Berlin, den 30.09.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
kultur

06.08.2020 - KULTURTHEORIE

Dreadlocks, Indianerkostueme und die Maedchen von Avignon

Das Verbrechen der kulturellen Aneignung

von Josef Tutsch

 
 

Internationale Jeansmode
Bild: Jorge.m.bue/Wikipedia

Der Vorhang ist zurückgezogen, fünf nackte oder halbnackte junge Frauen präsentieren sich dem Betrachter. Offenkundig eine Bordellszene: Der Kunde, den man sich vor dem Bild zu denken hat, ist gerade eingetreten und will nun seine Wahl treffen. Nicht in Avignon, wie der heute gebräuchliche Titel, „Les Demoiselles d‘Avignon“, suggeriert, sondern in der Carrer d‘Avinyó in Barcelona, wo Picasso damals, in den Jahren 1906 und 1907, lebte.

Bei den Zeitgenossen erregte das Bild, das heute als Beginn der modernen Malerei gilt, einen Schock: Der Raum ist in keiner Weise perspektivisch gestaltet, es fehlt auch jede klare Lichtführung, die Komposition besteht aus Kuben, die unvermittelt nebeneinander gesetzt sind. Was die Betrachter ebenso verstörte: Die Mädchen sind zwar hellhäutig und tragen langes schwarzes Haar. Doch die Gesichter der drei auf der linken Seite hat Picasso „archaisiert“: Sie sind altiberischen Skulpturen nachgebildet. Und die Gesichter der beiden rechts sind „exotisiert“: Sie ähneln afrikanischen Masken, wie der Maler sie während seiner Arbeit an dem Bild bei einem Besuch im Ethnographischen Museum des Pariser Palais du Trocadéro zu sehen bekam.

Heute würde man diese „période nègre“ in Picassos Schaffen, unmittelbar vor dem Durchbruch zum Kubismus, als „kulturelle Aneignung“ bezeichnen. Die sogenannte „primitive“ Kunst war Mode in Europa. Der Kolonialismus hatte die Museen mit einer großen Zahl von Werken namenloser Künstler vor allem aus Afrika gefüllt. Die Andersartigkeit dieser afrikanischen Kulturen, ihre „magische“ Kraft, wie er sie sah, gab Picasso den Impuls, aus dem Konventionen europäischer Kunst auszusteigen und einen Neuanfang zu wagen. Für ihn und seine Zeitgenossen hatte die „klassische“ Ästhetik ihre normative Kraft verloren. „Primitivismus“ lautete das Gebot der Stunde.

Im Ausdruck „kulturelle Aneignung“ oder „cultural appropriation“, der um 1980 zuerst in den USA aufkam, schwingt ein Verdacht der Illegitimität mit: Nicht nur materielle Objekte können Mächtige, in diesem Fall die Kolonialherren, die Europäer, sich von den weniger Mächtigen „aneignen“, den Kolonisierten, sondern auch kulturelle Fertigkeiten, Gewohnheiten, „Stile“. „Aneignen“ im Sinne von „enteignen“: Den Urhebern und Eigentümern werde ihr kultureller Besitz entwendet.

Indigene Völker, heißt es in einer Erklärung der Vereinten Nationen, die 2007 von der Generalversammlung beschlossen wurde, „haben das Recht, ihr geistiges Eigentum über kulturelles Erbe, traditionelles Wissen und traditionelle kulturelle Ausdrucksformen zu erhalten, zu kontrollieren, zu schützen und weiterzuentwickeln“. Mit kulturellem Eigentum ist das allerdings so eine Sache. „Die ganze Geistesgeschichte der Menschheit ist eine Geschichte von Diebstählen“, schrieb 1927 der Kulturhistoriker Egon Friedell. „Und wenn einmal eine Stagnation eintritt, so liegt der Grund immer darin, dass zu wenig gestohlen wird.“

Picassos Experiment mit dem Primitivismus war nur einer der vielen „Exotismen“, mit denen sich Europas Kultur seit dem Mittelalter immer wieder erneuerte. Bereits die gotische Architektur wurde durch Vorbilder aus der islamischen Welt inspiriert. Seit dem 17. Jahrhundert entzückte sich Europa an den „Chinoiserien“, im 19. Jahrhundert am „Japonismus“. Goethe begeisterte sich für den Islam, die Romantiker entdeckten in Indien ein Korrektiv zur europäischen Kultur. Von den „Archaismen“ gar nicht erst zu reden: Immer wieder griff die europäische Kulturgeschichte in „Renaissancen“ auf die klassische Antike zurück, in den „Neo“-Stilen des Historismus dann auch auf die Kunst späterer Jahrhunderte.

