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Wissenschaft

03.11.2020 - GESCHICHTE

Sie garantieren Frieden und motivieren Kriege

Eine Weltgeschichte der Grenzen

von Josef Tutsch

 
 

Hadrianswall bei Wallsend, England
Bild: Mike Bishop/Wikipedia

„Ein Gebäude steht von uralten Zeiten“, dichtete Friedrich Schiller, als er 1802 für sein „tragikomisches Märchen“ „Turandot, Prinzessin von China“ eine Reihe von Rätselsprüchen verfasste. „Es ist kein Tempel, es ist kein Haus“, „Jahrhunderte sind vorübergeflogen, es trotzte der Zeit und der Stürme Heer“, „nicht eitle Prahlsucht hat es getürmet, es dienet zum Heil, es rettet und schirmet.“

„Die große Mauer ist‘s“, lautete die Lösung, „die China von der Tartar‘wüste scheidet.“ Zu Schillers Zeiten war die Chinesische Mauer, mit 6.000 Kilometer Länge die größte Grenzbefestigung der Weltgeschichte, über weite Strecken längst verfallen. In China herrschte die Qing-Dynastie, deren Vorfahren aus dem Volk der Mandschu einst selbst die Mauer überwanden, mit der sich das Reich der Mitte gegen die räuberischen Nomadenstämme aus dem Norden zu schützen versucht hatte. Bereits 1215 hatte die Mauer nicht verhindern können, dass Peking durch die Mongolen unter Dschingis Khan erobert wurde.

„Grenzen schützen Gemeinschaften, aber erschweren den Verkehr“, schreibt der Berliner Historiker Alexander Demandt in seinem neuen Buch mit dem lapidaren Titel „Grenzen“, sie „garantieren Frieden und motivieren Kriege“. Grenzen sind „Orte der Feindschaft, wo Nachbarn sich bekämpfen“ und „Orte der Freundschaft, wo Menschen einander begegnen“ – je nachdem, inwieweit diese Grenzen respektiert werden. Das Phänomen, dass Grenzen gesetzt werden, ist älter als der Mensch selbst. Tiere zahlreicher Arten verteidigen ihr Revier gegen Artgenossen, selbst ortsfeste Pflanzen behaupten ihren Standort, wo sie wurzeln.

Demandt hat eine Weltgeschichte des Phänomens „Grenze“ vorgelegt. Das deutsche Wort geht auf das polnische „graniza“ zurück und ist erstmals in einer pommerschen Urkunde aus dem Jahr 1174 belegt; darin ging es um den Grundbesitz eines Klosters. Die lateinische Entsprechung „terminus“ meinte ursprünglich den Grenzstein. Das griechische Wort „„horos“ findet sich oft als Inschrift auf Grenzsteinen, nahm bereits bei Platon aber auch eine übertragene Bedeutung an, im Sinne von „Begriffsdefinition“.

Seit der Antike reflektierten Philosophen, Wissenschaftler und Schriftsteller über die räumlichen und die zeitlichen Grenzen der Welt sowie über die Schranken, die unserem Handeln und Erkennen gesetzt sind, möglicherweise ganz grundsätzlich und unüberschreitbar. Am Anfang der biblischen Geschichte steht die Ausweisung der Menschen aus dem Paradies. Zu den großen Themen unserer Gegenwart gehört die Frage nach den „Grenzen des Wachstums“, wie es der Club of Rome 1972 formulierte. In den modernen westlichen Staaten hat die Staatsmacht sich selbst ihre als unverrückbar gedachte Grenze im Recht gesetzt.

Trotz dieser Weiterungen – für den Historiker geht es zu allererst um „Hoheits-“ oder „Staatsgrenzen“. Romulus, der Gründer Roms, erschlägt seinen Bruder Remus, weil der spottend über die Stadtgrenze gesprungen ist. Der Schutz der Grenzen gehört zu den zentralen Aufgaben der Staaten – das erklärt das Befremden in großer Teilen der  deutschen Öffentlichkeit, als Bundeskanzlerin Angela Merkel 2015 erklärte, die 3.000 Kilometer Grenze um Deutschland könne man nicht schützen. Wenige Monate später präzisierte sie ihre Aussage: Die Außengrenzen der Europäischen Union könnten und müssten sehr wohl geschützt werden.

Älter als die Grenzen der Staaten sind wahrscheinlich die Grenzen privater Besitztümer – das lateinische Wort „privat“ bedeutet soviel wie „dem Zugriff anderer entzogen“, es sichert das Eigentum derer, die „haben“, vor dem Begehren jener, die „nicht haben“. „Verschieb nicht die alte Grenze, die deine Väter gesetzt haben“, heißt es in der Bibel. Bei den Griechen trug der oberste Gott Zeus den Beinamen „Horios“, „der die Grenzen Schützende“. „Keiner verrücke die Grenzen“, lautet die erste aller Vorschriften in Platons Alterswerk „Über die Gesetze“.

