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16.08.2020 - THEOLOGIE

Von der Auslegung zur Wissenschaft

Geschichte der juedischen Bibelexegese seit dem Mittelalter

von Josef Tutsch

 
 

Rashi-Denkmal bei der
Synagoge in Worms Bild:
Immanuel Giel/Wikipedia

„Lasset uns Menschen machen“, sagt Gott in der biblischen Schöpfungsgeschichte. Der Plural hat den Exegeten viel Denkarbeit aufgegeben. Ragt hier eine ältere, polytheistische Vorstellung in den Monotheismus hinein? Oder handelt es sich um einen „pluralis majestatis“, einen Ausdruck göttlicher Hoheit? Oder um einen „pluralis deliberationis“, also eine Überlegung und Selbstaufforderung?

Für die ältere christliche Theologie, für die es selbstverständlich war, die jüdische Bibel im Sinne der christlichen Glaubensbekenntnisse auszulegen, schien alles klar: Diese Stelle deutete auf die göttliche Dreifaltigkeit hin. In den Streitgesprächen, die im Mittelalter zwischen christlichen und jüdischen Theologen gelegentlich abgehalten wurden, spielte sie eine zentrale Rolle: Wenn die Inhalte des christlichen Glaubens in der hebräischen Bibel, also im „Alten Testament“, erwähnt wurden, dann durfte es als erwiesen gelten, dass die Kirche zu Recht den Anspruch erhob, das „wahre“ Israel zu sein. Und dass jene Unrecht hatten, die auch nach dem Erlösungswerk Christi noch am Judentum festhalten wollten.

Umgekehrt bildeten solche Stellen für jüdische Exegeten eine Herausforderung. Die christliche Auslegung als Beleg der Dreifaltigkeit habe Unrecht, zitiert die Bibelwissenschaftlerin Hanna Liss von der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg den Bibelkommentator Rabbi Schelomo Jitzchaqi, genannt „Raschi“, aus Troyes in der Champagne, der im späten 11. Jahrhundert schrieb. Raschis Argument: Zwei Sätze später heißt es eindeutig „Gott erschuf den Menschen“, nicht „sie erschufen“.

Liss hat die Geschichte der jüdischen Bibelauslegung vom Mittelalter bis in die Gegenwart nachgezeichnet. Es war eine Auslegung, die – mit der einen Ausnahme des Staates Israel in den letzten Jahrzehnten – immer aus einer Position der sozialen Minderheit heraus geleistet werden musste. Und oft in einer Situation der Verachtung und Entrechtung. Unvermeidlich stand immer wieder die Rechtfertigung des Judentums als der „eigentlich“ biblischen Religion gegenüber der christlichen Mehrheitskultur im Vordergrund.

Manchmal sogar, ohne dass der Text selbst dies zwingend nahe gelegt hätte. Im 12. Jahrhundert interpretierte Josef ben Jitzschaq, genannt Bekhor Schor, aus Orléans die Mosesgeschichte. Als Moses mit den Gesetzestafeln vom Berg zurückkommt, muss er feststellen, dass sein Volk inzwischen ein goldenes Kalb verfertigt hat und anbetet. Er lässt das Kalb zu Staub zerstampfen, streut den Staub ins Wasser und gibt es den Israeliten zu trinken. Offenbar gab diese Schilderung den christlichen Predigern viel Anlass zu antijüdischem Spott, und Bekhor Schor bestätigte diesen Spott sogar: „weil es Götter die man essen und trinken kann, gar nicht in Wirklichkeit gibt“. Doch er kehrte das Argument um. Im Grunde würden die Christen bei ihrem Abendmahlssakrament ganz ähnlich verfahren: „Sie essen das Fleisch ihres Götzendienstes und trinken ständig sein Blut.“

Oft wird der Bezug zu den Zeitereignissen überdeutlich, zum Beispiel in einem Text von Rabbi Eli‘ezer aus Beaugency über die Märtyrer in der Bibel: Das, meint Liss, spielte offenkundig auf die Verfolgungen an, die eine „Ritualmordaffaire“ 1171 in Blois ausgelöst hatte. Die Bibelauslegung war eben vor allem „Selbstbestätigung und Ermutigung für eine in schweren Zeiten mental und physisch zunehmend geschwächte jüdische Gemeinschaft“. Auf ein Kapitel, in dem die Reflexion jüdischer Exegeten im Mittelalter über ihre Methode den entsprechenden Ausführungen ihrer christlichen Kollegen systematisch gegenübergestellt würde, hat die Forscherin verzichtet.

In einer Hinsicht jedenfalls stand die jüdische Exegese näher am Text. Während die christlichen Theologen die lateinische Vulgata als maßgeblich betrachteten, bezogen sich die jüdischen auf das hebräische Original. Schemu‘el ben Meir alias Raschbam im 12. Jahrhundert hielt den christlichen Exegeten einmal vor, ihre Hebräischkenntnisse würden vielfach nicht hinreichen, um auch nur den buchstäblichen Sinn von Schriftstellen zu erfassen – selbst wenn sie sich überhaupt die Mühe machten, das hebräische Original zu Rate zu ziehen, wird man ergänzen dürfen.

