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Kultur

27.10.2020 - THEOLOGIE

Die Reinigung der sozusagen mittleren Menschen

Eine kleine Geschichte der Vorstellung vom Fegefeuer

von Josef Tutsch

 
 

Johannes Tetzels "Ablasskssten", in
der Nikolaikirche Jüterbog
Bild: Assenmacher/Wikipedia

Die Geschichte habe sich erst wenige Jahre zuvor wirklich zugetragen, verbürgte sich der englische Benediktinermönch Beda Venerabilis im frühen 8. Jahrhundert. Ein reicher Mann namens Drythelm war an einer schweren Krankheit verstorben. Einige Stunden später wachte er wieder auf und berichtete, ein Engel habe ihn an einen Ort geführt, an dem sündige Seelen gepeinigt wurden. Voller Schrecken vermeinte er, von Gott wegen seiner Sünden zu ewiger Höllenstrafe verdammt worden zu sein, doch der Engel sagte: „Das ist noch nicht die Hölle.“ Aus dem Jenseits zurückgekehrt, änderte Drythelm sein Leben und wurde Mönch im schottischen Kloster Melrose.

Durch die kirchliche Lehre von Himmel und Hölle, so lässt sich aus Bedas Geschichte schließen, sahen sich die Theologen und Prediger damals vor ein schwieriges Problem gestellt. Das Leben der meisten Menschen verlief nicht eindeutig gut oder eindeutig böse. Da war die Aussicht, dass es nach dem Tod nur ein schroffes Entweder-Oder geben würde, entweder Erlösung oder ewige Verdammnis, mit Gottes Barmherzigkeit schwer vereinbar. Und außerdem legte sie den Menschen eine Hoffnungslosigkeit nahe, die dem Versuch, das Leben moralisch zu durchdringen, abträglich sein musste.

Das Konzept, das die Theologen in den Jahrhunderten nach Beda entwickelten, findet sich bis heute im Katechismus der Katholischen Kirche: „Das Purgatorium ist der Zustand jener, die in der Freundschaft Gottes sterben, ihres ewigen Heils sicher sind, aber noch der Läuterung bedürfen, um in die himmlische Seligkeit eintreten zu können.“ Es gebe drei Gruppen von Menschen, erläuterten die populären Frömmigkeitsbücher seit dem 13. Jahrhundert: erstens die vollkommen Guten, die sofort in den Himmel, zweitens die vollkommen Bösen, die sofort in die Hölle kommen würden. Und drittens als wahrscheinlich größte Gruppe die „sozusagen mittleren“, die zunächst gereinigt werden müssten.

Ein Verfahren, das man sich sehr konkret vorstellte, als körperlich spürbares Feuer, ungemein schmerzhaft und von langer Dauer. Die Frage, was die Gläubigen tun könnten, um ihren verstorbenen Angehörigen diese Läuterungsphase abzukürzen, löste 1517 Martin Luthers Reformation aus. Erstmals ausgesprochen hatte den Gedanken an ein Fegefeuer um 600 Papst Gregor der Große: „Man muss glauben, dass es vor dem Gericht [dem allgemeinen Gericht am Ende der Zeiten] noch ein Reinigungsfeuer [als Läuterung der einzelnen Seele] gibt.“

Eine Schwierigkeit war allerdings, dass diese Vorstellung in der Heiligen Schrift nicht belegt war. Die Stelle, die am ehesten in diese Richtung zu deuten schien, war ein Vers im 1. Korintherbrief des Apostels Paulus. Dort heißt es, unsere Werke würden im Feuer „geprüft“. Aber eine eindeutige Aussage über ein Purgatorium nach dem Tode war das nicht. Das erklärt, warum die Theologen lange zögerten, bis sie es wagten, die Ansicht von Papst Gregor und Beda Venerabilis dogmatisch zu formulieren. Erst im Laufe des 12. Jahrhunderts, hat der französische Historiker Jacques Le Goff festgestellt, wurde das Konzept vom Fegefeuer in der Kirchenlehre allgemein akzeptiert. 1336 schrieb Papst Benedikt XII. die Lehre dann offiziell fest: „Die Seelen derer, an denen noch kleinere Mängel haften, werden nach einem Läuterungs- und Reinigungsgeschehen der vollen Schau Gottes teilhaftig werden.“

Auslöser für die „Geburt des Fegefeuers“ waren nicht etwa theologische Überlegungen. Vielmehr kamen die Prediger, hat der russische Historiker Aaron J. Gurjewitsch die Entwicklung resümiert, nicht umhin, auf die Bedürfnisse der Gläubigen einzugehen. Die expandierende Geldwirtschaft im hohen Mittelalter muss viele Menschen in ihren moralischen Gewissheiten verunsichert haben. Wie war es möglich, sich unter diesen Umständen dennoch die Aussicht auf die ewige Seligkeit zu bewahren? Um 1220 erzählte der Zisterziensermönch Caesarius von Heisterbach, die Witwe eines Wucherers habe vom Papst die Erlaubnis erhalten, die Sünden ihres verstorbenen Mannes auf sich zu nehmen. Nach sieben Jahren des Fastens und Betens erschien ihr der Tote und dankte ihr, dass sie ihn aus den „Tiefen der Hölle“ herausgeholt habe. Wenn sie noch einmal sieben Jahre lang so inbrünstig für ihn bete, sei er aller Qualen ledig.

In einem anschließenden Kommentar hielt Caesarius die Erläuterung für angebracht, mit den „Tiefen der Hölle“ sei hier wohl das Fegefeuer gemeint. Die terminologische Unsicherheit zeigt: Die Lehre von nunmehr drei statt von bloß zwei „Orten“ im Jenseits gewann erst nach und nach feste Gestalt. In der Erzählung von einem Magier, der sich teuflischen Künsten verschrieben hatte, kommt dieses Schwanken noch deutlicher zum Ausdruck. Nach seinem Tod musste dieser Magier allerlei Höllenqualen erleiden, durfte dann aber durch die Barmherzigkeit Gottes ins Leben zurückkehren. „Wurde er nun aus der Hölle oder aus dem Fegefeuer entlassen?“, fragt der Novize, dem sein Meister die Geschichte erzählt hat, verunsichert. Der weiß auch keine Antwort und kann nur sagen: „Das ist umstritten.“

Dante vor dem Purgatoriumsberg, Hand-
schrift der "Commeida", um 1340 (Biblio-
teca Medicea Laureznziana, Florenz)
Bild: Sailko/Wikipedia 


„Die Trennlinie zwischen Hölle und Fegefeuer war für die Autoren der ersten Hälfe des 13. Jahrhunderts noch sehr unklar“, resümierte Gurjewitsch – „und sie waren so ehrlich, das zuzugeben.“ Die erbaulichen Geschichten des Caesarius zeigen aber auch: Die Lehre vom Fegefeuer wollte nicht etwa eine theoretische Neugier befriedigen, wie es mit der Seele nach dem Tode weitergeht oder wie die Geographie der jenseitigen Welt beschaffen ist. Ihr Anliegen war von vornherein praktischer Art: Was ist zu tun, um den verstorbenen Angehörigen das Seelenheil zu sichern? Und dann: Was können meine Verwandten, was kann die Kirche nach meinem eigenen Tod für mich tun? Wie kann ich hierfür zu Lebzeiten vorsorgen?

Durch diese Sorge um die individuelle Seele wurde der Gedanke an das allgemeine Jüngste Gericht, das die Portale der Kathedralen damals den Gläubigen so eindrucksvoll vor Augen führten, sozusagen aktualisiert: Bereits unmittelbar nach dem Tod war ein Gericht über den einzelnen Menschen zu erwarten. Dem Volksglauben zufolge boten manche Orte auf Erden sogar die Möglichkeit, einen Blick zwar nicht in den Himmel oder die Hölle, aber doch ins Fegefeuer zu werfen. So war auf einer Insel vor der irischen Küste das „Purgatorium des hl. Patrick“ ein beliebter Wallfahrtsort. Ob die Eindrücke, mit denen die Pilger zurückkamen, reine Phantasie waren oder ob die Mönche dort vielleicht ein „heiliges Theater“ inszenierten, muss offen bleiben. Einen etwas leichtfertigen Laienbruder soll sein Abt dort dem Teufel übergeben haben, damit er als „Gast“ einen Tag lang das Fegefeuer miterleben könne. Als er den Sünder am nächsten Tag wieder abholte, war der in der Tat geläutert und führte fortan ein gottesfürchtiges Leben.


In den Erzählungen des Caesarius finden sich gelegentlich Diskussionen über die Länge der Zeit, die im Fegefeuer verbracht werden müsste. Aber der Erzähler betonte auch gleich, solche Angaben seien nicht viel wert: Die Qualen seien in ihrer Intensität mit keinem irdischen Leiden vergleichbar. Einem Schwerkranken wurde von einem Engel zugesagt, er werde in zwei Jahren wieder gesund sein. Als scheinbar leichtere Alternative schlug ihm der Engel vor, zwei Tage Fegefeuer auf sich zu nehmen. Nach bloß einem halben Tag flehte der Leidende, er wolle lieber seine Krankheit bis zum Jüngsten Tag ertragen.

Die Frage, wie die Zeit im Fegefeuer abzukürzen sei, für sich selbst oder seine Angehörigen, stand im Zentrum der gelebten Frömmigkeit im späten Mittelalter. Ein Mönch, der aus dem Jenseits ins Leben zurückgekehrt war, soll einem Papst von den vielen Seelen erzählt haben, die im Fegefeuer leiden müssten, weil sie keine Freunde und Verwandten hätten, die für sie beten würden. Darauf bestimmte der Papst einen Tag zur Errettung aller Seelen aus dem Fegefeuer – den „Allerseelentag“.

Größer war die Hoffnung für jene, die liebende Angehörige hinterließen. Den Söhnen eines Grafen, erzählt eine Geschichte, erschien die Seele ihres verstorbenen Vaters und beschwor sie, jene Güter zurückzugeben, die er sich unrechtmäßig angeeignet hätte. Sonst müsste er auf Dauer in der Hölle verbleiben. In diesem Fall siegte allerdings die Habgier der Söhne über ihr Mitleid mit dem Vater.

Wer ein kleineres oder größeres Vermögen hatte, konnte noch auf andere Weise das Seelenheil seiner Angehörigen fördern – oder im Testament für sein eigenes Seelenheil vorsorgen: Durch Stiftungen konnte die Kirche verpflichtet werden, „Seelenmessen“ abzuhalten, in denen Priester für die Erlösung des Verstorbenen aus dem Fegefeuer beteten. Mit der Lehre vom Ablass schuf die Kirche ein Mittel auch für die weniger Vermögenden. Der Ursprung bestand darin, dass den Gläubigen bei der Beichte bestimmte Bußleistungen abverlangt wurden. Mit der Zeit wurde es üblich, solche Leistungen auch in Geld abzurechnen. Und im Laufe des 15. Jahrhunderts bürgerte es sich ein, gegen Geld auch die Läuterungszeiten Verstorbener im Fegefeuer abzukürzen.

Die Heiligen hätten durch ihr vorbildliches Leben mehr an Heiligkeit aufgehäuft, als sie selbst benötigen würden, argumentierten die Theologen; die Kirche habe die Vollmacht, diesen „Gnadenschatz“ zu verwalten. Die biblische Begründung gab das Wort Jesu an den Apostel Petrus im Matthäusevangelium: „Ich will dir die Schlüssel des Himmelreiches geben, und was du bindest auf Erden, das soll im Himmel gebunden sein, und was du lösest auf Erden, das soll im Himmel gelöst sein.“ Und eine Stelle im 2. Makkabäerbuch. Dort heißt es, die Lebenden könnten die Toten „entsühnen, damit sie von der Sünde befreit werden“.


Fegefeiuer, in der "Elsässischen Legenda    
aurea", 1419 (Universitätsbibliothek
Heidelberg) - Bild: Wikipedia 


Der Dominikanermönch Johannes Tetzel, der 1517 in den Bistümern Magdeburg und Halberstadt einen Ablasshandel aufzog, prägte die griffige Formel: „Sobald der Gülden im Becken klingt, im Hui die Seel‘ in‘ Himmel springt.“ Als Martin Luther im Vorfeld des Allerheiligen- und Allerseelentages 1517 seine „95 Thesen“ formulierte, wollte er zunächst weder die Vollmacht der Kirche in Abrede stellen noch die Existenz des Fegefeuers leugnen, er stellte grundsätzlich nicht einmal den Ablass in Frage. Ihm ging es vielmehr um die Reichweite der päpstlichen Vollmacht: „Der Papst will und kann nicht irgendwelche Strafen erlassen, außer denen, die er nach dem eigenen oder nach dem Urteil von Kirchenrechtssätzen auferlegt hat.“

Eine Vorsicht, die der Logik von Luthers Denken in den folgenden Jahren nicht standzuhalten vermochte. In den „Schmalkaldischen Artikeln“ von 1537 erklärte der Reformator das Fegefeuer „mit all seinem Gepränge, Gottesdienst und Gewerbe für lauter Teufelsgespinst“. Mit „Gewerbe“ waren alle Bemühungen gemeint, mit menschlicher Kraft etwas für das Heil der Verstorbenen tun zu wollen; mit dem Ablasshandel hatten sie tatsächlich ein mehr oder weniger kommerzielles Gesicht angenommen. Die heikle Stelle bei den Makkabäern wurde beiseite geräumt, indem Luther diesen Text aus dem Bibelkanon ausschloss: Er war nur in griechischer, nicht wie sonst das Alte Testament in hebräischer Sprache überliefert.

Im historischen Rückblick wurde die Reformation gern als früher Schritt hin zur modernen, säkularisierten Welt gesehen. In Luthers Perspektive sollte sie genau das nicht sein, vielmehr eine Umkehr zu einem radikal verstandenen Christentum, ein Protest gegen die quasi buchhalterische Mentalität, die sich im Umgang mit dem jenseitigen Heil eingeschlichen hatte. Das Wort „Ablass“ wurde zum Inbegriff für die Ökonomisierung von Lebensbereichen, die einer ökonomischen Betrachtung grundsätzlich entzogen sein sollten. Den Gläubigen damals wird diese Umorientierung allerdings sehr viel abverlangt haben. Auf die Frage, was man für das Seelenheil der Verstorbenen tun solle, konnten die lutherischen Predigern nicht mehr antworten: beten, fasten, gute Werke tun, Geld spenden. Wenn jemand nicht allezeit ein frommes und gottesfürchtiges Leben geführt hatte, war mit dem Tod alle Hoffnung für ihn verloren.


Mehr im Internet:

Fegefeuer - Wikipedia 
scienzz artikel Jenseits 

 

 

 

 

 

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