Müssen wir Picasso dafür verdammen, dass er seinen Weg in die Moderne über die Aneignung afrikanischer Traditionen fand? Dass er diese Traditionen aus ihrem Kontext herauslöste und sie ungeniert für seine eigenen künstlerischen Zwecke einsetzte? Es sind nicht nur die afrikanisch scheinenden Gesichter der „Demoiselles“ – erst die Faszination durch außereuropäische Kunst ermutigte Picasso zur Abkehr von der in der europäischen Malerei so selbstverständlichen Zentralperspektive. In Mitteleuropa hat sich die aktuelle Diskussion zum Thema der „kulturellen Aneignung“ vorläufig auf die banaleren Fragen der Alltagskultur gestürzt. Letztes Jahr zu Karneval empfahlen die Erzieher eines Hamburger Kindergartens, auf Indianerkostüme zu verzichten, Begründung: Damit würden „Stereotype bedient“ – Stereotype über eine unterdrückte Minderheit.

Sternsinger in Waldkirch, Breisgau, 2014
Bild: James Steakley/Wikipedia 


Eine Kostümierung als Afrikaner oder als Südseeinsulaner mit schwarzer Farbe und womöglich mit Baströckchen wurde gar nicht erst erwähnt. „Blackfacing“ ist verpönt, auch die Darstellung von Shakespeares Othello, dem „Mohren von Venedig“, führt immer wieder zu Diskussionen, nicht anders als die Kostümierung der „Sternsinger“-Kinder – alter Legende zufolge kam ja einer der heiligen drei Könige aus Afrika. In Hamburg war aber auch eine Verkleidung als „Scheich“ unerwünscht, obwohl sich über die Einordnung von Scheichs als „unterdrückt“ immerhin streiten lässt.

Dabei ist Karneval doch ein Anlass, an dem jedermann und jedefrau sich als das geben können, was er oder sie in der Realität nicht sind – gleich ob es nun darum geht, sich in ferne Völker und frühe Kulturen hineinzuversetzen oder in andere Geschlechterrollen. Wie problematisch das in der Filmkunst werden kann, musste unlängst Halle Berry erfahren. Sie wollte die Hauptrolle in einer Transgender-Geschichte spielen, verzichtete jedoch wegen des heftigen Protestes: Sie habe sich belehren lassen, dass sie „diese Rolle niemals hätte in Betracht ziehen sollen“. „Als Cisgender-Frau verstehe ich jetzt, dass die Transgender-Gemeinschaft zweifellos die Möglichkeit haben sollte, ihre eigenen Geschichten zu erzählen.“

„Ihre eigenen Geschichten“ … Konsequent durchgeführt, müsste dieses Argument das Ende der Schauspielkunst bedeuten. Auch das Ende jeder Literatur, die sich nicht mit Geschichten aus der Lebenszeit und dem sozialen Milieu des Autors begnügen will. Man könnte freilich einwenden, mit dieser Verallgemeinerung wäre das Konzept der „cultural appropriation“ missverstanden: Es gehe darum, Machtverhältnisse zu durchschauen und sie aufzubrechen. Eine Aneignung von „unten“ nach „oben“ wäre also unzulässig, eine von „oben“ nach „unten“, die Enteignung der „Unterdrücker“, die „Expropriation der Expropriateure“, wie Karl Marx das genannt hätte, nicht.

Wenn es konkret wird, stellen sich aber rasch Abgrenzungsprobleme ein. Müsste Karl Mays Winnetou als Indianer gezählt werden, Repräsentant eines Volkes, das von den Weißen in seiner Existenz bedroht wird? Oder als Häuptling, ein in seiner eigenen Gesellschaft zweifellos Privilegierter? Ein populärer Fall einer Aneignung „von unten“ „nach oben“ ist der „weiße Jazz“ – die Umwidmung einer Musik, die ursprünglich unter den Schwarzen der amerikanischen Südstaaten entstand, für ein Publikum jenseits aller „Rassen“- und Klassenschranken. Ob schon jemand auf die Idee gekommen ist, die heute weltweit allgegenwärtige Jeansmode als „Aneignung“ aus dem kalifornischen Goldgräbermilieu Mitte des 19. Jahrhunderts zu brandmarken? „Privilegierte Kids sollen aufhören, die Kleiden der Arbeiterklassenkultur zu fetischisieren“, forderte die Journalistin Dawn Foster im britischen Jugendmagazin „Huck“: „Wenn du auf dem Internat warst und von deinen Eltern ausgehalten wirst, steh dazu und sei ehrlich mit deinem Privileg; glaub nicht, einen Adidas-Trainingsanzug zu tragen, sei irgendetwas anderes als beleidigend und peinlich.“

2016 verbot die University of East Anglia ihren Studenten, bei Partys Sombreros zu tragen – Begründung: Mexikanische Studenten könnten sich gekränkt fühlen. Bereits 2005 wollte eine amerikanische Sportorganisation die Verwendung von Requisiten der amerikanischen Ureinwohner im Hochschulsport unterbinden. Allerdings nicht unbedingt mit dem Beifall der Betroffenen: Die Stammesführer der Seminolen in Florida räumten der Florida State University ausdrücklich das Recht ein, ihren Häuptling Osceola und sein Pferd Renegade als Maskottchen zu nutzen. Sie sahen darin keine Kränkung, sondern ein Kompliment an ihren legendären Häuptling.

