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22.09.2020 - RELIGION

Ich konnte fuehlen, wie der Geist in mich eindrang

Der Ethnologe Hans Peter Duerr ueber den Ursprung der Religion

von Josef Tutsch

 
 

Joh. Heinrich Füssli: Der
Nachtmahr, um 1790, Aus-
schnitt (Goethehaus, Frank-
furt/Main) - Bild: Wikipedia

„Ich hatte große Angst“, zitiert der Heidelberger Ethnologe Hans Peter Duerr in seinem neuen Buch „Über den Ursprung der Religion“ aus dem Bericht einer Amerikanerin, die eines Nachts am Fußende ihres Betts undeutlich ein Etwas stehen sah. „Ich konnte mich nicht bewegen, es war, wie wenn ich keine Arme und Beine hätte. Und dann gab ich den Kampf auf, denn mir blieb die Luft weg.“

Den Fortgang der Geschichte, der an dieser Stelle ausgespart ist, kann man sich aus einer Schilderung des Dominikanermönchs Thomas von Cantimpré zusammenreimen, der im 13. Jahrhundert als Naturforscher arbeitete. Aus Furcht vor Dämonen bat eine Ordensfrau einen Mönch, die Nacht bei ihr in der Zelle zu verbringen. Tatsächlich erschien das teuflische Wesen und machte sich über die Schwester her, während der Bruder ihn mit aller Kraft abzuhalten versuchte. Doch der Dämon war stärker, er vergewaltigte die Nonne in Gegenwart des Mönchs.

Eben in solchen Erlebnissen und Vorstellungen vermutet Duerr, wie er bereits im Untertitel andeutet, den „Ursprung der Religion“. Im Vorwort erzählt der Autor eine Anekdote aus seiner Studentenzeit, in den frühen 1960er Jahren in Heidelberg. Sein Lehrer, der Religionshistoriker Günther Lanczkowski, vertrat etwas doktrinär die Meinung, die Frage, wie Religion einstmals entstanden sein könnte, sei grundsätzlich unzulässig. Es sei „völliger Unsinn zu glauben, dass Religion als das Gefühl für das Überweltliche seinen Ursprung in irgend etwas anderem hat!“

Damit allerdings wollte sich bereits der Student Duerr nicht abfinden: „Wir Menschen haben uns schließlich aus Lebewesen entwickelt, die auch die Urahnen der Affen waren […] Warum sollte es ausgerechnet im Fall des Gefühls für das Numinose anders sein?“ Mehr als ein halbes Jahrhundert später will Duerr das Forschungsprogramm, das er damals skizzierte, einlösen und für das Gefühl des „Heiligen“ natürliche Quellen namhaft machen. Vor einigen Jahren befasste er sich mit Nahtod-Erfahrungen, die – vielleicht – die Vorstellung von Jenseitsreisen hervorbrachten.

Im neuen Buch geht es nun um Erlebnisse von „Besessenheit“ und von „Erscheinungen“. Duerr bietet eine Unmenge an Belegen, die oft allerdings in nur zwei oder drei Sätzen abgehandelt werden. Das lässt wenig Raum für Diskussionen, inwieweit diese Informationen über den Spiritismus oder die Sitten der Papua in Neuguinea, über die spätmittelalterliche Mystik oder die amerikanischen Pfingstgemeinden der Gegenwart überhaupt zuverlässig sind und etwas zum Thema beitragen können.

Aber selbst wenn man sich die Mühe machen wollte, die tausende und abertausende Anführungen aus der Ethnologie und Religionsgeschichte auf ihre Triftigkeit hin zu überprüfen – in den meisten Fällen hat Duerr darauf verzichtet, die genaue Fundstelle zu nennen. Das schmälert den Wert des Bandes, selbst als bloße Materialiensammlung betrachtet, doch erheblich. Beispiel aus einem Bereich, der dem mitteleuropäischen Leser am ehesten vertraut sein mag: „Die Externsteine im Teutoburger Wald, dreizehn verwitterte, bis zu vierzig Meter hohe Sandsteinfelsen, die im ‚Dritten Reich‘ für Sonnenwendfeiern und Rekrutenvereidigungen der Waffen-SS genutzt wurden, waren vielleicht ein germanischer Kultort, den man spätestens im Hochmittelalter, möglicherweise aber schon zur Zeit Karls des Großen in eine christliche Verehrungsstätte umgewandelt hatte.“

Am Anfang der Religionsgeschichte stehe das Erlebnis mancher Orte als irgendwie „mysteriös“, „nicht ganz geheuer“, schreibt Duerr im Eingang des Buchs. Ob die Externsteine dafür einen Beleg abgeben, ist höchst zweifelhaft. Eine kultische Nutzung des Areals in vorchristlicher Zeit konnte niemals nachgewiesen werden. Entsprechende Spekulationen kamen im 16. Jahrhundert auf, in der Nazizeit war sie ein Lieblingsthema der Heimatarchäologie. Sollte auch nur ein Bruchteil der Informationen über ferne Völker und frühe Zeiten in Duerrs Buch ähnlich „zuverlässig“ sein wie dieser Satz über die Externsteine – nun ja.

Giuseppe Bazzani: Ekstase der hl.
Therese, um 1749 (Museum der
schönen Künste, Budapest)
Bild: Wikipedia 


Andererseits ist klar, dass Duerrs Überlegungen zum Ursprung der Religion durch solche Fehler im einzelnen noch nicht widerlegt wären. Der Glaube, dass es „Orte der Macht“ gibt, an denen gute oder böse Kräfte walten, ist in der Religionsgeschichte tatsächlich weit verbreitet. Duerr zitiert aus einer „Beschreibung des Oberamts Blaubeuren“ aus dem Jahr 1830 über den „Blautopf“, eine Karstquelle auf der Schwäbischen Alb: „Im Jahr 1641 soll der Blautopf so stark angelaufen und so drohend geworden sein, dass Stadt und Kloster in Gefahr waren, so dass ein Bettag gehalten, eine Prozession zu der Quelle veranstaltet und zur Versöhnung der erzürnten Gottheit zwei vergoldete Becher hineingeworfen wurden, worauf das Toben nachgelassen habe.“

„Echt heidnisch“ kommentierte der Berichterstatter des frühen 19. Jahrhunderts den Vorgang. Der Begriff „Animismus“, den in den 1870er Jahren der britische Religionswissenschaftler Edward B. Tylor als Bezeichnung für den Glauben an eine „Allbeseeltheit“ der Natur einführte, war ihm noch nicht geläufig. Duerr will die „Wurzel des religiösen Rituals“ in der Abstammungsgeschichte des Menschen aber noch ein gutes Stück weiter zurückverfolgen. Er verweist auf die Forschungen der Primatologin Jane Goodall. Sie beobachtete, dass Schimpansen auf Platzregen oder Gewittersturm oft ganz ähnlich reagieren wie auf Raubtiere, von denen sie sich bedroht fühlen, zum Beispiel, indem sie heftig auf die Vegetation vor sich einschlagen.

Duerr interpretiert: „Offenbar gehen sie davon aus, dass diese Naturphänomene wie die genannten Tiere durch ihre Abwehrhandlungen eingeschüchtert und vertrieben werden können.“ Ähnlich wie es beim Volk der Bated Dé auf der Halbinsel Malaya Sitte sein soll, dass den Blitzen die geballte Faust entgegengehalten wird, unter Rufen wie „Geh weg und bedrohe uns nicht!“ Nimmt das Gewitter an Heftigkeit zu, kommt es auch vor, dass die Frauen sich in die Beine schneiden und ihr herauslaufendes Blut den Blitzen und dem Donner entgegenwerfen, vermutlich als Blutopfer für jene Tabubrüche, die mit dem Gewitter bestraft werden sollen.

Anfänge einer Personalisierung der Naturphänomene, meint Duerr, die in den alten Mythologien dann zu „Göttern“ wurden. Duerr kombiniert diese „evolutionistische“ Hypothese zum Ursprung der Religion mit einer physiologischen und psychophysischen Theorie. Es ist bekannt, dass sich die Funktionen des Gehirns unter dem Einfluss halluzinogener Drogen verändern und verschieben. Ein vergleichbarer Effekt kann auch ohne solche Substanzen erreicht werden, allein durch „meditative Konzentration“. Der Autor erinnert an den Gründer der Quäkerbewegung, George Fox, der im Jahr 1648 jählings von der göttlichen Kraft erfasst wurde und sich ins Paradies versetzt sah: „Alle Dinge waren neu, und die gesamte Schöpfung strahlte einen anderen Duft aus als zuvor, jenseits von allem, was man mit Worten beschreiben kann.“

Ganz ähnlich die Selbstbeobachtung von Aldous Huxley drei Jahrhunderte später, nach der Einnahme von Meskalin, vorlegte: „I was seeing what Adam had seen on the morning of his creation – the miracle, moment by moment, of naked existence.“ Duerrs bietet für solche Parallelen eine neurophysiologische Erklärung: „Untersuchungen haben gezeigt, dass bei solchen mystischen Erlebnissen, die von den meisten Personen als ‚religiöse‘ oder ‚spirituelle‘ Erfahrungen bezeichnet werden, eine höhere elektrochemische Aktivität in den Frontallappen des Gehirns festzustellen ist, während die in den Scheitellappen absinkt.“

Dabei ist dem Autor durchaus bewusst, dass religiöse Menschen sich durch dergleichen Beobachtungen nicht davon abbringen lassen, ihre Erfahrungen anders aufzufassen, eben „religiös“: „Menschen können Erlebnisse haben, die man zwar zwanglos auf naturalistische Weise interpretieren kann, die aber von vielen nicht so gesehen werden.“ Für Duerr als Wissenschaftler kommt jedoch nur die naturalistische Erklärung in Betracht. Und das eine oder andere Detail in seiner Materialiensammlung scheint durchaus geeignet, fromme Gemüter zu erschrecken. So werden die Marienerscheinungen im Katholizismus in eine Reihe gestellt mit Berichten von Menschen, die glauben, Gespenster oder auch Außerirdische hätten von ihnen Besitz ergriffen.

Und, ein Aspekt, dem Duerr sich wohl nicht ohne Lust an der Provokation mit besonderer Vorliebe widmet: In vielen Religionen und Kulturen wurde diese „Besitznahme“ als Geschlechtsakt erlebt, oft sogar als mehr oder weniger gewaltsamer Geschlechtsakt. Der Zusammenhang von Religion und Sexualität ist noch im Christentum des späten Mittelalters unverkennbar. Zitat aus den Visionen der Mystikerin Mechthild von Magdeburg im 13. Jahrhundert, von Duerr sehr drastisch ins Neuhochdeutsche übertragen: „Wenn ich ejakuliere, dann musst du feucht werden“, sagt Gott zu Mechthild. Ähnlich unverhüllte Bekenntnisse hat es auch in den mystischen Strömungen des Islams gegeben.

William Hogarth: Credulity, Superstition    
and Fanaticism, 1762
Bild: Wikipedia 


Duerrs Interesse für Sexuelles könnte allerdings verdecken, dass es im Grunde um etwas anderes geht: um die Inbesitznahme des Menschen durch Kräfte, die als religiös erlebt werden. Oder auch als dämonisch erlebt werden: Den Inquisitoren der Hexenprozesse vor dreihundert oder vierhundert Jahren war der Gedanke, dass da von außen manchmal schwer zu unterscheiden sei, sehr vertraut. Vor zwei Jahrhunderten definierte der Theologe Friedrich Schleiermacher Religion als „Gefühl schlechthinniger“, also schlechthin absoluter, „Abhängigkeit“ und dachte dabei zum Beispiel an den Propheten Jona in der Bibel, der vergeblich versucht, vor dem göttlichen Auftrag zu fliehen.

Duerr stellt Berichte aus den „charismatischen und Pfingstgemeinden“ in Nordamerika daneben: „Ich konnte genau fühlen, wie der Geist in mich eindrang und mir die Worte eingab, als ich betete.“ Und die Erklärung eines charismatischen Predigers aus Südafrika: Bei seinen Gottesdiensten würden die Teilnehmer, zugeritten vom Heiligen Geist, wie die Pferde wiehern.

Nun könnte man darüber streiten, ob Schleiermachers Definition tatsächlich das Ganze der Religionsgeschichte trifft, also zum Beispiel auch die buddhistische Meditation. Doch von dieser Frage abgesehen – wie das Beispiel der amerikanischen Pfingstkirchen zeigt, kann die „schlechthinnige Abhängigkeit“, also das Gefühl, voll und ganz von höheren Mächten beherrscht zu werden, auch heute noch erlebt werden. Die „Pfingstler“ selbst, berichtet der Autor, wehren sich übrigens verbissen dagegen, wenn Beobachter von außen ihren Gottesdienst mit „heidnischen“ Ritualen in Analogie setzen: Das sei „Gotteslästerung“.

Die „Heiden“ zeigen da wohl weniger Ängste. Irgendein Ethnologe, Duerr nennt keinen Namen, soll vor ein paar Jahren Anhängern des afrobrasilianischen Candomblé-Kults in Bahía ein Video von einer christlichen Geisttaufe in Nordamerika vorgeführt haben. Angeblich schrien plötzlich alle spontan „Xangó!“, den Namen eines ihrer Geister.


Neu auf dem Büchermarkt:

Hans Peter Duerr: Diesseits von Eden. Über den Ursprung der Religion, Insel Verlag, Berlin 2020, ISBN 978-3-458-17844-6, 753 S. m. 7 farb. u. 32 s/w. Abb., 38,00 €


Mehr im Internet:

Ekstase - Wikipedia 
Hans Peter Duerr: Über den Ursprung der Religion, Insel Verlag 
scienzz artikel Theorie der Religion 

 

 

 

 

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