen zu verdeutlichen, was wir mit menschlichen Worten „Verführungskunst“ nennen. Man könnte meinen, Verführung und Sexualität seien für die Evolution des Lebens eigentlich unnötige Komplikationen. Auch die Parthenogenese, die „Jungfernzeugung“, ist imstande, neue Generationen hervorzubringen, wenngleich in Form von „Klonen“. Aber 95 Prozent aller lebenden Arten haben die Sexualität als Vermehrungsform „gewählt“. Oder vielmehr: Die Sexualität hat sich durchgesetzt, weil die Vermischung der Gene es den Arten ermöglicht, sich den Veränderungen in ihrer Umwelt anzupassen. Bei komplexen Lebensformen führt die Wiederholung des Immergleichen leicht in eine Sackgasse.

Aber Sexualität bedeutet auch Konkurrenz, Verführung kostet Energie. Auf welchen Sinn des erhofften Partners sich die Verführungskünste richten, ist von Art zu Art verschieden. „Seht her, ich bin der Schönste!“, scheint der Pfau sagen zu wollen, wenn er sein farbenprächtiges Federkleid darbietet. Und der beste für die Fortpflanzung: Kräftige Farben zeigen in der Vogelwelt durchweg an, dass ein Männchen von bester Gesundheit ist, vermutlich also auch für gesunde Nachkommen bürgt. Leider birgt das Zurschaustellen solcher Qualitäten auch ein Risiko: Um sich vor Fressfeinden zu verbergen, sollte man besser unscheinbar bleiben.

Trotz der „Erfindung“ der Farben bereits durch die Algen – universal ist der Farbensinn keineswegs, viele Tierarten sehen die Welt in schwarz-weiß. Neben den optischen kommen bei der Verführung in der Tierwelt auch akustische Signale zum Einsatz. Von den schrillen „Liebeshymnen“ der Zikaden über das Quaken der Frösche bis zum Gesang vieler Vögel – es erklingen ganze „Konzerte“. Oft werden Augen- und Ohrenschmaus zu „Gesamtkunstwerken“ verbunden. Der Pfau ruft, während er sein Rad schlägt, so etwas wie „Miau, miau“, für die Damenwelt offenbar sehr bestrickend. Die Taufliege begleitet ihren Balzflug durch ein, für Menschen unhörbares, Reiben ihrer Flügel.

Paarung bei der Gottesanbeterin
Bild: Zwentibold/Wikipedia 


Oft wird auch auf den Duft gesetzt, zum Beispiel beim Wildkaninchen: Das Männchen schickt einen kleinen Urinstrahl zum Weibchen, um sein Begehren zu bekunden – ein betörendes Parfüm, darf man vermuten. Manchmal werden Geschenke dargebracht, wie bei den Spinnen, die ihrer Angebeteten eine Fliege bringen. Oder es wird ein wohnliches Heim hergerichtet, der Seidenlaubenvogel aus Neuguinea malt seine „Hütte“ sogar blau an – diese Farbe gilt bei weiblichen Vögeln dieser Art wohl als der letzte Chic.

Bei den meisten Arten ist die Werbung Sache der Männer. Weibliche Singvögel singen in aller Regel nicht, sie rufen bloß, ob nun vor Hunger und Durst oder aus Angst. „Man kann die stummen Weibchen aber zum Singen bringen, indem man ihnen Testosteron injiziert“, schreibt Gudin. Angeboren ist der Gesang auch bei den Männchen nicht, sie müssen ihn von älteren Vögeln lernen. Wenn man die Männchen früh von ihren Geschlechtsgenossen isoliert, entwickeln sie keinen Gesang. Sie sind dann auch nicht in der Lage, sich fortzupflanzen.

Das bringt Gudin auf den Gedanken, ob ganz allgemein das Wegfallen solcher Möglichkeiten der Verführung zum Aussterben von Arten führen könnte. Zum Beispiel bei den Dinosauriern. Für deren Balzen wird vor allem die intensive Färbung wichtig gewesen sein. Durch den Meteoriteneinschlag am Ende der Kreidezeit muss den pflanzenfressenden Dinosauriern weniger Nahrung zur Verfügung gestanden haben, die sie in Farbe umwandeln konnten.

Wurden sie, spekuliert Gudin, dadurch etwa unfähig zur Fortpflanzung? Der Autor wagt einen Vergleich: Müssten die Flamingos ohne die Carotinoide aus den Mikroalgen auskommen, würden sie ihre rosa Farbe verlieren – und womöglich bald aussterben. Hier gilt tatsächlich der Satz: Man ist, was man isst, zumindest wirkt man dadurch mehr oder weniger verführerisch. Dass es dabei nach menschlichen Maßstäben nicht immer sehr appetitlich zugeht – nun ja. Wenn der Schmutzgeier sein Weibchen in Stimmung bringen will, färbt er seinen Kopf gelb. Die dazu nötigen Farbstoffe nimmt er aus den Exkrementen von Kühen auf.

