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Wissenschaft

27.08.2020 GESCHICHTE

Wie wenn jemand mit brennendem Schwefelholz ueber einen Gashahn faehrt

Vor 150 Jahren triumphierte Preussen im Deutsch-Franzoesischen Krieg

von Josef Tutsch

 
 

Kiregerdenkmal in Magde-
burg - Bild: Ruchhöft-Plau/
Wikipedia

Im Mai 1871 erschien im „Blackwood‘s Edinbourgh Magazin“ eine Kurzgeschichte, in der um so etwas wie eine „Invasion aus dem All“ ging. In naher Zukunft, schilderte der Autor, würde vielleicht eine Armee in dunkelblauen Uniformen, mit Pickelhauben auf dem Kopf, in Südengland landen und das britische Heer in einer einzigen Schlacht völlig aufreiben. In der Folge würde das Empire zerschlagen, Großbritannien würde zum Vasallenstaat des Feindes, den der Autor zwar nicht mit Namen nannte, aber Deutsch sprechen ließ.

Die Geschichte erregte in der britischen Öffentlichkeit ein derartiges Aufsehen, dass Premierminister William Gladstone sich veranlasst sah, im Unterhaus zu versichern, ein solches Szenario könne nie und nimmer Realität werden. So ähnlich hatte man in Frankreich vor dem Krieg von 1870/71 allerdings auch gedacht. Als Napoleon III. sich und sein Kaiserreich auf der Pariser Weltausstellung im Sommer 1867 präsentierte, im Glanz der Boulevards, die der Präfekt Eugène Haussmann in den Jahren zuvor durch die Pariser Altstadt geschlagen hatte, und mit der musikalischen Untermalung durch die Melodien eines Jacques Offenbach, da „schien in Europa keine wesentliche politische Veränderung gegen den Willen Frankreichs möglich“, schreibt der Militärhistoriker Klaus-Jürgen Bremm in seiner neu erschienen Geschichte des Deutsch-Französischen Krieges.

Dass es wider Erwarten zu „Preußens Triumph über Frankreich“ kam, führt Bremm in der Hauptsache auf die allgemeine Wehrpflicht zurück. Seit den „Befreiungskriegen“, stellt Bremm pointiert fest, hatte Preußen „sein Land zur Kaserne gemacht“ – zunächst allerdings um den Preis, dass seine Armee mit ihrer vergleichsweise kurzen Dienstzeit im 19. Jahrhundert als eher unprofessionell galt. Doch mit einer ungeheuren Disziplinierung und Effektivierung gelang es im Krieg von 70/71, dieses Manko wettzumachen. Bewunderung in ganz Europa, schreibt Bremm, fanden vor allem „die außergewöhnlichen Marschleistungen der deutschen Armeen“. Nach der Katastrophe der französischen Armee bei Sedan Anfang September 1870 sprach der Schriftsteller Ernest Renan entsetzt von einer „Überlegenheit der deutschen Rasse“.

Sedan – der Name des kleinen Ortes in den Ardennen, unweit der belgischen Grenze, wurde in Deutschland zum Mythos. Bis zum Ende des Deutschen Kaiserreichs war der „Sedanstag“ am 2. September ein inoffizieller Nationalfeiertag. Gegenüber den „Kabinettskriegen“ des 18. Jahrhunderts hatte sich das, was man die „Ethik“ des Krieges nennen könnte, gründlich verändert: Die Zivilisten waren nicht mehr bloß leidende Opfer, oft übernahmen sie eine aktive Rolle. Bei Sedan, erzählt Bremm, wollten einige französische Zivilisten ihre Truppen durch Schüsse aus dem Hinterhalt unterstützen. Soldaten des betroffenen Bayerischen Infanterieregiments töteten zur Rache mehr als 30 Bewohner des Dorfes Bazeilles.

Ganz neu war diese Entwicklung allerdings nicht. Als Otto von Bismarck, der Kanzler des Norddeutschen Bundes, nach der Schlacht von Sedan und dem Sturz  Napoleons mit dem Außenminister der neuen Republik, Jules Favre, über einen Waffenstillstand verhandelte, erinnerte er daran, dass es zu Zeiten des ersten Kaisers Napoleon in Deutschland ähnlich wie in Spanien Widerstandshandlungen gegeben hatte – und dass Napoleons Soldaten darauf mit Hinrichtungen reagierten. Im Krieg 70/71 nahmen diese Phänomene ein viel größeres Ausmaß an: Mehrere französische Dörfer, aus denen „Franctireurs“ geschossen hatten, wurden niedergebrannt.

Wie war es im Juli 1870 zu diesem Krieg gekommen? Anscheinend, meint Bremm, war Bismarck entschlossen, den Krieg zu „provozieren“, weil er nämlich befürchtete, Frankreich und Österreich könnten sich zu einem antipreußischen Bündnis zusammenfinden und womöglich auch die süddeutschen Staaten für ihre Sache gewinnen. Österreich als Vormacht des Deutschen Bundes war 1866 besiegt und aus Deutschland verdrängt worden. In Frankreich, das an diesem Krieg gar nicht beteiligt gewesen war, wurde der Aufstieg Preußens als eigene Niederlage gewertet.

Den Anlass zum Krieg gaben Überlegungen in Madrid, dem Prinzen Leopold von Hohenzollern-Sigmaringen, also einem Verwandten des preußischen Königs, den spanischen Thron anzubieten. Vielleicht, überlegt Bremm, wurde dieser Einfall sogar von Bismarck höchstpersönlich lanciert, dem natürlich bewusst war, dass Frankreich gegen eine solche „Einkreisung“ protestieren musste. In realistischer Betrachtung wäre entscheidend gewesen, dass der Hohenzollernprinz gar keine Lust zeigte, die angebotene Krone zu ergreifen. Aber auf Realitäten kam es nicht mehr an, in Paris war Kaiser Napoleon längst ein Getriebener seines „plebiszitären“ Kaisertums. „Nationale Demütigung oder Krieg lautete jetzt die Alternative“, schreibt Bremm.

In Bazeilles stürmen bayerische Solda-
ten ein Haus, Illustration von Carl Röch-
ling, 1920 - Bild: Wikipedia 


Dass sich in Deutschland eine prinzipiell ähnliche Psychologie entwickelte, ist wohl nur verständlich, wenn man den lange aufgestauten Drang berücksichtigt, endlich einen Nationalstaat zu bilden. Auch sozialistische Gruppen stellten sich hinter Bismarcks Politik, zum Beispiel ein Braunschweiger Arbeiterkomitee, das Napoleon als „frivolen Friedensbrecher und Ruhestörer Europas“ brandmarkte. Dem Kanzler selbst war die nationale Frage höchst gleichgültig. Aber er nutzte sie, um seine Vorstellung von Preußens Macht zu verwirklichen. In den „Erinnerungen“ des Diplomaten Friedrich von Holnstein hat Bremm einen Satz gefunden, der die Situation im Sommer 1870 treffend auf den Punkt bringt: „Bismarck nahm die hohenzollernsche Kandidatur in die Hand, wie wenn jemand mit brennendem Schwefelholz über einen Gashahn fährt, um zu sehen, ob derselbe auf oder zu ist.“

Die Regierungen der süddeutschen Königreiche Bayern und Württemberg hatten in ihrem Kriegseintritt auf der Seite Preußens, meint Bremm, eine durchaus nüchterne Perspektive. Wären sie neutral geblieben, hätte sie ein siegreiches Preußen als Verräter an der deutschen Sache brandmarken können. Umgekehrt hätte Bismarck sie bei einer preußischen Niederlage bedenkenlos den Expansionsgelüsten des französischen Kaisers geopfert. Dabei scheint Bismarck dieses Kaisertum Napoleons III. nur mit Verachtung angesehen zu haben. Er gebe nichts auf die Versprechen einer Nation, die keinerlei Respekt vor gewachsenen Institutionen zeige, sagte er im September 1870 zu General Emanuel Félix de Wimpffen bei den Kapitulationsverhandlungen in Sedan – schließlich hätten die Franzosen in nur 80 Jahren sechsmal ihre Regierung gestürzt.

Aber nach Napoleons Sturz zeigt sich auch die neue, republikanische Regierung entschlossen, den Krieg „um jeden Preis“ fortzusetzen. Eine große Entscheidungsschlacht wie die von Sedan gab es in dieser zweiten Phase des Krieges nicht. Dass sich auch in dieser Phase die Deutschen durchsetzten, meint Bremm, hatte viel mit militärischem Glück zu tun. Mehr am Rande geht Bremm auf das Drama ein, das sich vom März 1871 an in Paris entspann. Teile der Arbeiterschaft in der französischen Hauptstadt wollten die neue, „bürgerliche“ Republik nicht akzeptieren; man befürchtete einen sozialen Rückschritt gegenüber dem Kaiserreich.

Bismarck fragte sich, warum die republikanische Regierung in Versailles den Parisern nicht die Lebensmittelzufuhr abschnitt. Andererseits nahm er über seinen Staatssekretär Paul von Hatzfeldt Kontakt zu den Kommunarden auf. Zu Hatzfeldts Überraschung bot ihm General Gustave-Paul Cluseret im Namen der Commune an, anstelle der „Versailler“ die erste Rate der Kriegsentschädigungen termingerecht aufzubringen. Das Arrangement, so Bremm, scheiterte daran, dass die Deutschen den Aufständischen keine Waffen liefern wollten. Es war nicht zuletzt dieser Mangel an Waffen, der es den Truppen der Republik Ende Mai erlaubte, der Commune mit einem Massaker ihr Ende zu bereiten. Bremm spricht von einer „Ersatzrevanche“ der Armee, die im Krieg gegen Preußen geschlagen worden war und nun gegen die Kommunarden ihre Kampffähigkeit zu beweisen versuchte.