Hätte Foster dem jungen Picasso womöglich empfohlen, er solle doch zu seinen abendländischen Traditionen „stehen“, statt sich bei der Kunst der unterprivilegierten Afrikaner zu bedienen? Die Vorstellung, es gäbe „so etwa wie ‚authentische‘ und damit kollektiv-fixierte Elemente einer Sub- oder Minderheitenkultur“, die nur dieser allein vorbehalten bleiben müssten, sei „gänzlich ahistorisch“, hat der Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn pointiert festgestellt. Sie entmündigt auch die Subjekte. Bei nichts in der Welt solle man so vorsichtig sein wie bei der Wahl seiner Eltern, lautet ein Aphorismus von Oscar Wilde. Also auch bei der Auswahl der Traditionen, die man sich „aneignet“, um das zu ergänzen und abzuwandeln, was durch Geburt und Erziehung vorgegeben ist.

Individuen drücken ihre Zugehörigkeit zu Gemeinschaften durch kulturelle „Codes“ aus – aber ebenso ihre Individualität durch die Abwandlung solcher Zeichensysteme und durch Anleihen bei anderen Gemeinschaften, also durch den spielerischen Umgang mit „eigenen“ und „fremden“ Codes. Dass der ursprüngliche Sinn der Zeichen unverfälscht erhalten bleibt, ist eher die Ausnahme. Chinesische Schrift bildet heute ein beliebtes Dekor auf westlicher Mode – ohne viel Interesse für ihre Bedeutung. Zur Zeit kommt der „Bindi“ in Mode, ein auf die Stirn aufgemalter Punkt – ursprünglich bezeichneten sich indische Frauen damit als verheiratet. Und um ein „innerwestliches“ Beispiel zu nehmen: Millionen Menschen tragen ein Kreuz um den Hals. Man darf bezweifeln, dass sie alle ihren christlichen Glauben bekunden wollen.

Model "Bonnie" mit Dreadlocks, 200    
Bild: David Levine/Wikipedia 


Dabei kann der Versuch, sozusagen „von außen“ auf das eigene Milieu zu blicken, den Blick durchaus schärfen. 1983 nahm die Ethnologin Diana Bonnelamé von den Seychellen ein Projekt in Angriff, mit dem sie die Initationsriten deutscher Protestanten erforschte – mit jenen Methoden, die in der ethnologischen Betrachtung außereuropäischer Kulturen seit vielen Jahrzehnten eingeführt waren. Ein „schwarzer“ Blick auf die „weiße“ Kultur, wenn man so will, die uns mit der Perspektive „von innen“ als „normal“ und selbstverständlich vorkommt. Gibt es das überhaupt – Kulturen, die sich ganz ohne Einflüsse von außen entwickeln? Wahrscheinlich nur in Fällen, wo die Geographie unüberwindliche Hindernisse aufgestellt hat. Ansonsten geistern solche Träume von Unabhängigkeit nur durch moderne ideologische Konzepte – Salzborn hat bei der Ächtung der „cultural appropriation“ eine merkwürdige Nähe zu den „Ethnopluralisten“ festgestellt, die zum Beispiel islamische Einflüsse von der europäischen Kultur abwehren wollen.

2016, berichtete der Korrespondent Boris Pofalla in der FAZ, verpasste der amerikanische Modeschöpfer Marc Jacobs seinen Models „Dreadlocks“, also Strähnen von verfilzten Haaren in allen Farben des Regenbogens. Es hagelte Proteste: Dreadlocks gehörten zur „schwarzen“ Kultur, Weiße dürften so etwas nicht tragen. Jacobs erklärte eine solche Argumentation mit „Rasse“ oder Hautfarbe zunächst für „Unsinn“, knickte dann jedoch ein und übte „Selbstkritik“, wie das in der Sowjetunion genannt wurde: Er sei wohl „unsensibel“ gewesen. Falls ihm seine Selbstkritik als ehrlich abgenommen wurde, hätte er sich nun als Teil der „woke white people“ rühmen dürfen. Der Ausdruck bezeichnet Weiße, die sich durch Einsicht in die Unterdrückungsmechanismen aus ihrer angeborenen „Schuld“ herausgewunden haben. 


Mehr im Internet:

Kulturelle Aneignung - Wikipedia 
scienzz artikel Umgang mit Geschichte 

 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet