Berlin, den 21.10.2020 Link Home Link Magazin Link Galerie Link Impressum
Kontrovers
forschung
politik
innovation
kultur
campus
kontakt
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
forschung

07.10.2020 - LINGUISTIK

Von der Aufmerksamkeits-Hyperaktivitaetsstoerung zum Meuchelpuffer

Kurioses in der deutschen Sprache

von Josef Tutsch

 
 

Der "Duden", 25. Auflage,
2009 - Bild: DH93/Wikipedia

„Franz jagt im komplett verwahrlosten Taxi quer durch Bayern.“ Bevor Sie jetzt fragen, was das bedeuten soll: Es handelt sich um ein sogenanntes „Pangramm“, einen Satz, der sämtliche Buchstaben enthält, die in der deutschen Sprache vorkommen. Eine sinnvolle Aussage darf man da nicht erwarten. Leider bleibt auch der Ehrgeiz, jeden Buchstaben nur ein einziges Mal zu verwenden, unerfüllt: Wörter ohne mindestens einen Vokal gibt es im Deutschen nicht.

Die Duden-Redaktion hat ein „kleines Kuriositätenkabinett“ der deutschen Sprache herausgebracht. Da finden sich Spielereien wie etwa jene Pangramme oder auch die „Palindrome“, also Sätze, die vorwärts und rückwärts gelesen denselben Wortlaut ergeben. Wenn jetzt jemandem der bekannteste deutschen Palindromsatz einfällt, der mit dem N-Wort und der Gazelle im Regen – die Redaktion hat ihn durch ein anderes Beispiel ersetzt: „Nie, Knabe, nie, grub Nero neben Orenburg eine Bank ein.“

Da finden sich allerlei Missverständnisse bei der Einbürgerung von „Fremdwörtern“, Statistiken zur Verteilung der Buchstaben in den Stichwörtern des „Rechtschreibdudens“ usw. usf. Nicht zuletzt die berühmt-berüchtigten Unregelmäßigkeiten und Ausnahmen, die Verstöße gegen jede Logik, an denen das Deutsche – wirklich oder angeblich – so viel reicher ist als andere Sprachen. Da ist etwa das berüchtigte „Fugen-s“. Warum heißt es „Rindfleisch“, aber „Rindsroulade“? Oft ist zu lesen, es würde sich um ein „Genitiv-s“ handeln. Doch diese Erklärung wirkt zum Beispiel bei „Mitternachtsstunde“ nicht schlüssig.

Oder die Pluralbildung: Man sagt „Bände“, wenn es sich um Bücher handelt, „Bänder“ bei Tonaufnahmen, „Bands“ bei Musikgruppen. Und „Bande“, wenn es um die Verbundenheit etwa in einer Familie geht – was wiederum nichts mit „Bande“ im Sinn einer kriminellen Vereinigung zu tun haben muss. Auch die Frage, welcher Teil eines zusammengesetzten Adjektivs korrekt zu steigern ist, kann zur Verzweiflung treiben. Es heißt „hochgestellt – höhergestellt – höchstgestellt“, aber nicht, wie demnach zu erwarten wäre, „höhermütig“, sondern „hochmütiger“.

Auf eine Hauptschwierigkeit der deutschen Orthographie, die im Rechtschreibduden breiten Raum einnimmt, nämlich die Frage, in welchen Fällen zusammengesetzte Wörter getrennt und in welchen sie zusammen zu schreiben ist, geht das Bändchen nicht ein. Eine stringente und plausible Regel konnte die Duden-Redaktion ja auch niemals formulieren. Gegenüber dem Englischen und Französischen tut sich das Deutsche tatsächlich in der Kunst hervor, „Bandwurmwörter“ zu bilden. Das längste Wort, das im aktuellen Duden verzeichnet ist, zählt 44 Buchstaben: „Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung“. 1997 war in der „Tageszeitung“, vermutlich als Parodie auf die Bürokratensprache, das Wort „Steuerentlastungsberatungsvorgesprächskoalitionsrundenvereinbarungen“ zu lesen. Das sind 23 Silben mit 68 Buchstaben, ist allerdings längst kein Weltrekord. In einer Komödie des Aristophanes aus dem 5. Jahrhundert v. Chr. findet sich ein 78 Silben langes Wort mit 171 Buchstaben. Es umschreibt das Rezept eines offenbar sehr schmackhaften Frikassees.

Auch die aktuellen Kontroversen um das feministische „Binnen-i“ und die „Gendersternchen“ sind ausgeklammert. Das zeugt von einer gewissen Konfliktscheu – für einen Teil der Sprachcommunity handelt es sich in der Tat um „Kuriositäten“, der andere Teil sieht darin Meilensteine auf dem Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaft. Andere Phänomene des gesellschaftlichen Wandels, Stichwort Internet, sind dagegen aufgenommen. Wissen Sie, was „:<)=“ bedeutet? Beim Chat, vor allem, wenn es um Kontaktanbahnungen geht, kann es wichtig sein, solche Zeichenfolgen richtig zu interpretieren. In diesem Fall will der Schreiber ausdrücken „Ich bin Vollbartträger“. Missverständnisse liegen immer nahe: „xxx“ meint nicht, wie man meinen könnte, dass der andere den ganzen Chat verärgert löschen wird, sondern vielmehr „kiss, kiss, kiss!“

Wer Deutsch als Fremdsprache lernt, wird vielleicht die Umlaute und das „ß“ als Kuriosa empfunden. Das „ß“ bietet sogar den einzigartigen Umstand, dass sich das Deutsche in der Schweiz von dem in Deutschland und Österreich nicht nur im Wortschatz, sondern auch im Regelwerk unterscheidet: Die schweizerische Orthographie kennt diesen Buchstaben nicht. Ansonsten wurde 2017 die amtliche deutsche Rechtschreibung um eine groß geschriebene Variante des „ß“ bereichert, zum Beispiel für Texte, die durchgehend in Versalien gesetzt werden. Durchgesetzt hat sich dieses „ẞ“ bislang kaum, optisch ist es auch kaum von seiner „kleinen“ Entsprechung zu unterscheiden und sieht außerdem einem großen „B“ verwirrend ähnlich.

"Public viewing" bei der Fußball-Europa-
meisterschaft 2012 in Hannover
Bild: AxelHH/Wikipedia 


Mit solchen Zusätzen zu den 26 Buchstaben des lateinischen Alphabets steht die deutsche Sprache allerdings nicht allein da. In den romanischen, skandinavischen und slawischen Sprachen gibt es Striche, Punkte, Doppelpunkte, kleine Kreise, Haken und Schlängellinien, die über die Vokale oder Konsonanten gesetzt werden, manchmal auch darunter. Namen aus fremden Sprachen erfordern dann manchmal komplizierte Tastenkombinationen – wenn man die Zeichen nicht einfachheitshalber aus anderen Texten im Internet kopiert.

Vom Sonderfall „ẞ“ einmal abgesehen – der seltsamste deutsche Buchstabe ist sicherlich das „y“. Ihm entsprechen nicht weniger als drei verschiedene Klangformen. Mal wird es als Konsonant gesprochen, also wie „j“, mal als Vokal, und dann entweder wie „i“ oder wie „ü“. Ansonsten machen bei der Korrelation zwischen Aussprache und Schriftbild vor allem die Ortsnamen Schwierigkeiten. In „Kevelaer“ oder „Soest“ oder „Troisdorf“ dienen das „e“ und das „i“ als Zeichen, dass der vorangegangene Vokal gedehnt wird. „Moers“ und „Uelzen“ werden jedoch mit „ö“ und „ü“ ausgesprochen. Der Name des Städtchens „Buchloe“ im Allgäu hat sogar drei Silben: Das auslautende „e“ ist getrennt vom „o“ zu sprechen.

Alles kein Vergleich mit der geradezu chaotischen Orthographie des Englischen. Dessen ungeachtet – das Englische hat seit einigen Jahrzehnten für das Deutsche eine Leitfunktion übernommen, wie im Mittelalter das Lateinische und vom 17. bis zum 19. Jahrhundert das Französische. Etwa 4 Prozent der Wörter, die im Deutschen verwendet werden, sind „Anglizismen“ oder „Amerikanismen“, hat die Duden-Redaktion ausgezählt. Die Kritik an der Fremdwörterflut ist übrigens keineswegs neu. Im 17. Jahrhundert versuchte man sich in Verdeutschungen, die oft Erfolg hatten, manchmal jedoch im Rückblick als Kuriosa erscheinen. Können Sie sich vorstellen, was ein „Meuchelpuffer“ sein sollte? Ganz einfach: eine Pistole.

Kuriosa der deutschen Sprache von heute, jedenfalls von außen betrachtet, sind die Pseudo-Anglizismen. So gibt es „Handy“  im Englischen nur als Adjektiv mit der Bedeutung „handlich“, das Gerät heißt „mobile phone“. Und, nahezu makaber: „Public viewing“ ist im Englischen kein „Rudelgucken“ sportlicher Events auf Großleinwänden, sondern eine öffentliche Aufbahrung. Noch ein Beispiel aus dem Jiddischen, dem das Deutsche so viele Ausdrücke wie zum Beispiel „meschugge“ und „Schlamassel“ verdankt: „Hals- und Beinbruch“ ist eine Verballhornung von „hazloche und broche“, das bedeutet ganz einfach „Glück und Segen“.

Wie auch sonst die Sprache zwar der Verständigung dienen soll, zugleich aber ein unerschöpflicher Quell von Missverständnissen ist. „Billion“, erläutert das Bändchen, hat zwar im britischen Englisch dieselbe Bedeutung wie bei uns. Amerikaner dagegen verstehen darunter tausend Millionen, also nach deutschem Sprachgebrauch eine Milliarde – man möchte gar nicht wissen, welche Fehldeutungen sich aus dieser Differenz bereits ergeben haben.