Moses-Maimonides-Denkmal in Cór-
doba - Bild: Dr. Manuel/Wikipedia 

Trotz der religiösen Schranke – Parallelen in der theologischen Entwicklung sind unverkennbar, vor allem was die Reflexionen über das Verhältnis von Vernunft und Offenbarung betrifft. Auch in das Judentum wirkte die neu entdeckte Philosophie des Aristoteles hinein. Im 13. Jahrhundert, berichtet Liss, bestand sogar die Gefahr einer „konfessionellen“ Spaltung des Judentums. Den Anstoß gab die Theologie des Mosche ben Maimon aus Cordoba, genannt „Maimonides“, der gelehrt hatte, beim Kommen des Messias werde die natürliche Ordnung der Welt in keiner Weise verändert werden. Das setzte voraus, dass manche Bibelstellen nur noch sozusagen „symbolisch“ verstanden wurden, zum Beispiel die Prophezeiung, Wolf und Lamm würden nebeneinander weiden. Die Schwierigkeiten deutet Liss sehr diplomatisch an: „Ein solches Erlösungskonzept würde wohl auch heute noch auf vielfachen Widerstand stoßen.“ Einem christlichen Theologen des hohen Mittelalters hätte es durchaus einen Ketzerprozess einbringen können.

Blickt man auf die Reihe der mehr als 50 jüdischen Exegeten, die Liss vom hohen Mittelalter bis in die Gegenwart besprochen hat, sticht ein Name hervor, der auch für die biblische Theologie des Christentums einflussreich wurde, er markiert zugleich den Übergang von einer dogmatisch bestimmten Auslegung zur modernen philologischen und historischen Arbeit am Bibeltext: Baruch Spinoza. Sein „Tractatus Theologico-Politicus“ von 1670, erläutert Liss, war nicht als Bibelkommentar verfasst, sondern mit dem Ziel der Religionskritik. Spinoza orientierte sich am Vorbild der „exakten“ Naturwissenschaften, und er revolutionierte die Kunst der Auslegung durch das Postulat, zwischen dem „Sinn der Rede“ und einer objektiven „Wahrheit“ unterscheiden zu können und unterscheiden zu sollen: Es ging ihm nicht darum, „seine eigenen Vorstellungen in der Schrift wiederfinden zu wollen, sondern etwas zu finden, wonach man nicht gesucht hat und das sogar den eigenen Vorstellungen zuwiderlaufen kann“.

Spinoza wurde von der Amsterdamer Jüdischen Gemeinde mit dem Bann belegt. Man braucht nicht viel Phantasie, um sich auszumalen, dass ihm Ähnliches auch in der einen oder anderen christlichen Kirche hätte widerfahren können. Aber seine Arbeit prägte die Richtung vor, in die sich die wissenschaftliche Arbeit am Bibeltext in den folgenden Jahrhunderten entwickelte: hin zu einer „profanen“, kulturgeschichtlichen Lesart, von der „Auslegung“ zur „Wissenschaft“. Im 19. Jahrhundert entstanden Rabbinerseminare mit einem akademischen Bibelstudium; als das älteste gilt der „Collegio Rabbinico di Padova“ im damals habsburgischen Königreich Lombardo-Venetien. Damit, vermerkt die Autorin, unterwarf sich die jüdische Bibelauslegung auch dem Entwicklungsgesetz aller Wissenschaften: dass Erkenntnis durch neue Erkenntnis überholt werden kann.

Weltanschauliche Vorannahmen gingen immer wieder nicht erst in die Interpretation, sondern bereits in die Übersetzung des Bibeltextes ein. Ein Beispiel aus der Zeit der Aufklärung: Moses Mendelssohn verdeutschte den Gottesnamen mit „Der Ewige“. Er setzte, interpretiert Liss, den biblischen Glauben in aller Selbstverständlichkeit mit der rationalistischen Metaphysik seiner Zeit in eins. Im 20. Jahrhundert haben zum Beispiel Franz Rosenzweig und Martin Buber vehement darauf gepocht, dass diese Annahme „unbiblisch“ sei.

Eine Frage stellt sich für die jüdische Bibelauslegung ebenso wie für die christliche: Inwieweit drang der jeweils aktuelle Forschungsstand eigentlich in die Predigt und damit in die Volksfrömmigkeit ein? Liss weist darauf hin, dass zum Beispiel im osteuropäischen Judentum noch im 19. Jahrhundert die Bibel völlig im Schatten des Talmuds stand. 1859 forderte Ludwig Philippson eine deutsche Bibelübersetzung, die im jüdischen Religionsunterricht dienen könne. Offenbar hatte die Lutherbibel, da leicht zugänglich, auch unter deutschen Juden viele Leser gefunden.

