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Kultur

27.07.2020 - THEATER

Der Ruf des Todes und die tiefe Freude am Theater

100 Jahre Salzburger Festspiele

von Josef Tutsch

 
 

Max Reinhardt, von NIcola
Perscheid, 1911
Bild: Wikipedia

Als er an einem Winterabend mitten im Ersten Weltkrieg, erinnerte sich später der Musikkritiker Paul Stefan, über den tief verschneiten Salzburger Domplatz ging, begegnete er dort dem Theaterregisseur Max Reinhardt. „Was meinen Sie, lieber Doktor“, sagte Reinhardt, „gerade hier, wo wir jetzt gehen, möchte ich einmal den ‚Jedermann‘ geben.“ Den „Jedermann“ – 1911 hatte Reinhardt die Neubearbeitung des mittelalterlichen Mysterienspiels von Hugo von Hofmannsthal in Berlin erstmals auf die Bühne gebracht.

Doch mit der Wirkung des Stücks auf einer „normalen“ Bühne war Reinhardt nicht zufrieden. Der Salzburger Domplatz ließ ihn träumen: der Eingang der Kirche mit den riesigen Heiligenfiguren als Kulisse, der Ruf des Todes von der Festung Hohensalzburg herab, übertragen durch ein Mikrophon, das Dröhnen der Kirchenglocken zum Schluss des Spiels … Anderthalb Jahre nach Ende des Weltkriegs konnte Reinhardt seinen Traum endlich verwirklichen. Alles erschien „wie ein Selbstverständliches“, begeisterte sich der Regisseur noch zwei Jahrzehnte nach der Aufführung aus dem amerikanischen Exil. Selbst die Geistlichen und Ordensleuten, die von den Fenstern des Petersstifts aus zuschauten, wirkten für das Publikum unten auf dem Platz wie ein Bestandteil des Spiels.

Mit dem „Jedermann“ nahmen vor 100 Jahren, am 22. August 1920, die Salzburger Festspiele ihren Anfang. Pläne, nicht nur den „Jedermann“ aufzuführen, sondern Sommer für Sommer in der Stadt an der Salzach ganze Festspiele abzuhalten, kursierten im Freundeskreis um Max Reinhardt spätestens seit 1917. Es war bereits abzusehen, dass die Donaumonarchie den Weltkrieg nicht überstehen würde. Vor allem Hofmannsthal litt heftig darunter, dass er seine politische „Heimat“ verlor, ein übernationales „Europa im Kleinen“. In seinen theoretischen Schriften hatte er schon vor dem Weltkrieg die Idee des „theresianischen Menschen“ entwickelt: In der Mitte Europas sollte die „österreichische Idee“ zwischen der romanischen, der germanischen und der slawischen „Kultur“ vermitteln.

Und dieser Idee sollten nach dem Ende des Vielvölkerreiches auch die Festspiele in Salzburg Ausdruck verleihen, die Hofmannsthal gemeinsam mit dem Theaterpraktiker Reinhardt, dem Komponisten Richard Strauss und dem Dirigenten Fritz Schalk nun in Angriff nahm. Es war ein Anfang unter den schwierigsten Bedingungen: In den Straßen sah man noch „ausgehungerte Salzburger“, erinnerte sich Reinhardt später. Aber die Festspiele bescherten der kleinen Stadt in der kleinen Republik Österreich sehr bald einen Aufschwung. Die Zuschauer, die aus aller Herren Länder herbeiströmten, „erfüllten die Stadt mit babylonischem Sprachgewirr, machten aus dem grünen Hut, der Ledernen und dem Dirndl eine kosmopolitische Tracht“.

Es war ein Gegenentwurf zu den Bayreuther Festspielen, die Richard Wagner 1876 begründet hatte: Dort nur ausgewählte Musikdramen eines einzelnen Künstlers, eines „Norddeutschen“, wie Hofmannsthal den Sachsen benannte, hier sowohl Opern als auch Schauspiele als auch Konzerte, und zwar von vielen Dichtern und Komponisten, gruppiert um die „Kunst Österreichs“. In einem Motiv freilich traf sich das Salzburger Projekt mit seiner Konkurrenz: im Traum von einem „Volkstheater“, das nicht nur populär, sondern zugleich weihevoll und erhaben sein sollte. „Der Festspielgedanke ist der eigentliche Festgedanke des bayerisch-österreichischen Stammes“, schrieb Hofmannsthal 1919 im Vorfeld der Eröffnung. Und skizzierte auch gleich das internationale Programm: Shakespeare und Goethe, Calderón und Racine, Gluck und Mozart.

Daneben bilden die sechs Opern, die Hofmannsthal zwischen 1909 und 1933 gemeinsam mit Richard Strauss schuf, seit jeher einen Kern des Programms. Ganz originell war die Idee von Festspielen in Salzburg übrigens nicht. Bereits 1877, ein Jahr nach dem Gründungsakt in Bayreuth, hatte es dort ein Mozartfest gegeben, das bis 1910 mehrmals wiederholt wurde, mit internationalem Publikum. 1904 legte der Dramatiker Hermann Bahr einen Plan für regelmäßige „Salzburger Feste“ vor. Das Projekt scheiterte an der fehlenden Finanzierung.

"Jedermann", 1920 - Bild Archiv der Salz-
burger Festspiele/Foto Ellinger/Wikipedia

Die Salzburger Theatertradition reichte aber noch viel weiter zurück, bis in die Zeit der Fürst-Erzbischöfe. 1632 brachte der Benediktinerpater Thomas Weiss ein „Jedermann“-Stück auf die Bühne, Titel: „Anastasius. Spielball des Glücks, Opfer der Welt, Schaubild der Hölle“. Dass es ausgerechnet in der Notzeit nach dem Ersten Weltkrieg gelang, Festspiele auf Dauer zu etablieren, lag vor allem an der Hartnäckigkeit von Max Reinhardt. Im April 1918 hatte Reinhardt das baufällige Schloss Leopoldskron im Süden der Stadt erworben. Für fast zwei Jahrzehnte, bis zu Reinhardts Flucht in die USA, wurde Leopoldskron, wo auch kleinere Theateraufführungen stattfanden, ein internationaler Treffpunkt für Schriftsteller, Komponisten, Schauspieler und Regisseure.

Pläne für ein neues großes Festspielhaus nach dem Vorbild des Bayreuther „Hügels“ blieben unverwirklicht. Aber dafür wurde nach und nach die ganze Stadt zur Bühne, neben dem Domplatz vor allem die Kollegienkirche und die Stiftskirche St. Peter sowie der Hofmarstall, den das erzbischöfliche und das kaiserliche Militär hinterlassen hatte. Darin wurden die „Winterreitschule“ und die „Sommer“- oder „Felsenreitschule“ für die Theateraufführungen umgebaut.

Das „Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ jedes Jahr zur Eröffnung zu bringen, war zunächst nicht geplant. 1922 präsentierte Hofmannsthal ein weiteres Mysterienspiel, das er eigens für die Festspiele geschrieben hatte, das „Salzburger Große Welttheater“, nach einer Vorlage des spanischen Dichters Pedro Calderón aus dem 17. Jahrhundert. Doch dieses Werk setzte sich nicht durch. Von 1926 an wurde Jahr für Jahr der „Jedermann“ gegeben. Was das übrige Programm betraf, ging Reinhardts Ehrgeiz darauf, seinem Publikum „von allem das Höchste“ zu bieten – das begünstigte die „Klassiker“ des Theaterrepertoires von Shakespeare über Molière bis zu Goethe, Schiller und Kleist, auch die Österreicher Nestroy und Raimund. 

Und im Musiktheater Wolfgang Amadeus Mozart, immer wieder Mozart, der genius loci der Stadt. Die große c-Moll-Messe ist bis heute jedes Jahr ein fester Bestandteil des Programms. Einen Großteil der Interpreten bot das Salzburger Mozarteum mit seinem langjährigen Leiter Bernhard Paumgartner auf. Richard Strauss verpflichtete immer wieder die Wiener Philharmoniker und die Wiener Staatsoper zu Aufführungen. Einige Jahre lang prägte Arturo Toscanini vom Dirigentenpult aus die Festspiele – ein Ruhm, den später selbst Karl Böhm und Herbert von Karajan nicht zu überstrahlen vermochten. Stefan Zweig wohnte gelegentlich den Proben bei und war wie elektrisiert von Toscaninis „tagelangem, zähem Ringen um das einzelne und einzelnste der Vollendung“, das sich vom „magischen Stäbchen“ des Dirigenten aus dem Orchester mitteilte.

Sommer für Sommer – mit der einzigen Ausnahme 1924, als die Festspiele wegen der Finanzknappheit ausfallen mussten – wurde Salzburg zum Zentrum der geistigen Welt. Zweig nannte in seinen Lebenserinnerungen später die Schriftsteller Romain Rolland, Thomas Mann, H. G. Wells, James Joyce, Franz Werfel, Paul Valéry, Arthur Schnitzler usw. usf., die Komponisten Maurice Ravel, Alban Berg, Bela Bartók … 1938 kam der Niedergang. Nach dem „Anschluss“ wurden die Festspiele der NS-Kulturpolitik angepasst. „Möge das Feuer Schimpf und Schande verzehren, die unserer deutschen Stadt von diesem Geschmeiß geschah!“, lautete der Ruf im April bei der Bücherverbrennung auf dem Residenzplatz. „Frei und deutsch sei die Stadt Mozarts!“

