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Kultur

30.09.2020 - ALTE GESCHICHTE

Keines Mannes Sklaven sind sie, keinem Menschen untertan

Vor 2.500 Jahren fand die Seeschlacht von Salamis statt

von Josef Tutsch

 
 

"Schlangensäule",
Weihegabe in Delphi,
seit 331 n. Chr. in
Konstantinopel
Bild: Gryffindor/
Wikipedia

Königinmutter Atossa ist beunruhigt. Im Traum hat sie gesehen, wie ihr Sohn Xerxes, der sich gerade auf einem Kriegszug gegen Griechenland befindet, vom Streitwagen stürzt. Sie befragt ihren Hofstaat nach diesem kleinen Volk am Rande des Perserreiches, das sich dem Herrschaftsanspruch des Großkönigs so hartnäckig widersetzt. Vor allem nach der Stadt Athen, die offenbar das Zentrum des Widerstands bildet: „Wer ist ihr Gebieter und beherrschet Volk und Heer?“

In der Antwort formulierte der Dichter Aischylos, der acht Jahre nach der Schlacht von Salamis sein Tragödie „Die Perser“ auf die Bühne brachte, voller Stolz das, was er als die Einzigartigkeit der Griechen und insbesondere der Athener in der damaligen Welt ansah: „Keines Mannes Sklaven sind sie, keinem Menschen untertan.“ Atossa fragt ungläubig nach, ob so etwas überhaupt möglich sei: „Wie vermögen dann sie Fremden, die sich als Feinde nah‘n, zu widersteh‘n?“

Dass es möglich ist, weiß die Königin sehr genau: Zehn Jahre zuvor, im September 490 v. Chr., haben die Athener bei Marathon die Invasionsarmee, die Atossas Mann, Großkönig Dareios, ausgesandt hatte, überraschend zurückgeschlagen. Wenige Verse später muss sie die aktuelle Schreckensnachricht erfahren: Xerxes‘ ist mit seinem Versuch, die Niederlage des Vaters zu rächen, gescheitert. Bei Salamis, einer kleinen Insel vor Athen, haben die verbündeten Griechen die quantitativ weit überlegene persische Flotte zerschlagen.

Die Seeschlacht fand nach heutigem Kalender Ende September 480 v. Chr. statt, wahrscheinlich am 29. des Monats, wenige Tage vor der Sonnenfinsternis am 2. Oktober. Das „runde“ Jubiläum von 2.500 Jahren wäre also eigentlich erst 2021 fällig, da unser Kalender zwischen den Jahren „vor“ und den Jahren „nach Christi Geburt“ kein Jahr Null kennt. Aber es hat sich eingebürgert, für Jubiläen aus der Alten Geschichte von dieser Komplikation abzusehen und die Jahreszahlen ganz einfach zu addieren: 480 + 2020, das ergibt 2.500.

Als die Schlacht stattfand, war Athen weitgehend entvölkert. Etwa 100.000 Menschen hatten die Stadt verlassen und waren auf die Insel Salamis im Saronischen Golf geflohen. Von Norden her rollte die riesige Streitmacht des Großkönigs an. Viele der Stadtstaaten im nördlichen und mittleren Griechenland hielten Widerstand von vornherein für aussichtslos und huldigten dem König. Das Orakel von Delphi riet den Athenern zur Flucht „bis ans Ende der Welt“.

Irgendwie jedoch, erzählt der Geschichtsschreiber der Perserkriege, Herodot, gelang es dem athenischen Strategen Themistokles, in Delphi einen zweiten Orakelspruch zu erwirken: „Sucht Schutz hinter hölzernen Mauern!“ Vermutlich hatte Themistokles die Priester bestochen. Er konnte den Rat von Athen überzeugen, mit den hölzernen Mauern seien nicht etwa die Dornenhecken um die Akropolis gemeint, sondern die Schiffe, die Athen in den Jahren zuvor mit Einkünften aus den neu entdeckten Silberminen gebaut hatte. Er setzte alles auf eine Karte und plante eine Seeschlacht, und zwar in einer Meerenge, so dass die persische Flotte keine Gelegenheit haben würde, ihre quantitative Überlegenheit auszuspielen.

Von Salamis aus konnten die Athener sehen, wie über ihrer Heimatstadt die Rauchsäulen der Zerstörung aufstiegen. Das Landheer aus dem verbündeten Sparta, das im Engpass der Thermopylen aufgestellt war, hatte den persischen Vormarsch nur verzögern können. Die Spartaner beharrten dennoch auf dem Plan, das persische Heer zu Land zu schlagen. Als neue Verteidigungslinie war der Isthmus von Korinth vorgesehen.

Wilhelm von Kaulbach: Seeschlacht von
Salamis, 1868 (Maximilianeum, München)
Bild: Wikipedia 


Angeblich gelang es Themistokles, die Seeschlacht bei Salamis zu erzwingen, indem er heimlich den Hauslehrer seiner Kinder zu Xerxes sandte: Er selbst, ließ er mitteilen, stehe auf der Seite des Großkönigs und wolle der Invasion zum Erfolg verhelfen. Die griechischen Schiffe wollten fliehen. Würden die Perser sie einschließen, könnten sie leicht den Sieg erringen. Xerxes ging in die Falle. Die persischen Schiffe konnten aufgrund ihrer Schwerfälligkeit in der Meerenge kaum manövrieren. Der König verlor den Großteil seiner Flotte und zog sich eilends nach Persien zurück.

Entschieden war der Krieg in Griechenland mit der Schlacht von Salamis noch keineswegs. Die Verzweiflung des Xerxes, mit der Aischylos‘ seine Tragödie abschloss, ist insoweit übertrieben. Im folgenden Sommer musste bei Plataiai in Böotien noch das persische Landheer geschlagen werden, das in Thessalien überwintert hatte. Gleichzeitig wurde bei Mykale an der ionischen Küste der Rest der persischen Flotte vernichtet.

Die Nachwelt hat die Perserkriege gern idealisiert. „Es standen gegeneinander der orientalische Despotismus, also eine unter einem Herrn vereinigte Welt, und auf der anderen Seite geteilte und an Umfang und Mitteln geringe Staaten, welche aber von freier Individualität belebt waren“, sagte Hegel in den 1820er Jahren in seinen Vorlesungen zur „Philosophie der Weltgeschichte“. „Niemals ist in der Geschichte die Überlegenheit der geistigen Kraft über die Masse in solchem Glanz erschienen.“

Vor einer Idealisierung muss allerdings schon der Fortgang der griechischen Geschichte in den folgenden Jahrzehnten warnen. Zwar gelang es Athen, binnen weniger Jahre die griechischen Städte an der Westküste Kleinasiens von der persischen Herrschaft loszureißen; die Ägäis wurde zu einem attischen Binnenmeer. Doch schon zwei Jahrzehnte nach Salamis zeigte der „Delische Seebund“ erste Risse. 468 v. Chr. wollte die Insel Naxos austreten – aus der Sicht Athens der Versuch, vom Schutz des Seebundes parasitär zu profitieren, ohne die Unkosten mitzutragen. Die Insel wurde militärisch unterworfen. Mehr und mehr wandelte sich der „Bund“ zu einem „Reich“. 416 v. Chr. begehrte die Insel Melos, sich im Krieg zwischen Athen und Sparta neutral zu verhalten. Athen nahm für sich das Recht des Stärkeren in Anspruch. Am Ende wurden alle erwachsenen männlichen Melier hingerichtet, Frauen und Kinder in die Sklaverei verkauft.

Nicht einmal ihre so schwer errungene Freiheit gegenüber dem persischen Reich vermochten die griechischen Stadtstaaten auf Dauer zu bewahren. 386 v. Chr. bot Sparta, durch die fortwährenden Kriege ebenso erschöpft wie der Konkurrent Athen, dem Großkönig in aller Form die Möglichkeit, seine Herrschaft über die kleinasiatischen Griechenstädte wiederherzustellen. In der Ägäis und auf dem südlichen Balkan übernahm Persien zwar nicht die direkte Herrschaft, aber doch eine Vormachtstellung, bis es 338 v. Chr. durch Makedonien abgelöst wurde.

Innenpolitisch allerdings beschleunigten die Perserkriege die Entwicklung Athens hin zur „Demokratie“. Oder zur „Isonomie“, wie man damals sagte, dem gleichen Recht aller Bürger auf Teilhabe an politischen Entscheidungen. Die Schlacht von Marathon im Jahr 490 war noch in der Hauptsache von schwer bewaffneten Adligen bestritten worden – mit einer Ausrüstung also, die sich nicht jeder leisten konnte. Diese Ungleichheit schwand mit dem Ausbau der Flotte. Bei Salamis saßen vor allem einfache Leute auf den Ruderbänken. Das förderte die Bemühungen, nun endgültig eine Herrschaft der breiten Volksmassen zu etablieren.

