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02.08.2020 - GESCHICHTE

Als das Judentum sein Zentrum verlor

Vor 1.950 Jahren wurde im Juedischen Krieg der Jerusalemer Tempel zerstoert

von Josef Tutsch

 
 

Silberner Halbschekel. Prägung aus
der Zeit des Aufstands
Bild: CNG coins/Wikipedia

Die Bevölkerung in der belagerten Stadt hungerte. Die Festung Antonia hatten die Römer bereits eingenommen, von dort aus war mit Schusswaffen auch der benachbarte Tempel zu kontrollieren. Nach allem menschlichen Ermessen war die Einnahme Jerusalems nur noch eine Frage von wenigen Wochen. Aber Titus wollte seine Soldaten nicht in Straßenkämpfen aufopfern. Als er am 6. August des Jahres 70 n. Chr. die Nachricht erhielt, im Tempel hätten die Priester das tägliche Opfer nicht mehr abhalten können, entschloss er sich nochmals zu einem Versuch, die Belagerten zur Aufgabe zu bewegen.

Die Gelegenheit schien günstig. Im Gefolge des Feldherrn gab es Juden, die sich mit der römischen Herrschaft abgefunden hatten. Titus wird also gewusst haben, welche Bedeutung der Tempeldienst für die Juden hatte. Ihrer Überlieferung zufolge wurde er seit über 1.130 Jahren, seit den Tagen des Königs Salomo, ohne Unterbrechung abgehalten. Wenn er nun erstmals zum Erliegen gekommen war, musste das die Bevölkerung der Stadt aufs tiefste demoralisieren.

Titus befahl einem Juden namens Josephus, von einem erhöhten Posten der Festung aus in seinem Namen zu den Belagerten zu sprechen. Dieser Joseph ben Mathitjahu hatte sich, als der Aufstand vier Jahre zuvor ausgebrochen war, selbst daran beteiligt und war dann, wenn man seiner eigenen Schilderung Glauben schenkt, auf sehr dramatische Weise in römische Gefangenschaft geraten. Nachdem er und seine Mitkämpfer in einer Höhle eingeschlossen waren, erwog Josephus, sich zu ergeben, konnte die anderen davon jedoch nicht überzeugen. Daraufhin schlug Josephus einen kollektiven Suizid vor, indem einer den anderen töten sollte. Als nur noch zwei übrig waren, darunter eben Josephus, konnte er den anderen überwältigen und beide ergaben sich den Römern.

Josephus drohte die Hinrichtung oder der Kerker. Aber mit einem gewagten Manöver verstand er es, sich die Gunst des Feldherrn Vespasian zu gewinnen: Er prophezeite ihm, demnächst werde er zum Kaiser aufsteigen – zu einem Zeitpunkt, da der Amtsinhaber Nero noch gar nicht gestorben war. Als sich die Prophezeiung erfüllte, war Vespasian so beeindruckt, dass er Josephus die Freiheit schenkte. Der gab sich nun nach der Familie des neuen Kaisers den Zusatznamen „Flavius“ und stieg zu einem wichtigen Berater von Vespasians Sohn Titus auf, der den Befehl über die Truppen in Palästina übernommen hatte.

Nun stand er also in Titus‘ Namen auf den Zinnen der Burg und sprach zu den Belagerten, mit Argumenten, die nach seiner Einschätzung einem frommen Juden einleuchten mussten: Die Kämpfer sollten sich ihrer Vaterstadt erbarmen; der Tempel, in dessen Randbezirken durch die Kämpfe immer wieder Feuer ausbrachen, müsse erhalten bleiben und vor allem – nach einem Ende der Kämpfe könnte der Opferdienst sofort wieder aufgenommen werden.

In den Augen der Romfeinde war Josephus als „Überläufer“ natürlich angreifbar war: „Niemals werde ich mich so gänzlich als Kriegsgefangener fühlen, dass ich mein Volk verriete und mein Vaterland verleugnete!“ Um so entschiedener berief er sich in seiner Rede auf die jüdische Tradition: „Damals, als die Babylonier mit ihrem gewaltigen Heer anrückten, nahm König Jechonias die Kriegsgefangenschaft auf sich, damit er das Heiligtum nicht den Flammen überlassen musste.“

Doch der Appell lief ins Leere. In Jerusalem hatten die radikalen „Zeloten“ in einem Bürgerkrieg die Macht übernommen, sogar im Tempelbezirk war es zu Kämpfen gekommen. Der neue Machthaber Johannes oder Yohanan ben Levi antwortete, so jedenfalls berichtete Josephus später in seinem Buch über den „Jüdischen Krieg“, wegen der Eroberung sei ihm nicht bange, die Stadt werde von Gottes Hand beschützt.