Chinesische Mauer nahe Peking
Bild: Leonard G./Wikipedia 


Dabei sahen die Griechen realistisch, dass Grenzen durch unterschiedliche materielle Verhältnisse bedingt waren. „Manche Städte umgaben sich mit Mauern, da sie immer reicher wurden“, schrieb Thukydides in seinem Rückblick auf die frühe griechische Geschichte. Trotz aller Wertschätzung der Grenzen als einer Grundlage menschlicher Kultur – auch bei Griechen und Römern gab es den Traum von einer paradiesischen Existenz ohne Grenzen. Im goldenen Zeitalter habe es keine Abgrenzungen gegeben, wie Licht und Luft sei auch die Erde Gemeingut gewesen, dichtete Ovid in seinen „Metamorphosen“. In der Moderne hat sich dieser Traum in den sozialistischen Zukunftsvisionen fortgesetzt.

Am Hofe des Kaisers Augustus nannte der Dichter Vergil das Römische Reich ein „imperium sine fine“, ohne räumliche und zeitliche Grenzen. „Anderen Völkern ist ein Gebiet mit festen Grenzen gegeben“, schrieb Ovid, „für Rom aber sind Stadt und Erdkreis identisch.“ Die Realität sah anders aus: Bereits Augustus‘ Nachfolger Tiberius verzichtete auf das Ziel, die Grenze bis zur Elbe vorzuschieben. Der Limes, mit dessen Anlage Kaiser Domitian in den 80er Jahren begann, wurde mit seinen rund 550 Kilometern für anderthalb Jahrhunderte zur Nordgrenze des Imperiums.

„Trotz aller Schutzmaßnahmen wurde der Limes mehrfach durchbrochen“, schreibt Demandt – ähnlich wie die zehnmal längere Chinesische Mauer auch. Beide Grenzen erfüllten ihre Funktion nur eine Zeit lang. Lässt sich daraus auf eine Vergeblichkeit aller Grenzsicherungsmaßnahmen schließen? Über die Jahrhunderte betrachtet, sicherlich. Der Historiker zieht am Ende seines Buches ein recht triviales Fazit: „Alles endet irgendwo, irgendwann, irgendwie.“ Und zitiert den Philosophen Seneca: „Wie lächerlich sind die Grenzen der Sterblichen!“

Nur eine Zeit lang … Inwieweit das mehr ist als nichts, wäre keine geschichtswissenschaftliche, sondern eine geschichtsphilosophische Frage. Einige Generationen lang ermöglichten die Chinesische Mauer und der römische Limes vielen Menschen eben doch ein Leben in relativer Sicherheit. Einer Sicherheit, die aus Perspektive derer „draußen“ aber zugleich eine massive Benachteiligung bedeutete. In der Völkerwanderung wurde mit der politischen Grenze des Imperiums auch diese Wohlstandsgrenze zeitweise aufgehoben.

Die erste Silbe des lateinischen Wortes „terminus“ für Grenze oder Grenzstein, erläutert Demandt, hängt übrigens mit dem deutschen „durch“ zusammen. Dass Grenzen nicht ganz und gar undurchlässig sind, dass sie über- und durchschritten werden können, gehört zum Phänomen mit dazu. Wer „Grenze“ sagt, der sagt auch „Schmuggel“, ob nun mit Waren oder mit Menschen. „Die Fluchthelfer von Juden aus dem Dritten Reich und von Dissidenten aus den Ostblockstaaten beurteilen wir positiv“, vermerkt Demandt, „die Sklaven- und Mädchenhändler, die Schleuser und Schlepper negativ.“

Grenzen können ihre kuriosen Auswirkungen haben, zum Beispiel wenn die Markierungen auf dem Boden hoch oben in der Luft fortgeschrieben werden. Im April 1985, erinnert sich der Autor, reiste er in den USA mit dem Flugzeug von Denver nach Los Angeles. Irgendwann kam die Durchsage, der Ausschank von Alkohol werde nun für einige Zeit unterbrochen: Die Grenze zu Utah werde gerade überflogen, man müsse sich an die Gesetze des Mormonenstaates halten.

Grenzen gibt es auch innerhalb von Staaten. In der Antike boten viele Heiligtümer Asyl, in modernen Staaten sind die Parlamente oft mit einer Bannmeile „umfriedet“. Andererseits – bis in die frühe Neuzeit hinein, hatten viele Städte Europas abgeriegelte Viertel, in denen die Juden des Nachts eingeschlossen waren; in Rom blieb dieses Ghetto sogar bis 1848 erhalten.

