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17.07.2020 - GESCHICHTE

Noah betete, Hams Farbe moege sich veraendern

Sklaverei und Hautfarbenrassismus seit dem Mittelalter

von Josef Tutsch

 
 

Misshandelter Sklave in
Louisiana, 1863
Bild: Wikipedia

Als der französische Jurist Alexis de Tocqueville und sein Begleiter Gustave de Beaumont 1831 in die USA reisten, war eine ihrer Fragen, wie sich die ehemaligen Sklaven in die amerikanische Gesellschaft einfügten, die der Theorie nach ja als eine Gesellschaft der Freien und Gleichen angelegt war. In Pennsylvania war die Sklaverei bereit 1779 abgeschafft worden, in New York wurde sie 1827 verboten. In Maryland bestand sie noch, hatte jedoch faktisch keine große Bedeutung mehr.

Doch wie Tocqueville und Beaumont beobachteten, war die Tendenz, die Schwarzen für minderwertig zu erklären und sozial zu benachteiligen, so stark, dass sie die Institution der Sklaverei überdauern konnte. Zum Beispiel in Pennsylvania konnten die Schwarzen nicht einmal an den Wahlen teilnehmen, Begründung: Die öffentliche Meinung unter den Weißen sei dagegen. Als Tocqueville später sein großes Werk über die „Demokratie in Amerika“ schrieb, zog er ein sehr pessimistisches Fazit: „Die Ungleichheit setzt sich in dem Maß in den Sitten fort, als sie aus den Gesetzen verschwindet.“ „Man kann voraussehen, dass die Weißen der Vereinigten Staaten umso mehr nach Absonderung trachten werden, je freier sie sind."

Drei Jahrhunderte zuvor hatte der Arbeitskräftemangel in der Neuen Welt nach der Eroberung durch die Europäer eine der großen Sklavenhaltergesellschaften der Weltgeschichte begründet. „Lieferzone“ war Afrika. Die Historiker schätzen, dass vom 15. bis zum 19. Jahrhundert etwa 11,5 Millionen Afrikaner über den Atlantik deportiert wurden. Als die Portugiesen, berichtet der Rostocker Historiker Egon Flaig, um 1470 die westafrikanische Küste erkundeten, klinkten sie sich sehr rasch in den innerafrikanischen Handel ein. Von kriegerischen Stämmen, die regelmäßig ihre Nachbarn überfielen, waren günstig Sklaven zu beziehen, die man andernorts gegen Gold eintauschen konnte. Mit dem Gold wiederum kauften die Portugiesen in Indien Gewürze ein. Bald wurden afrikanische Sklaven auch auf Madeira und den Azoren eingesetzt, wo die Portugiesen kleine Zuckerplantagen aufbauten. Und wenige Jahrzehnte später im neu entdeckten Amerika.

Dabei sah es Mitte des 15. Jahrhunderts noch danach aus, als würden Sklaverei und Sklavenhandel in der europäischen Geschichte der Vergangenheit angehören. Im frühen Mittelalter waren Nord- und Osteuropa wichtige Reservoire für den Bedarf der islamischen Länder nach Sklaven gewesen. Zum Beispiel die Wikinger oder die Ungarn machten auf ihren Raubzügen Gefangene und verkauften sie dann über Marseille, Venedig oder Konstantinopel. Auch viele Gutsherren in Europa selbst hielten sich Sklaven. So galten in England zum Zeitpunkt der Eroberung durch die Normannen 1066 etwa 10 Prozent der Bevölkerung rechtlich als „Sachen“.

Erst nach und nach wurde die Sklaverei in die Leibeigenschaft übergeführt. Das wird für den Alltag des einzelnen nicht immer eine große Änderung mit sich gebracht haben, verwandelte jedoch die Kultur der Arbeit: Leibeigene waren keine Sachen, sondern Personen. Für den Umgang mit ihnen mussten sich die Herren, wenn schon nicht vor der weltlichen, dann doch vor der geistlichen Obrigkeit rechtfertigen. Nördlich der Alpen gab es in Europa seit dem 12. Jahrhundert keine Sklaven mehr. Dagegen hielt sich die Sklaverei, wenngleich in kleinerem Umfang, in den italienischen Küstenstädten. Flaig: „Italienische Kaufleute, welche ihre Sklaven mit sich führten, kollidierten nicht selten mit den lokalen Gerichten Nordwest- und Mitteleuropas.“

Ein europäischer „Sonderweg“, wenn man so will. Ansonsten scheint es so gut wie keine Kultur gegeben zu haben, in der Sklaverei keine sozial anerkannte Rechtsform war. Anders als im neuzeitlichen Amerika war sie nicht unbedingt mit einem Unterschied in der Hautfarbe verbunden. Das hinderte freilich nicht daran, dass Sklaven für prinzipiell andersartig erklärt wurden. Um 1300 protestierte der koreanische König Chungnyol gegen chinesische Pläne, das System der Sklaverei zu reformieren: „Diese sklavischen Wesen gehören einer anderen Rasse an, und es ist ihnen daher unmöglich, zu normalen Menschen zu werden.“ Dabei waren die Sklaven damals in Korea allesamt Koreaner, erklärt Flaig, nicht anders als ihre Herren auch.