Modell des zerstörten Tempels, Isreal
Museum, Jerusalem
Bild: Berthold Werner/Wikipedia 


Der Fortgang ist bekannt: In den folgenden Wochen wurde der Tempel von Grund auf zerstört. Nur die Westmauer blieb erhalten, sie ist heute als „Klagemauer“ bekannt.  Ob die Zerstörung, wie Josephus behauptete, gegen den ausdrücklichen Willen des römischen Feldherrn geschah, muss wohl auf Dauer offen bleiben. Für die Römer war der Tempel zunächst einmal ein Ort, den es zu erobern galt, schon deshalb, weil die Verteidiger ihn um jeden Preis halten wollten. Aber dass Titus es politisch für angebracht hielt, auf religiöse Empfindlichkeiten Rücksicht zu nehmen, ist durchaus wahrscheinlich. Vielleicht hatte er auch Bedenken, den Gott der Juden ohne Not zu erzürnen.

„Da stürzten sich die einen freiwillig in die Schwerter der Römer, die andern erschlugen sich gegenseitig, andere brachten sich selbst um, wieder andere sprangen in die Flammen“, fasste im frühen 3. Jahrhundert der Geschichtsschreiber Cassius Dio das Geschehen zusammen. Und es schien für alle nicht so sehr Verderben, sondern eher Sieg und Heil und Gnade zu bedeuten, mit dem Tempel zusammen unterzugehen.“

Cassius Dio verstand nicht, warum gerade diese Provinz sich dem römischen Weltreich und den Segnungen der griechisch-römischen Zivilisation so hartnäckig widersetzt hatte. Was in den Augen vieler Juden damals Heroismus und Frömmigkeit bedeutete, war aus Sicht ihrer „heidnischen“ Zeitgenossen bloß unvernünftig. Der Dissens spiegelte sich bereits in der Sprache. Die Kämpfer gegen die römische Herrschaft nannten sich selbst „Zeloten“, Eiferer – gemeint war: Eiferer für die Königsherrschaft ihres Gottes. Flavius Josephus, der für römische Leser schrieb, machte sich die Terminologie der Besatzer zu eigen, er sprach von „Banditen“.

Im Rückblick betrachtet, war der große Aufstand von 66 bis 70 n. Chr. nur der Höhepunkt einer langen Entwicklung. Im Jahr 26 musste der Statthalter Pontius Pilatus nach heftigen Protesten darauf verzichten, die römischen Feldzeichen, auf denen auch das Bild des Kaisers zu sehen war, in Jerusalem sichtbar zu machen. 39 n. Chr. befahl Kaiser Caligula, seine Statue im Jerusalemer Tempel aufzustellen. Es gelang dem Statthalter Publius Petronius, die Erfüllung dieses Auftrags so lange hinauszuzögern, bis Caligula im Jahr 41 ermordet wurde.

Es war ein unüberbrückbarer kultureller und religiöser Dissens. Die Forderung des Gottes Jahwe „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben“ richtete sich zwar nur an Juden, nicht an Angehörige anderer Völker. Aber für Juden war damit auch die sogenannte „interpretatio romana“ ausgeschlossen, die Gleichsetzung ihres Gottes etwa mit Zeus oder Jupiter, die den übrigen Völkern und Religionen rund um das Mittelmeer ein wechselseitiges Geltenlassen ermöglichte. Die Verständnislosigkeit, mit der die Heidenwelt auf die Sonderstellung des Judentums reagierte, spiegelt sich in der Aussage des Tacitus, der „jüdische Aberglaube“ stehe „im Widerspruch zu der von der gesamten Welt akzeptierten Lebensweise“.

Die Opfer des großen Krieges bezifferte Flavius Josephus auf mehr als 1 Million Menschenleben. Das wird übertrieben sein. Entvölkert war die Provinz Judäa jedenfalls nicht, 132 wagte die Bevölkerung nochmals einen Aufstand. Verlässlicher scheint die Zahl von 97.000 Gefangenen, die versklavt wurden. Auf dem Sklavenmarkt brachen die Preise ein; infolge der reichen Beute sank auch der Goldpreis um die Hälfte. Einige der Kultgegenstände aus dem Tempel – der Siebenarmige Leuchter, die Silbertrompeten und der Tisch für das Brotritual – erregten in Rom derartiges Aufsehen, dass sie Jahre später im Relief des Triumphbogens für Titus dargestellt wurden.

Mit der Zerstörung des Tempels verlor das Judentum sein Zentrum. Etwa ein Drittel der Gebote in der Tora beziehen sich auf den Tempel und den Opferkult, können also nicht mehr praktiziert werden. Die jüdische Priesterschaft starb aus, mit der Zeit bildete sich eine neue religiöse Elite, die heute unser Bild vom Judentum prägt, die der „Rabbiner“. Sie entwickelten eine jüdische Frömmigkeit, die auch ohne Tempel gelebt werden konnte.

Klagemauer in Jerusalem, 2004      
Bild: Chmouel/Wikipedia 


Das war um so dringender, als der Krieg die Zerstreuung der Juden rund um das Mittelmeer und in den Nahen Osten gefördert hatte. Der Zusammenhalt der jüdischen „Diaspora“ wurde nicht mehr durch den Tempel gewährleistet, mit den Wallfahrten dorthin, sondern nunmehr einzig und allein durch den Bezug auf die Bibel. Eine Generation nach der Zerstörung Jerusalems wurde der „Kanon“ der biblischen Schriften festgelegt. Erst jetzt wurde das Judentum von einer „Kultreligion“ zu einer „Buchreligion“. Der Name Jerusalem blieb Chiffre einer unerfüllten und womöglich unerfüllbaren Sehnsucht. „Nächstes Jahr in Jerusalem“, lautet ein traditioneller Wunsch am Schluss von Gebeten.

Auf das junge Christentum hatte die Zerstörung des Tempels eine andere Wirkung: Sie beschleunigte die Loslösung von der „Mutterreligion“, mit der Zeit starb das Judenchristentum aus. Manche Kirchenväter interpretierten das Ende des Tempels als Strafe, die Gott für die Kreuzigung Jesu über das Judentum verhängt habe. Gott hätte Israel verlassen, nachdem die Israeliten den Gottessohn nicht als ihren Messias erkannten. Nunmehr war die christliche Kirche das „auserwählte Volk“. Theologen wie Origenes oder Eusebius von Caesarea konnten sich auf eine Passage im Markusevangelium berufen, die wahrscheinlich unmittelbar nach dem Krieg entstand. Jesus sagt dort zu seinen Jüngern angesichts des Tempels: „Kein Stein wird auf dem anderen bleiben, alles wird niedergerissen.“

„Wer kennt nicht die Aufzeichnungen der alten Propheten und die Weissagungen über diese unheilvolle Stadt, die sich jetzt erfüllen sollen?“ So lesen wir auch in der Rede des Josephus von den Mauern der Burg Antonia. Drastischer noch: Gott habe die Stadt „schon verworfen“. „Gott, ja Gott selbst hat die Römer mit dem Feuer herangeführt, den Tempel zu reinigen, und er selbst vernichtet die Stadt, die von furchtbarem Frevel befleckt ist!“

Aber wie passt dieser Fluch zur Intention der Rede, die Belagerten zur Aufgabe zu bewegen? In diesem Sinn war die Rede mit dem Satz „Ich bin dein Bürge, dass die Römer dir Gnade gewähren!“ eigentlich abgeschlossen. Der Gedanke liegt nahe, dass ein späterer Abschreiber die folgenden Sätze hinzugefügt und so seine christliche Interpretation der Zerstörung Jerusalems in den Text hineingetragen hat. In einer Hinsicht hatte Flavius Josephus, wie andere Stellen in seinem Werk zeigen, dieser Interpretation sogar vorgearbeitet: Anscheinend war er zu dem Schluss gelangt, das Judentum habe unter römischer Herrschaft eher eine Zukunft als im endlosen Widerstand. So konnten sich spätere christliche Theologen an Josephus orientieren, wenn sie dem Imperium Romanum eine heilsgeschichtliche Bedeutung zuschrieben.

Vergleichbare Einschübe finden sich auch an anderen Stellen in den Schriften des Flavius Josephus. In den „Jüdischen Altertümern“ wird von Jesus erzählt. Josephus nannte ihn „einen weisen Menschen“. Ein Kopist, dessen Fassung dann sämtliche Handschriften übernahmen, fügte hinzu „wenn man ihn überhaupt einen Menschen nennen darf“. Eine Anspielung auf den Gottmenschen Jesus Christus. Ähnlich sollten christliche Leser des Flavius Josephus bei der Formulierung vom „furchtbaren Frevel“ nicht nur an die Leichen aus dem Bürgerkrieg denken, die den Tempel befleckten, sondern mehr noch an die Kreuzigung Jesu. 


Mehr im Internet:
Zerstörung des Tempels - Wikipedia 
scienzz artikel Judentum 

 

 

 

 

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