Der bekannteste Fall, dass Grenzen nicht die draußen aus-, sondern die drinnen einschließen sollen, ist die Berliner Mauer im Kalten Krieg. Die Kunsthistorikerin Margarete Kühn, in den 1950er und 1960er Jahren Direktorin der Schlösser und Gärten in Berlin-Charlottenburg, erzählt Demandt, wollte ihrem Kollegen im Park von Wörlitz einen Schwan zukommen lassen – dort waren die Schwäne allesamt gejagt und verspeist worden. Am Checkpoint Charlie gab es Schwierigkeiten: „Schwäne sind als erlaubte Einfuhr nicht zugelassen.“ Im Gespräch zwischen Kühn und dem Leiter der DDR-Grenzpolizei wurde eine Lösung gefunden. Eine Detailvorschrift besagte, dass Kanarienvögel zugelassen seien. Also wurde der Schwan als solcher deklariert.

Mauerbau am 13. August 1961 in Berlin    
Bild: Bundesarchiv, 173-1321/Wkipedia 


Der „Verkauf“ von Bürgern, die bei der „Republikflucht“ gescheitert waren, an die Bundesrepublik wurde für die DDR zu einem lukrativen Geschäft – einschließlich der Mogelei, dass dabei auch Kriminelle untergemischt wurden. Nach dem Zerfall der Sowjetunion und Jugoslawiens ist das Netz von Staatsgrenzen in Osteuropa heute viel „dichter“ als noch vor drei Jahrzehnten. „Wo Großmächte Interessensphären behaupten, verlieren Staatsgrenzen ihre Bedeutung“, stellt Demandt fest. „Wo Hegemonialansprüche schwinden, gewinnen Staatsgrenzen im Inneren wieder an Rang.“

Nur auf wenigen Seiten geht der Historiker im Schlusskapitel auf den „Traum vom Paneuropa“ ein, den Traum „von einem Europa ohne trennende staatliche Grenzen, offen für den Verkehr von Menschen, den Austausch von Waren und die Ausbreitung von Ideen nebst einer gemeinsamen Regelung der inneren Belange“ – aber auch, wie Demandt wie selbstverständlich hinzufügt, „der Abwehr äußerer Bedrohung“. Der Forscher verschweigt nicht seine Skepsis gegenüber der unkoordinierten Art, wie die Europäische Union und die einzelnen Nationen in den letzten Jahren mit dem Andrang von Flüchtlingen und Zuwanderern umgegangen sind: „Versagt die Staatsgewalt, so obsiegt die Willkür.“

Reine Willkür sind viele der Grenzen im heutigen Afrika: Die Kolonialmächte zogen sie mit dem Lineal. Wenn wir im Gegenzug sagen, die meisten Grenzen in Europa seien „historisch gewachsen“, meint das allerdings eine mindestens ebenso blutige Realität: gewachsen in Jahrhunderten der Kriege. „Gewalt geht vor Recht“, klagen die Weisen seit dem Propheten Habakuk. Nur ganz selten, konstatiert Demandt, entstehen Grenzen durch Einvernehmen, in der Regel durch Gewalt – und durch Gewöhnung an Gewalt, die manchmal Jahrhunderte oder Jahrtausende alt sein kann. Radikale Zionisten begründeten die Ansprüche des Staates Israel auf ganz Palästina gern mit dem halb und halb sagenhaften Reich des Königs David um 1000 v. Chr.

Gerade nach Abschluss des Manuskripts hat sich der Mangel an politischer Koordination in Europa angesichts von Corona wiederholt: „Die Bereitschaft, die Grenzen zugunsten der Fremden zu öffnen, ist zurückgetreten hinter das Erfordernis, die Grenzen zugunsten der Einheimischen zu schließen.“ Ob diese Maßnahmen irgendwie zielführend sind – 1721 wollten sich die Grafschaft Venaissin und die Stadt Avignon mit einer 25 Kilometer langen und zwei Meter hohen Mauer gegen die Pest schützen, die damals in Marseille wütete. Ein halbes Jahr später hatten sich die Verhältnisse umgekehrt. Avignon wurde von der Pest heimgesucht, die in Marseille bereits abgeklungen war. Nun sollte die Mauer die südliche Provence vor einer Rückkehr der Pest schützen.


Neu auf dem Büchermarkt:

Alexander Demandt: Grenzen. Geschichte und Gegenwart, Propyläen, Ullstein Verlage, Berlin 2020, ISBN 978-3-549-07498-5, 656 S. mit 16 farb. und 26 s/w. Abb. und 20 Kart., 28,00 € [D], 28,80 € [A], 31,90 CHF


Mehr im Internet:
Grenzen - Wikipedia
Alexander Demandt: Grenzen. Geschichte und Gegenwart, Propyläen 
scienzz artikel Geschichte 

 

 

 

 

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