Einer der Hauptgründe für den hinhaltenden Widerstand der republikanischen Regierung gegen einen Friedensschluss war die deutsche Forderung, das Elsass und Teile Lothringens abzutreten. In dieser Hinsicht waren sich Bismarck und die öffentliche Meinung in Deutschland von vornherein einig – nur dass in der deutschen Nationalbewegung Träume vom verflossenen „Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation“ weiterhin lebendig waren, während Bismarck realpolitisch dachte. Dass die Mehrheit der Elsässer zwei Jahrhunderte nach den Eroberungen Ludwigs XIV. „nicht bereit waren, ihr Franzosentum aufzugeben“, störte weder Bismarck noch die Nationalbewussten.

In das neue Deutsche Reich wurde das annektierte Elsass-Lothringen dann jedoch niemals wirklich integriert. Bremm: „Elsässer und Lothringer erwarteten einen Vertrauensvorschuss als Preis für ihre Loyalität, den Berlin wiederum nur gewähren wollte, sobald es klare Belege für die ‚Reichstreue‘ der Neudeutschen erkennen konnte.“ Dass bereits ein halbes Jahr nach Kriegsausbruch im Schloss von Versailles das „Deutsche Reich“ ausgerufen wurde, führt die Geschichtsschreibung traditionell auf den ungeheuren Drang zurück, den die deutsche Nationalbewegung ausübte. Bremm setzt einen anderen Faktor daneben oder dagegen: Wenn Frankreich Kraft zu einer „Revanche“ fand, mussten die süddeutschen Staaten um ihre Existenz fürchten. Der einzige mögliche Schutz war ein dauerhaftes Bündnis mit Preußen. Dass „Frankreichs militärisches Rückgrat auf Jahre hinaus gebrochen“ war, ließ sich Anfang 1871 noch nicht absehen, erst recht nicht, dass sich die neue Republik in den folgenden Jahrzehnten, um ihre Weltmachtstellung geltend zu machen, auf die Kolonialpolitik verlegen würde.

War die Reichsgründung wirklich, wie der Autor schreibt, ein „europäischer Glücksfall“? Bremms Gedanke, dass die Träume der deutschen Nationalbewegung von einem Reich „aller“ Deutschen Europa womöglich viel stärker instabilisiert hätten, scheint durchaus plausibel. Mit Bismarcks Lösung gelang es, in Mitteleuropa den Frieden für immerhin 43 Jahre zu sichern. Doch die Zweifel bleiben. Auf dem Umschlag des Buches hat der Verlag Bremms Reflexionen durch eine Passage aus Golo Manns „Deutscher Geschichte“, 1958, ergänzt: Die Verwirklichung des deutschen „Nationalstaats“ habe für Europa „Probleme mit sich gebracht, die bis heute nicht gut gelöst wurden“.

Napoleon III. begegnet nach der Schlacht     
von Sedan Otto von Bismarck, Postkarte    
nach Gemälde von Emil Hünten
Bild: Wikipedia 


Innenpolitisch allerdings setzte das neue Deutsche Reich einen „beispiellosen Modernisierungsschub“ in Gang – obwohl die Parlamentarisierung des Regierungssystems bis in die letzten Jahre des Weltkriegs hinein allenfalls halbherzig blieb. Die fatalen Folgen, die der unerwartete Triumph über Frankreich im deutschen Selbstbewusstsein nach sich zog, deutet Bremm nur indirekt an, mit einem Zitat aus Friedrich Nietzsches „Unzeitgemäßen Betrachtungen“, 1873: In der öffentlichen Meinung habe sich der Irrtum festgesetzt, dass nicht das preußische Militär, sondern „auch die deutsche Kultur in jenem Kampfe gesiegt habe“.


Neu auf dem Büchermarkt:

Klaus-Jürgen Bremm: 70/71. Preußens Triumph über Frankreich und die Folgen, wbg Theiss, Darmstadt 2019, ISBN 978-3-8062-4019-1, 336 S. m. 27 s/w. Abb., 25,00 € 


Mehr im Internet:
Deutsch-Französischer Krieg - Wikipedia 
Klaus-Jürgen Bremm 70/71, Theiss Verlag 
scienzz artikel Geschichte des 19. Jahrhunderts

 

 

 

 

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