Berlin, den 30.09.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

11.08.2020 - KULTURGESCHICHTE

Weit von des Poebels Luesten ...

Einsamkeit - zwischen Vereinsamung und gelehrter Musse, Seelenruhe und Selbstzerstoerung

von Josef Tutsch

 
 

Denkmal für Henry David Tho-
reau bei Walden Pont - Bild:
Rhythmic Quietude/Wikipedia

Im Januar 2018 erweiterte die britische Premierministerin Theresa May das Ressort ihrer Sportministerin Tracey Crouch um die Zuständigkeit für „lonelinesse“. Oder eigentlich: gegen „loneliness“, gegen „Vereinsamung“. In ihrer Begründung sprach May von einer „traurigen Realität des modernen Lebens“ und von einer „Herausforderung“ für die Gesellschaft: Millionen Menschen hätten „niemanden, mit dem sie reden oder ihre Gedanke und Erfahrungen teilen“ könnten.

In der deutschen Presse wurde „loneliness“ gelegentlich auch mit „Einsamkeit“ übersetzt. Dieser Ausdruck, erläutert die Amerikanistin Ina Bergmann von der Universität Würzburg, deckt jedoch ähnlich wie das englische „solitude“ einen viel größeren Bereich ab: Damit kann auch ein Dasein ohne unerwünschte Störungen gemeint sein – keine defizitäre Lebensform, sondern vielmehr ein Sehnsuchtsziel. Gemeinsam mit der Germanistin Dorothea Klein hat Bergmann einen Sammelband zu diesen verschiedenen und gegensätzlichen Aspekten des Themas „Einsamkeit“ in der Literatur-, Kunst und Religionsgeschichte herausgebracht.

Einsamkeit im Sinne von Vereinsamung, wie May es im Sinn hatte – bereits Jahrzehnte vor May und Crouch fand dieses Phänomen der Moderne in den Bildern des amerikanischen Malers Edward Hopper seinen repräsentativen Ausdruck. 1925 malte Hopper sein „House by the Railroad“. „Das Haus entbehrt jedes urbanen, sozialen, menschlichen Kontakts“, vermerkt der Kunsthistoriker Damian Dombrowski. In den folgenden Jahrzehnten schuf Hopper immer wieder Variationen zum Thema der „gestörten Kommunikation“, der „Unfähigkeit zu Emotion und Empathie“. In „Hotel Room“, 1931, sitzt eine junge Frau auf dem Bett eines Hotelzimmers. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt ist ein aufgeschlagenes Buch auf ihren Knien.

Die sozial- und kulturhistorischen Entwicklungen, die dieser „Zivilisationskrankheit“ zugrunde liegen, haben die Würzburger Forscher bloß angedeutet: die Möglichkeit eines langen Lebens, die es in früheren Epochen so nicht gab, die Ausbildung der modernen Kleinfamilie, nicht zuletzt Erfindungen wie den Buchdruck oder das künstliche Licht usw. usf. Eine der modernen Vereinsamung gerade entgegengesetzte „Kultur der Einsamkeit“ zeigt das frühchristliche Anachoretentum. Im späten 3. Jahrhundert n. Chr., berichtet der Kirchenhistoriker Franz Dünzl, entschlossen sich einige fromme Christen in Ägypten, aus der Gesellschaft „auszusteigen“ und fortan als asketische Einsiedler in der Wüste, im „eremos“, zu leben.

In der Einsamkeit suchten die Eremiten die Herzensruhe, eine überirdische Gelassenheit, mussten dann jedoch feststellen, dass sie in ihrem neuen asketischen Leben erst recht von „Dämonen“ angefallen wurden, zumindest für den Anfang. In den Legenden treten diese Dämonen vor allem als sexuelle Versuchungen auf. Tiefer geht eine andere Versuchung, schreibt Dünzl: die, vor sich selbst und vor der Welt mit den asketischen Höchstleistungen zu prunken. Gerade in der vornehmen Gesellschaft müssen die Anachoreten eine Art „Stars“ gewesen sein. Vom Gründer der Bewegung, Antonius dem Großen, wird berichtet, dass er vor dem Publikum immer noch weiter in die Einsamkeit floh – und immer wieder vergeblich. Anderthalb Jahrhunderte später sah sich Simeon der Ältere veranlasst, auf der Flucht vor der Zudringlichkeit der Pilger eine 20 Meter hohe Säule als Wohnsitz zu beziehen, wo er etwa drei Jahrzehnte verbrachte. Natürlich wurde er dort erst recht zum Ziel von Wallfahrten.

