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12.07.2021 - GESCHICHTE

Eine der am weitesten verbreiteten Institutionen der Menschheit

Zwei konkurrierende Weltgeschichten der Sklaverei

von Josef Tutsch

 
 

Misshandelter Sklave in
Louisiana, 1863
Bild: Wikipedia

In Berlin wurde jetzt eine Straße nach ihm benannt: Anton Wilhelm Amo, geboren um 1700 im heutigen Ghana. Holländische Sklavenhändler brachten ihn als kleinen Jungen nach Europa und überreichten ihn dem Herzog von Braunschweig-Lüneburg als „Geschenk“, als „Kammermohren“, wie man damals sagte. Anscheinend wollte der Herzog an Amo die Bildungsfähigkeit von schwarzen Menschen überprüfen. Er ließ ihn mehrere Sprachen lernen und dann studieren. Einige Jahre lehrte Amo an deutschen Universitäten Philosophie und Rechtswissenschaften.

Ja, das Europa der frühen Neuzeit war eine „sklavenhaltende“ Gesellschaft – nicht nur in seinen Kolonien, sondern manchmal auch auf dem eigenen Kontinent. Blickt man auf das Ganze der Weltgeschichte, stellt der Afrikahistoriker Andreas Eckert von der Berliner Humboldt-Universität in seinem neuen Buch zur „Geschichte der Sklaverei“ fest, ist die Moderne mit ihrer Ächtung von Sklaverei die große Ausnahme: „Neben Familie und Religion gehört Sklaverei zu den wohl am weitesten verbreiteten sozialen Institutionen der Menschheitsgeschichte.“ Ganz ähnlich Eckerts Rostocker Kollege, der Althistoriker Egon Flaig: „Sklaverei hat seit Jahrtausenden existiert, fast überall.“

Aber trifft es überhaupt zu, dass Sklaverei – „eine Form der Ausbeutung, in der ein menschliches Wesen der Besitz einer anderen Person“ ist, definiert Eckert – heute allgemein geächtet ist? Es gebe sie auch in der Gegenwart noch, und zwar „mitten in Europa“, schreibt Eckert – zum Beispiel bei der Zwangsprostitution. „Das Gros der Versklavten hat weder die Möglichkeit noch das Wissen, an die Öffentlichkeit zu gehen oder gar vor einem ordentlichen Gericht zu klagen“.

Doch diese Quasi-Sklaverei vollzieht sich „illegal und im Dunkeln“, während die Sklaverei zum Beispiel in der griechisch-römischen Antike oder auf den amerikanischen Zuckerplantagen bis ins 19. Jahrhundert eine sozial anerkannte Institution war. Wohl nicht ohne Lust an der Provokation konstatierte Flaig vor zwölf Jahren in seiner „Weltgeschichte der Sklaverei“, mancherorts gebe es diese „echte“ Sklaverei, die „legale“ Haltung und Nutzung von Menschen als Waren, heute noch.

Zum Beispiel im Sudan – gemeint war: vor der Aufteilung des Landes in zwei unabhängige Staaten 2011. Dort würden islamische Stämme mit Unterstützung oder Duldung des Regimes „einen Dauerkrieg gegen die nicht-moslemischen Stämme des Südens“ führen. In blutigen Razzien gegen die Dörfer würden Menschen gefangengenommen und als Beute unter den Kriegern verteilt, oft auch verschenkt oder verkauft. In den letzten Jahren war von den Feldzügen des Islamischen Staates in Syrien und im Irak Ähnliches zu hören. Oder, weniger blutig, in Mauretanien: Dort würden zu Hochzeiten gern Kinder verschenkt, als Sklaven zur Bedienung des Paares.

Unvermeidlich setzte sich Flaig dem Vorwurf aus, solche Phänomene nicht bloß zu konstatieren, sondern sie polemisch und politisch zu nutzen. Erstens zur Schürung von „Islamophobie“. Zitat aus seiner „Weltgeschichte der Sklaverei“: „Als die Muslime ihr Weltreich eroberten, errichteten sie das größte und langlebigste sklavistische System der Weltgeschichte.“ Und zweitens zur Reinwaschung des Westens von der Schuld des Kolonialismus und Rassismus, vor allem gegenüber Afrika.

