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kultur

03.07.2020 - LITERATURGESCHICHTE

Satire ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht

Zu Theorie und Geschichte einer literarischen Form

von Josef Tutsch

 
 

Kurt Tucholsky, 1928
Bild: Sonja Thomassen/
Wikipedia


Wissen Sie, was im wilhelminischen Kaiserreich ein „Sitzredakteur“ war? 1874 hatte das „Reichspressgesetz“ die Zensur aufgehoben. Um bei Gesetzesverstößen jemanden zur Verantwortung ziehen zu können, wurden alle Herausgeber „periodischer Druckschriften“ dazu verpflichtet, im Impressum einen „verantwortlichen Redakteur“ zu nennen. Eine gefährliche Stellung – weit über die Tatbestände wie Beleidigung oder Volksverhetzung hinaus, die auch heute der Pressefreiheit Schranken setzen, nahmen Behörden und Gerichte damals vor allem das Delikt der Majestätsbeleidigung oft als gegeben an. Das brachte die Redaktionen immer wieder in die Lage, dass sie eine Weile ohne ihre wichtigsten Autoren auskommen mussten. Bei einigen Zeitungen griff man deshalb zu dem Trick, irgendjemanden bloß dafür zu bezahlen, dass er die Strafe „absaß“.

Die Mächtigen zu kritisieren, ist gefährlich. Dass diese Gefahr in den europäischen Staaten nach und nach zurückgedrängt wurde, gehört zu den zivilisatorischen Errungenschaften der Moderne. Ein Fortschritt, den wir angesichts der aktuellen Überflutung durch Satiresendungen im Fernsehen – geistreiche und weniger geistreiche – kaum noch zu würdigen wissen. 1898 machte sich Frank Wedekind über die Palästinareise von Kaiser Wilhelm II. lustig: „Nicht jeder Herrscher wagt sich auf die Reise ins alte Kanaan. Du aber fandst, du seist zu Hause momentan entbehrlich; der Augenblick ist völlig ungefährlich; und wer sein Land so klug wie du regiert, weiß immer schon im Voraus, was passiert.“ Wedekind büßte seine Frechheit mit fünf Monaten Festungshaft. Seine Zeitung, der „Simplicissimus“, hielt sich leider keinen Sitzredakteur.

Es müssen nicht Majestäten sein, mit denen man sich vielleicht besser nicht anlegt. 424 v. Chr. attackierte Aristophanes in seiner Komödie „Die Ritter“ den Politiker Kleon als ebenso großmäuligen wie skrupellosen Volksverführer. Sonst nahmen Politiker in der athenischen Polis dergleichen Angriffe von der Theaterbühne mit gequältem Lächeln hin, ähnlich, wie unsere heutigen Politiker das auch tun, wenn sie ein Kabarett oder eine Karnevalssitzung besuchen. Aber Kleon versuchte, den Dichter mundtot zu machen, indem er behauptete, Aristophanes besitze gar nicht das athenische Bürgerrecht.

Ein frühes Beispiel politischer Repression gegen die Dichtkunst – so oder so ähnlich ist es in allen Literaturgeschichten zu lesen. Kleon wird es anders gesehen haben: Dass Aristophanes eine Auseinandersetzung, die eigentlich in die Volksversammlung gehörte, ins Theater verlagerte, war in seinen Augen eine ungehörige Grenzverschiebung. Die Affaire verlief dann im Sande. Der Dichter hatte sich durch seinen Erfolg beim Publikum unangreifbar gemacht. Andererseits wurde Kleon noch im selben Jahr zu einem der Oberbefehlshaber des Heeres gewählt.

Vier Jahrhunderte später blickte Horaz ein bisschen neidisch auf seinen Kollegen im alten Athen: Die Komödiendichter hätten in der demokratischen Polis geradezu die Stellung von öffentlichen Anklägern innegehabt. Ob die Invektiven eines Aristophanes tatsächlich so ernsthaft waren, kann man freilich bezweifeln. Jedenfalls war Horaz‘ eigene Stellung sozial viel weniger gefestigt. Anders als sein Kollege Lucilius ein Jahrhundert zuvor hatte er von Haus aus auch nicht die Mittel, die ihm finanzielle Unabhängigkeit gaben. So bedachte Horaz mit seinem Spott lieber Menschen, die ihm nicht gefährlich werden konnten – oder gleich sich selbst.

Mit der heute so gern erhobenen Forderung, Satire müsse sich „von unten“ gegen „die da oben“ richten, ist es, wenn man auf die reale Literaturgeschichte blickt, nicht gar so weit her. Die älteste satirisch geschriebene Passage der europäischen Dichtung ist eine Szene in der „Ilias“ des Homer. Eine Figur namens Thersites wagt es, den Heerführer Agamemnon zu kritisieren. Er fordert, den geplanten Kriegszug gegen Troja abzubrechen, mit einem sehr modernen Argument: Agamemnon würde reiche Beute einsacken, während das Fußvolk, das doch die Nöte und Mühen des Krieges zu tragen hat, leer ausgehen müsste.