Das Vorbild der Anachoreten hat in den folgenden Jahrhunderten niemals seine Faszination verloren. Freilich – immer in Konkurrenz mit einer anderen Form von „Einsamkeit“, dem Versuch, abseits der „Welt“ eine neue, klösterliche Gemeinschaft aufzubauen. Die Literatur des Mittelalters, vermerkt der Wiener Germanist Matthias Meyer, kennt beide „Helden“ nebeneinander: den einen, der auf Dauer oder auch nur auf Zeit in ein Kloster eintritt, und den anderen, der ganz für sich allein lebt – Beispiel par excellence: Gregorius, der sich auf einem Felsen im Meer anketten lässt und dort viele Jahre lang sein sündiges Leben büßt, bevor er eines Tages zum Papst gewählt wird.

1669 überführte Grimmelshausen in seinem „Simplicius Simplicissimus“ dieses Motiv in eine weltliche, wenngleich immer noch religiös gefärbte Lebensweisheit: Nachdem der naive Bauerntölpel das höfische und soldatische Leben als Trug durchschaut hat, will er sich in die Einsamkeit zurückziehen. Doch die Neugier auf die „Welt“ lässt ihn nicht los – bis ihn ein Schiffbruch auf eine menschenleere Insel führt. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte der Dichter Andreas Gryphius dem Thema von der Vergänglichkeit alles Irdischen in seinem Sonett „Einsamkeit“ die klassische Form gegeben: „Hier fern von dem Palast, weit von des Pöbels Lüsten betracht‘ ich, wie der Mensch in Eitelkeit vergeh ...“

Ikoone mit Simeon Stylites d. Ä,
und d. J. - Bild: Wikipedia 


1719 veröffentlichte Daniel Defoe mit seinem „Robinson Crusoe“ eine ganze „Utopie der Einsamkeit“, wie die Zürcher Anglistin Isabel Karremann es ausdrückt. Allerdings mit anderer Wertung als Grimmelshausen und Gryphius: Ganz auf sich allein gestellt, setzt Crusoe den Prozess der Zivilisation von neuem in Gang. Die „splendid isolation“ erweist sich allerdings als instabil: Die scheinbar unberührte Insel wird auch von kannibalischen Eingeborenen genutzt, die Crusoe vor die heikle Frage stellen, ob er eigentlich das Recht hat, seinen moralischen Vorstellungen mit der Gewalt der Waffen Allgemeingültigkeit zu verschaffen. Nachdem weitere Europäer die Insel entdeckt und sich darauf angesiedelt haben, entwickelt sich die vermeintliche Utopie zu einer ganz gewöhnlichen Kolonialsiedlung. Crusoe flieht aus seiner neuen Rolle als Administrator zurück in das Getriebe des Welthandels.

Die Ordensregel des Benedikt von Nursia aus dem 6. Jahrhundert hatte für die Mönche Alleinsein im strengen Sinn des Wortes nur als Strafmaßnahme vorgesehen. Doch im klösterlichen Alltag reduzierte sie die Kommunikation zugunsten der Schweigsamkeit, des stillen Gespräches mit Gott. Die Religionswissenschaftlerin Beatrice Trînca von der FU Berlin verweist auf das biblische Vorbild: Christi einsames Gebet im Garten Gethsemane, während seine Jünger schlafen.

Umgekehrt war der Gedanke, sich wenigstens zeitweise aus der Gesellschaft zurückziehen zu können, seit der Antike eine Wunschvorstellung – gekoppelt mit einem schlechtem Gewissen, ob damit nicht Pflichten gegenüber Familie und Gesellschaft verletzt würden. Cicero formulierte seinen Wunsch einmal als „otium cum dignitate“, als „würdevolle Muße“, die er – von praktischen Notwendigkeiten freigestellt – mit philosophischer Betrachtung verbringen wollte. Im 14. Jahrhundert griff Francesco Petrarca dieses Ideal wieder auf. Seine Aufgaben am päpstlichen Hof in Avignon versetzten ihn in unliebsame Hektik. So floh er auf sein Landgut in der Vaucluse und widmete sich dem gelehrten Dialog mit antiken Autoren sowie der religiösen Versenkung. Im Grunde ging es Petrarca, betont die Romanistin Brigitte Burrichter, um eine „solitudo iocundissima“, um ein angenehmes Alleinsein. Mit Dienern, die für sein Wohlbefinden sorgten, versteht sich.

Das repräsentative Bild des „einsamen“ Gelehrten schuf 1514 Albrecht Dürer mit seinem Kupferstich des hl. Hieronymus „im Gehäuse“. Eine „Manifestation geistiger Lebensweise, deren Wert in sich beruht“, schreibt Stefan Kummer. Mehr nebenbei stellt der Würzburger Kunsthistoriker die Frage, wie sich der Wissenschaftsbetrieb in unserer Gegenwart eigentlich verändert, wenn das einsame Studium grundsätzlich abgewertet wird zugunsten der Pflicht, soziale „Cluster“ zu bilden. Kann es Freiheit des Denkens, kann es „Aufklärung“ geben, wenn der Dialog mit anderen nicht durch ein Stück Einsamkeit ergänzt wird?

Am Ende des 18. Jahrhunderts reflektierte Novalis in seinem Roman „Heinrich von Ofterdingen“ über den Wert der Einsamkeit. In einer Höhle trifft Heinrich auf einen alten Mann. Der Dialog, der sich dann entspinnt, zeigt, dass dem Alten die Aversionen der Gesellschaft gegen seine Lebensweise sehr wohl bewusst sind: „Haltet mich nicht für einen Menschenfeind, weil ihr mich in dieser Einöde trefft. Ich habe die Welt nicht geflohen, sondern ich habe nur eine Ruhestätte gesucht, wo ich ungestört meinen Betrachtungen nachhängen könnte.“

Ein ehemaliger „Kriegsmann“, der nun auf ganz andere Weise der Gemeinschaft dienen will. Von den Werten und Normen des Kollektivs verabschiedet hat er sich, wie Jason Marrott und Clemens Ruthner vom Trinity College in Dublin in ihrem Beitrag feststellen, nämlich nicht: Er verfertigt und verkauft einfaches Kunsthandwerk, und er trägt Sorge, dass seine Bücher, mit denen er philosophiert, nach seinem Tod in die Gemeinschaft zurückkehren sollen. Ob und wie Novalis in einem zweiten Band, nach Heinrichs Rückkehr in die Welt, die beiden Pole von Einsamkeit und Geselligkeit vielleicht zusammenführen wollte, muss offen bleiben.

Anfang des 19. Jahrhunderts malte Caspar David Friedrich seine Bilder mit den unendlichen Weiten, in denen manchmal wie verloren kleine Menschenfiguren stehen. Das Subjekt „strandet beim Versuch, das Außen zu kolonisieren“, interpretiert die Germanistin Barbara Hunfeld den „Mönch am Meer“, 1810. Die Utopie, das Absolute mit Menschenkraft erfassen zu können, ist in eine „Ohnmachtserfahrung“ umgeschlagen. 1774 hatte Goethe in seinem Jugendroman „Werthers Leiden“ dargestellt, schreibt der Wiener Germanist Franz M. Eybl, wie das Aussteigen aus der menschlichen Gesellschaft geradewegs in den Tod führen kann: „Ich muss fort“, sagt Werther, „mir wäre besser, ich ginge“, „ich will sterben“.

Albrecht Dprer: Hieronymus im Ge-
häus, Kupferstich, 1514
Bild: Wikipedia 


Die „Identifikationsbereitschaft“ des Publikums, sein Wille, mit dem Helden „mitzuleiden“, war so stark, dass Goethe den Roman in der Zweitfassung 1787 überarbeitete, um der Welle von Suiziden entgegenzuwirken. In „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez, 1967, geht es sogar um die Selbstzerstörung einer ganzen Kultur: In einer Art Einsamkeitsstolz, der am Ende auf „autistische Regression“ hinausläuft, verweigert sich die Familie Buendía den Herausforderungen der Außenwelt. Einsamkeit, schreibt der Romanist Gerhard Penzkofer, steht als Chiffre für diese Verweigerung.

Zu einer wahren Bibel für alle Einsamkeitssucher seit dem 19. Jahrhundert wurde dagegen „Walden oder das Leben in den Wäldern“, erschienen 1854. Im März 1845 hatte der junge Schriftsteller Henry David Thoreau damit begonnen, auf einem Waldgrundstück in Massachusetts, das seinem Förderer Ralph Waldo Emerson gehörte, eine Hütte zu bauen. Das Haus war ein gutes Stück von der „Zivilisation“ entfernt, aber nicht völlig isoliert: Thoreau war nicht an der Welt verzweifelt, er suchte, wie die Amerikanistin Catrin Gerstin erklärt, „einen Rückzugsort zum Denken und Schreiben“.

Und bald begann er damit, Tagebuch zu führen – nicht für sich allein, sondern in der Absicht, daraus später eine Publikation zu machen. Ein Kritiker hielt ihm vor, ein derart zurückgezogenes Leben, fern der Pflichten eines sozialen Lebens, würde bei massenhafter Nachahmung letztlich zur Regression in den Zustand der Barbarei führen. Aber Thoreau wollte – was viele Bewunderer seitdem geflissentlich übersehen haben – gar nicht massenhaft nachgeahmt werden. Auch in dieser Hinsicht wollte er „einsam“ bleiben


Neu auf dem Büchermarkt:

Kulturen der Einsamkeit, herausgegeben von Ina Bergmann und Dorothea Klein, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, 402 S. m. zahlr. farb. u. s/w. Abb., ISBN 978-3-8260-6952-9, 49,80 €


Mehr im Internet:
Einsamkeit - Wikipedia 
Kulturen der Einsamkeit, hg. v. I. Bergmann u. D. Klein, Königshausen & Neumann
scienzz artikel Literatur und Gesellschaft

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet