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Wissenschaft

17.09.2020 - KUNST

Die einen nennen es Decadence, die anderen Symbolismus

Alte Nationalgalerie Berlin zeigt belgische Kunst um 1900

von Josef Tutsch

 
 

Fernand Khnopff: Liebkosungen,
1896 (Musées royaux des Beaux-
Art, Bruxelles) - Bild: Wikipedia

„Passé – futur“ wählte der belgische Maler Fernand Khnopff zur Inschrift über dem Eingang, als er sich zwischen 1899 und 1901 in Brüssel eine Villa mit Atelier erbaute. „Passé – futur“: Die Gegenwart kam nur als flüchtiger Moment in Betracht, zwischen einem „Nicht mehr“ und einem „Noch nicht“, zwischen wehmütiger Erinnerung an die Vergangenheit und Bangen vor einer ungewissen Zukunft.

Der Imperialismus der europäischen Staaten befand sich auf seinem Höhepunkt. Am Kongo hatte sich Belgiens König Leopold II. mit Einwilligung der Großmächte einen „Privatstaat“, eingerichtet, den er hemmungslos ausbeutete. Edward Spencer hatte der Epoche die ihr gemäße Philosophie mit dem Slogan „survival of the fittest“ geboten. Doch viele Intellektuelle der Epoche wandten sich von solcher Zukunftsgewissheit bereits wieder ab. „Décadence“ lautete das Stichwort des Tages: das Gefühl, dass die Welt im Niedergang sei. „Die Künstler der décadence flüchten in die Schönheit der Form“, hatte Friedrich Nietzsche bereits in den 1880er Jahren notiert.

Die Alte Nationalgalerie in Berlin  zeigt jetzt eine opulente Ausstellung mit Kunst des Fin de siècle, gruppiert um jene Künstler, die im Rückblick als „belgischer Symbolismus“ zusammengefasst werden wie Félicien Rops, James Ensor, George Minne, Jean Delville oder Léon Spilliaert und eben Fernand Khnopff. Der Großteil der Bilder kommt aus belgischen Museen. Die Berliner Nationalgalerie selbst konnte eine Reihe von Werken europäischer Zeitgenossen beisteuern.

Ebenso wie „Dekadenz“ ist auch die Bezeichnung „Symbolismus“ übrigens zeitgenössisch: 1887 belegte der Schriftsteller Émile Verhaeren die Gemälde von Khnopff mit diesem Ausdruck, der zuvor schon in der Literaturkritik gebräuchlich war. Der Leiter der Alten Nationalgalerie, Ralph Gleis, zitiert im Katalog den Literaturkritiker Hermann Bahr, der 1894 in seinen „Studien zur Kritik der Moderne“ feststellte: „Die einen nennen es Décadence, als ob es die letzte Flucht der Wünsche aus einer sterbenden Kultur und das Gefühl des Todes wäre. Die anderen nennen es Symbolismus.“

Es war eine Reaktion gegen den Materialismus der Epoche. „Die Entschleierung der äußeren Geheimnisse der Welt und der Verlust des inneren Zaubers durch Verwissenschaftlichung und Rationalisierung hatte sich gegen metaphysische Erklärungsansätze gewendet und transzendente Fixpunkte wegfallen lassen“, interpretiert Gleis. „In einem künstlerischen Eskapismus entstanden individuelle fantastische Traumwelten als Gegenbilder zur realen Welt.“

Ist es unpassend, wenn sich beim Betrachten dieser symbolistischen Bilder heute immer wieder ein leises Misstrauen gegen solche Traumwelten regt? Die Absicht der Provokation gehörte zu diesem Künstlertum wohl von vornherein mit dazu. Aus Brüssel ist Khnopff berühmtes Bild „Liebkosungen“, 1896, nach Berlin gekommen. Eine Variante des alten Themas von Ödipus und der Sphinx: Ein Mischwesen mit Gepardkörper und Frauenkopf schmiegt sich zärtlich an einen Jüngling. Aber niemand weiß, ob das verführerische Raubtier nicht im nächsten Augenblick zum tödlichen Prankenschlag ausholt.

Schönheit und Grauen … Die Ausstellung konfrontiert Khnopffs Bild mit einem Gemälde des Franzosen Gustave Moreau, um 1888: Ödipus, der sich anschickt, das Rätsel der Sphinx zu lösen, blickt erschreckt auf die Reste seiner Vorgänger, die daran scheiterten. Natürlich darf die Version des Gemäldes „Die Sünde“ von Franz von Stuck, um 1912, die im Besitz der Berliner Nationalgalerie ist, in der Ausstellung nicht fehlen. Eva mit der Schlange – der Gedanke der „Femme fatale“ muss die Symbolisten fasziniert haben. Ein Gemälde von Stuck und eine Bronze-Marmor-Plastik zeigen Medusa, jene Frau aus der griechischen Mythologie, deren bloßer Anblick jeden Betrachter erstarren ließ.

James Ensor: Die Intrige, 1890 (Koninklijk
Museum voor Schone Kunsten, Antwerpen)
Bild: Wikipedia 


Ihren Gegenpol hatte die „Femme fatale“ in der „Femme fragile“, einem keuschen, ätherischen Wesen, das sich zumeist sogar dem Blickkontakt entzieht. In seiner Skulptur „Der Jünglingsbrunnen“ von 1898 hat Georges Minne das Motiv ins Männliche transformiert:  Fünf Knaben knien rund um einen Brunnen und blicken sinnend auf ihr eigenes Bild im Wasser. Die Selbstbespiegelung war ein Lieblingsthema der Jahrhundertwende – auch in der Literatur, zum Beispiel in Oscar Wildes Roman „Das Bildnis des Dorian Gray“. 1906 führte Isidor Sadger, ein Mitarbeiter von Sigmund Freud in Wien, den Begriff des „Narzissmus“ in die Psychoanalyse ein.

Was die symbolistische Strömung von den anderen Avantgarden der Jahrhundertwende absetzte, vermerkt Gleis, war das „spezielle Interesse an den inneren, seelischen Vorgängen im Menschen“, fast schon eine Obsession durch die Gründe und Abgründe der Psyche. Man ist versucht, von einer künstlerischen Anwendung der Psychoanalyse sprechen. Doch das würde die Reihenfolge verkehren. Als Freuds „Traumdeutung“ 1899 erschien, stand der belgische Symbolismus längst in voller Blüte. 1907 bediente sich der Forscher des Werkes von Félicien Rops, um seine Theorie der Triebverdrängung zu verdeutlichen. Eine Pastellzeichnung von Rops aus dem Jahr 1878 zeigt die „Versuchung des heiligen Antonius“: Dem frommen Einsiedler erscheint, ans Kreuz genagelt, eine nackte Frau. Sie hat den sterbenden Christus vom Kreuz herabgestoßen.

Warum wurde gerade Brüssel in den 1880er Jahren zur Metropole der symbolistischen Kunst? Gegenüber seinen Nachbarländern, meint Gleis, hatte Belgien einen wirtschaftlichen Vorsprung: Die Industrialisierung hatte früher eingesetzt und war weiter fortgeschritten als in Frankreich oder Deutschland. Die kolonialen Aktivitäten in Zentralafrika förderten nicht nur die Wirtschaft, sondern belebten auch Großmachtträume. Und kulturell war Belgien damals das wahrscheinlich liberalste aller Länder in Europa. Die Mehrsprachigkeit begünstigte den Austausch über die Grenzen hinweg. 1883 wurde die „Société des Vingt“ gegründet, eine Künstlergruppe, die auch ausländischen Malern und Bildhauern wie August Rodin, James McNeill Whistler, Henri de Toulouse-Lautrec und Vincent van Gogh ein Forum bot.

Zugleich allerdings provozierte der wirtschaftliche Wandel Arbeiter- und Fischeraufstände. Das wird die innere Distanz vieler junger Künstler, die sich selbst als „ungeliebte Sprösslinge“ des Bürgertums empfanden, zu den sozialen Realitäten verstärkt haben. Der Kunsthistoriker Johan de Smet verweist in seinem Katalogbeitrag auf die Häufung der Begriffe „gotisch“ und „primitiv“ in den belgischen Zeitschriften dieser Jahre: In der vermeintlich ursprünglichen Kunst des späten Mittelalters sahen die jungen Rebellen ein Vorbild, um die verderblichen Entwicklungen der Neuzeit wenigstens künstlerisch revidieren zu können. Zunächst, berichtet Smet, zum Spott der Kunstkritiker. Der Katalog zeigt ein kleines Bild von Ensor, auf dem die Gottesmutter einem von seiner Gesellschaft unverstandenen Künstler Trost spendet.

Die symbolistische Kunst Belgiens um die Jahrhundertwende war „Ergebnis einer großen Sinnkrise“, schreibt der belgische Botschafter Geert Muylle in seinem Grußwort. Und der Ausstellungsbesucher gerät ins Nachdenken: Ist die Faszination unserer Gegenwart durch diesen Symbolismus vielleicht ebenfalls Ergebnis einer solchen Sinnkrise? Die Künstler damals drückten aus, was durch technischen Fortschritt und Imperialismus verdeckt und verdrängt war: eine tiefe Verunsicherung zum Wert dessen, was die europäische Neuzeit hervorgebracht hatte.

Dabei war die Künstlerszene, vermerkt Smet, weltanschaulich nicht weniger pluralistisch als die belgische Gesellschaft sonst auch. Das Spektrum reichte von einem strengen Katholizismus über allerlei esoterische Strömungen bis zum Atheismus. Aber sie alle verband eine ausgeprägte Neigung zur „Spiritualität“. Wenn in den Bildern Welt und Natur dargestellt sind, dann weniger eine geschaute als eine erträumte Natur, weniger die äußeren Dinge als ihre „Seele“.

Lieblingsmotive waren zum Beispiel die Gewässer von Venedig und von Brügge – zwei Handelszentren, deren Blütezeit Jahrhunderte zurücklag. „Passé“, um es mit der Inschrift auf Khnopffs Villa zu sagen. 1892 brachte Georges Rodenbach mit „Bruges-la-Morte“ den repräsentativen Roman des belgischen Symbolismus heraus; in Berlin sind zwei Illustrationen von Fernand Khnopff zu sehen. Die Nationalgalerie hat Khnopffs Blättern aus eigenen Beständen zwei Hauptwerke von Arnold Böcklin zur Seite gestellt, sein „Selbstbildnis mit fiedelndem Tod“, 1872, und ein Exemplar seiner „Toteninsel“ von 1883. Aus dem Königlichen Museum in Antwerpen ist ein schauerliches Gemälde von Ensor, 1896, nach Berlin gekommen: Hier ist es der Tod selbst, der mit skelettiertem Kopf an der Staffelei arbeitet.

Félicien Rops: Die Versuchung des   
hl.  Antonius, 1878 (Bibliothèque
royale, Brüssel) - Bild: Wikipedia 


Immer wieder streifte die Phantasie der Symbolisten das Makabre. Oder das Skurrile wie in jenen Bildern von James Ensor, in denen kaum unterscheidbar ist, was Masken sind und was „echte“ Portraits. Gerade bei Ensor ragen auch die sonst gern ausgeblendeten sozialen Probleme  in die Malerei hinein: Ensor aktualisierte Jesu Einzug in Jerusalem 1889 zu einem „Einzug in Brüssel“ – das reale Wirtschaftsleben der Epoche gemessen an der christlichen Botschaft, darf man interpretieren. Von dem weltbekannten Gemälde ist in der Ausstellung immerhin eine Vorstudie zu sehen, eine handkolorierte Radierung.

Oder sie streifte das Blasphemische wie in Rops‘ „Versuchung des heiligen Antonius“. Oder das Morbide, jene geheimnisvollen Zusammenhänge zwischen Eros und Thanatos, die auch Freud niemals losgelassen haben. Eines allerdings bietet die symbolistische Kunst ganz sicher nicht: eine realistische Eindeutigkeit, so etwas wie einen Schlüssel, um die Bilder in Sprache übersetzen zu können. 1894 malte der Schweizer Ferdinand Hodler sein Bild „Der Traum“. Man weiß nicht recht, erläutert Gleis: „Tagträumt das blumenpflückende Mädchen vom Jüngling oder ist es selbst eine Vision des Schlafenden?“

Ein Spiel mit der Uneindeutigkeit. Manche Zeitgenossen waren davon höchst irritiert, zum Beispiel der Arzt Theodor Lipps, der darin 1904 in seiner „Psychologie der Dekadenz“ das Symptom einer Nervenkrankheit diagnostizierte. Die Künstler selbst sahen in solcher Uneindeutigkeit vielmehr eine „kreative Unruhe“. „In Künstlerkreisen galt es als geradezu schick, Nerven zu zeigen, wie es damals hieß“, schreibt Gleis. Hermann Bahr sprach beifällig von einer „Romantik der Nerven“.

Die geheime Leitkunst der Epoche war denn auch jene, die am effektivsten auf die menschlichen Nerven einzuwirken vermag: die Musik. Vor allem Richard Wagner mit seiner Sagenwelt setzte die Phantasie in Gang – 1894 porträtierte Delville den Gralssucher Parsifal, dem sich der an Esoterik und Okkultismus interessierte Künstler wahlverwandt fühlte. Ein Gemälde von Khnoppf, 1883, zeigt ein Interieur mit einer Frau, die laut Bildtitel „Schumanns Werken lauscht“. Sie hat ihren Blick mit der Hand vor der Welt abgeschirmt. Ihr gegenüber darf man sich wohl einen Klavierspieler vorstellen.

Gab es in dieser Kunstwelt des Fließenden, des Uneindeutigen, des Träumerischen einen festen Punkt, um sich daran zu halten? Wie groß die Sehnsucht gewesen sein muss, lässt ein Bild von Delville ahnen, das lebensgroße Portrait eines Freundes, des Schriftstellers Joséphin Péladan, 1895. Der „Großmeister der Rosenkreuzer“, wie Péladan sich titulierte, ist im Chorgewand dargestellt, in der Linken hält er eine Schriftrolle, die Rechte ist predigend erhoben. Die Kunst ist zum Religionsersatz stilisiert, der Künstler oder Schriftsteller zum Priester und Propheten


Ausstellung:

Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus, 18. September 2020 bis 17. Januar 2021, Alte Nationalgalerie, Berli


Neu auf dem Büchermarkt:

Dekadenz und dunkle Träume. Der belgische Symbolismus, herausgegeben von Ralph Gleis, Hirmer Verlag, München 2020, 336 S. mit 220 farb. Abb., ISBN 978-3-7774-3507-7, 45,00 € [D], 46,30 € [A], 54,90 CHF, Museumsausgabe 32,00 €


Mehr im Internet:

Symbolismus - Wikipedia 
Ausstellung Dekadenz und dunkle Träume, Alte Nationalgalerie, Berlin 
Katalog Dekadenz und dunkle Träume, Hirmer Verlag 
scienzz artikel Kunst der Moderne 

 

 

 

 

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