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03.09.2020 - POLITISCHE KULTUR

Geaechtete Angebote der Sinn- und Heilssuche

Verschwoerungserzaehlungen - zwischen Ideologiekritik und Wissenssoziologie

von Josef Tutsch

 
 

Warnung vor Kondensstreifen am
Himmel, Berlin-Schönberg, 2013
Bild: Dirk Ingo Franke/Wikipedia

Hand auf‘s Herz: Beinhaltet der Gründungsmythos der Schweiz eine „Verschwörungstheorie“? Von außen betrachtet, meint der Basler Kulturwissenschaftler Sebastian Dümling in dem neu erschienen Sammelband über „Verschwörungserzählungen“, war die Versammlung auf dem Rütli wohl in der Tat ein „illegitimes Verschwörerkollektiv“. Die Beteiligten selbst sahen in ihr eine „legitime Schwurgemeinde“, die sich gegen eine illegitime Herrschaft auflehnte.

Statt von Verschwörungstheorien spricht der Sammelband, den die Germanistin Brigitte Frizzoni von der Universität Zürich jetzt aus den Vorträgen bei einer Tagung der Deutschen Gesellschaft für Volkskunde vor zwei Jahren zusammengestellt hat, lieber von „Verschwörungserzählungen“. Der ungewohnte Ausdruck versucht, das abwertende „Framing“, das solche Theorien von vornherein nur als Aufgabe für die Ideologiekritik gelten lässt, nach Möglichkeit zu reduzieren. Die Frage nach dem Recht oder Unrecht von Verschwörungen, nach der Wahrheit oder Unwahrheit in Verschwörungstheorien, die oft ja auch von der Position des Betrachters abhängt, tritt in dieser „wissenssoziologischen“ Perspektive zunächst einmal in den Hintergrund.

Vom späten 18. Jahrhundert an, zitiert der Zürcher Kulturwissenschaftler Alfred Messerli in Frizzonis Sammelband den Literaturhistoriker Peter von Matt, „finden sich in zunehmendem Maße Berichte über Großkonspirationen, welche das Weltgeschehen insgeheim lenken oder eine solche Lenkung anstreben.“ Die Frage nach der Legitimität oder Illegitimität gesellschaftlicher Einrichtungen stand auf der Tagesordnung, Friedrich Schiller brachte sie in seinem „Wilhelm Tell“ auf die Bühne. Die bestehende alte Ordnung wurde als „Unordnung“ verdächtigt, konnte also nichts mehr legitimieren. Andererseits gab es eine neue Ordnung vorläufig nur in der Idee – ein Problem, das Schiller ins späte Mittelalter zurück projizierte: „Was ungesetzlich ist in der Versammlung, entschuldige die Not der Zeit“, sagt einer der Verschworenen im „Tell“.

Schillers Thema, resümiert Dümling, war der als hoch problematisch empfundene Umstand, „dass sich die politischen Ordnungen der Moderne nicht auf notwendige Letztbegründbarkeiten beziehen können“. Der Parlamentarische Rat 1949 versuchte das Problem zu lösen, indem er sich auf das philosophische Konzept von einem überpositiven „Naturrecht“ berief. Der Zürcher Sozialanthropologe Harm-Peer Zimmermann weist darauf hin, dass 1968 für einen letzten Grenzfall ausdrücklich ein Recht zu „Verschwörungen“ ins Grundgesetz aufgenommen wurde: Gegen jeden, der es unternimmt, diese verfassungsmäßige Ordnung zu beseitigen, „haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist“.

„Wenn“ – der Fall, dass eine Verschwörung legitim sein könnte, wird als extreme Ausnahme konstruiert, als letzte Notwehr. Ansonsten haftet Verschwörungen der Ruch der Illegitimität an – in Zeiten, die sich dem demokratischen Postulat der Transparenz verpflichtet sehen, mehr denn je. Eine typische Verschwörungstheorie hat Roman Polanski vor einem halben Jahrhundert in seinem „Tanz der Vampire“ humoristisch aufbereitet. Eine böse Macht, in diesem Fall repräsentiert durch die Vampire im Karpatenschloss, greift nach der Weltherrschaft. Nichts geschieht zufällig, alles dient einem geheimen Plan. Die Arglosigkeit der „normalen“ Menschen wird schamlos ausgenutzt.

Verschwörungen sind „nach einer Hermeneutik des Verdachts organisiert“, schreibt Frizzoni. Man könnte auch von einer universalen Paranoia sprechen: Alle scheinbaren Zufälle „bedeuten“ etwas, sie verweisen auf die Wirksamkeit unsichtbarer Drahtzieher. Ob in unserer angeblich „aufgeklärten“ Gegenwart die Verschwörungstheorien ab- oder vielmehr noch zugenommen haben, ist unter den Kultur- und Sozialwissenschaftlern umstritten. Es könnte sich in der Tat um eine „Ersatzverzauberung“ handeln, die der Prozess der Rationalisierung unvermeidlich nach sich gezogen hat.

Der Freiburger Soziologe Andreas Anton, Experte für „Grenzgebiete“ der Psychologie, verweist allerdings auf den Amerikanisten Michael Butter, der gerade für die letzten Jahrzehnte eine „Prozess der Delegitimierung und Stigmatisierung“ von Verschwörungstheorien beobachtete. Da mögen die politischen Katastrophen des 20. Jahrhunderts eine Rolle spielen: Der Holocaust hat die mörderischen Konsequenzen der Jahrhunderte langen Gewöhnung an Antijudaismus und Antisemitismus gezeigt. In der Moderne hatte diese Verschwörungstheorie aller Verschwörungstheorien eine säkularisierte Gestalt angenommen, zum Beispiel in den sogenannten „Protokollen der Weisen von Zion“, die 1903 auf den Büchermarkt kamen.

"Protokolle der Weisen von Zion",
Russische Ausgabe von 1911 
Bild: Wikiedia 


Die „Protokolle“, erläutert Messerli, „gaben vor, Mitschrift einer programmatischen Versammlung der ‚Jüdischen Weltverschwörung‘ zu sein“. Detailliert wurden Strategie und Taktik beschrieben, „mit der die angeblichen Verschwörer sämtliche Bereiche des politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und kulturellen Lebens unterwandern und ihren Zielen unterwerfen wollten“. Zwar konnte leicht nachgewiesen werden, dass der Text aus Sensationsromanen und politischen Pamphleten zusammengestellt war. Das hinderte aber nicht daran, dass Millionen Menschen ihn für einen Tatsachenbericht hielten.

Die Protokolle würden „der Aufklärung“ dienen, behauptete allen Ernstes ein gewisser Gustav Fleischhauer, der 1935 in einem Prozess in Bern als „Freimaurer- und Judenexperte“ auftrat. Heute würde er vermutlich von einem Kampf gegen die „Lügenpresse“ sprechen. Das Stichwort „Presse“ tauchte bereits im Fortsetzungsroman „Biarritz“ auf, den Schriftsteller Hermann Ottomar Friedrich Goedsche alias Sir John Retcliffe zwischen 1868 und 1876 veröffentlichte; er lieferte den „Protokollen“ später eine ihrer Vorlage. Retcliffe ließ einen der Verschwörer sagen: „Wer die Presse hat, hat das Ohr des Volkes.“ Ein Satz, in dem schlagartig offenbar wurde: Die Massenmedien dienen nicht unter allen Umständen der Bildung und Aufklärung, sie lassen sich ebenso gut für die Gegenaufklärung einsetzen.

Solche Verschwörungstheorien auf Wahrheit oder Unwahrheit hin zu überprüfen, kann Recherchearbeit bedeuten. Das zeigt auch ein viel harmloseres Beispiel aus der Populärkultur, das die Mainzer Ethnologin Christina Niem analysiert. Dass „die anderen“ „ohne den Schiri keine Chance gehabt“ hätten, ist eine gängige Fußballweisheit, wenn ein Spiel anders ausging, als erwartet. Da lässt sich dann nur schwer sagen, ob solche „Analysen“ bloß aus dem Ressentiment der Verlierer resultieren oder, wie Anton es ausdrückt, aus „einem grundlegenden Misstrauen gegenüber Autoritäten“, in diesem Fall: gegenüber den Instanzen, die über die Fairness des Spiels wachen sollen.

Und in einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft, die Macht begrenzen will, hat Misstrauen doch seinen legitimen Platz – auch und gerade Misstrauen gegenüber den „Herrschenden“ und dem Mainstream. Aber zweifellos gibt es Fälle, in denen dieser Verdacht pathologisch wird. In den Kommentarspalten der Zeitung „Junge Freiheit“ hat der Basler Ethnologe Sebastian Dümling die „Theorie“ gefunden, 2015 wäre Bundeskanzlerin Angela Merkel von schwulen Politikern und Wirtschaftsvertretern zur „Grenzöffnung“ gedrängt worden, Ziel: „Möglichst viele junge schwarze und arabische Männer sollten nach Deutschland kommen und als Sexarbeiter dienen.“

Solche Mutmaßungen lassen sich leicht als unzurechnungsfähig abtun. Aber wie es in Thomas Manns „Doktor Faustus“ an einer Stelle heißt: Wahnbilder und Hirngespinste brauchen mit Wahrheit und Vernunft gar nichts zu tun zu haben, um sich dennoch als „dynamische Realitäten“ zu erweisen. Anton schlägt vor, Verschwörungstheorien - unabhängig von der Wahrheitsfrage – in zwei Gruppen einteilen: solche, die „von der Mehrheit der Bevölkerung, den Leitmedien oder anderen gesellschaftlich legitimierten Deutungsinstanzen“ anerkannt werden, und andere, bei denen dies nicht der Fall ist.

Der Ausdruck „Verschwörungstheorien“ wird von Vertretern des „Mainstreams“ dann gern für Theorien dieser zweiten Gruppe reserviert, während die eigenen Theorien schlicht als „wahr“ gelten. Die Ethnologen Julian Genner und Ina Dietzsch sprechen in ihrem Artikel von „geächteten Angeboten und Praktiken der Sinn- und Heilssuche“. Geächtet außerhalb der eigenen Community, die den Außenstehenden als eine Sekte erscheint.

Manchmal allerdings könnte man darüber streiten, was die „Sekte“ ist und was der „Mainstream“, was die seriöse Wissenschaft und was unwissenschaftlicher Aktivismus. Die Marburger Gender-Forscherin Marion Näser-Lather prangert in ihrem Beitrag „antigenderistische“ Verschwörungserzählungen an. Begründung: Die „KritikerInnen“ der Gender Studies würden „wesentliche Standards wissenschaftlichen Arbeitens nicht einhalten“. Die antigenderistischen „Verschwörungserzählungen als gleichberechtigte alternative Wissensbestände zu akzeptieren, könnte sich als fatal erweisen“. Präzise dasselbe sagen, wie Näser-Lather selbst durch zahlreiche Zitate belegt, jene Kritiker allerdings auch, nur eben umgekehrt.

Johann Heinrich Füssli: Rütli-      
schwur, 1780 (Kunsthaus
Zürich) - Bild: Wikipedia 
 

Der Wiener Psychotherapeut Bernd Rieken warnt jedoch davor, es sich allzu leicht machen zu wollen, indem die „Verschwörungstheoretiker“ vorschnell pathologisiert werden. Wer zum Beispiel an den offiziellen Darstellungen zum 11. September 2001 oder zur amerikanischen Mondlandung Zweifel anmeldet, wie abwegig auch immer, muss nicht gleichzeitig argwöhnen, dass er von Geheimdiensten auf Schritt und Tritt verfolgt wird. Und um den Gedanken fortzuführen: Jemand, der aktuell den Sinn der Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie in Zweifel zieht (ein Thema, das noch nicht aktuell war, als der Sammelband erstellt wurde), muss nicht zugleich den menschengemachten Klimawandel bestreiten – ebenso natürlich umgekehrt. Oder die sogenannten „Chemtrails“, die Kondensstreifen am Himmel, als lebensbedrohlich auffassen.

Oder dem Glauben anhängen, den in den 1960er Jahren Robert Charroux und Erich von Däniken aufbrachten: irgendwann in grauer Vorzeit hätten Außerirdische, ob nun in freundlicher oder unfreundlicher Absicht, die Erde besucht und würden demnächst vielleicht wiederkommen. Die Zürcher Sozialanthropologin Meret Fehlmann hat eine neue Variante dieser Theorie gefunden, in den „Chroniken von Tilmun“ des deutschen Ufologen Alexander Knörr, einer Serie von „Sachbüchern“, die seit 2012 daran arbeiten, das Weltgeschehen als große Auseinandersetzung zwischen „guten“ und „bösen“ Außerirdischen um das Schicksal der nichtsahnenden Menschen zu sortieren.

Ein Versuch, die oft beklagte „Komplexität der Welt- und Lebenszusammenhänge zu reduzieren“, schreibt Fehlmann und trifft damit sicherlich den Impuls, aus dem heraus jene Schwemme der Verschwörungstheorien seit der Aufklärung erwuchs. Immer und immer wieder ging und geht es um die Suche nach jener Stelle in der Geschichte unserer Welt, an der irgendetwas falsch gelaufen sein muss – und nach den Verantwortlichen dafür.

Irgendetwas … Der ideale Boden für irrationale Konstruktionen, zweifellos. Wie die Geschichte vom Rütlischwur zeigt, kann es aber auch Fälle geben, dass „Fehler“ plausibel analysiert und korrigiert werden. Das mahnt dazu, bei der Brandmarkung ungewohnter Konzepte als „Verschwörungstheorien“ mit Vorsicht zu verfahren


Neu auf dem Büchermarkt:

Verschwörungserzählungen, herausgegeben von Brigitte Frizzoni, Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg 2020, ISBN 978-3-8260-6670-2, 354 S. 49,80 € 


Mehr im Internet:

Verschwöörungstheorien - Wikipedia 
Verschwörungserzählungen, herausgegeben von B. Frizzoni, Königshausen & Neumann 
scienzz artikel Mythen und Legenden 

 

 

 

 

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