Zur heute gewohnten Flügelbildung im Judentum, mit alt-orthodoxen, reformorientierten und neo-orthodoxen Gemeinden kam es erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Sie war ganz wesentlich durch die Konfrontation mit der nunmehr stark historisch geprägten Bibelwissenschaft in den protestantischen Fakultäten bestimmt, berichtet Liss. Zentral war dabei die Frage nach Entstehung und Geltung der „Tora“, also der fünf Bücher, die unter dem Namen des Moses überliefert sind. Liss nennt als Antagonisten im 19. Jahrhundert Abraham Geiger, einen orientalistisch ausgebildeten Rabbiner, auf der einen Seite, auf der anderen Samson Raphael Hirsch, der sich vehement dagegen wandte, die Tora als „Literatur“ wie jede andere aufzufassen: Die Frage nach der „Bedeutung des Textes für die eigene Zeit“ müsse dabei verloren gehen.

Hirsch, berichtet Liss, wollte auch die scheinbar antiquierten Ritualvorschriften „mit neuem Sinn erfüllen“. Die Tora „ist einzig wie Gott, ihr Schöpfer“, schrieb Hirsch pointiert – ein Absolutes mitten in der Relativität der Geschichte. Welche existentiellen Fragen dabei auf dem Spiel stehen konnten, macht Liss an der Erzählung von der Opferung Isaaks durch seinen Vater Abraham deutlich. Hirsch hatte sich mit der „evolutionistischen“ Theorie auseinander zu setzen, darin spiegele sich die Ersetzung der alten Menschenopfer durch Tieropfer. „Nur Wahnwitz kann dies aus unserer Geschichte heraus argumentieren“, antwortete Hirsch – mit „unserer Geschichte“ meinte er vermutlich nicht nur diese Erzählung, sondern die Geschichte des Volkes Israel insgesamt. Die „Größe Abrahams“ liege nicht darin, dass er dieses Opfer zur rechten Zeit unterlassen habe, sondern vielmehr in seiner Bereitschaft, es auf Gottes Befehl zu vollziehen.

Rashis Kommentar zum Prophetenbuch,  
13. Jahrhundert - Bild: Jewish Museum/
Jerusalem/Wikipedia 

Der Einfluss eines Søren Kierkegaard ist unverkennbar. Albert Schweitzer nannte es einmal eine große „Wahrhaftigkeitstat des protestantischen Christentums“, dass historisch und philologisch arbeitende Theologen seit der Aufklärung in einem Teilbereich der Bibelwissenschaft, in der Leben-Jesu-Forschung, das altüberlieferte Bild in Frage stellten. Liss zeigt, dass es im Judentum eine analoge Diskussion gab – ein prinzipiell vergleichbares Widerspiel zwischen „religionsunabhängiger“, historisch-philologischer Arbeit einerseits, dem Bedürfnis nach dogmatisch geleiteter, lebenspraktisch anwendbarer Interpretation andererseits.

Dabei übte der wissenschaftliche Fortschritt, den etwa die Archäologie erbrachte, eine ambivalente Wirkung aus. Einerseits wurde die Bibel in ihrer historischen Bedingtheit durch das altorientalische Umfeld erwiesen. Andererseits fanden die Geschichten um Abraham und Moses in der Archäologie zwar keine buchstäbliche Bestätigung, aber doch Ort und Zeit – einen Schein von Handgreiflichkeit, wenn man so will; Liss vergleicht die Entdeckungen in der „Welt der Bibel“ mit Heinrich Schliemanns Ausgrabungen in Troja.

Für die Gegenwart plädiert Liss dafür, die historische und philologische Arbeit am Bibeltext „überhaupt nicht mehr unter einer konfessionellen Fahne segeln“ zu lassen, sondern streng „religions- oder konfessionsunabhängig“ durchzuführen. Davon unabhängig stellt sich die Frage nach einer jüdisch-theologischen „Binnenperspektive“, also einer Anwendung auf das religiöse Leben, einschließlich einer Lehre im Religionsunterricht. „Jüdische Bibelauslegung sollte endlich an den Universitäten fest etabliert werden“, fordert die Autorin – als „Konkurrenz“ oder Alternative zur katholischen und protestantischen Theologie. Dass anderen religiösen Gruppen wie Muslimen oder Buddhisten oder Hinduisten für das Studium ihrer heiligen Bücher dasselbe Recht zuzubilligen ist, versteht sich in unserer pluralistischen Gesellschaft von selbst.



Neu auf dem Büchermarkt:

Hanna Liss: Jüdische Bibelauslegung, Mohr Siebeck, Tübingen 2020, 538 S., ISBN 978-3-8252-5135-2 (UTB Band 5135), 40,00 €


Mehr im Internet:

Bibelauslegung - Wikipedia 
Hanna Liss: Jüdische Bibelauslegung, Mohr Siebeck 
scienzz artikel Judentum 

 

 

 

 

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