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Kultur

30.11.2020 - FRANZOESISCHE LITERATUR

Der produktivste Schriftsteller der Weltliteratur

Vor 150 Jahren verstarb Alexandre Dumas der Aeltere

von Josef Tutsch

 
 

Alexandre Dumas d. Ä., Fotografie
von Nadar, 1855 - Bild: Wikipedia

Als Alexandre Dumas am 5. Dezember 1870 im Alter von 68 Jahren verstarb, lagen aus seiner Feder mehr als 400 Bände mit Romanen und gut zwei Dutzend Bände mit Theaterstücken vor, außerdem Memoiren und Reiseberichte sowie ein „Großes Wörterbuch der Kochkunst“. Alles in allem schätzungsweise 100.000 Druckseiten – das wahrscheinlich umfangreichste Werk eines einzelnen Schriftstellers in der gesamten Weltliteratur.

Ob man allerdings von der Feder eines „einzelnen Schriftstellers“ sprechen darf – in seinen Memoiren räumte Dumas beiläufig ein, viele der Romane und Erzählungen, die unter seinem Namen vorlagen, seien gar nicht von ihm geschrieben, jedenfalls nicht von ihm allein. Seit den frühen 1840er Jahren hatte er eine Schreibwerkstatt aufgebaut, vergleichbar den Werkstätten, wie sie im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit die großen Maler betrieben, zum Beispiel Raffael oder Rubens. Dumas entwickelte die Idee, wie die Handlung eines Romans ablaufen könnte. Seine Mitarbeiter recherchierten dann in den Quellen, damit das historische Kolorit der Abenteuerromane glaubwürdig ausgearbeitet werden konnte, und formulierten, gemeinsam mit Dumas selbst und unter seiner Aufsicht, den Text.

Das ermöglichte eine Serienproduktion, wie man sie in der schönen Literatur bislang nicht kannte. In den 1830er Jahren war in Frankreich der „Fortsetzungsroman“ aufgekommen: Tag für Tag veröffentlichten die Zeitungen im Feuilleton ein Kapitel, das die Leser natürlich animieren sollte, sich am folgenden Tag wieder das Blatt zu kaufen. 1842/42 landete Dumas‘ Kollege Eugène Sue mit seinem Roman „Die Geheimnisse von Paris“ im „Journal des débats“ einen Sensationserfolg. Im März 1844 stieg auch Dumas in „Le siècle“ mit den „Drei Musketieren“ ins Geschäft ein. Wenig später folgte im „Journal“ der „Graf von Monte Christo“.

Usw. usf., ein Vierteljahrhundert lang in rascher Folge einen Roman nach dem anderen, zunächst Kapitel für Kapitel in den Zeitungen, dann auch als Buchausgaben. Die schnelle  Produktion, die von den Zeitungen gefordert wurde, war Dumas bereits gewöhnt. Mehr als ein Jahrzehnt lang hatte er Saison für Saison immer wieder ein neues Theaterstück geliefert. Einige seiner Stücke waren große Erfolge gewesen, geschrieben ebenfalls oft in Zusammenarbeit mit Kollegen, vor allem mit Gérard de Nerval. Das Historienstück „Heinrich III. und sein Hof“ hatte ihm 1829 auf einen Schlag zur Berühmtheit verholfen. Zwei Jahre später machte das Ehebruchdrama „Antony“ Furore: An soviel zerstörerische Leidenschaft auf der Bühne war das Pariser Theaterpublikum damals nicht gewöhnt.

Doch offenbar schien das Theater als Einnahmequelle Dumas nicht verlässlich genug. Nachdem er 1838 Auguste Maquet begegnet war, einem jungen Professor für Geschichte, verlegten sich beide auf die Produktion von historischen Romanen in der Art eines Walter Scott. Maquet war vielleicht ein wenig öffentlichkeitsscheu, jedenfalls hatte er keine Einwände dagegen, dass Dumas seinen Namen auf die Titel setzte.

Wie viel genau an den Romanen der 1840er Jahre auf das Konto des einen oder des anderen geht, wird sich wohl niemals klären lassen. Es sind gerade diese frühen Romane aus Dumas Schreibwerkstatt, die heute noch gelesen werden. Voran „Die drei Musketiere“, eine wahrhaft geniale Melange von Romantik und Historie, von phantasievoller und spannungsreicher Handlung einerseits, dem Schein korrekt dargestellter Vergangenheit andererseits. Man darf unterstellen, dass die folgenden Generationen nicht nur in Frankreich ihr Bild vom Hof König Ludwigs XIII. und der Politik Kardinal Richelieus weniger dem Schulunterricht verdanken als diesem Roman.