Für das klassische Altertum sind Schätzungen möglich: etwa 10 Prozent der Bevölkerung waren Sklaven. Der Bestand reproduzierte sich selbst, außerdem wurde durch Kriege militärisch überlegener Reiche gegen ihre schwächeren Nachbarn immer wieder ein Nachschub gesichert. Einen Unterschied zwischen Herren und Sklaven gab es nicht „rassisch“, sehr oft aber kulturell: Die meisten Sklaven in der griechischen und römischen Welt kamen aus den Randgebieten, von den „Barbaren“.

Sklavenhandel in Ostafrika, 1866
Bild: Wikipedia 


Die berühmt-berüchtigte Theorie des Aristoteles, manche Menschen, womöglich sogar alle „Barbaren“, seien „von Natur aus“ zu Sklaven bestimmt, war jedoch unter den Intellektuellen umstritten. „Keinen hat die Natur zum Sklaven gemacht“, widersprach Aristoteles‘ Zeitgenosse, der Redner Alkidamas. In der Praxis drangen solche Argumente nicht durch, auch nicht, als später der eine oder andere christliche Theologe sich gegen die Sklaverei wandte, zum Beispiel Gregor von Nyssa im 4. Jahrhundert: Sklaven zu halten, sei eine „Rebellion gegen Gott“.

Einen frühen Beleg, dass schwarze Hautfarbe und Sklaverei miteinander assoziiert wurden, hat Flaig bei dem muslimischen Historiker at-Tabari, um 900, gefunden: „Noah betete, dass Hams Farbe sich verändern möge und dass seine Nachkommen Sklaven der Kinder Sems und Japhets sein sollten.“ Ham – der Bibel zufolge der dritte Sohn Noahs, den sein Vater verfluchte. Die Geschichte war für manche Theologen im Islam von Belang, weil sich damit rechtfertigen ließ, dass nicht nur „Heiden“, sondern auch Muslime versklavt wurden – sofern sie schwarz waren.

Andere muslimische Gelehrte entwickelten eine quasi „naturwissenschaftliche“ Rassenlehre: Das heiße Klima sollte die schwarze Farbe ebenso wie intellektuelle und charakterliche Defizite, damit auch die Bestimmung der Afrikaner zur Sklaverei, begründen. Etwa seit dem 10. Jahrhundert hatte Schwarzafrika als „Lieferzone“ die eurasischen Länder überholt. Mit etwa 17 Millionen Deportierten vom 7. Jahrhundert bis ins 20. blieb es beherrschend, auch wenn in der Neuzeit Indien daneben trat.

Zwischen dem Sudan und der Guineaküste bildeten sich ganze „Raubstaaten“, die bei weniger kriegerischen Nachbarstämmen auf Sklavenjagd gingen und die Beute nach Norden verkauften. Bei Diebstahl wurde die Verurteilung zur Sklaverei mitsamt Verkauf eine übliche Strafe. Aus mehreren, sowohl heidnischen als auch muslimischen, Staaten ist belegt, dass die Herrscher ihre eigenen Untertanen verkauften, oft sogar ohne jeden Vorwand.

Sklavenjagd war nicht nur eine wichtige Wirtschaftsbranche, sondern auch ein „Sport“. 1871 veranstaltete der Sultan von Kanem, nördlich des Tschadsees, zu Ehren hoher Gäste eine Art „Diplomatenjagd“ auf Menschen. Neu eingeführt wurde die Sklaverei in Schwarzafrika durch die islamischen Mächte jedoch nicht. „Sklaven dienten im heidnischen Afrika mancherorts als Opfermaterial“, schreibt Flaig, „sie waren stellenweise üblich als Brautgeschenke“. Eine Ablehnung der Sklaverei aus prinzipiellen, ethischen Gründen, wie sie im Westen seit dem 18. Jahrhundert aufkam, hat es weder in Afrika noch im islamischen Kulturbereich gegeben.

Als die Portugiesen im 15. Jahrhundert an der afrikanischen Westküste als Händler auftraten, nahmen sie es als Selbstverständlichkeit wahr, dass mit schwarzen Menschen gehandelt wurde. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis in Europa einzelne Theologen und Juristen protestierten. Um 1560 kam der Dominikaner Bartolomé de Las Casas zu dem Schluss, die Sklavenhaltung sei grundsätzlich Sünde. 1570 forderte der Staatsphilosoph Jean Bodin ein Verbot der Sklaverei.