Eine Szene, die für Homers Zuhörer zweifellos von überwältigender Komik war. Aber nicht etwa, wie heutige Leser zunächst einmal meinen könnten, weil Thersites die Wirklichkeit des Krieges im Kontrast zur scheinbar erhabenen Idee so treffend anprangert, sondern weil er selbst als lächerliche Figur gezeichnet ist. Anders als es sonst bei Homer üblich ist, kann Thersites in seiner Rede nicht auf ruhmreiche Vorfahren verweisen. Einem solchen Nobody kommt es nicht zu, die Vornehmen seiner Gesellschaft derart anzugehen. Odysseus, der Thersites antwortet, macht sich denn auch gar nicht die Mühe, ihm Argumente entgegenzuhalten. Er beschimpft ihn als „törichten Schwätzer“ und verprügelt ihn mit seinem Herrscherstab – man darf vermuten, unter lautem Gelächter des Publikums, dem Homer seine Verse vortrug.

Karikatur auf Martin Luther, um
1535 - Bild: Wikipedia 


Satire ist eine Frage der Perspektive. Was im einen Milieu selbstverständlich ist, kann in einem anderen Unverständnis und Befremden, Anstoß und Abscheu hervorrufen. Im 5. Jahrhundert v. Chr. legte Herodot eine umfangreiche Darstellung über die Nachbarvölker der Griechen vor. Immer wieder wunderte er sich über die Sitten und Gebräuche der „Barbaren“. Das hätte ihm durchaus Anlass für so etwas wie Satiren geben können. Aber er schrieb, mit dem Bemühen um Gelassenheit, doch lieber ein Geschichtswerk.

Die Satire, lesen wir in den Abhandlungen zur Literaturtheorie, stellt die mit Mängeln behaftete Wirklichkeit einem Ideal gegenüber. Sie will bessern und belehren. „Der Endzweck der Satire ist“, schrieb 1771 Johann Georg Sulzer in seiner „Allgemeinen Theorie der schönen Künste“, „dem Übel zu steuern, es zu verbannen oder wenigstens sich dem weiteren Einreißen desselben zu widersetzen und die Menschen davon abzuschrecken.“ Ein Vierteljahrhundert später äußerte Schiller in seiner Abhandlung „Über naive und sentimentalische Dichtung“ ein leises Unbehagen über die Gattung der Satire. Wenn die „strafende“ Satire „aus einem glühenden Trieb für das Ideal“ hervor fließe, würde der Dichter leicht seine poetische Freiheit verlieren.

Oder, wie es Kurt Tucholsky 1919 ausdrückte: „Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: Er will die Welt gut haben. Sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an.“ Die Satire als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln – nur dass die idealistischen Politiker und Satiriker sich selten darin einig sind, wie die bessere Welt aussehen sollte. An der Kunstform der Satire lässt sich ablesen, inwieweit eine Gesellschaft gerade in einander feindliche Szenen zerfällt oder zerfallen ist. Eine Blütezeit der Satire war das 16. Jahrhundert, als Katholiken und Protestanten im Namen des „wahren“ Glaubens einander mit viel „Grobianismus“ befehdeten. „Des Teufels Sau, der Papst“, sagte Martin Luther gern. Die „Päpstlichen“ antworteten im selben Ton.

Nochmals Tucholsky: „Die Satire muss übertreiben und ist ihrem tiefsten Wesen nach ungerecht. Sie bläst die Wahrheit auf, damit sie deutlicher wird.“ „Soldaten sind Mörder“, schrieb er 1931 in der „Weltbühne“. Ein Text, der bis heute Ärger hervorruft, und zweifellos, er ist sehr einseitig: Tucholsky hob ein einziges Merkmal hervor, die Tötung von Menschen, und schob alles andere beiseite, was dem Strafgesetzbuch zufolge einen Mord ausmacht. Die Satire arbeitet oft mit Mitteln, die jenseits der Fairness liegen, etwa indem sie ihren Gegner lächerlich macht. Sie vereinfacht unzulässig – unzulässig jedenfalls nach den Maßstäben strenger Wissenschaft. 


Und sie nimmt, wie Tucholsky offen eingestand, in bedenklichem Maße Kollateralschäden in Kauf: „Sie kann gar nicht anders arbeiten als nach dem Bibelwort: Es leiden die Gerechten mit den Ungerechten.“ „Was darf die Satire? Alles“, schloss Tucholsky seinen Artikel im „Berliner Tageblatt“ vom 27. Januar 1919. An welches Normensystem bei „dürfen“ gedacht war, wird nicht erläutert. An das damals, auch nach dem Sturz der Hohenzollerndynastie, geltende Presserecht jedenfalls nicht; das musste Tucholsky, der selbst Jura studiert hatte, besser wissen. An die Gesetzgebung, die der Autor von der gerade entstehenden Republik erwartete, auch nicht. Man müsste ihm dann unterstellen, er hätte einen unbedingten Vorrang der Satirefreiheit vor allen anderen Rechtsgütern propagieren wollen – ein Absolutismus, der nicht sehr menschenfreundlich wäre.