Mit „Geschmeiß“ waren Max Reinhardt gemeint, der aus einer jüdischen Familie stammte, und Hugo von Hofmannsthal, der einen jüdischen Urgroßvater hatte. Der „Jedermann“ wurde verboten. Zwar hätte die dezidiert anti-moderne Kritik der Geldwirtschaft den Machthabern durchaus gelegen sein können. Aber die katholische Tendenz des Stücks war doch allzu offenkundig. Seit 1946 ist es wieder Jahr für Jahr zu sehen, wenngleich nicht durchweg unumstritten: In den Jahren um 1970 erschien es reichlich unzeitgemäß, dass der Titelfigur ihre „kapitalistischen“ Sünden aufgrund der Fürsprache des Glaubens und der guten Werke so einfach vergeben werden. Am Ende setzte sich jedoch das Publikum mit seiner Liebe zu einer „konservativen“ Interpretation des Stückes durch.

Wie überhaupt die Öffnung der Festspiele hin zum Zeitgenössischen lange Jahre eher zögerlich ablief. 1947 gab es eine viel beachtete Welturaufführung mit der Oper „Dantons Tod“ von Gottfried von Einem, 1951 brachte Karl Böhm ein „klassisches“ Werk der Zwölftonmusik auf die Bühne, „Wozzeck“ von Alban Berg. Herbert von Karajan setzte bei seinen Erweiterungen des Repertoires über Strauß und Mozart hinaus eher auf Verdi, Bizet und Puccini. 1968 lenkte die Wiederaufführung einer geistlichen Oper von Emilio de‘ Cavalieri, „Das Spiel von Seele und Körper“, aus dem Jahr 1600 die Aufmerksamkeit des Publikums auf die „alte“ Musik, die vor Bach und Händel.

Im Schauspiel gab es in den 1970er und 1980er Jahren fünf Uraufführungen von Thomas-Bernhard-Stücken. 1972 kam es bei „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ zum Eklat: Zum Ende der Aufführung forderte Bernhard völlig Dunkelheit, auch das Notlicht sollte gelöscht werden. Dass dies mit den feuerpolizeilichen Vorschriften nicht zu vereinbaren war, wollte der Autor nicht akzeptieren. Im Konzert richtete der Intendant Alexander Pereira 2012 die Reihe „Ouverture spirituelle“ ein: Die bekannten Werke katholischer und protestantischer Sakralmusik werden mit geistlicher Musik aus den übrigen Weltreligionen konfrontiert.

Jahr für Jahr sechs Festspielwochen, mehr als 200 Veranstaltungen, über 250.000 Gäste – Salzburg ist zum größten aller Festivals der klassischen Musik geworden. Da hat sich gegenüber Carl Zuckmayers Schilderung von 1937 wohl nicht viel geändert, nur dass die Dimensionen noch gewachsen sind: „Die Wagenauffahrt vor dem Festspielbau wollte kein Ende nehmen. Zu Hunderten schlängelten sich die Autos durch die Gassen der kleinen Stadt. Auch die Eingeborenen waren aus ihren Höhlen gekommen […], standen wie Mauern rechts und links vom erleuchteten Portal und beobachten den Einstrom der Besucher.“

Festspielhauskomplex an der Hofstallgasse 
vom Mönchsberg aus gesehen 
Bild: Andreas Praefcke/Wikipedia 


Ausgerechnet im Jubiläumsjahr 2020 hat der „Lockdown“ infolge von Corona nun eine radikale Reduktion des Programms erzwungen. Dabei ist es selbst in „normalen“ Jahren, wird immer wieder geklagt, beinahe unmöglich, eine Karte zu ergattern. Kein ganz neues Problem: Bereits bei den „Mozart-Festen“ um 1900 klagte die Lokalpresse, die Veranstaltungen würden für Gäste aus aller Welt abgehalten, nur nicht für die Salzburger.

Ob die Begründer der Festspiele ihre Vision aus den letzten Weltkriegsjahren heute erfüllt sehen würden? 1942 blickte Max Reinhardt mit tiefer Resignation auf „seine“ Festspiele in den 1920er und 1930er Jahren zurück: „Es war der ergreifende Sonnenuntergang einer Kultur, die zwischen den beiden Weltkriegen ausglühte.“ Wie fremd uns die Welt vor hundert Jahren geworden ist, zeigt eine Äußerung des Literaturhistorikers Max Pirker, der nach der „Jedermann“-Aufführung von 1921 von einer „Kulthandlung“ sprach. Ein Satz, der dem Dichter Hugo von Hofmannsthal entgegen kam. Heute würde ihn kaum jemand wiederholen wollen. Doch der Impuls, den der weltanschaulich viel weniger ambitionierte Theaterpraktiker Reinhardt für „seine“ Festspiele nannte, ist lebendig geblieben: „die tiefe Freude am Theater“. 


Mehr im Internet:

Salzburger Festspiele - Wikipedia 
scienzz artikel Theater 

 

 

 

 

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