Und dann auch seinen vielen Verfilmungen, angefangen bei Douglas Fairbanks Darstellung des d‘Artagnan 1921 – dem Mantel- und Degenfilm schlechthin. Die französische Geschichte vom 16. bis zum 19. Jahrhundert blieb das vorrangige Sujet in den Romanen aus Dumas‘ Werkstatt. Die „Königin Margot“ von 1845 befasste sich mit den Religionskriegen zwischen Katholiken und Protestanten im späten 16. Jahrhundert. Der „Vicomte de Bragelonne“, 1847 bis 1850, auch bekannt unter dem Titel „Der Mann mit der eisernen Maske“, warf die Frage auf, ob jener geheimnisvolle Staatsgefangene unter Ludwig XIV., dessen Identität niemals geklärt wurde, womöglich ein Zwillingsbruder des Königs war. Die Romanreihe „Memoiren eines Arztes“, erschienen von 1846 bis 1853, thematisierte den Niedergang des Ancien régime im 18. Jahrhundert.

"Die drei Musketiere", Illustration von
Maurice Leloir, 1894 - Bild: Wikipedia 


Die Literaturhistoriker haben Dumas‘ historische Romane hart kritisiert. Im Vergleich etwa zu Victor Hugos Roman „Die Elenden“, 1860, würden sich zum Beispiel die „Memoiren eines Arztes“ „mit einer eher oberflächlichen Ausbreitung der Stofffülle begnügen“, ist in „Kindlers Literaturlexikon“ zu lesen. „Das Historische wird nicht weiter durchdrungen, sondern lediglich als Erzählmaterial für ein buntes, großflächiges Sittengemälde verwendet.“ Ein Urteil, dem sich schwer widersprechen lässt. Aber auf der anderen Seite stehen, wie dort im selben Atemzug eingeräumt wird, eine ungeheure „Lebendigkeit“ der Darstellung und ein „Geschick“ im Aufbau eines Spannungsbogens, wie sie in der Literaturgeschichte ihresgleichen suchen.

Und, darf man hinzufügen, auch eine staunenswerte organisatorische Leistung. Dumas verstand es, die Mitarbeiter seines Schreibbüros auf jenen unverkennbaren Stil einzuschwören, der unter dem Namen „Alexandre Dumas“ als Marke bei einem weltweiten Publikum bekannt wurde und bis heute beliebt ist. So schnell seine „Firma“ mit der Serienproduktion von Romanen Geld einnahm – so leicht gab ihr Inhaber und Namengeber es auch wieder aus. Er baute sich ein Schloss, kaufte ein Segelschiff und einen Privatzoo, hielt sich Pferde und Maitressen, versorgte den italienischen Freiheitskämpfer Giuseppe Garibaldi mit Waffen – und stand einige Male am Rande des Bankrotts, musste vor seinen Gläubigern fliehen.

Seine Reisen durch halb Europa wiederum verwertete er in spannend geschriebenen Reiseberichten. Das Leben eines Getriebenen. Der frühe Roman „Georges“, erschienen 1843, lässt etwas von den Verletzungen ahnen, die dahinter gestanden haben mögen. Dumas verarbeitete darin die Geschichte seiner Familie. Sein Vater war das Kind eines adligen Plantagenbesitzers auf Haiti mit seiner schwarzen Sklavin gewesen. Noch der Enkel hatte im französischen Mutterland unter rassistischen Anfeindungen zu leiden. Das ungeheure Arbeitspensum, das er sich auflastete, sollte der Welt zeigen, was in ihm steckte. Sein Sohn Alexandre Dumas d. J. führte die Schreibwerkstatt des Vaters zwar nicht fort, war jedoch als Schriftsteller kaum weniger produktiv. Jahr für Jahr brachte er mindestens einen Roman oder ein Theaterstück heraus. Am bekanntesten bis heute: „Die Kameliendame“. Als Vorlage für Giuseppe Verdis Oper „La Traviata“ erlangte sie Weltruhm.

Dass Reaktionen auf Verletzungen auch ganz anders ausfallen konnten als in seiner eigenen Biographie, das zeigte Dumas in einem seiner berühmtesten Romane, dem „Grafen von Monte Christo“, 1844 bis 1846. Die Story war dem Archiv der Pariser Polizei entnommen: Ein Mann muss lange Zeit unschuldig im Gefängnis verbringen, kommt nach seiner Entlassung zu Reichtum und rächt sich unerbittlich. Mit viel Phantasie gestaltete Dumas daraus eine spannende Erzählung, die bis heute nicht nur Jugendliche in ihren Bann zieht. Dass der Handlungsablauf etwas unwahrscheinlich wirkt, dass man bei der Lektüre manchmal nicht so recht weiß, ob die Hauptfigur aus kleinlicher Rachsucht handelt oder im Sinn einer gerechten Weltordnung  – was tut‘s, der Leser ist geneigt, Dumas die Geschichte Wort für Wort abzunehmen. Fremdenführer auf der ehemaligen Gefängnisinsel Chateau d‘If vor der Küste von Marseille versichern, sie würden von den Besuchern des öfteren gefragt, in welcher der Zellen der Romanheld denn gesessen habe. 


Mehr im Internet:
Alexandre Dumas d. Ä. - Wikipedia 
scienzz artikel Französische Literatur 

 

 

 

 

 

 

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