Wahrscheinlich dachte Tucholsky in diesem Aufsatz überhaupt nicht juristisch – er forderte ganz einfach Freiheit für die Phantasie, auch in politischen Dingen. Im Kaiserreich hatte er reichlich die Erfahrung gemacht, dass die Reaktion auf Satire nicht, wie er sich das wünschte, eine Erwiderung „mit denselben Mitteln“ war, also in Form von Argumenten, wie ironisch gekleidet oder verkleidet auch immer. Die Getroffenen wendeten vielmehr „verletzt, empört, gekränkt das Haupt“. „Wenn einer bei uns einen guten politischen Witz macht, dann sitzt halb Deutschland auf dem Sofa und nimmt übel.“ Mit der Folge einer allgemeinen Lähmung: „Keiner wagt, dem dicken Kraken an den Leib zu gehen, der das ganze Land bedrückt und dahockt: fett, faul und lebenstötend“.

Tucholskys Hoffnungen entgegen änderte sich in der Republik daran nicht gar so viel. „Die Zeit zu schildern, ist eure heilige Pflicht“, forderte Erich Kästner seine Kollegen auf, der Appell klingt ein wenig verzweifelt. „Erzählt die Taten! Beschreibt die Gesinnungen! Nur kränkt die Schornsteinfeger nicht! Und kränkt die Jäger und die Briefträger nicht! Und kränkt die Neger, Schwäger, Krankenpfleger und Totschläger nicht! – Sonst beschweren sich die Innungen.“

Nun ist, was Kästner und Tucholsky sehr genau wussten, nicht jeder politische Witz „gut“. Nicht einmal alles, was für einen Witz erklärt wird, kommt bei anderen unbedingt als witzig an. Wäre Tucholsky damit einverstanden gewesen, dass sein berühmter Satz, die Satire dürfe „alles“, heute umgekehrt wird zu der Übung, alles und jedes als Satire zu betiteln? Mit der Intention, die eigene Position nicht nur juristisch, sondern womöglich auch moralisch und politisch für unangreifbar zu erklären – eben weil Satire ja alles darf?

Karikatur auf Charles Darwin, 1871
Bild: Wikipedia 


„Der Aphorismus deckt sich nie mit der Wahrheit; er ist entweder eine halbe Wahrheit oder anderthalb“, hat Karl Kraus einmal gesagt. Aus den halben Wahrheiten werden sehr schnell aber auch ganze Gemeinheiten. Zum Beispiel in der Fehde zwischen Heinrich Heine und August von Platen zwischen 1827 und 1830. Den Anlass gab zunächst, literaturkritisch durchaus ernsthaft, die damals modische Nachahmung orientalischer Gedichtformen in der deutschen Lyrik. Am Ende überzogen Platen und Heine einander mit Invektiven zur jüdischen Herkunft des einen, zur sexuellen Ausrichtung des anderen.

Bei der Nachwelt haben beide damit ihrem Ansehen geschadet. 54 n. Chr., kurz nach dem Tod des Kaisers Claudius, verfasste der römische Philosoph Seneca die Satire „Apocolocyntosis“, übersetzt: „Verkürbissung“, heute würden wir sagen: „Veräppelung“. Senecas Intention war es, sich bei Claudius‘ Adoptivsohn und Nachfolger Nero beliebt zu machen. Während dessen Thronantritt in Rom als Beginn goldener Zeiten gefeiert wird, empfängt die Götterversammlung den verstorbenen Kaiser Claudius, um über seine Vergöttlichung zu beraten. Doch sie erlebt einen Trottel, der sich zu Lebzeiten vor allem durch Mordtaten hervorgetan hat. Claudius wird, statt unter die Götter aufgenommen zu werden, in die Unterwelt verbannt.

Seneca rächte sich mit dieser Satire für die Verbannung nach Korsika, die Claudius einst über ihn verhängt hatte. Die Hoffnung des Philosophen, als Ratgeber seines Schülers Nero der römischen Politik seinen Stempel aufdrücken zu können, blieb übrigens unerfüllt. Elf Jahre später „dankte“ Nero ihm, indem er den Philosophen zum Suizid zwang. Die ungehemmte Rache an Claudius ebenso wie die ungehemmte Schmeichelei für Nero in der „Apocolocyntosis“ hat immer wieder Zweifel aufkommen lassen, ob dieser Text, bei aller Witzigkeit der Schreibweise, tatsächlich von Seneca verfasst wurde. Allzu wenig entspricht er Schillers Feststellung, eine „strafende“ Satire könne nur „erhabenen Seelen“ gelingen.


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Satire - Wikipedia 
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