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04.11.2020 - DEUTSCHE GESCHICHTE

Wirtschaftliche Modernisierung, politische Modernitaetsverweigerung

Geschichte und Erbe des deutschen Kaiserreiches

Josef Tutsch

 
 

Denkmal des "Hauptmanns"
Berlin-Köpenick
Bild: Membeth/Wikipedia

Bürgermeister Georg Langerhans hat bis heute keinen guten Ruf. „Einen Finger an die Hosen und den andern an die Stirn“, spottete man schon wenige Tage nach jenem Vorgang am 16. Oktober 1906 im Rathaus von Köpenick, der ihn in den Augen der deutschen Öffentlichkeit zur Witzfigur machte. Langerhans habe sich „wie ein typischer preußischer Reserveoffizier“ verhalten, war die gängige Meinung. Bei der Konfrontation mit einem vermeintlich militärisch Vorgesetzten habe er sich sofort in einen unterwürfigen Befehlsempfänger verwandelt.

Von dem, was im Köpenicker Rathaus an diesem Tag wirklich geschah, war dieses öffentliche Zerrbild denkbar weit entfernt, deckt der Düsseldorfer Historiker Christoph Nonn in seiner neuen „Geschichte des deutschen Kaiserreiches“ auf. Als der falsche „Hauptmann“ Wilhelm Voigt sein Büro betrat und ihn für verhaftet erklärte, legte Langerhans keineswegs unterwürfig die Hände an die Hosennaht. Er verlangte vielmehr, Voigts Dienstausweis und den Haftbefehl zu sehen. Nachdem ihm dies verweigert wurde, wollte er mit seinem zivilen Vorgesetzten, dem Landrat, telefonieren. Einige Male wies er Voigt auf die Ungesetzlichkeit des Verfahrens hin, wich am Ende jedoch der Drohung mit Gewalt.

Nonn hat nicht nur diese „Köpenickiade“, die Carl Zuckmayer 1931 zu seinem deutschen Märchen bearbeitete, anhand von Akten und Dokumenten rekonstruiert, sondern insgesamt ein Dutzend solcher Vorgänge aus der Zeit des deutschen Kaiserreichs, von der Ausrufung des preußischen Königs zum Kaiser im Spiegelsaal von Versailles 1871 bis zum Untergang der deutschen Monarchien 1918. Aus einer immensen Fülle von Details gewinnt der Leser einen Eindruck nicht nur von den Geschehnissen selbst, sondern auch von ihren Hintergründen – und von ihrem Fortleben im Gedächtnis der Nachwelt.

Der Band setzt ein mit dem Festakt am 18. Januar 1871, der als „Reichsgründung“ bekannt ist. Das Volk oder seine Vertretung, also ein Parlament, waren von der Feier ausgeschlossen. Sogar der Historienmaler Anton von Werner, der im Auftrag des preußischen Kronprinzen Friedrich Wilhelm das Geschehen im Bild festhielt, wurde, so berichtet Nonn, von irgendeinem Hofmarschall angeraunzt, was er als Zivilist bei diesem Anlass eigentlich zu suchen habe.

In der ersten Fassung seines Gemäldes brachte Werner neben den vielen Fürsten und hohen Offizieren immerhin auch gewöhnliche Soldaten mit aufs Bild, zwei preußische und zwei bayerische Gardisten. Von den Querelen hinter den Kulissen konnte er nichts ahnen. Bismarck hatte sich mit König Wilhelm heftig zerstritten. Wilhelm wollte zum „Kaiser von Deutschland“ ausgerufen werden. Doch das hätte, wie Bismarck sehr genau wusste, dem bayerischen König Ludwig II. seine Zustimmung, die ohnehin mit viel Geld erkauft werden musste, noch viel schwerer gemacht. Der Titel „Deutscher Kaiser“ war weniger verfänglich. Irritiert nahm Werner zur Kenntnis, dass der neue Kaiser seinen Ministerpräsidenten bei der Feier demonstrativ ignorierte.

Als das „Hoch!“ des badischen Großherzogs auf den neuen Kaiser von allen Anwesenden mit „Hurra!“-Rufen erwidert wurde, berichtete Werner später, schrie er mit und „konnte dabei natürlich nicht zeichnen“. Wenige Jahre zuvor hatte er die politische Verfassung Preußens noch mit Unbehagen angesehen: viel zu sehr vom Militär bestimmt. Nach Preußens Sieg über Österreich und dann erst recht im Krieg gegen Frankreich „bekehrte“ er sich zur Bismarckschen Politik – wie auch sonst weite Teile des deutschen Bürgertums. Eine Wandlung, die ihm zweifellos sehr erleichtert wurde, indem ihm der Auftrag des Kronprinzen das Sprungbrett zu einer großen Karriere bot.

Ja, auch solche Erwägungen, die man getrost „opportunistisch“ nennen kann, gehören zu den vielen Antrieben der deutschen Geschichte. Ähnlich die menschlich-allzumenschlichen Empfindlichkeiten, etwa bei jenem Gespräch zwischen Reichskanzler Bismarck und dem jungen Kaiser Wilhelm II. am 15. März 1890, das wenige Tage später zu Bismarcks Rücktritt führte. Morgens um neun Uhr hatte der junge Kaiser Wilhelm II. seinem Reichskanzler ausrichten lassen, er wünsche ihn eine halbe Stunde später im Auswärtigen Amt zu sehen. Eine grobe Unhöflichkeit, vermerkt Nonn: „Schließlich wusste der Kaiser genau, dass der alte Kanzler meist die Nacht zum Tag machte, zudem schlecht schlief und deshalb selten vor Mittag aus dem Bett kam.“

Bismarck bei der Proklamie-
rung des Deutschen Kaiser-
reichs 1871, Gemälde von
Anton von Werner, 1885
Bild: Wikipedia 


Irgendwie rutschte dem verärgerten und übermüdeten Kanzler bei dem Gespräch die Bemerkung heraus, ihm sei aus Sankt Petersburg berichtet worden, Zar Alexander III. habe sich über seinen deutschen Vetter recht abfällig geäußert. Vermutlich gewann der Kaiser aus Bismarcks Tonfall den Eindruck, der zitiere diese Äußerung durchaus beifällig – oder womöglich habe er sie gar selbst erfunden. Er wollte den Bericht lesen und griff, als Bismarck das verweigerte, nach der Akte. Darin wurde er als „schlecht erzogener Junge“ bezeichnet. „Weiß glühend vor Wut“, schreibt Nonn, „rauschte Wilhelm sporenklingend und säbelrasselnd ab“.

Bloße Nebensächlichkeiten, bloß anekdotisches Beiwerk der Geschichte? Wie hoch oder wie gering ist der „Stellenwert“ solcher Details einzuschätzen? Ziel seines Buches, schreibt Nonn in der einleitenden „Gebrauchsanweisung“, sei „eine multiperspektivische Darstellung, eine Art Kaleidoskop, das die ungeheure Vielschichtigkeit des Lebens im deutschen Kaiserreich zumindest ansatzweise abbildet“. Ein weiteres Beispiel aus diesem Kaleidoskop ist etwa das Attentat auf Kaiser Wilhelm I., das Bismarck 1878 den Anlass für die „Sozialistengesetze“ lieferte. Oder das Memorandum, mit dem Admiral Alfred von Tirpitz 1896 den Ausbau der deutschen Kriegsflotte einleitete. Oder die „Daily-Telegraph-Affaire“ von 1908, die einer staunenden Weltöffentlichkeit zeigte, wie Kaiser Wilhelm II. an Reichsregierung und Reichstag vorbei seine ganz „persönliche“ Außenpolitik betrieb.

Nonn befasst sich auch mit Vorgängen, an denen keiner der politischen Protagonisten beteiligt war. Im Juli 1876 machte im Dorf Marpingen bei Saarbrücken die Nachricht die Runde, einigen jungen Mädchen sei die Jungfrau Maria erschienen. In der Folge gab es einige „wunderbare“ Heilungen. Marpingen wurde zum Wallfahrtsort, obwohl das Bistum Trier kein „übernatürliches Geschehen“ anerkennen wollte. Bei Skeptikern kam rasch der Verdacht auf, die Erscheinungen seien von den Gasthäusern im Ort angeregt, die natürlich an den Pilgern verdienten.

Aber offenbar war die Kausalreihe gerade umgekehrt, stellt Nonn fest: Der Wirtschaftsaufschwung in Marpingen kam erst im Nachhinein. Im Juli des Jahres rückten Soldaten aus Saarlouis an, um „Zusammenrottungen“ und „Ausschreitungen“ zu unterbinden. Die preußische Armee, wurde geklagt, benehme sich in katholisch besiedelten Gebieten „wie in Feindesland“. Es war die Zeit des „Kulturkampfes“ zwischen der Regierung Preußens und des Reiches einerseits, der katholischen Kirche andererseits. Die Erscheinungen, die sich leicht als abergläubisch verdächtigen ließen, boten den Konservativen in Berlin eine willkommene Gelegenheit, Liberale und Katholiken gegeneinander auszuspielen.

Ein Beispiel, dass in Nonns Detailstudien so etwas wie eine große Linie erkennbar wird: Es war ein Betriebsgeheimnis der konservativen Herrschaft im Kaiserreich, dass Liberale und Katholiken miteinander nicht bündnisfähig waren – und beide erst recht nicht mit den Sozialdemokraten. Eine solche oppositionelle Mehrheitsbildung deutete sich erstmals an, als es 1911 darum ging, im „Reichsland Elsaß-Lothringen“, das bislang von Berlin aus regiert wurde, nach vier Jahrzehnten endlich eine Verfassung einzuführen. Von der Regierungsverantwortung war diese potentielle Mehrheit jedoch systematisch ausgeschlossen.

Fragt man nach dem „Erbe“ des Kaiserreichs, meint Nonn in einem kurzen Schlusskapitel, müsse vor allem diese Diskrepanz zwischen dem allgemeinen und gleichen Wahlrecht für Männer einerseits, der Machtkonzentration bei einer nur dem Monarchen verantwortlichen Regierung andererseits als atal gelten. Als die Verfassung von 1919 den Reichstag zum Machtzentrum erhob, waren die Parteien nicht darauf vorbereitet, selbst Verantwortung zu übernehmen. In der Weimarer Republik wagten es die Parteiführungen nur selten, ihren Mitgliedern und Wählern unpopuläre Entscheidungen zuzumuten. Nonn: „Wer nach kausalen Zusammenhängen zwischen der Entwicklung des Kaiserreichs und dem weiteren Verlauf der deutschen Geschichte sucht, wird sie vor allem hier finden.“

Eine politische Modernitätsverweigerung, die um so befremdlicher wirkt, als Wirtschaft und Gesellschaft sich in diesem halben Jahrhundert geradezu rasant „modernisierten“. 1871 lebten noch zwei Drittel der Bevölkerung direkt oder indirekt von der Landwirtschaft, 1918 verdiente die große Mehrheit ihr Geld in der Industrie. Gleichzeitig entwickelte sich das Deutsche Reich zu einer führenden Nation in Wissenschaft und Technik. Seit der Jahrhundertwende öffnete sich das höhere Bildungswesen auch für Frauen. Kurzum: „Zwischen 1871 und 1918 entstand das moderne Deutschland.“

"Dropping the Pilot", Karikatur  
von John Tenniel in "Punch",
1890 - Bild: Wikipedia 


Den vielgescholtenen Militarismus des Kaiserreichs beurteilt Nonn eher zurückhaltend. Sicherlich, es gab ihn, es gab auch den „Kadavergehorsam“. Zwei Jahre nach der „Köpenickiade“ ließ sich der konservative Abgeordnete Elard von Oldenburg-Januschau zu der Bemerkung hinreißen: „Der König von Preußen und Deutsche Kaiser muss jeden Moment imstande sein, zu einem Leutnant zu sagen: Nehmen Sie zehn Mann und schließen Sie den Reichstag!“ Aber ob dieser Militarismus tatsächlich weiter verbreitet war als in anderen europäischen Ländern, sei doch sehr zweifelhaft.

Ein eigenes Kapitel des Bandes gehört der Kolonialpolitik. Seit einigen Jahren hat der Krieg gegen die Herero in Südwestafrika 1904 die Aufmerksamkeit der Historiker auf sich gezogen. Ob die Soldaten der deutschen „Schutztruppe“ tatsächlich den Befehl hatte, alle Herero einschließlich Frauen und Kindern zu töten, muss Nonn offen halten. Der Terminus „Vernichtung“ meinte im damaligen Sprachgebrauch zunächst einmal, dass dem Gegner jede Möglichkeit genommen wurde, weiter zu kämpfen.

Sicher ist, dass die deutschen Militärs sich in der Heimat gern ihrer brutalen Kriegsführung rühmten. Im Ergebnis handelte es sich tatsächlich um einen „Völkermord“, konstatiert Nonn. Doch anders als im Dritten Reich gab es in der deutschen Öffentlichkeit Proteste. Im Reichstag forderten Abgeordnete von Sozialdemokraten, Linksliberalen und Zentrum, den Befehlshaber Lothar von Trotha abzuberufen. Dem kam Kaiser Wilhelm II. nicht nach, ordnete im Dezember 1904 jedoch an, gegenüber kapitulierenden Herero müsse „Gnade“ geübt werden. Viel Wirkung hatte das nicht. Nonn schätzt, dass von den etwa 70.000 Angehörigen der Herero- und Namastämme, die es 1903 gab, nur rund 16.000 den Völkermord überlebten.


Neu auf dem Büchermarkt:
Christoph Nonn: 12 Tage und ein halbes Jahrhundert. Eine Geschichte des deutschen Kaiserreiches 1871 – 1918, Verlag C. H. Beck, München 2020, 687 S. mit 16 Abb., ISBN 978-3-406-75569-9, 34.- € 


Mehr im Internet:

Deutsches Kaiserreich - Wikipedia 
Christoph Nonn: 12 Tage und ein halbes Jahrhundert, Verlag C. H. Beck 
scienzz artikel Deutsche Geschichte

 

 

 

 

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