Trotz der ständig wachsenden Zahl von Stichwörtern in jeder neuen Duden-Ausgabe – es gibt Lücken. Wie sagt man hochdeutsch für das Anfangs- oder Endstück eines Brotlaibs? Die Redaktion hat mehr als ein Dutzend Dialektausdrücke gefunden, im norddeutschen Sprachbereich etwa „Kanten“, im süd- und mitteldeutschen „Ränftchen“. Überregional durchsetzen konnte sich weder das eine noch das andere. Ähnlich beim „angeknabberten Rest des Apfels“: Die Dialektausdrücke reichen von „Kitsche“ im Münsterland über „Grütz“ in Hessen bis zu „Butze“ in Baden.

Es gibt auch Fälle, dass solche Lücken durchaus moralische und soziale Relevanz haben können. Im Deutschen fehlte lange ein Ausdruck für „Selbstmord“, der nicht von vornherein mit einem stark abwertenden „framing“ verbunden war. Das Wort „Freitod“, das im 19. Jahrhundert aufkam, enthält ebenso ein framing, nur eben umgekehrt, als Euphemismus. „Selbsttötung“ klingt zwar neutral, aber auch recht künstlich. Die Sprache hat ihre Zuflucht zum „Fremdwort“ genommen: „Suizid“ – ein Beispiel dafür, dass Entnahmen aus einer anderen Sprache eine Leerstelle in der eigenen füllen können. 


In anderen Fällen ist der aktuelle Sprachgebrauch dabei, Formen wiederzuentdecken, die es bereits einmal gegeben hat. Wenn man sich über „gegenderte“ Formulierungen wie „Gäste und Gästinnen“ aufregen will – bereits in Grimms „Deutschem Wörterbuch“ mitten im 19. Jahrhundert finden sich Belege für „Gästin“. Dafür sind andere Prägungen in Vergessenheit geraten. Bis 1926 war im Duden das heute ganz und gar unverständliche Wort „beleibzüchtigen“ verzeichnet – ein Ausdruck der Rechtssprache, er meinte „mit einem lebenslangen Unterhalt versehen“.

Gegenstand ohne hochdeutsche       
Bezeichnung: Apfelgriebsch
Bild: Z thomas/Wikipedia 


Das schönste deutsche Wort lautet einem internationalen Wettbewerb zufolge, den der Deutsche Sprachrat 2004 ausrichtete, „Habseligkeiten“. Auf Platz 2 stand „Geborgenheit“, auf Platz 5, etwas überraschend, „Rhabarbermarmelade“. 2007 kürte eine andere Jury „Kleinod“ zum „schönsten bedrohten Wort“, auf den Plätzen 2 und 3 folgten „blümerant“ und „Dreikäsehoch“. Bereits seit 1977 wählt die Gesellschaft für deutsche Sprache regelmäßig ein „Wort des Jahres“. Es soll in kürzestmöglicher Form jene Diskussionen bezeichnen, die das Jahr prägten. 2010 waren es zum Beispiel die „Wutbürger“, 2016 der Ausdruck „postfaktisch“.

Die Aktion hat Schule gemacht. Es gibt inzwischen etwa die „Jugendwörter des Jahres“. Auch eine Quelle für Kuriosa, auf die das Bändchen der Duden-Redaktion verzichtet hat: Gelegentlich wurde der Verdacht geäußert, statt eine solide Umfrage in Auftrag zu geben, habe der Langenscheidt-Verlag das eine oder andere Wort frei erfunden … Aber die sprachkritische Aktion „Unwort des Jahres“ ist aufgenommen. 2019 wurde „Klimahysterie“ ausgewählt, als Versuch, Bemühungen um den Klimaschutz zu diffamieren.

Was die Schriftstellerin Juli Zeh zu der Bemerkung veranlasste, mit demselben Recht müssten dann auch die „Klimaleugner“ auf die Liste der „Unwörter“ kommen: Auch darin liege ein Versuch, die Debatte zum Thema Klimapolitik bereits durch die Wortwahl auf eine bestimmte Linie zu bringen. In solchen Fällen wird der „sprachkritische“ Impetus, den der Initiator der Aktion „Unwort des Jahres“, der Frankfurter Linguist Hans Dieter Schlosser, für sich in Anspruch nahm, unmittelbar politisch – ein Zusammenhang, den dieses „Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache“ freilich schon aus Platzgründen nicht reflektieren konnte.


Neu auf dem Büchermarkt:

Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache, herausgegeben von der Duden-Redaktion, Bibliographisches Institut, Berlin 2020, 128 S., ISBN 978-3-411-71786-6, 10,00 €


Mehr im Intenet:

Duden - Wikipedia 
Kleines Kuriositätenkabinett der deutschen Sprache, herausgegeben von der Duden-Redaktion 
scienzz artikel Sprache 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr

Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet