Kontrovers
Wissenschaft
Politik
Wirtschaft
Kultur
Medien
Kontakt
archiv
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
Kultur

23.11.2020 - KULTURGESCHICHTE

Man kann nie wissen, wie es kommt

Aus der Geschichte des Hamsterns und Hortens

von Josef Tutsch

 
 

Feldhamster Bild: Agnieszka
Szel?g/Wikipedia

„Nagetiergattung aus der Familie der Mäuse“, klärte „Meyers Großes Konversations-Lexikon“ von 1907 seine Leser auf, „plump gebaute Tiere“ mit „sehr großen Backentaschen“. Sie „leben in unterirdischen Bauen auf Getreidefeldern des gemäßigten Europa und Asien und speichern im Herbst bedeutende Nahrungsvorräte“. „Alte Rammler graben mehrere Speicher und tragen bis zu 50 kg Getreide ein“, „auf einem Gang schleppt er in seinen Backentaschen gegen 50 g Getreide fort.“ Ähnlich „Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon“, 1837: „Im Herbst wird er den Getreidefeldern sehr nachteilig, denn in seinen Backentaschen trägt er große Massen der besten Körner in seine Vorratskammern. “

In der populären Naturkunde des 19. und frühen 20. Jahrhunderts hatte der Hamster keinen guten Ruf. Der Hamster „dient häufig zu Vergleichen“, vermerkte 1877 Grimms „Deutsches Wörterbuch“ – nämlich zu Vergleichen mit menschlichem Verhalten. Bereits zu Anfang des Jahrhunderts war das Verb „hamstern“ oder „einhamstern“ aufgekommen, „in dem Sinne von ‚habsüchtig zusammenscharren‘“, wie der „Grimm“ erläuterte. Kinder sollten keinesfalls der Habsucht und dem Geiz des Hamsters nacheifern, warnte 1837 das „Sonntags-Blatt“ des Bayerischen Volksfreundes.

Doch es gab auch die umgekehrte Wertung. In der nationalökonomischen Literatur, hat der Historiker Uwe Spiekermann aufgezeigt, galt der Hamster wegen seiner Sammeltätigkeit als Vorbild des fleißigen, für seine Zukunft vorsorgenden Bürgers. 1961 griff die Bundesregierung diese Tradition wieder auf, ersetzte den Hamster aber durch das Eichhörnchen, das wohl als sympathischer angesehen wurde. Mit der „Aktion Eichhörnchen“ warb das Bundesernährungsministerium dafür, Notvorräte für etwa zwei Wochen anzulegen: „Denke dran, schaff Vorrat an.“ Entsprechend der damals noch gängigen Rollenverteilung in der Familie wurden der Hausfrau Listen mit den Verfallsdaten verderblicher Produkte an die Hand gegeben, dem Mann Hinweise zur Einrichtung und Pflege des Vorratslagers: Der „Bastler im Haus“ werde „an derartigen ‚Lagerspielen‘ gerne seine Phantasie entzünden und zeigen, wie man so etwas unter Männern erledigt".

Mit dem Problem, dass die Nahrungsbeschaffung gegen den Winter hin schwieriger wird, müssen die Menschen sich bereits konfrontiert gesehen haben, als sie vor einigen hunderttausend Jahren die gemäßigten Klimazonen besiedelten. Nachdem die Landwirtschaft aufgekommen war, wurde auch der unregelmäßige Wechsel von reichen und mageren Ernten zum Problem. Ein Fall von langfristiger Planung wird im Alten Testament geschildert: Der Patriarchensohn Joseph rät dem ägyptischen Pharao, aus der Ernte „reicher“ Jahre Rücklagen für die folgende Notzeit zu bilden. Auch in Europa war es bis ins 19. Jahrhundert hinein eine Selbstverständlichkeit, dass im Winter, und manchmal nicht nur im Winter, Hunger drohen konnte.

Es ist heute kaum noch nachzuvollziehen, wie sehr die industrielle Revolution unser Leben da verändert hat. Vor allem in den Städten verlor das Einlagern von Lebensmittel an Bedeutung. Die Verbraucher gewöhnten sich daran, dass sie vielleicht zu wenig Geld hatten, um sich etwas leisten zu können, dass ein hinreichendes Angebot auf dem Markt aber zuverlässig vorhanden war.

Jedenfalls in Normalzeiten. „Man wird nicht mehr sagen“, schrieb 1916 ein gewisser Josef Rieder nachdenklich, „man bekommt ja doch alles beim Kaufmann, sondern wird lieber vorbauen, also denken: man kann nie wissen, wie es kommt.“ Im Ersten Weltkrieg verschaffte sich die „Hamsternatur des Menschen“ als Erbe vorindustrieller Mangelgesellschaften doch wieder Geltung. Rieder stellte aber auch gleich fest, die Gesamtheit der Verbraucher würde durch dieses individuell durchaus verständliche Verhalten geschädigt: Die erhöhte Nachfrage müsste das Angebot verknappen, die Waren am Ende auch verteuern.

Der Hamster wurde zur Symbolfigur der Kriegsjahre und der frühen Nachkriegszeit. Gehamstert wurde allerdings nicht, um Horte für drohende Notzeiten anlegen zu können. Die Notzeit war gegenwärtig, man „hamsterte“ für den unmittelbaren Bedarf. In den Zügen aus den Großstädten aufs Land, klagt die Zeitschrift „Hannoversche Hausfrau“, würden die Abteile „vollgepfropften Sardinenbüchsen gleichen“. Ende Oktober 1923 kam es zum „Overather Kartoffelkrieg“: Hunderte hungrige Kölner strömten mit der Eisenbahn ins Bergische Land. Zunächst versuchten sie, Wertsachen gegen Kartoffeln, Getreide oder Federvieh zu tauschen. Wenn das keinen Erfolg hatte, wurden Felder und Höfe geplündert. Die Bauern versuchten, sich mit Mistgabeln und Dreschflegeln zur Wehr zu setzen.

Hamsterfahrt 1947, Remagen
Bild: Bundesarchiv/Wikipedia 


Mit ihrer Propaganda gegen „Volksschädlinge“ wollten die Machthaber des Dritten Reiches solchen Zuständen in einem neuen Krieg vorbauen. Dabei konnten sie sich auf eine Jahrhunderte alte Tradition beziehen. Das Zinsverbot, das die Kirche unter den Christen lange durchsetzen wollte, hatte dazu geführt, dass oft Juden als Geldverleiher auftraten. Spiekermann hat Belege aus dem frühen 19. Jahrhundert gefunden, dass die Worte „Pfandleiher“, „Hamster“ und „Jude“ nahezu synonym gebraucht wurden.

Und durch die Ausplünderung der besetzten Gebiete im Osten gelang es dem Regime während des Zweiten Weltkriegs, den Mangel gegenüber der deutschen Bevölkerung zu verschleiern. So kam der große Hunger – und damit auch eine neue Welle des Hamsterns – erst in der Nachkriegszeit. In Westdeutschland setzte die Währungsreform 1948 dem erst einmal ein Ende. Im Osten dauerte die drückende Not der ersten Nachkriegsjahre zwar nicht fort. Aber der Mangel an begehrten Waren begleitete die DDR-Wirtschaft bis zu ihrem Ende. Zum Beispiel das weiche Toilettenpapier, das der eine oder andere von Besuchen im Westen oder durch Sendungen von dort kannte. Sogar Gegenstände, von denen man wusste, dass man sie niemals brauchen würde, waren es wert, gehamstert zu werden: Vielleicht konnte man sie ja gegen irgendetwas anderes eintauschen.

Und mit dem Mangel blieb die Schreckfigur des Hamsters allgegenwärtig, nun als Feind, der den Aufbau des Sozialismus zu behindern versuchte. Damit konnte die DDR sogar an sozialdemokratische Traditionen aus dem 19. Jahrhundert anknüpfen. Zum Beispiel das „Berliner Volksblatt“, 1886, griff zum Bild des Hamsterns, um die Akkumulation von Kapital in all ihrer Menschenfeindlichkeit zu umschreiben: „Seht dort einen Hamster, sein Hoffnung und Harren und Trachten ist, Geld zusammen zu scharren. Trotz Menschenantlitz und fehlendem Schwanz, verhamstert ist seine Seele ganz.“

In der Bundesrepublik kam es nur gelegentlich, etwa während des Koreakrieges 1953, zu Panikkäufen. Als die Bundesregierung nach dem Vorbild der Schweiz 1961 ein System der privaten Vorratshaltung aufbauen wollte, wurde die „Aktion Eichhörnchen“ zum totalen Misserfolg. Nach drei Jahren ergab eine Auswertung, dass weniger als drei Prozent der Bevölkerung dieser Aufforderung gefolgt waren. Da spielte sicherlich der begrenzte Platz in den kleinen Wohnungen eine Rolle, ebenso vermutlich ein gewisser Fatalismus: Unter der Voraussetzung, dass ein drohender Krieg in Europa mit Atomwaffen geführt würde, schien jede Überlebensvorsorge widersinnig.

Aufgegeben wurde das Projekt privater Vorsorge aber nicht. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt Privatleuten auch heute, Lebensmittel und Getränke für zehn Tage vorrätig zu halten, außerdem Hygiene- und Apothekenartikel sowie, nicht zuletzt, Batterien, um den Informationsfluss mit der Außenwelt aufrecht erhalten zu können. Eine offensive Werbung dafür gibt es aber nicht, während der Staat selbst umfangreiche Vorräte bereithält, um die Bevölkerung bei kurzfristigen Engpässen mit Lebensmitteln und Öl oder Benzin versorgen zu können. Verderbliches muss regelmäßig ausgetauscht werden. Manchmal werden Bestände auch aus aktuellem Anlass ausgegeben – so 1986, als nach der Katastrophe von Tschernobyl die frisch gemolkene Milch im Verdacht stand, nuklear verunreinigt zu sein.

Ausschlaggebend für den Misserfolg der „Aktion Eichhörnchen“ war sicherlich die Gewöhnung an das zuverlässige Funktionieren der Lieferketten. Eine Zuversicht, der sich, jedenfalls in „Normalzeiten“, nur kleine Teile der Bevölkerung verweigern. Seit dem späten 19. Jahrhundert war das Konzept „Selbstversorgung“ populär geworden, als Versuch, in begrenztem Rahmen, vielleicht bloß in der eigenen Familie, einen geschlossenen Kreislauf von Produktion und Konsum herzustellen. Bei einem Erfolg also auch ohne die Notwendigkeit, Güter von außerhalb zu entnehmen.


Toilettenpapier mit Geldaufdruck            
Bild: Eskaa/Wikipedia


Eine andere Strategie verfolgt der „survivalism“, der Anfang unseres Jahrhunderts aus den USA nach Europa kam, die sogenannte „Prepper“-Bewegung. Hier ist die Selbstversorgung nicht auf Dauer gedacht, sondern bloß vorübergehend, für eine Zeit der Not. Dabei wird die Katastrophe, auf die „prepared“ zu sein es gilt, sehr verschieden aufgefasst: als Krieg, als Zusammenbruch der Weltwirtschaft, als Umweltkrise, als Asteroideneinschlag usw. Entsprechend verschieden sind auch die Prepper selbst. Das Spektrum reicht von militanten Rechtsextremisten und „Reichsbürgern“ über Verschwörungsideologen aller Art bis zu Menschen, die es bloß für sinnvoll halten, mehr Konservenbüchsen oder Mineralwasser oder Toilettenpapier im Keller zu horten als üblich. Im Einzelfall wurden bei Preppern auch schon ganze Waffensammlungen entdeckt.

Werden wir alle in Corona-Zeiten zu „Preppern“, wenigstens ein bisschen, soweit der verfügbare Raum und die Haushaltskasse es erlauben? Wenn man im Supermarkt beobachtet, wie sich die Regal mit Nudeln oder Toilettenpapier gerade rapide leeren, könnte man schon auf den Gedanken kommen, ob es nicht besser wäre, sich ebenfalls rechtzeitig einzudecken, bevor nichts mehr da ist. Nun belehrt die kühle Ratio, dass das Hamstern in Form einer self-fulfilling prophecy jene Knappheit, für die sie vorsorgen will, erst herbeiführt. Aber wenn anscheinend alle anderen sich irrational verhalten –

Allzeit „bereit“ zu sein, erfordert neben viel Platz allerdings auch einiges an Organisation und Disziplin. Sonst droht leicht so etwas wie das „Messie-Syndrom“: Die Wohnung wird unbewohnbar, obwohl es sich bei den gehorteten Gegenständen ja keineswegs um Müll handelt – jedenfalls nicht, solange der Hüter des Hortes den Überblick über die Bestände und über mögliche Verfallsdaten bewahrt. Ob die Hamster – also die echten Hamster – eigentlich alle Vorräte wiederfinden, die sie für den Winter angelegt haben? An einer Stelle im „Brockhaus“ von 1837 klingt unverhohlen Schadenfreude über das Tier durch, das in seiner Unmäßigkeit eben doch nicht zum Vorbild taugt: „Jede seiner Backentaschen kann gegen drei Lot fassen, und oft hat sie das Tier so vollgepfropft, dass es sich nur mit Mühe fortbewegen kann.“


Mehr im Internet:
Hamstern - Wikipedia 
scienzz artikel Wirtschaft 

 

 

 

 

 <<< 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr


Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet