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Kultur

16.11.2020 - GESCHICHTE

Die Gemeinde der Heiligen in der Neuen Welt

Vor 400 Jahren unterzeichneten die Pilgervaeter in Massachusetts den Mayflower Compact

von Josef Tutsch

 
 

Amerikanische Briefmarke von 1920
Bild: US Post Office/Wikipedia

Wer weiß – hätten die Stürme über dem nördlichen Atlantik Kapitän Christopher Jones nicht vom Kurs abgebracht, vielleicht hätte die amerikanische Geschichte einen anderen Verlauf genommen. Im September 1620 hatte Jones in Plymouth an der Küste von Devon eine bunt gemischte Gesellschaft an Bord seines Schiffes „Mayflower“ genommen und sich verpflichtet, sie in die englische Kolonie Virginia zu bringen. 102 Männer, Frauen und Kinder, viele von ihnen wollten England aus religiösen Gründen verlassen. Als radikale Calvinisten standen sie in Opposition zur anglikanischen Staatskirche und hofften, in der Neuen Welt die gewohnten Benachteiligungen hinter sich lassen zu können. Aber es waren auch eine Reihe Anglikaner darunter.

Die Passagiere auf der „Mayflower“ rechneten damit, sich in etablierte wirtschaftliche und politische Strukturen einfügen zu können. 1606 hatte König Jakob I. der „Virginia Company“ die Lizenz verliehen, die Gebiete rund um das heutige Jamestown zu bewirtschaften. Doch als nach zwei Monaten Überfahrt am 9. November 1620 (nach unserem gregorianischen Kalender war es der 19. November) endlich Land in Sicht kam, war es nicht Virginia, sondern ein Gebiet hunderte Kilometer weiter nördlich, im späteren Massachusetts.

Die „Mayflower“ wollte zunächst nach Virginia weiter segeln. Nicht nur weil die Bucht von Cape Cod mit ihrem sandigen Boden keine Lebensgrundlage zu bieten schien: Die ökonomischen und politischen Strukturen, die es in Virginia bereits gab, sollten den Siedlern wenigstens ein Minimum an Sicherheit bieten – gegen die Natur, gegen die Ureinwohner des Landes, auch gegeneinander. Denn zwischen den „Separatisten“, die der kirchlichen Hierarchie ablehnend gegenüberstanden, und den „Anglikanern“, den „strangers“, wie die Separatisten sie nannten, herrschte tiefes Misstrauen. Die Anglikaner mussten befürchten, ohne Aufsicht durch königliche Beamte würde der staatskirchliche Zwang, wie er in England bestand, nunmehr umgekehrt: Die „Dissidenten“ würden ihre Auffassung von religiöser Wahrheit rigoros durchsetzen.

Doch die Winterstürme verhinderten eine Weiterfahrt. Am 21. November 1620 gregorianischer Zeitrechnung, vor 400 Jahren, beschlossen die ersten der Auswanderer, sich in der Bucht niederzulassen, beim späteren Plymouth; die übrigen folgten wenige Tage später. Bevor sie an Land gingen, unterzeichneten 41 Familienoberhäupter den „Mayflower Compact“: Wir „vereinigen uns gemeinsam in einer bürgerlich geordneten Gesellschaft, mit dem Zweck, uns besser zu organisieren und zu schützen“, „um gleiche Gesetze, Verordnungen, Erlasse, Verfassungen und Ämter zu verabschieden, zu  begründen und abzufassen, so wie es am angemessensten und günstigsten für das Gemeinwohl der Kolonie scheint.“

Ein „Gesellschaftsvertrag“, wie die Philosophen der Aufklärung das später nannten – aber nicht als Denkmodell, sondern völlig real, als Grundgesetz für eine gemeinschaftliche Existenzin der Wildnis. Wenn die Auswanderer überleben wollten, war Disziplin nötig. Doch es fehlten alle Autoritäten, die solche Disziplin hätten durchsetzen können. Formell verpflichteten sich die Unterzeichner als „getreue Untertanen unseres Ehrfurcht gebietenden, souveränen Herrschers König Jakob, von Gottes Gnaden König von Großbritannien, Frankreich und Irland, Verteidiger des Glaubens etc.“ In der Praxis jedoch sollte das Mehrheitsprinzip gelten, wie die Separatisten es auch in ihren Kirchengemeinden übten, als Gemeinschaft von Gleichen, ohne eine Hierarchie von Bischöfen und Gemeindevorstehern – oder eben auch von Königen und ihren Gouverneuren.

Nachdem die „Mayflower“ im April 1621 die neue Kolonie verlassen hatte, waren die Siedler endgültig auf sich allein gestellt. Erst 1691 übernahm ein königlicher Gouverneur das Regiment. In die amerikanische Geschichte gingen die puritanischen Separatisten als „Pilgerväter“ ein. Sie selbst bezeichneten sich nach biblischem Sprachgebrauch als „saints“, unter stolzer Berufung auf den Apostel Paulus: „Zur Freiheit seid ihr berufen“, „zur Freiheit hat uns Christus befreit!“

Mayflower, von William Halsall, 1882
Bild: Wikipedia 

Eine Freiheit, die man allerdings nicht mit unserem modernen Begriff individueller Freiheit verwechseln darf: Im Puritanismus Nordamerikas wie des alten Europa, hat der Kulturhistoriker Michael Hochgeschwender festgestellt, galt „eine rigide sittliche Kontrolle der Lebensführung sämtlicher Glieder ihrer Gemeinde“. Seit dem 19. Jahrhundert sind wir gewöhnt, die puritanische Moral in der Hauptsache als Sexualmoral aufzufassen. Dabei waren die Puritaner in Fragen der ehelichen Sexualität vielleicht sogar offenherziger als ihre katholischen oder lutheranischen Zeitgenossen. Aber „tatsächlich war sowohl die externe Kontrolle durch die Gemeindeältesten als auch die interne Kontrolle durch den beständigen Gewissensappell stärker als bei anderen Konfessionen.“

Die puritanischen Siedler sahen sich als ein neues Volk Israel, das sich aufgemacht hatte, das ihm von Gott gelobte Land in Besitz zu nehmen. Dass die Gegend von Plymouth bei ihrer Ankunft weitgehend menschenleer war, fassten sie als göttliches Zeichen auf: Wenige Jahre zuvor hatte eine Hepatitisinfektion, eingeschleppt durch französische Fischer, die Bevölkerung so gut wie ausgelöscht. Ohne die Hilfe der wenigen Indigenen hätten die „Pilgerväter“ die ersten Winter vermutlich gar nicht überstanden. Doch mehr und mehr mutierten die Indianer in ihren Augen zu „Heiden“, ähnlich den Kanaanitern im Alten Testament, denen man ihr Land ohne moralische Bedenken wegnehmen durfte. Der Bibeltext schien eine Rechtfertigung zu liefern: „Du sollst keinen Bund mit ihnen [den Kanaanitern] schließen noch ihnen gegenüber Gnade walten lassen.“ In den 1630er Jahren wurde der Stamm der Pequot von Siedlern aus Massachusetts und Connecticut total vernichtet.

Es gab vereinzelt Proteste, berichtet Hochgeschwender. So bestritt der Prediger Roger Williams 1633 den puritanischen Gemeinden das Recht, die Indianer zu enteignen. Williams wurde verbannt, er gründete die Kolonie Rhode Island. In der Regel zeigten die Puritaner kaum Interesse, die christliche Botschaft unter den Indianern zu verbreiten. Dazu wird die Voraussetzung beigetragen haben, nur wenige seien von Gott zum Heil auserwählt. Was der Mensch von sich aus dazu beitragen konnte, war am ehesten ein gründliches, sehr gründliches Studium der Heiligen Schrift. Und das glaubte man, von den Indianern nicht erwarten zu dürfen.

Der Umgang mit den Ureinwohnern ist nicht die einzige Seite des demokratisch-theokratischen Musterstaates von Plymouth, die man heute gern verdrängen würde. Ebenso selbstverständlich entnahmen die Puritaner wie ja auch die übrigen christlichen Konfessionen damals der Bibel, dass die Sklaverei eine von Gott gewollte Einrichtung sei. In Europa selbst war sie so gut wie ausgestorben, aber seit dem 15. Jahrhundert wurde sie für die überseeischen Gebiete als selbstverständlich von den dortigen Kulturen wieder übernommen. In Virginia wurden afrikanische Sklaven bereits seit 1619 auf den Tabakplantagen eingesetzt.

Wie unter den Indianern blieb die puritanische Mission auch unter den Schwarzen zunächst eher restriktiv. Doch selbst unter den Weißen, meint Hochgeschwender, entstand in den USA niemals „eine rein puritanische Gesellschaft“. In den 1770er Jahren waren in den Neuenglandstaaten wahrscheinlich weniger als 15 Prozent der Bevölkerung  Nachfahren der Puritaner.  Umso erstaunlicher die herausragende Stellung, die diese Minderheit im historischen Gedächtnis einnimmt: Unter den vielen religiösen Konzepten, die im englischen Nordamerika konkurrierten, hatte sie die größte Durchschlagskraft.

Aber auch die größte Flexibilität. Der „compact“ von 1620 war ursprünglich weniger ein Vertrag zwischen den Siedlern als ein Bund zwischen Gott und seinem heiligen Volk – nach dem Vorbild der biblischen Geschichte von Moses und der göttlichen Gesetzgebung am Berg Sinai. Anderthalb Jahrhunderte später konnte dieser Vertrag naturrechtlich umgedeutet werden. König Jakob scheint so etwas bereits geahnt zu haben, als er den Separatisten entgegenhielt, die Formel „kein Bischof“ werde am Ende auch bedeuten „kein König“. Hätte sich die Revolution Oliver Cromwells Mitte des 17. Jahrhunderts durchgesetzt, meinte der Historiker Edmund S. Morgan – die Absonderung der USA 1776 wäre viel schwieriger geworden.

"Mayflower Compact", von Jean Leon
Gerome Ferirs (163-1930) - Bild: Wikipedia 

Dabei unterschieden sich die repräsentativen Strukturen, die in Amerika entstanden, grundlegend auch vom englischen Parlamentarismus. Dort galt die Voraussetzung, nach seiner Wahl sei jeder Abgeordnete nur noch vor sich selbst verantwortlich. In der Kolonie dagegen bildete sich die Mentalität heraus, die Wähler seien sozusagen die Arbeitgeber ihrer „assembly“. Hauptaufgabe des Staates war es, wie Morgan feststellte, dass Eigentum seiner Bürger zu schützen – kein Wunder, dass im Unabhängigkeitskrieg, anderthalb Jahrhunderte nach Landung der „Mayflower“, viele Amerikaner das gesamte politische System in London nur noch als unnütze Verschwendung wahrnahmen.

Die „Mayflower“ mit den Pilgervätern wurde zum großen Mythos der amerikanischen Geschichte. Es wird in den vergangenen vier Jahrhunderten kaum eine politische oder kulturelle Strömung gegeben hatte, die sich nicht auf dieses Erbe berufen hätte. Oft freilich als Aneignung bloß von Fragmenten dieses Erbes, aus dem Zusammenhang puritanischer Moralität herausgelöst. Heute wird bei der „Christlichen Rechten“ versucht, das unmittelbare Verhältnis zum Bibelwort, das nach Vorstellung der Puritaner ihr gesamtes Verhalten leiten sollte, lebendig zu halten, auch in der Politik. Wenn Donald Trump zum Erschrecken vieler Alteuropäer die Alleingeltung des „Deals“ verkündet, dann setzt sich darin – radikal säkularisiert – der puritanische Glaube fort, im Geschäftserfolg sei die Erwähltheit eines Menschen zum jenseitigen Heil zu erkennen. Und ebenso unverkennbar stellt sich die „Cancel culture“, der aktuelle Trend, politisch unerwünschte Inhalte, vor allem, wenn sie als rassistisch oder kolonialistisch verdächtigt werden können, aus der Welt zu tilgen, in die Tradition des puritanischen Strebens nach absolut sündenloser Reinheit. Die Kriterien für „gut“ und „böse“ änderten sich im Laufe der Jahrhundert, der Impetus blieb.

Dabei hatten puritanische Prediger bereits wenige Jahre nach der Ankunft der „Mayflower“ klagten, das „heilige Experiment“ sei gescheitert. Es erwies sich als unmöglich, das Charisma des Anfangs an die folgenden Generationen weiterzugeben. Und viele Einwanderer, die nachdrängten, hatten mit dem Puritanismus nichts im Sinn. So kam es zum Konflikt mit einem gewissen Thomas Morton, der sich in Massachusetts niederließ. Zu den Indianern stellte sich Morton völlig anders als seine puritanischen Konkurrenten: In seiner Kolonie feierten Engländer und Indianer ausgelassene Tanzfeste und Trinkgelage. Für die Puritaner ein Rückfall in finsteres „Heidentum“ – Mortons Siedlung wurde als ein „neuenglisches Kanaan“ gebrandmarkt und zerstört. 1925 stilisierte der Lyriker William Carlos Williams den Abenteurer Morton zum Symbol eines „anderen“ Amerika – eines „weißen“ Amerika, das vielleicht anders mit den Indianern umgegangen wäre, als es wirklich geschah


Auf dem Büchermarkt:

Michael Hochgeschwender: Amerikanische Religion. Evangelikalismus, Pfingstlertum und Fundamentalismus, Insel Verlag, Frankfurt am Main und Leipzig 2018, 316 S., ISBN 978-3-458-24174-4, 12,00 € [D], 12,40 € [A], 17,90 CHF


Mehr im Internet:

Mayflower - Wikipedia 
scienzz artikel Amerikanische Geschichte 

 

 

 

 

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