„Breit“ mit der Einschränkung, dass die Sklaven davon ausgeschlossen blieben. Die antike Wirtschaft beruhte auf der Sklaverei: Die kleinen Handwerker konnten nur deshalb Zeit für die Teilnahme an den Volksversammlungen erübrigen, weil ihre Sklaven für sie arbeiteten. Die politische Freiheit der freien Bürger hatte die Unfreiheit anderer zur Voraussetzung. Wie wichtig den Griechen des 5. Jahrhunderts v. Chr. ihre „Freiheit“ war, zeigt ein kleiner Dialog in den „Perserkriegen“ des Herodot, einige Jahre vor der Schlacht von Salamis. Zwei Spartaner befinden sich am Hof eines persischen Statthalters in Kleinasien. Der unterbreitet ihnen das Angebot, in den Dienst des Großkönigs zu treten: „Jeder von euch würde über ein griechisches Land herrschen, das der König euch geben würde.“ Die beiden weisen den Vorschlag zurück: „Das eine, Sklave zu sein, verstehst du gründlich. Von der Freiheit aber hast du noch nichts erfahren, weder ob sie etwas Süßes ist, noch ob sie es nicht ist. Wenn du sie nämlich erfahren solltest, würdest du uns raten, nicht bloß mit Lanzen für sie zu kämpfen, sondern auch mit Beilen.“

Modernes Denkmal auf der Insel                
Bild: sculptureholic/Wikipedia 


Eine „Freiheit“, die mit unserem modernen Begriff gleichzusetzen wir uns hüten sollten: Zur Freiheit der griechischen Stadtstaaten gehörte immer auch das Recht, gegeneinander Krieg zu führen. Ein Konzept, Frieden und Freiheit miteinander in Einklang zu bringen, wurde in der „klassischen“ Zeit der Griechen niemals erarbeitet. Darüber darf auch der kulturelle Glanz, der sich nach Salamis in dem politischen Rahmen entfaltete, den die Perserkriege gesetzt hatten – mit den Tragödien eines Aischylos, Sophokles und Euripides, den Komödien eines Aristophanes, der Kunst eines Phidias, der Geschichtsschreibung eines Herodot und Thukydides, der Philosophie der Sophisten einerseits, des Sokrates andererseits –, nicht hinwegtäuschen.

Hätte es diese „Klassik“ vielleicht auch unter persischer Herrschaft geben können? Vor zwei Jahrhunderten hätte Hegel diese Frage noch ohne Zögern verneint: „Der Orient“, stellte er bündig fest, „wusste und weiß nur, dass Einer frei ist, die griechische und römische Welt, dass Einige frei sind, die germanische [= abendländische] Welt weiß, dass Alle frei sind.“ Marathon und Salamis markierten für ihn das selbstbewusste Heraustreten der zweiten Epoche aus der ersten – von unserer eigenen Welt noch weit entfernt, aber doch eine Station auf dem Weg dorthin. Ähnlich äußerte sich der englische Philosoph John Stuart Mill: Selbst für die englische Geschichte seien die Perserkriege wichtiger gewesen als die Schlacht von Hastings mehr als anderthalb Jahrtausende später.

Ohne Salamis keine griechische „Klassik“? Und ohne die Klassik kein Europa, keine Renaissance, keine Aufklärung, keine Moderne? Mit gutem Grund sind wir gegenüber solchen geschichtsphilosophischen Schemata misstrauisch geworden. Den Persern, stellte 1960 der Althistoriker Alfred Heuß fest, lag es völlig fern, „die Kultur und Gesittung ihrer Untertanen niederzutrampeln und ihre Zivilisation auszulöschen“.

Fragen nach der Art „Was wäre, wenn ...“ lassen sich niemals mit Gewissheit beantworten. Aber es bleibt doch der Umstand, dass die Abwehr der persischen Expansion eine eigenständige Entwicklung „Europas“, dieses, rein geographisch betrachtet, doch recht kleinen Anhängsels im Nordwesten der eurasischen Landmasse, sicherlich begünstigt hat. In den Jahrzehnten vor Salamis hatten einige griechische Stadtstaaten, darunter Athen, mit „demokratischen“ Experimenten bereits einen „Sonderweg“ eingeschlagen: Anders als in den orientalischen Monarchien wurden politische Entscheidungen nicht in fürstlichen Kabinetten, sondern in aller Öffentlichkeit diskutiert und ausgefochten. Bei Salamis, so stellte 1993 der Althistoriker Christian Meier fest, wurde dieser Sonderweg, in dessen Tradition wir uns heute sehen, sozusagen approbiert. 


Mehr im Internet:

Seeschlacht bei Salamis - Wikipedia 
scienzz artikel Griechische Geschichte 

 

 

 

 

 

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