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Wissenschaft

22.08.2020 - PHILOSOPHIE

Dass die Vernunft die Welt beherrscht

Vor 250 Jahren wurde Georg Wilhelm Friedrich Hegel geboren

von Josef Tutsch

 
 

Georg Wilhelm Friedrich Hegel
(Portrait von Johann Jakob Schle-
singer (Alte Nationalgalerie Berlin)
Bild: Wikipedia

„Ich sah manchmal, wie er sich ängstlich umschaute“, erzählte Heinrich Heine später von seiner Studienzeit in Berlin bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, „aus Furcht, man verstünde ihn.“ „Als ich einst unmutig war über das Wort ‚Alles, was ist, ist vernünftig‘, lächelte er sonderbar und bemerkte: ‚Es könnte auch heißen: Alles was vernünftig ist, muss auch sein.‘ Er sah sich hastig um [...]“

Hegel – ein „Konservativer“, ein Befürworter des Bestehenden? Oder ein Revolutionär, freilich nur in Gedanken, nicht einmal in offenen Worten? Die Frage ist 250 Jahre nach dem Geburtstag des Philosophen am 27. August 1770 so offen wie eh und je. Ebenso wie die andere Frage, ob Hegels Philosophie, in der soviel von „Freiheit“ die Rede ist, neben der Freiheit des „Weltgeistes“ auch die Freiheit der Individuen meinte, zumindest dann, wenn er vom Staat und von der „bürgerlichen Gesellschaft“ sprach.

Immer wieder wurde Hegel politisch „reklamiert“, schreibt der Münchner Philosoph Günter Zöller in seinem Büchlein, das pünktlich zum Geburtstag erschienen ist, zunächst von „konservativer Seite“ als „philosophischer Verteidiger der bestehenden staatlichen und religiösen Ordnung“, dann auch von der sich als „fortschrittlich verstehenden Seite, deren politischen Spektrum vom national-demokratischen Frühliberalismus bis zum internationalistischen Frühsozialismus reichte“.

Vermittelt durch die Hegel-Schüler und Hegel-Kritiker Ludwig Feuerbach und Karl Marx  haben sich im 20. Jahrhunderts die verschiedensten Spielarten von „Marxismus“ gern auf Hegel berufen. In Karl Poppers Buch über „Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“ nimmt Hegel einen prominenten Platz unter den „Feinden“ ein, während andererseits der kanadische Philosoph Charles Taylor versucht hat, das Erbe Hegels für eine unideologische Theorie der Moderne fruchtbar zu machen. Karl Löwith interpretierte Hegel als Angelpunkt in der Entwicklung von der christlichen Heilsgeschichte zur marxistischen Utopie einer klassenlosen Gesellschaft. Bertrand Russell wiederum erklärte Hegels Philosophie schlicht für „absurd“.

Und in der Tat, es gibt Passagen, die Russells hartes Urteil zu bestätigen scheinen. Vor allem Hegels Philosophie der Natur hat seit jeher viel Spott hervorgerufen, zum Beispiel die Ausführungen über die menschlichen Organe, kleine Kostprobe: Die Leber „ist das aus dem Kometarischen in das Fürsichsein, in das Lunarische Zurückkehren, es ist das seinen Mittelpunkt suchende Fürsichsein, die Hitze des Fürsichseins, der Zorn gegen das Anderssein und das Verbrennen desselben.“

Der Publizist Dietmar Dath, der sich selbst als Marxist versteht, hat zum Geburtstag sogar ein ganzes Büchlein über seinen „Widerwillen“ gegen Hegel geschrieben – und über den Weg, wie er dann doch zum Hegelleser wurde. So werde Hegels „Idealismus“ gern missverstanden, erläutert Dath. „Hegel war Monist, nicht Dualist. Es gab für ihn nur eine Sorte Sachen, den Geist. Er ging buchstäblich davon aus, dass alles, was nicht Geist zu sein scheine, Geist in ‚Selbstentäußerung‘ sei.“ Wenn die Unterscheidung, näher betrachtet, aber bloßer Schein ist, dann „ist es fast gleichgültig, ob man die einzige Sachensorte, die es gibt, ‚Geist‘ nennt oder ‚Materie‘“.

Vielleicht der geeignete Zugang für Leser, denen vor allem der „Idealismus“ höchst verdächtig ist. Da prägt die Selbstdarstellung von Karl Marx, er habe Hegel „vom Kopf auf die Füße gestellt“, unsere Wahrnehmung bis heute. Zöller wählt einen anderen Weg: Er sieht von den Schwierigkeiten des Idealismus zunächst einmal ab und zeichnet den Denkprozess nach, in dem Hegel zum Übervater der neueren Philosophie wurde – einem Übervater, von dem sich die folgenden Generationen immer wieder neu emanzipieren mussten.

