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29.06.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen

Paul Celan und Martin Heidegger in Todtnauberg

von Josef Tutsch

 
 

Martin Heidegger, 1960, Foto-
grafie von Willy Pragher
Landesarchiv Baden-Württem-
berg/Wikipedia

Martin Heideggers Ehefrau Elfriede hatte das Grundstück beim Dorf Todtnauberg im Hochschwarzwald gekauft und mit einer Hütte bebauen lassen. Dort schrieb der Philosoph seit den 1920er Jahren viele seiner Bücher und empfing Besucher, von seinen Schülern wie dem Philosophen Hans-Georg Gadamer über den Physiker Werner Heisenberg bis zu „Spiegel“-Herausgeber Rudolf Augstein. Natürlich führte er auch ein Gästebuch. Mit dem Datum vom 25. Juli 1967 ist darin zu lesen: „Im Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen, Paul Celan.“

Worum es sich bei dem erhofften „Wort“ handelte, kann nicht zweifelhaft sein. Celan stammte aus einer deutschsprachigen jüdischen Familie in der Bukowina. Seine Eltern waren in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager ums Leben gekommen. Er wollte verstehen, warum Heidegger sich 1933 als Rektor der Universität Freiburg für Hitler begeistert hatte – und wie er nun dazu stand.

Der Journalist Hans-Peter Kunisch hat diese Begegnung zwischen dem Dichter und dem Denker nachgezeichnet. Oder eigentlich muss man sagen: zu rekonstruieren versucht. Denn natürlich gibt es kein Gesprächsprotokoll, lediglich fragmentarische Darstellungen von Zeugen, die jeweils auch nur zeitweise dabei waren: von Heideggers Kollegen an der Universität Freiburg, dem Germanisten Gerhart Baumann, der mit beiden befreundet war und vermittelt hatte, dass der Dichter am Abend zuvor in der Universität aus seinen Gedichten las; von Baumanns Assistenten Gerhard Neumann und von dem Studenten Silvio Vietta.

Es bleibt weitgehend offen, was an dieser „Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung“ belegt ist und was Kunischs – immerhin plausible – Ergänzung oder Mutmaßung bildet. Das gibt dem ungemein kenntnisreichen und spannend geschriebenen Buch etwas Problematisches. Der Ausdruck „Geschichte“ changiert zwischen Historie und einfühlsamer Phantasie. „So könnte es gewesen sein“, heißt es denn auch ziemlich genau in der Mitte des Buches, nach dem Gespräch in der Hütte und vor der Wanderung ins Moor, die wegen des heftigen Regens jedoch abgebrochen werden musste.

1943 hatte Celan erstmals einen Text von Heidegger zu Gesicht bekommen, einen Auszug aus „Sein und Zeit“, abgedruckt in einer rumänischen Zeitung. Darin, meint Kunisch, muss es um „den Gedanken vom existenzbestimmenden, individuellen ‚Sein zum Tode‘“ gegangen sein; in einem frühen Gedicht Celans finden sich Spuren der Lektüre. Nach dem Weltkrieg, 1948 in Wien, wurde er wieder auf Heidegger gestoßen. Er lernte dort die Philosophiestudentin Ingeborg Bachmann kennen, die eine Promotionsarbeit über die „Kritische Aufnahme der Existenzphilosophie Martin Heideggers“ schrieb.

Später behauptete Bachmann, inzwischen als Dichterin berühmt geworden, sie habe ihr Buch mit der Absicht geschrieben, Heidegger zu zerstören. Aber offenkundig war sie zugleich von Heidegger fasziniert, ebenso wie dann auch Celan. „Es war Heideggers oft eher literarisch dichte als philosophisch nüchterne Sprache, die sie anzog“, schreibt Kunisch. Wer in der Gegenwart dichten wolle, meinte Heidegger, müsse seine dichterische Sprache sozusagen neu erfinden. Wie auch er selbst sich 1927 in „Sein und Zeit“ um eine neue philosophische Sprache bemüht hatte – immer hart am Rande eines esoterischen „Jargons“.

Für Bachmann und Celan stellte sich die Aufgabe in den späten 1940er Jahren noch radikaler als für Heidegger ein Vierteljahrhundert zuvor. Die neue Sprache war ein Mittel, vielleicht das einzige Mittel, mit der Situation fertig zu werden, die Theodor W. Adorno 1949, reichlich apodiktisch, in die Worte fasste, nach Auschwitz sei es barbarisch, Gedichte zu schreiben. Heidegger selbst sah in Celan so etwas wie einen Friedrich Hölderlin oder Georg Trakl der Gegenwart. Und umgekehrt spürte auch Celan in Heidegger einen Geistesverwandten – mit dem Skandalon der Verstrickung in den Nationalsozialismus

À propos Adorno: Er soll sehr ungehalten auf Celans Begegnung mit dem Philosophen reagiert haben: „Celan pilgert zu diesem Heidegger nach Todtnauberg.“ Heidegger war für Adorno die personifizierte Bereitschaft des deutschen Bildungsbürgertums, sich auf das Bündnis mit dem Nationalsozialismus einzulassen. Er befürchtete wohl auch, für Heidegger könne die Begegnung mit dem jüdischen Dichter so etwas wie einen „Persilschein“ bringen – ähnlich wie es in der Öffentlichkeit 1957 nach einer Unterhaltung zwischen Heidegger und Martin Buber gesehen worden war.

Dieser Gefahr wollte Celan ausweichen. „Ein deutscher Denker muss sich Gedanken machen, wie es dazu gekommen ist, dass ein ganzes Volk von der Erdoberfläche verdammt werden sollte“, legt Kunisch ihm in den Mund. „So könnte es gewesen sein ...“ Heideggers mögliche Antworten bleiben erst recht Gegenstand der Spekulation. Bei seinen kargen öffentlichen Äußerungen über seine Rolle im Dritten Reich hielt sich der Philosoph viel darauf zu Gute, er habe als Rektor zum Beispiel das Aufhängen eines „Judenplakats“ untersagt oder die Bücherverbrennung im Mai 1933 nicht zugelassen.

Paul Celan, 1938
Bild: Wikipedia 


Die Quellen legen die Vermutung nahe, dass Heidegger sich beim „Gespräch“ in Todtnauberg ins Schweigen flüchtete. Er könnte dabei an eine Passage aus „Sein und Zeit“ gedacht haben: „Wer im Miteinanderreden schweigt, kann eigentlicher zu verstehen geben, d.h. das Verständnis ausbilden, als der, dem das Wort nicht ausgeht.“ Oder er redete sich mit der Allerweltsformel heraus, manches habe man „damals so gesagt“. Vielleicht spürte er auch schmerzlich, dass Celans Erwartung auf eine Leerstelle in seinem philosophischen Denken zielte: Der moralistische Ruf zur „Eigentlichkeit“ blendete die Frage nach einer möglichen konkreten Schuld des Menschen aus. Hatte er sich schuldig gemacht durch seine Rektoratsrede im Mai 1933? „Deutsche Studenten! Die nationalsozialistische Bewegung bringt die völlige Umwälzung unseres deutschen Daseins.“ „Täglich und stündlich festigte sich die Treue des Gefolgschaftswillens. Unaufhörlich wachse Euch der Mut zum Opfer für die Rettung des Wesens und für die Erhöhung der innersten Kraft unseres Volkes in seinem Staat.“ 


„Altersgleichgültigkeit“ nennt Kunisch die Haltung, die der inzwischen 76-jährige eingenommen hatte. In seiner Perspektive war Celans „Interesse, etwas aufzuklären, das nun einmal geschehen ist“, ganz und gar „unsinnig“. „Beinahe das ganze Land hatte sich damals in Ekstase gebrüllt.“ Er selbst hatte „mitgemacht“, nun ja. Einschließlich des „Wissenschaftslagers“, von dem Celan sicherlich nichts wusste. Im Oktober 1933 hatte Heidegger ausgewählte Studenten zum Zweck der politischen Erziehung in seine Hütte eingeladen. „Das Ziel wird durch Fußmarsch von Freiburg aus erreicht“, hieß es damals in der Ankündigung, „in SA oder SS-Dienstanzug, eventuell Stahlhelmuniform mit Armbinde“.

Trotz aller Belastungen – die Stimmung bei dem Gespräch am 25. Juli 1967 war unerwartet freundlich. Beim Zwischenaufenthalt in einem Café in St. Blasien, vor dem Aufbruch ins Moor, stieß Gerhart Baumann dazu, der am Vormittag Prüfungen hatte abhalten müssen. „Zu meinem freudigen Erstaunen fand ich den Dichter und den Denker in aufgeräumter Stimmung.“ Baumann hatte wohl befürchtet, zwischen dem Juden und dem ehemaligen Nazi könnte es zu einem heftigen Wortwechsel kommen. Doch Celan vermied jede Schärfe. Ein „Wort im Herzen“ von dem alten Herrn, wie er es erhoffte, wäre dann erst recht nicht mehr zu erwarten gewesen.

Der Dichter versuchte zu verstehen, dass Heidegger sich mit der Vergangenheit schwer tat. In dem Gedicht „Todtnauberg“, das Celan wenige Tage später schrieb, während er zu geschäftlichen Besprechungen mit seinem neuen Verleger Suhrkamp in Frankfurt war, spiegelt sich jedoch seine tiefe Enttäuschung: „die in das Buch – wessen Namen nahm‘s auf vor dem meinen? – die in dies Buch geschriebene Zeile von einer Hoffnung, heute, auf eines Denkenden kommendes Wort im Herzen ...“

Mag sein, überlegt Kunisch, dass Celan noch hoffte, der Philosoph würde das „Wort“ bald schriftlich nachholen – in einer kleinen autobiographischen Abhandlung oder in einem persönlichen Brief. In der Fassung des Gedichts, die er Heidegger im Januar 1968 zugehen ließ, ist zwischen den Wörtern „kommendes“ und „Wort“ in Klammern eingefügt: „ungesäumt kommendes“.

Ein Jahr später, während der 68er Unruhen in Paris, kam Celan nochmals nach Freiburg. Und wieder kam es zu eine Begegnung zwischen Dichter und Denker, diesmal nur zu dritt, gemeinsam mit Baumann. Ein Dialog über die Vergangenheit scheint sich nicht ergeben zu haben, eher schon über die Gegenwart. Da gab es paradoxe Gemeinsamkeiten. Celan, dessen politische Weltsicht durch den Pazifismus eines Gustav Landauer geprägt waren, hielt sich zur 68er Bewegung auf Distanz. Kunisch zitiert eine Äußerung über Rudi Dutschke: Dessen Position sei „alles andere als anti-autoritär“.

Andererseits konnte der alte Heidegger manchen Intentionen der Protestler einiges abgewinnen. Er war „kein Linker“, schreibt Kunisch, stand „weit rechts“, aber kam von dort aus „auf die 68er Bewegung zu“. In den 50er Jahren hatte er den Widerstand gegen Atomraketen unterstützt. Seine Skepsis gegenüber der Technik und seine Gegnerschaft zum „planetarischen Kapitalismus“ trennten ihn von den deutschen Konservativen der 60er Jahre.

Blick auf Heideggers Hütte in Todtnauberg,   
2014 - Bild: Moleskine/Wikipedia 
 

Es werden die turbulenten Gegenwartsereignisse gewesen sein, die Celans Hoffnungen auf ein „Wort“ nunmehr in den Hintergrund treten ließen. Er hatte auch eigene Probleme. 1965 hatte er in einem Wahnanfall versucht, seine Frau Gisèle zu töten, 1967 sich selbst. Im März 1970 folgte dann noch ein drittes Treffen mit Heidegger. Es war wenige Wochen vor Celans Tod, der vielleicht ein Suizid war: Am 1. Mai wurde in der Seine, unterhalb von Paris, seine Leiche gefunden.

Der altgewordene Denker war dem „Wahrheitspostulat“, das Celan an ihn stellte, ausgewichen. Kunisch unterstellt, Heidegger habe sich nicht eingestehen wollen, dass er tatsächlich, „zumindest für eine lange Zeit seines Lebens, Antisemit war“. Antisemit in welchem Sinne? Im persönlichen Umgang scheint Heidegger keineswegs ein „Judenhasser“ gewesen zu sein. In seinem Schülerkreis gab es mehrere jüdische Studenten wie zum Beispiel Herbert Marcuse oder Karl Löwith – oder auch Hannah Arendt, die von 1925 bis 1928 seine Geliebte war. „Gute Studenten sind gute Studenten, attraktive Frauen sind attraktive Frauen“, versucht Kunisch die Haltung des Philosophen auf den Punkt zu bringen. „Wenn jemand sich für Hölderlin und die griechische Philosophie begeistern konnte, fiel sein Judentum nicht ins Gewicht“, erinnerte sich später der Heidegger-Schüler Rainer Marten. Andererseits – wenn ihm jemand nicht passte, trug er keine Bedenken, dessen Zugehörigkeit zum Judentum als „Argument“ zu verwerten.

Entscheidend für Heideggers „Antisemitismus“, meint Kunisch, war die „Diaspora“, in der die Juden seit zwei Jahrtausenden lebten. „Die ‚ort- und wurzellosen‘ Juden, die Heidegger nicht an Heimaterde und ihren Vaterländern interessiert sah, sondern an rechnerischem Denken und internationalen Kapitaltransaktionen, passten nicht in seine völkisch-national und regional beschränkte Utopie des Bewahrenswerten.“ War Heideggers Denken, wie diese Formulierung nahe legt, im Grunde eine Variante der Blut-und-Boden-Ideologie? Ausgerechnet darauf geht Kunisch nicht weiter ein. Dabei ist die Frage, ob und inwieweit Heideggers Verstrickung in den Nationalsozialismus mit seinem Denken zusammenhängen könnte, doch ein zentrales Thema jeder Beschäftigung mit der Philosophie des 20. Jahrhunderts.



Neu auf dem Büchermarkt:

Hans-Peter Kunisch: Todtnauberg. Die Geschichte von Paul Celan, Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung, dtv, München 2020, 350 S., ISBN 978-3-423-28229-1, 24,00 € [D], 24,70 € [A], 32,50 CHF


Mehr im Internet:

Martin Heidegger - Wikipedia 
Paul Celan - Wikipedia 
Hans-Peter Kunisch: Die Geschichte von Paul Martin Heidegger und ihrer unmöglichen Begegnung, dtv 
scienzz artikel Moderne Philosophie 

 

 

 

 

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