Sklavenhandel in Ostafrika, 1866
Bild: Wikipedia 


Der Berliner Afrikahistoriker hat dem jetzt eine neue, der Intention nach ganz andere „Geschichte der Sklaverei“ zur Seite gestellt. Der Kollege wird darin mit keinem Wort erwähnt, nicht einmal im Literaturverzeichnis. Dennoch – Eckert bestätigt, dass Flaigs umstrittenes Buch einen wichtigen und oft übersehenen Punkt traf: „Der transatlantische Sklavenhandel war nicht der einzige Menschenhandelskomplex der Neuzeit, in dem Afrika ein wesentlicher Platz zukam.“

Begünstigt, meinte Flaig, wurde das System der Sklavereiim Islam durch die „religiöse Pflicht zur Unterwerfung aller nicht-muslimischen Völker“. Ecker erklärt dagegen, solche Zusammenhänge seien zumindest „nicht eindeutig“. Es habe im Islam wie ja auch im Christentum immer wieder einen „Abolitionismus“ gegeben, also das Bestreben, die Sklaverei zu überwinden. Eine Stelle, an der sich der Leser freilich etwas mehr Ausführlichkeit gewünscht hätte. Historisch wirksam wurden solche Bestrebungen im Islam offenbar nicht – anders als beim nordamerikanischen und europäischen Abolitionismus seit dem 18. Jahrhundert.

In beiden Religionen richtete sich die Opposition gegen Sklaverei zunächst dagegen, dass die eigenen Glaubensbrüder Opfer wurden. Seit der späten Antike bildeten sich in den Randbereichen des Islams wie des Christentums „Versklavungszonen“ aus, in denen Menschen geraubt und verschleppt wurden. Es gab einen lebhaften Sklavenhandel auch über die religiöse Grenze hinweg. Zum Beispiel auf den Sklavenmärkten in Arles, Marseille und Venedig, berichtet Flaig, wurden Menschen vor allem aus dem slawischen Osteuropa in großer Zahl nach Nordafrika und Vorderasien verkauft. Umgekehrt kamen schwarze Sklaven nach Europa. Eckert meint, dass noch im Italien der Frührenaissance die meisten vermögenden Familien mindestens einen Sklaven oder eine Sklavin hatten.

Eckert betont, dass das islamische System der Sklaverei – ähnlich wie im alten Rom und anders als später in Nordamerika – relativ „durchlässig“ war: Sklaven wurden nach einigen Jahren oft freigelassen und in die Mehrheitsgesellschaft integriert. Dieser Brauch begründete andererseits aber auch „einen ständigen Bedarf an Nachschub“. Befriedigt wurde er durch den Handel mit den „einheimischen Eliten“ am Südrand der Sahara. Ihre Reiterarmeen überfielen schwächere Nachbarn und verkauften die erbeuteten Sklaven dann in Nordafrika. Beliebtes Tauschobjekt waren die „Berberpferde“, die wiederum bei neuen Sklavenjagden eingesetzt werden konnten.

Es soll auch Fälle gegeben haben, dass Potentaten bei Finanzbedarf ihre eigenen Untertanen verkauften. So etwas wie ein gesamtafrikanisches Selbstbewusstsein der Schwarzen, vermutet Eckert, hat sich wahrscheinlich erst in der Neuen Welt entwickelt, als die Versklavten aus den verschiedenen Regionen in ihrer Versklavung eine Gemeinsamkeit entdeckten. Als im 15. Jahrhundert die Portugiesen die afrikanische Küste erkundeten, konnten sie sich in dieses System des Sklavenhandels einklinken. Das Königreich Dahomey im heutigen Benin entwickelte sich „zu einer regelrechten Sklavenproduktionsmaschine“ für den Bedarf im Amerika.

Flaig unterstellt sogar, freilich ohne einen solchen Zusammenhang nachzuweisen, dass sich der moderne „Hautfarbenrassismus“ in Europa und Amerika erst unter dem Einfluss des Islams verbreitete. Und zitiert den Historiker Ibn Khaldoun, der im 14. Jahrhundert die Lehre vertrat, „schwarze Völker“ hätten „wenig Menschliches“, sie seien „stummen Tieren“ ähnlich. Bereits im 9. Jahrhundert meinte der Gelehrte Ibn Qutayha, die schwarze Farbe sei als Strafe Gottes zustande gekommen. In der frühen Neuzeit bildete sich, so Eckert, „eine strenge Dichotomie heraus zwischen einer kleineren Zone der – für größere Bevölkerungsgruppe freilich immer noch eingeschränkten – Freiheit und diversen Zonen massiver Unfreiheit.“ Diese geographische Dichotomie wurde durch eine zweite, rassistische überlagert: „Der Abkömmling eines europäischen Freien verlor seinen Status nicht, wenn er in von Europa kontrollierte Regionen der Welt reiste. Der Nachfahre eines afrikanischen Sklaven erhielt dagegen keineswegs automatisch den Status eines freien Mannes, wenn er europäischen Boden betrat.“

Denkmal für die Opfer der Sklaverei in San-
sibar - Bild: Matthias Zimgibl/Wikipedia

Wie kam es dazu, dass im 19. Jahrhundert die Sklaverei nach und nach in weiten Teilen der Welt abgeschafft wurde, wenigstens formal? Der Bürgerkrieg in den USA, ist bei Flaig zu lesen, sei „nicht um ökonomische Vorteile geführt worden, sondern es ging um eine einzige fundamentale Angelegenheit – ob die Sklaverei siege oder nicht“. Der britische und französische Kolonialismus in Afrika sei nicht zuletzt „dem politischen Willen geschuldet, zugunsten eines universalen Prinzips zu intervenieren“, nämlich der Abschaffung der Sklaverei.

Eine, wenn man so will, sehr „idealistische“ Sicht der Dinge, die in der Tat eine Gegendarstellung herausforderte. In Afrika, so Eckert, „nutzten die europäischen Mächte die Ideologie der ‚freien Arbeit‘, verbunden mit dem Anspruch, die Sklaverei zu beseitigen, als Vorwand, um die koloniale Aufteilung des Kontinents zu legitimieren.“ Ob das Wort „Vorwand“ so ganz treffend ist, lässt sich allerdings bezweifeln. Das moralische Pathos, mit dem der Kolonialismus einherging, war vielleicht sogar ernst gemeint, also keine Lüge, sondern eine Art Ideologie.

Im Anschluss an Karl Marx stellt Eckert die Frage, ob die „freie Arbeit“ überhaupt mehr sei als ein „ideologisches Konstrukt“: „Häufig verschwimmt die Grenze zwischen Sklaverei und ‚freien‘, aber ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen.“ So sei auch das moderne „Prekariat“ durch den Schein einer Wahlfreiheit „zwischen Arbeit und Verhungern“ gekennzeichnet. Ein Argument, das zweifellos einen Punkt in der Realität trifft, aber auch die Gefahr beinhaltet, dass sich die Begrifflichkeit verunklart, ins Metaphorische auflöst..

Zurück ins 19. Jahrhundert. Der Afrikahistoriker macht darauf aufmerksam, dass es vor allem in Großbritannien eine lange Tradition hat, das Ende der Sklaverei als Sieg der Moral in einer sonst recht unmoralischen Welt zu feiern. „Wir stehen an der Spitze moralischer, politischer und sozialer Zivilisation“, verkündete 1848 Außenminister Palmerston pathetisch. „Unsere Aufgabe ist es, den Weg zu weisen und die Entwicklung anderer Nationen zu lenken.“ In weiten Teilen der britischen Gesellschaft „breitete sich ein neues, nicht zuletzt auf der Vorreiterrolle bei der Abschaffung des Sklavenhandels basierendes Selbstvertrauen über den Auftrag Großbritanniens in der Welt aus“.

Die Wirklichkeit wird durchaus ambivalent gewesen sein. Einerseits gab es in Europa tatsächlich eine Öffentlichkeit, in der sich mehr und mehr der Unwille über die Sklaverei durchsetzte. Einige Philosophen der Aufklärung wie zum Beispiel Montesquieu hatten argumentiert, die Sklaverei verstoße gegen das Naturrecht. Freiheitsrechte seien unteilbar, erklärten auch die Autoren der „Encyclopédie“. Ein politischer Abolitionismus entwickelte sich daraus zunächst allerdings nicht.

Andererseits – die Kolonialverwaltungen in Afrika sahen gar nicht die Möglichkeit, die Arbeitsorganisation von heute auf morgen umzustellen. Um ihre Herrschaft zu etablieren, waren sie auf eine Kooperation mit den lokalen Eliten angewiesen, die selbst große Sklavenheere unterhielten. Oft bekämpften die europäischen Kolonisatoren in Afrika auch weniger die Sklaverei selbst als bloß ihren grausamsten und in den Augen der Missionare skandalösesten Aspekt: die Sklavenjagd. Ihr Schreckensbild meint Eckert, war bestens geeignet, die Europäer, also jene in Europa, die nicht selbst auf Beutejagd nach Afrika gingen, von einem höheren Sinn des Imperialismus zu überzeugen: Er würde dem humanitären Fortschritt dienen.


Auf dem Büchermarkt:
Andreas Eckert: Geschichte der Sklaverei. Von der Antike bis ins 21. Jahrhundert, Verlag C. H. Beck, München 2021, ISBN 978-3406-76539-1, 128 S., 9,95 €
Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei, 3. Aufl., Verlag C. H. Beck, München 2018, ISBN 978-3-406-58450-3, 245 S. mit 5 Kart., 5 Tab. und 4 Abb., 14,95 €


Mehr im Internet:

Sklaverei - Wikipedia 
Rassissmus - Wikipedia 
Egon Flaig: Weltgeschichte der Sklaverei, Verlag C. H. Beck
Andreas Eckert: Geschichte der Sklaverei, Verlag C. H. Beck
scienzz artikel Rassismus und Sklaverei  

 

 

 

 

 

 

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