Manchmal ist die „Verführung“ mit Gewalt gekoppelt. Beim Alpen-Kammmolch, schreibt Gudin, „muss das Weibchen tüchtig geschlagen werden, bevor es das Männchen akzeptiert“. Ein Verwandter, der Nördliche Bandmolch, rammt dem Weibchen seinen Kopf in die Seite. Und gelegentlich endet die Verführung tödlich, bei der Gottesanbeterin mit umgekehrter Rollenverteilung wie bei jenen Molcharten: Den Männchen kann es geschehen, dass sie nach der Begattung verspeist werden. Nur selten, meint Gudin, ist es schlau genug, sich behutsam zurückzuziehen, bevor beim Weibchen der Fressimpuls einsetzt.

Die Verführung muss nicht in jedem Fall der Sexualität und Fortpflanzung dienen. Es gibt Überschneidungen mit einem zweiten Signalsystem, dem zur Abschreckung von Konkurrenten: „Hier ist besetzt!“ Und mit einem dritten, das der Nahrungssuche dient. Bei manchen Glühwürmchen, berichtet Gudin, können die Weibchen die Signale anderer Leuchtkäfer nachahmen. Deren Männchen lassen sich bereitwillig einladen und auffressen.

Die „fleischfressende“ Venusfliegenfalle lockt ihre Opfer mit intensiv roter Färbung und zuckrigem Saft. Werden die Borsten im Inneren der beiden Blatthälften berührt, schließt sich blitzschnell die Falle. Und viele Pflanzen locken Tiere an, um sie als Helfer bei ihrer Bestäubung in Dienst zu nehmen. So verströmt die Ananas einen Duft, der uns an Kellerräume und Gärungsprozesse erinnert und auf Fledermäuse unwiderstehlich wirkt. Die Gemeine Stinkmorchel mit ihrem Aasgeruch lässt sich von Fliegen und Mistkäfern „liebkosen“, die dann die Sporen verbreiten.

Einen besonders komplexen Vorgang der Verführung hat Gudin bei der Bienen-Ragwurz gefunden, einer in Südfrankreich heimische Orchidee. Nach menschlichen Maßstäben müsste man von einer geradezu hinterhältigen Irreführung der Bienenmännchen sprechen, die hier Hilfestellung geben, als eine Art Kuppler. Das „Labellum“, die Lippe der Orchidee, ist wie ein Bienenweibchen geformt und gibt ein Pheromon ab. Das Bienenmännchen stürzt sich darauf und reißt die Pollensäcke ab. An einer zweiten Bienen-Ragwurz-Pflanze wiederholt sich der Vorgang, die Säcke werden abgelegt.

Bienen-Ragwurz
Bild: Alun Williams333/
Wikipedia


Über die Generationen hinweg kann diese Art der Fortpflanzung allerdings nur funktionieren, wenn die Orchideen die Bienenmännchen nicht völlig mit Beschlag belegen und sie so an der eigenen Fortpflanzung hindern. Ihnen muss Zeit bleiben, bei „echten“ Bienenweibchen zum Zug zu kommen. Die Natur hat sich etwas „einfallen“ lassen: Die Bestäubungsszeit der Orchideen liegt vor der Geschlechtsreife der Bienenweibchen.

Noch ein Beispiel für Irreführung, diesmal vom Menschen planmäßig herbeigeführt: In der Rinder- und Schweinezucht werden „Phantome“ eingesetzt. Man lässt erregte Bullen oder Eber Attrappen besteigen. Die Weltliteratur ist voll von Beispielen, dass auch in der menschlichen Erotik und Sexualität reichlich Irreführung eingesetzt wird. Unter allen Tieren, vermutete der Anthropologe Desmond Morris, sei der „nackte Affe“ dasjenige, welches „am meisten Zeit und Raffinesse auf seine Balzrituale aufwendet“.

Und mit Einsatz all jener Mittel, wie sie auch von Tieren bekannt sind: Farbpigmente auf dem Körper, sinnenbetörende Duftstoffe, Musik- und Tanzvorführungen, allerlei Geschenke usw. usf. „Man beschnüffelt sich nicht mehr am Hintern wie bei den Nagetieren oder den Hunden“, schreibt Gudin, „aber man bedient sich weiterhin ihrer Moschusgerüche, um zu verführen.“ Die Farbtöne, die sich bei den Algen entwickelt haben, werden in der modernen Kosmetik verwendet – blau für die Augenlider, rot für die Lippen. Wenn jemand seine Angebetete mit einem bunten Blumenstrauß zu bezirzen versucht, präsentiert er übrigens die Geschlechtsorgane der Blumen – was sich vermutlich aber kein Liebender bewusst macht.


Neu auf dem Büchermarkt:

Claude Gudin: Kleine Naturgeschichte der Verführung, aus dem Französischen von Elisabeth Heyne, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2020, ISBN 978-3-8031-2821-8, 14,00 €


Mehr im Internet:

Verführung - Wikipedia 
Claude Gudin: Kleine Naturgeschichte der Verführung, Verlag Klaus Wagenbach 
scienzz artikel Naturwissenschaften 

 

 

 

 

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