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14.10.2020 - KUNSTGESCHICHTE

Moses verkuendet das Bilderverbot - auf einem Bild

Die Konkurrenz zweier Medien seit der Antike

von Josef Tutsch

 
 

Schulschale des Duris, um 480
v. Chr., (Antikensammlung,
Berlin)
Bild: ArchalOptix/Wikipedia

Zwischen zwei sitzenden Männern steht ein Heranwachsender, wahrscheinlich ein Schüler, der gerade geprüft wird. Der Mann vor ihm hält eine Schriftrolle in der Hand, die griechischen Buchstaben darauf sind deutlich zu lesen, übersetzt bedeuten sie: „Singen will ich, oh Muse, vom fließenden Strome Skamander.“ Ein Vers aus einer Dichtung, lässt sich vermuten, der Name „Skamander“ deutet auf die Geschichten rund um den Trojanischen Krieg. Der Schüler rezitiert, sein Lehrer liest mit und korrigiert ihn, wenn nötig.

Leider, berichtet der Literaturwissenschaftler Werner Sollers von der Harvard University, blieben bislang alle Versuche erfolglos, diesen Vers, den der attische Vasenmaler Duris um 480 v. Chr. auf einer Trinkschale angebracht hat, in der griechischen Literatur wiederzufinden. Verdacht erregte vor allem der Umstand, dass es sich zwar um einen korrekt gebauten Hexameter handelt, die Syntax aber ein bisschen unbeholfen wirkt. Vor einigen Jahren fand Sollers Kollege David Sider eine verblüffende Lösung: Der Vers stammt gar nicht von einem großen Dichter, sondern vielmehr von dem dargestellten Schüler, der in der Poesie vielleicht unbegabt ist oder jedenfalls noch ungeübt. Wäre Duris ein moderner Comiczeichner à la Walt Disney gewesen, hätte er dem Lehrer vermutlich noch ein „Seufz!“ als Sprechblase mitgegeben.

Seit dem alten Ägypten werden Schriftzeichen immer wieder gern in bildliche Darstellungen integriert – bis hin zu den Sprechblasen in den Comics von heute. In Szenen von der Verkündigung Christi durch den Erzengel Gabriel, stellt Sollers in seinem essayistischen Durchgang durch die Kunstgeschichte dar, wurde es im späten Mittelalter geradezu kanonisch, dass entweder Maria in der Bibel liest, als ihr der Engel erscheint, oder die Botschaft auf einem Schriftband formuliert wird. Die Kombination von Bild und Schrift stellte klar, dass sich die Weissagung des Propheten Jesaja „Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn gebären“ gerade erfüllte.

Für das Motiv der lesenden Gottesmutter „gibt es keine biblische Quelle“, stellt Sollers fest, „auch nicht in den Apokryphen“. Einen frühen Beleg hat der Forscher im Evangelienbuch des Benediktinermönchs Otfried von Weißenburg aus dem 9. Jahrhundert. Maria, heißt es dort, hielt eine Bibel in der Hand und sang die Psalmen, als ihr der Engel die Botschaft verkündigte. Dass Frauen lesen konnten, wird zwar selbst in gehobenen Gesellschaftsschichten im frühen Mittelalter nicht häufig gewesen sein, kam aber offenbar vor.

Im Laufe des Mittelalters wurde das Bedürfnis, die Szene der Verkündigung durch das Wort zu beglaubigen, derart übermächtig, dass die Künstler, wenn ihre Technik keine Darstellung von Buchstaben erlaubte, sich oft bemüßigt fühlten, wenigstens einen Ersatz zu finden. Auf einem südniederländischen Gobelin aus Seide und Wolle aus dem späten 15. Jahrhundert, der heute im New Yorker Cloister Museum hängt, sind in das Buch auf Marias Schoß schwarze x-förmige Kreuzstiche eingewebt – der Betrachter kann sie aus seiner Kenntnis der biblischen Geschichte deuten. Ein portugiesischer Kachelkünstler, der die Szene in der Kathedrale von Funchal auf Madeira darstellte, schreibt Sollers, behalf sich mit einem Gekrakel.

Inwieweit die Betrachter dieser Bilder die Schrift – wenn sie eine echte Schrift war – überhaupt zu lesen vermochten, ist je nach Zeit und Ort natürlich ganz verschieden zu beurteilen. Sollers zitiert eine süddeutsche Predigt aus dem 13. Jahrhundert, in der es heißt, Gott habe uns neben der Bibel eine zweite Schrift gegeben, die „Laienschrift“, verständlich für die vielen Leseunkundigen. Verständlich wurden die Bilder, indem die Prediger die Geschichten aus der Bibel nacherzählten. Ohne das Wort blieben die Bilder stumm.

Sollers stellt die Diskussion um die „Laienbibel“ im Mittelalter in den Kontext einer Jahrtausende langen Diskussion über die Wertschätzung der Schrift einerseits, der Bilder andererseits. Die Erfindung der Schrift vor etwa 5.000 Jahren hatte die Gesellschaften damals in zwei Schichten gespalten: die Lesekundigen einerseits, die Unkundigen andererseits. Welches soziale Prestige die Kenntnis der Schrift garantierte, zeigen die vielen „Schreiberstatuen“ aus dem alten Ägypten. Im 14. Jahrhundert v. Chr. entstand in Memphis eine lebensgroße Statue des „königlichen Schreibers Haremhab, des Gerechten“. Die Schriftrolle, die auf Haremhabs Knien aufgerollt liegt, enthält einen Hymnus an den Gott der Schreiber, Thot. Vielleicht hat der Generalissimus am Hofe von Pharao Tutanchamun sie selbst verfasst.

Matthias Grünwald: Verkündigung,
vom Isenheimer Alter, 1512-16
(Unterlinden Museum, Colmar)
Bild: Wikipedia 


Fast ein Jahrtausend nach Haremhab allerdings formulierte Platon in seinem Dialog „Phaidros“ eine ganz andere, recht skeptische Geschichte zur Wirkung der Schriftkunst. Der ägyptische Mondgott Thot habe dem Pharao Thamos seine neue Erfindung, eben die Schrift, angepriesen, weil sie „die Ägypter klüger mache und ihr Gedächtnis verbessere“. Thamos, meinte Platon, sei jedoch so weise gewesen zu erkennen, dass die Schrift gerade umgekehrt „in den Seelen derer, die sie erlernen, Vergesslichkeit bewirkt“, weil sie „das Gedächtnis nicht mehr üben“. Nur die gesprochene Rede sei „lebendig und beseelt“, die geschriebene bloß ein „Abbild“.

Wie die „toten“ Werke der Malerei und der Plastik auch – so sah es Platon: Bild und Schrift verfielen gleichermaßen dem Verdacht der Uneigentlichkeit. Die jüdische Religion ist einen anderen Weg gegangen: Die Schrift wurde als göttliche Offenbarung geschätzt, für die Bilder dagegen gilt das Gebot „Du sollst dir kein Gottesbild machen und keine Darstellung von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde.“ Der Islam ist dem jüdischen Vorbild weitgehend gefolgt. „Von demjenigen, der ein Bild macht, wird am Tag der Auferstehung verlangt werden, dass er ihm Lebensodem einhaucht“, sagt ein Wort, das dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird. „Das wird er aber nicht tun können.“

Und wieder anders die Entwicklung im Christentum. Hier setzte sich die Position durch, dass infolge der Menschwerdung Gottes in Christus das biblische Bildverbot aufgehoben sei, auch bei der Darstellung Gottes. Es hat heftige Widerstände gegeben – im frühen Mittelalter in Byzanz, dann seit dem späten Mittelalter in den reformatorischen Bewegungen.

Trotz der prinzipiellen „Bilderfreundlichkeit“ des Christentums – der Gedanke, dass bloß Wort und Schrift die „eigentliche“ Offenbarung seien, blieb gegenwärtig. Um 1648 malte Philippe de Champaigne sein Bild „Moses zeigt die Gesetzestafeln“.  Moses hat die beiden Tafeln mit den Zehn Geboten auf einer Tischplatte aufgestellt, in französischer Übersetzung ist der vollständige Text zu lesen, darunter auch das „Du sollst dir kein Gottesbildnis machen.“

Ein Bild, in dem das Bilderverbot gepredigt wurde. Aus anderen Passagen in der Bibel hat Champaigne an dieser Stelle einen Halbsatz hinzugefügt, der das Verbot begründet: Es gehe darum, dem „Götzendienst“ vorzubeugen. Der Künstler stand der Ordensgemeinschaft von Port-Royal nahe, die ein radikales Christentum vertrat und von den Kirchenoberen verdächtigt wurde, insgeheim die calvinistische „Ketzerei“ zu vertreten. In der Reformation des 16. Jahrhunderts war es zum Beispiel in Holland tatsächlich vorgekommen, dass Altarbilder mit biblischen Szenen durch Gemälde mit reinem Text ersetzt wurden. Diese „Textbilder“ sollten nicht angeschaut, sondern „gelesen“ werden. Sie waren deshalb nicht lateinisch, sondern in der Volkssprache abgefasst.

Ganz ohne Bilder kam aber auch die am Wort orientierte Kirche der Reformation nicht aus. Vor allem Martin Luther wurde, wie sonst die Evangelisten und die Kirchenväter, gern mit der Bibel in der Hand dargestellt. Auf mittelalterlichen Mosaiken ist oft Christus selbst mit der Bibel dargestellt: Er hält sie dem Betrachter entgegen. Gelegentlich erscheint Jesus auch als Schreiber. Dieses Motiv war durch die Bibel vorgegeben: In einer Szene des Johannesevangeliums bückt sich Jesus nieder und schreibt etwas auf die Erde.

Aber bezeichnender, meint Sollers, sind wohl doch die Darstellungen, die den zwölfjährigen Jesus im Tempel von Jerusalem in Gegensatz zu den Schriftgelehrten setzen. Zum Beispiel ein Gemälde von Tintoretto aus den 1540er Jahren: Während die Gelehrten Schriftrollen und Bücher halten und eifrig darin blättern, ist Jesus mit ausgestreckten Händen zu sehen. Der Gottmensch des Neuen Bundes, interpretiert der Forscher, überbietet ein für allemal die Schriftreligion des Alten Bundes, die Erfüllung überbietet die Verheißung.

Jan Vermeer: Briefleserin am Fen-    
ster, um 1658 (Gemäldegalerie
Alte Meister, Dresden)
Bild: Wikipedia


Eine Ambivalenz in der Wertung der Schrift, die sich oft auch in Darstellungen des Jesuskindes auf dem Schoß seiner Mutter zeigt. Manchmal lernt das Kind gerade, selbst in der Bibel zu lesen. Auf dem Bild eines umbrischen Malers aus dem frühen 16. Jahrhundert dagegen greift es nach dem Buch und versucht, die Aufmerksamkeit der Mutter von der Lektüre ab und auf sich selbst zu lenken. Sollers hat sogar Belege gefunden, dass Jesus die Seiten zerknüllt. Darin wird sich die Auseinandersetzung der katholischen Kirche nicht nur mit dem Judentum, sondern auch mit der Schriftkultur der protestantischen Reformation spiegeln: „Das fleischgewordene Wort Gottes bedarf des Buches nicht mehr.“

Umgekehrt betonte ein Wort des auferstandenen Christus im Johannesevangelium, für den gläubigen Menschen müsse das Wort der Offenbarung Vorrang vor dem Zeugnis der Sinne haben: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ Dass die Kirche des Mittelalters und dann der Gegenreformation dennoch darauf setzte, die Laien durch sinnliche Eindrücke zu gewinnen, war zunächst einmal ein Zugeständnis an die Schwäche der Menschennatur. Seit dem 14. Jahrhundert wurden Gläser zur Hilfe beim Sehen ein Lieblingsmotiv aller Maler, die in ihren Bildern aus der biblischen Geschichte die genrehaften Elemente hervorhoben. Die Propheten des Alten Testaments und die heidnischen Weisen der Antike wurden ebenso mit Brille gemalt wie die Apostel und Evangelisten des Neuen Bundes und die Heiligen der Kirche: Die Gläser standen für eine Schärfung des Blicks, auch in Fragen der Heilswahrheit.

In Darstellungen des Jüngsten Gerichts hat der Erzengel Michael oft noch ein anderes Mittel zur Hand, um die Wahrnehmung über die Möglichkeiten menschlicher Sinne hinaus zu schärfen: Mit einer  Waage wägt er Gutes und Schlechtes im Menschen gegeneinander auf. Ein Motiv, das dem Publikum aus dem alltäglichen Geschäftsleben vertraut war. Selbst auf Münzen konnte man sich nicht unbedingt verlassen, sie mussten auf ihren Gehalt an Gold oder Silber hin geprüft werden. Ein Bild des flämischen Malers Quentin Massys, 1514, wird allgemein „Der Geldverleiher und seine Frau“ genannt. Vielleicht, meint Sollers, ist aber gar kein Geldverleiher zu sehen, sondern ein Steuereintreiber, der die  die womöglich lügnerische Aufschrift der Münzen mit dem „wahren“ Wert vergleicht.

Auf dem Bildrahmen war früher ein mahnendes Bibelwort zu lesen: „Die Waage sei gerecht, und die Gewichte seien gleich schwer“. Nur noch vage erinnert das Bild an die lesenden Marien: Die Frau blättert in ihrem Gebetbuch – inwieweit sie Grund hat, bei dieser „Prüfung“ auf höheren Beistand zu hoffen, bleibt ungewiss. Dass sie überhaupt lesen kann, hängt jedenfalls mit den Verkündigungsbildern zusammen: Die lesende Maria war zum Prototypen weiblicher Bildung geworden.

1657 malte Johannes Vermeer sein „Lesendes Mädchen am Fenster“. Es liest nicht in der Bibel, sondern in einem Brief. Eine Röntgenuntersuchung ergab, dass die Wand im Hintergrund nach Vermeers Tod übermalt wurde, offenbar in moralisierendem Übereifer: Dort war ursprünglich das Gemälde eines nackten Amorknaben zu sehen. Der Maler wollte andeuten, dass es sich um einen Liebesbrief handelt, und der Betrachter darf darüber spekulieren, ob darin ein unmoralisches Angebot enthalten ist.


Neu auf dem Büchermarkt:

Werner Sollers: Schrift in bildender Kunst. Von ägyptischen Schreibern zu lesenden Madonnen, transcript Verlag, Bielefeld 2020, ISBN 978-3-8376-5298-7, 148 S. mit 17 Abb., 16,50 €


Mehr im Internet:
Bilderverbot - Wikipedia 
scienzz artikel Bild und Schrift 

 

 

 

 

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