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Wissenschaft

25.09.2020 - GESCHICHTE

Von wegen nur undurchdringliche Waelder

Eine archaeologische Bestandsaufnahme zum alten Germanien

von Josef Tutsch

 
 

Rinderfigur aus Berlin-Schöneberg,
3. Jh. - Bild: Staatl. Museen Berlin,
Museum für Vor- und Frühgeschich-
te/C. Klein

In den Wäldern Germaniens, östlich des Rheins, berichtete Caesar im Buch über den „Gallischen Krieg“ seinen Lesern in der Hauptstadt Rom, würden viele Tiere leben, „die man sonst nirgendwo antrifft“. Darunter die Elche, von denen Caesar behauptete, ihre Beine hätten keine Knöchel und keine Gelenke. Und dann „ein großes Tier, das mit einem Hirsch viel Ähnlichkeit hat. Mitten auf seiner Stirn hat es zwischen den Ohren nur ein einziges Horn“, „an dessen Ende breiten sich handförmig Verzweigungen aus“.

Offenbar hatte Caesar, entgegen seinen Bekundungen, von der Tierwelt Germaniens keine nähere Kenntnis. Aber wenn seine Ausführungen über Elche und Einhörner, fragt der Wiener Historiker Reinhard Wolters, derart von Phantasie geprägt sind – kann sich der moderne Leser dann auf seine sonstigen Angaben über die Länder und Völker rechts des Rheins verlassen? Der Mangel an Kenntnissen ist nicht einmal der einzige Punkt, der zur Glaubwürdigkeit der antiken Quellen über das alte Germanien Fragen aufwirft. Die landeskundliche Monographie, die der Geschichtsschreiber Tacitus anderthalb Jahrhunderte nach Caesar Kriegen vorlegte, sollte nicht bloß Informationen liefern, sondern den Römern zugleich einen Sittenspiegel vorhalten über ein Volk, das zwar reichlich unzivilisiert war, dafür aber auch sehr, sehr sittsam. Ein Mythos, der bis ins 20. Jahrhundert hinein das Bild geprägt hat, das man sich in Deutschland von den früheren Bewohnern Mitteleuropas machte.

Auf der Berliner Museumsinsel ist jetzt eine Ausstellung zu sehen, die das Museum für Vor- und Frühgeschichte Berlin gemeinsam mit dem Rheinischen Landesmuseum Bonn ausgerichtet hat. Den Zeugnissen aus römischer oder griechischer Feder sind die Ergebnisse der modernen Archäologie gegenüberstellt. In der Hauptsache Fundstücke aus Gräbern: Gefäße aus Glas, Keramik und Metall, Gewandfibeln und Gürtelschnallen, Waffenteile, auch Münzen, die aus dem Römischen Reich importiert oder nach römischem Vorbild imitiert wurden.

Eigentlich handelt es sich sogar um zwei Ausstellungen. Im Eingangsgebäude der Museumsinsel, der James-Simon-Galerie, sind die Fundstücke zu sehen. Das daran anschließende Neue Museum präsentiert einen Rückblick auf die Forschung zu den alten Germanen seit dem späten 18. Jahrhundert. „Eine archäologische Bestandsaufnahme“ haben die Veranstalter das Projekt im Untertitel benannt. In mancher Hinsicht läuft es auf eine Revision jener Urteile oder Vorurteile hinaus, die sich durch Caesar und Tacitus in unseren Köpfen als selbstverständlich festgesetzt haben. „Die Ergebnisse der archäologischen Forschungen erlauben, ein ganz anderes Bild zu entwerfen“, stellt der Freiburger Archäologe Heiko Steuer im Katalog fest.

So war Mitteleuropa keineswegs von endlosen, finsteren, undurchdringlichen Urwälder bedeckt: Es gab auch offene Landschaften, wo die Dörfer wenige Kilometer voneinander entfernt lagen. Das „falsche Bild“ der römischen Geschichtsschreiber wird dadurch entstanden sein, dass es in vielen Gebieten am Mittelmeer, gerade in den Zentren der Zivilisation, fast gar keinen Wald mehr gab. Die Architektur der Germanen erschien den Römern als „primitiv“. Aber die Bauweise aus Holz und Lehm war dem mitteleuropäischen Klima durchaus angepasst. Auch die Aussage, die germanischen Götter wären nicht in Tempeln, sondern ausschließlich in heiligen Hainen verehrt worden, ist in dieser Allgemeinheit nicht haltbar. In Uppåkra im südlichen Schweden wurden Reste eines großen Kultbaus gefunden. Selbst die Verkehrsverbindungen waren nicht ganz so dürftig, wie man im Vergleich mit den römischen Straßen meinen könnte: Oft führten Bohlenweg „in guter Qualität“, schreibt Steuer, durch die Moore.

Die abfälligen Bemerkungen der römischen Geschichtsschreiber über das primitive Germanien, meint Steuer, waren vor allem durch zwei Motive bedingt. Erstens hatten die Römer Schwierigkeiten zu verstehen, dass im mittleren und nördlichen Europa eine andere Lebensweise angebracht war als am Mittelmeer. Und zweitens erforderte es der Stolz des Imperiums, eine gute Begründung zu finden, nachdem Kaiser Tiberius 16 n. Chr. die Pläne aufgegeben hatte, das rechtsrheinische Germanien zu erobern. So betonten die Römer gern, eine Eroberung lohne sich nicht: wegen der wenig entwickelten Wirtschaft, der Knappheit an Rohstoffen, der dürftigen Besiedlung und der ärmlichen Lebensweise.

So ganz kann das aber nicht stimmen, konstatiert Steuer aufgrund der archäologischen Befunde. Vor allem die Gewinnung von Eisen ging sogar über den eigenen Bedarf hinaus, sodass ins Römische Reich exportiert werden konnte. Goldmünzen aus der Ukraine zeigen, wie römisches Geld im 3. Jahrhundert von gotischen Handwerkern imitiert oder durch neue Aufschriften umgewidmet wurde.

Zierblech aus Bronze, Silber und Gold aus
dem Thorsberger Moor, Schleswig, 2./3. Jh.
Bild: Archäologisches Museum/Landesmu-
seum Schleswig-Holstein, Schloss Gottorf 


Dennoch – es bleibt der Eindruck, dass der Wille, von der überlegenen römischen Kultur zu lernen, im „freien“ Germanien in diesen ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt nicht sehr intensiv gewesen sein kann. Dabei wussten, wie die Ausstellung zeigt, die Bewohner kunstvoll gearbeiteten Schmuck durchaus zu schätzen. Aus dem Dänischen Nationalmuseum in Kopenhagen ist ein Beschlag aus Silber und Bronze mit einem stilisierten Kopf nach Berlin gekommen, der in einem Moor auf der Insel Fünen gefunden wurde, angefertigt im 3. Jahrhundert n. Chr. In einem Grab bei Gommern im Jerichower Land, angelegt um 300, kam ein Prunkschild zu Tage. Als Buckel ist ein römisches Silbergefäß aufgearbeitet. Ob es durch Handel ins heutige Sachsen-Anhalt kam oder als Beutestück von einem Kriegszug – wer kann das schon sagen. Im Ganzen, meint der Archäologe Benjamin Wehry, war der Schild jedenfalls kein Import, sondern ein „germanisches Produkt“ – „das jedoch ohne römisches Material und ohne römische Technik nicht denkbar gewesen wäre“.

Sehr verschieden war im Römischen Reich einerseits, in Germanien andererseits vor allem die politische Organisation. Zur Verwirrung römischer Feldherrn gab es rechts des Rheins keine Strukturen, die es erlaubt hätten, nach einem Krieg dauerhafte Verträge zu schließen. Gerade das begründete aber auch, dass das Imperium Romanum in Mitteleuropa an seine Grenzen stieß. Steuer: „In asymmetrischen Kriegen führten die Eroberungsversuche ins Leere.“

Als Caesar die Stämme jenseits des Rheins mit dem Namen „Germanen“ belegte, war das zunächst bloß eine Sammelbezeichnung, ähnlich wie wir die Bewohner Amerikas vor der „Entdeckung“ durch die Europäer undifferenziert Indios oder Indianer nennen. Die moderne Linguistik kennt eine Gemeinsamkeit der germanischen Sprachen; doch ob alle Stämme, die von den antiken Geschichtsschreibern als „Germanen“ klassifiziert wurden, eine germanische Sprache gesprochen haben, ist höchst unsicher. Seit dem 18. Jahrhundert wurde immer wieder eine „germanische Religion“ postuliert, die aus der isländischen „Edda“ zu rekonstruieren wäre. Aber deren schriftliche Niederlegung stammt aus dem 13. Jahrhundert. Es wäre einigermaßen tollkühn, den Germanen – allen Germanen – tausend Jahre zuvor dieselbe Religion und Mythologie zu unterstellen.

Immerhin zeigt sich bei manchen Göttern eine Kontinuität. Auf einer alemannischen Fibel aus dem 6. Jahrhundert sind zwei Namen zu lesen, die sich als „Wotan“ und „Donar“ interpretieren lassen – oder, in altnordischer Sprachform, als „Odin“ und „Thor“. Mit Odin, meint der Münchner Philologe Matthias Egeler, ist vermutlich auch der Gott „Mercurius Cimbrianus“ zu identifizieren, dem um das Jahr 300 bei Miltenberg ein Altar geweiht wurde. Auf einem anderen Weihestein erscheint Merkur oder Odin in keltischer Variante als „Arvernorix“. Da flossen römisch-griechische, keltische und germanische Religionselemente ineinander – nicht gerade ein Anzeichen dafür, dass es in diesen Jahrhunderten so etwas wie eine germanische „Identität“ gegeben hätte.

Ein politisches Gemeinschaftsbewusstsein der vielen Germanenstämme gab es erst recht nicht – gegeneinander führten sie mit derselben Selbstverständlichkeit Krieg wie gegen das übermächtige Römische Reich. Vielleicht, überlegt Steuer, wurde den Germanen, die in der römischen Armee als Söldner dienten, eine vage Gemeinsamkeit am ehesten dann bewusst, wenn ihre Kameraden aus Gallien oder Italien sie mit dieser Sammelbezeichnung belegten. Wie wenig das Imperium und das „freie“ Germanien getrennte Welten waren, zeigt eine Grabinschrift, die in Aquincum, heute Budapest, gefunden wurde: Der Verstorbene bezeichnet sich als „Franken“, „römischen Bürger“ und „Soldaten in der Armee“. Die Integration „fremder“ Völker in das Römische Reich, meint der Berliner Historiker Ernst Baltrusch, scheint in der Regel sehr gut funktioniert zu haben – ohne dass regionale Besonderheiten hätten aufgegeben werden müssen.

Da stellt sich allerdings die Frage, warum seit der Mitte des 3. Jahrhunderts germanische Heeresverbände, wie Ruth Blankenfeldt vom Schleswig-Holsteinischen Landesmuseum Schloss Gottorf es formuliert, „mit einer bis dahin nicht bekannten Vehemenz“ das Reich attackierten. Der ansonsten so detailreiche Katalog geht darauf nicht weiter ein, also zum Beispiel auch nicht auf die Frage, ob damals Klimaveränderungen in Asien Wanderungen nach Westen in Gang setzten und damit indirekt die Germanenstämme zwangen, auf römisches Territorium überzusiedeln.


Aber dafür ist die „archäologische Bestandsaufnahme“ durch einen Rückblick auf die Geschichte der Germanenforschung und des Germanenmythos ergänzt. Seit der Renaissance und erst recht nach den napoleonischen Kriegen wurde die Sicht auf die Germanen, die Caesar und Tacitus präsentiert hatten, angereichert durch archäologische Funde, zu einer Selbstdeutung der Deutschen transformiert – mit einem unheilvollen Höhepunkt in der Nazizeit. Im  Propagandafilm „Deutsche Vergangenheit wird lebendig“ von 1936 hält ein Offizier sinnend eine germanische Urne in den Händen. Darauf ist die sogenannte „Swastika“ zu sehen, das Vorbild für das nationalsozialistische Hakenkreuz.

Allvater Odin, Fresko im Vaterländischen
Saal des Neuen Museums, Berlin
Bild: Staatliche Museen Berlin/Museum
für Vor- und Frühgeschichte


Archäologie sollte nicht bloß der Erkenntnis dienen, sondern zugleich nationale Identität stiften – das war die selbstverständliche Voraussetzung bereits 1855, als in Berlin das „Neue Museum“ eröffnet wurde, mit einem eigenen „Vaterländischen Saal“ für die Ausgrabungen in Mitteleuropa. An den Wänden ließ König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen Fresken mit den Göttern der altnordischen Sagenwelt anbringen. Sie sollten, meint der Archäologe Matthias Wemhoff, die an sich recht unscheinbaren Objekte, die hier ausgestellt waren, optisch aufwerten und geben, obwohl im Zweiten Weltkrieg stark beschädigt, auch der aktuellen Ausstellung ihren repräsentativen Rahmen.

Über dem Eingang zum Saal malte der Künstler Wilhelm von Kaulbach eine allegorische Figur. Sie ist „Sage“ benannt, meint aber wohl die Vorzeitkunde insgesamt. Auf einem Hünengrab sitzend, holt sie mit ihrem Stab aus einer Grube mit archäologischen Funden einen Kronreif hervor, beschriftet „Einiges Deutschland“.  Anderthalb Jahrzehnte vor Bismarcks Reichsgründung reklamierte Preußen seinen Anspruch, die glorreiche Vergangenheit, die bei den alten Germanen gemutmaßt wurde, im neuen Deutschland wiederherzustellen.


Ausstellung:

Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme, James-Simon-Galerie und Neues Museum (Museumsinsel), Berlin, 17. September 2020 bis 21. März 2021,
Rheinisches Landesmuseum Bonn, 6. Mai bis 24. Oktober 202


Neu auf dem Büchermarkt:

Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme. Begleitband zur Ausstellung, herausgegeben von Gabriele Uelsberg und Matthias Wemhoff, Wissenschaftliche Buchgesellschaft – Theiss Verlag, Darmstadt 2020, ISBN 978-3-9062-4261-4, 640 S. mit ca. 420 farb. Abb. und Kart., 50,00 € 


Mehr im Internet:
Germanen - Wikipedia 
Ausstellung Germanen, Berlin 
Germanen. Eine archäologische Bestandsaufnahme. Theiss Verlag 
scienzz artikel Germenen

 

 

 

 

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