Hegel beim Einzug Napoleons in Jena,
Illustration aus "Harper's Magazine", 1985
Bild: Wikipedia 


Wenn es nach den Plänen seiner Familie – der Vater war Finanzbeamter im Dienst des Großherzogs von Württemberg – gegangen wäre, hätte Hegel eine Stelle im Landeskirchendienst angetreten. Doch gemeinsam mit seinen Freunden Friedrich Hölderlin und Friedrich Wilhelm Joseph Schelling entfremdete er sich während seines Theologiestudiums im Tübinger Stift der orthodoxen Kirchenlehre. Erstens politisch: Die drei sympathisierten mit den Ideen der Französischen Revolution. Und zweitens philosophisch: Unter dem Einfluss Immanuel Kants wandelte sich die Theologie zu Moral- und Religionsphilosophie. Und – das schlug den Bogen zur Revolution – zu einer Philosophie der Geschichte. Nach einigen Jahren Hauslehrertätigkeit in Bern und in Frankfurt brachte es Hegel 1801 zum Dozenten an der Universität Jena.

Zwei Jahrzehnte zuvor hatte Kant mit seiner „Kritik der reinen Vernunft“ die abendländische Philosophie revolutioniert, indem er jede Erkenntnis über „metaphysische“ Dinge für unmöglich erklärte. In Jena ließ Hegel nun mit der „Phänomenologie des Geistes“ Hegel eine zweite Revolution folgen. Wahrheit und Erkenntnis waren nicht, wie Platon und seine Nachfolger es in mehr als zwei Jahrtausenden als selbstverständlich vorausgesetzt hatten, etwas Überzeitliches, das wir treffen oder verfehlen können – der Geist selbst hat seine Geschichte, einen „Bildungsroman“, wenn man so will. Hegel rekonstruierte ihn als Geschichte der Selbsterkenntnis des Geistes, der zunächst bloß „an sich“ da ist, sich selbst verborgen, und einen Lernprozess durchmachen muss, durch verschiedene Stufen des „Für sich“ Seins hindurch, um erst am Ende der Entwicklung Geist „an und für sich“ zu sein.

Hegel hatte sein Manuskript wohl gerade abgeschlossen, als vor den Toren von Jena die Schlacht zwischen Preußen und Franzosen stattfand. Vom Standpunkt des Individuums, darüber machte sich der Philosoph keine Illusionen, war die Geschichte eine einzige Folge von Tragödien. Und dennoch, am Ende dieser Tragödienfolge sollte, für den Menschen nur in der philosophischen Spekulation zu antizipieren, die „Versöhnung“ stehen. Der ehemalige Theologiestudent säkularisierte die Passion und Auferstehung Christi zum Gleichnis für die endlose Folge von „Aufhebungen“ in der Geschichte. Aufhebung im dreifachen Sinn dieses alltäglichen Wortes: erstens als bloße Negation, zweitens als Aufbewahren für die Zukunft, drittens als Heraufheben auf eine höhere Stufe der Entwicklung. „Geistiger Fortschritt und Aufbau verläuft durch Enttäuschung und Untergang hindurch“, resümiert Zöller.

An der einen oder anderen Stelle steigerte Hegel seine Darstellung zu dramatischer Emphase, etwa im Kapitel über „Herrschaft und Knechtschaft“. Ausgangspunkt ist ein Kampf auf Leben und Tod, in dessen Verlauf die eine Partei aus Todesfurcht den Kampf aufgibt und sich als „Knecht“ dem anderen unterwirft, ihn als „Herrn“ anerkennt. Indem er nun für den Herrn „arbeitet“, verkehrt sich die Situation: Der Herr wird vom Knecht abhängig.

In der „Phänomenologie“ hat Hegel den Fortgang dieses „Kampfes“ offen gehalten. Als er in seinen späten Jahren, nunmehr als Professor an der Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin etabliert, im dritten Band der „Enyzklopädie“ das Thema wieder aufgriff, wagte er sich ein Stück weiter aus der Deckung. „Wenn ein Volk frei sein zu wollen sich nicht bloß einbildet, sondern wirklich den energischen Willen zur Freiheit hat, wird keine menschliche Gewalt dasselbe in der Knechtschaft des bloß leidenden Regiertwerdens zurückzuhalten vermögen.“ Hegels Analyse konnte dann im Marxismus als Parabel für die Klassenkämpfe und Revolutionen in der Weltgeschichte aufgefasst werden.

Während seiner Zeit als Professor an einem Gymnasium in Nürnberg brachte Hegel 1812/16 die „Wissenschaft der Logik“ heraus. Es ist der bis heute umstrittenste Teil seines Denksystems. Hat ein Widerstreit in der Realität, etwa ein Gegeneinander verschiedener Interessen, tatsächlich etwas mit logischen Widersprüchen zu tun, wie Hegel voraussetzte? Der Begriff ist beinahe zum Synonym geworden für alle philosophischen Richtungen, die sich Hegel in den letzten beiden Jahrhunderten, ob nun idealistisch oder materialistisch argumentierend, angeschlossen haben.  Kritiker halten ihm bis heute sogar vor, seine „dialektische Logik“ wolle den obersten Grundsatz des Denkens außer Kraft setzen, den Satz vom Widerspruch, also dass zwei einander widersprechende Aussagen nicht gleichzeitig richtig sein können.

Die „Grundlinien der Philosophie des Rechts“, die 1820 in Berlin herauskamen, erregten auch außerhalb der akademischen Philosophie, Aufsehen, sogar politisch. Ein sehr ambivalentes Werk, meint Zöller: Anders als Kant wollte Hegel keine abstrakten Sollenssätze aufstellen. Aber er wollte er sich auch nicht mit einer bloßen Deskription von „Tatsachen“ begnügen. Sein Ehrgeiz ging dahin, die Vernunft in der sozialen Realität aufzuspüren, eben mit der zugespitzten Aussage „Was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist vernünftig.“

Hegel mit Studenten in Berlin, Lothographie   
von Franz Kugler, 1828 - Bild: Wikipedia 


Noch in anderer Hinsicht wurde das Buch als ambivalent wahrgenommen. Es konnte ebenso als „Apologie des Status quo“ gelesen werden wie als „fortschrittliche Theorie der sich entwickelnden Moderne“. Zwischen Bewahrung und Umsturz, meint Zöller, scheint Hegel auf eine „zivile Zähmung des absolut scheinenden Staates“ durch die „zunehmend eigenständig auftretende bürgerliche Gesellschaft“ gesetzt zu haben. Also eine reformerische Position, wie man heute sagen würde. „Man soll sich in der gegenwärtigen Welt, der einzig wirklichen Welt, zuhause fühlen können – in kritischer, auch selbstkritisch denkender Zeitgenossenschaft.“

Mehr noch als durch seine Bücher ist die Wirkung dieses Philosophen seit jeher durch die Mitschriften geprägt, die Studenten von seinen Vorlesungen anfertigten – auch wenn die Frage, inwieweit Hegels Worte getreulich wiedergegeben sind, manchmal offen bleiben muss, vermerkt Zöller. Gelegentlich erzwang die Mündlichkeit des Vortrags offenbar Zusätze, von denen Hegel in seinen Veröffentlichungen lieber Abstand nahm. So wurde der Satz vom Wirklichen und Vernünftigen in der Vorlesung zur Rechtsphilosophie durch die vieldeutige Bemerkung ergänzt: „Man muss das Unausgebildete und das Überreife nur nicht wirklich nennen.“ Und an anderer Stelle: „Das Vernünftige soll gelten“, „das Weitere ist der Zeit zu überlassen“.

Der Zeit … Es hat seinen sachlichen Grund, wenn die Geschichtsphilosophie bis heute als Zentrum von Hegels Denkens gilt. Voraussetzung sei es, sagte Hegel gleich zu Beginn der Vorlesung, „dass die Vernunft die Welt beherrscht, das es also auch in der Weltgeschichte vernünftig zugegangen sei“. Ein Gedanke, der seit Hegel weder seine Faszination noch seinen Schrecken jemals verloren hat. „Schrecken“ wegen der Mitleidlosigkeit, mit der in diesem „dialektischen“ Prozess der Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung der „Weltgeist“ über das Schicksal der Individuen hinwegschreitet. Arthur Schopenhauer nannte Hegels Optimismus schlichtweg „ruchlos“.

Und „Faszination“, weil der Geschichte am Ende ein Sinn verliehen wird – während Schopenhauers Weltwille blind ist und blind bleibt, unterstellte Hegel seinem Weltgeist Vernunft, wenigstens der Entwicklungsmöglichkeit nach. Wie viel davon bereits in unserer gegenwärtigen Welt verwirklicht ist – über diese Frage zerstritten sich die Schüler des Philosophen unmittelbar nach seinem Tod in „Rechtshegelianer“ und „Linkshegelianer“.


Neu auf dem Büchermarkt:
- Günter Zöller: Hegels Philosophie. Eine Einführung, Verlag C. H. Beck, München 2020, ISBN 978-3-406-74960-5, 128 S., 9,95 €
- Dietmar Dath: Hegel. 100 Seiten, Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 2020, ISBN 978-3-515-020559-4, 102 S., 10,00 €


Mehr im Internet:

Georg Wilhelm Friedrich Hegel - Wikipedia 
Günter Zöller: Hegels Philosopphie, Verlag C. H. Beck 
Dietmer Dath: Hegel, Philipp Reclam jun. Verlag 
scienzz artikel Idealismus 

 

 

 

 

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