Flaig widerspricht jedoch der gängigen Einschätzung, die Europäer hätten die Sklaven an der afrikanischen Küste billig gegen irgendwelchen Tand eingetauscht: Die Händler erhielten Silbermünzen, Eisenbarren, Gewehre, Textilien. Es war auch keineswegs zwangsläufig, dass durch die Europäer ausschließlich Schwarze versklavt wurden, betont Flaig. Im 17. Jahrhundert wurden auf Barbados Plantagen mit Gefangenen aus Irland betrieben. Das System setzte sich nicht durch: Im Unterschied zu den Afrikanern galten die Europäer nicht als „tropenfest“.

Römischer Soldat mit Kriegsgefangenen,   
Relief aus Izmir, um 200 (Ashmolean
Museum, Oxford) - Bild: Jung/Wikipedia 


Und damit wurden im Bewusstsein der europäischen Neuzeit  „Schwarzer“ und „Sklave“ beinahe synonym – ein „Hautfarbenrassismus“, der dann sogar die Institution der Sklaverei überdauerte. Der Großteil der Deportierten aus Afrika wurde auf den Zuckerplantagen in Brasilien und in der Karibik eingesetzt. Nur ein Bruchteil von etwa 3 Prozent kam ins britische Nordamerika, wo sich die Population dann jedoch rasch vermehrte. Flaig vermutet sogar, dass die materielle Situation besser gewesen sein könnte als die von Arbeitern im Europa jener Zeit. Aber es blieb ein System prinzipieller Unfreiheit – trotz des „patriarchalischen Ethos“, das sich bei der Herrenschicht ausbildete und bis heute Anlass zu viel Nostalgie gibt.

Warum bildete sich gerade in den USA eine schroffe Trennung zwischen den „Rassen“ aus, schroffer als zum Beispiel in Südamerika? Flaig nennt zwei Gründe. Erstens drängte in Nordamerika eine viel größere Zahl von Zuwanderern aus Europa auf den Arbeitsmarkt; sie ließen keine Nische entstehen, in der Freigelassene hätten empor steigen können. Und zweitens war im Norden der sexuelle Verkehr der Herren mit ihren Sklavinnen aufgrund der calvinistischen Moral stärker verpönt – so konnte keine breite Schichte von „Mischlingen“ entstehen, die sich zwischen die „Rassen“ geschoben hätte. 

Dass die „weißen“ Eliten ihre Privilegien unabhängig von der Frage bewahren wollten, ob ihnen Sklaven oder freigelassene Schwarze gegenüberstanden, ist aber auch in lateinamerikanischen Ländern zu beobachten. Zum Beispiel in Jamaica: 1711 wurden freie Schwarze von politischen Ämtern ausgeschlossen, 1733 verloren sie auch das aktive Stimmrecht. Ähnlich in den USA, sowohl in den Nordstaaten, wo die Sklaverei im späten 18. oder frühen 19. Jahrhundert verboten wurde, als auch in den Südstaaten, wo sie bis zum Bürgerkrieg in den 1860er Jahren bestand: Überall wurden sie von den Wahlen ausgeschlossen, in Virginia und Georgia wurde ihnen der Schulbesuch verboten, in Delaware und Louisiana galt ihre Zeugenaussage gegen Weiße als ungültig. Und vielerorts wurden „Mischehen“ untersagt.

„Die Erinnerung an die Sklaverei entehrt die Rasse“, stellte Tocqueville in seinem Buch fest, „und in der Rasse dauert die Erinnerung an die Sklaverei fort.“ Der Umstand, dass die Sklaverei in der europäischen Neuzeit ausschließlich Schwarze betraf, hatte den „Hautfarbenrassismus“ zu einer Selbstverständlichkeit im europäisch-amerikanischen Bewusstsein gemacht – so selbstverständlich, dass er auch das Ende der Sklaverei als rechtlicher Institution überdauern konnte. Im Süden der USA, wo das Ende der Sklaverei den weißen Eliten nach der Niederlage im Bürgerkrieg aufgezwungen wurde, konnten die Verfassungszusätze, die einer Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe vorbeugen wollten, erst recht bis in die jüngste Vergangenheit erfolgreich sabotiert werden.


Auf dem Büchermarkt:
Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei, Verlag C. H. Beck, 2. Aufl., München 2011, 238 S., mit 5 Kart., 5 Tab. und 4 Abb., ISBN 978-3-406-58450-3, 12,95 €


Mehr im Internet:

Sklaverei - Wikipedia 
Rassissmus - Wikipedia 
Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei, Verlag C. H. Beck 
scienzz artikel Rassismus und Sklaverei  

 

 

 

 

 

 

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