Kontrovers
Wissenschaft
Politik
Wirtschaft
Kultur
Medien
Kontakt
archiv
Suche
Go 
Copyright by scienzz.
All rights reserved.
Kultur

29.12.2020 - KULTURGESCHICHTE

Eine Kunst des fluechtigen Augenblicks

Aus der Kulturgeschichte des Feuerwerks

von Josef Tutsch

 
 

Prosit Neujahr! Feuerwerk in
Zwickau, 2005
Bild: André Karwath/aka/Wikipedia

„Dem Doctor, Alchemisten und Erfinder des Schießpulvers errichtet im Jahre 1855“, ist auf dem Denkmal des Berthold Schwarz auf dem Freiburger Rathausplatz zu lesen. Ein halbes Jahrtausend zuvor soll der Franziskanermönch bei seinen alchemistischen Experimenten zufällig das „Schwarzpulver“ erfunden haben. In einem Mörser zerstampfte er Salpeter, Schwefel und Holzkohle, stellte den Topf mitsamt dem Stößel auf den Ofen und verließ den Raum. Kurz darauf ereignete sich eine Explosion. Die Mönche stellten erschreckt fest, dass der Stößel im Deckenbalken steckte, so fest, dass er selbst durch Berühren mit den Reliquien der heiligen Barbara nicht herausgezogen werden konnte.

Historisch gesichert ist daran eigentlich nur, dass Barbara seit dem Mittelalter als Schutzheilige der Spreng- und Geschütztechnik verehrt wird. Niemand weiß, ob ein „Berthold Schwarz“ jemals gelebt hat, vielleicht wurde selbst sein Name erst aus dem „Schwarzpulver“ abgeleitet. Erfunden wurde es wahrscheinlich schon im 12. Jahrhundert, und zwar in China. Aus dem Jahr 1288 soll ein Bronzegeschütz stammen, das heute im Provinzmuseum von Harbin in der Mandschurei zu sehen ist.

Die Chinesen verwendeten Salpeter jedoch nicht nur für den Krieg, sondern auch bei allerlei zivilen Riten, zum Beispiel bei Beerdigungen. Ähnlich die Araber: Um 1280 schrieb ein syrischer Gelehrter, „Feuermaschinen“ würden sowohl „zur Unterhaltung als auch zu nützlichen Zwecken“ genutzt. Zunächst als Betroffene machten die Europäer wahrscheinlich bereits einige Jahrzehnte zuvor mit der neuen Technik Bekanntschaft: Die Mongolen setzten sie auf ihren Feldzügen ein. 1267 erwähnte der englische Franziskanermönch Roger Bacon das Pulver – nicht nur als Mittel der Kriegsführung, sondern auch als Kinderspielzeug.

Ein gefährliches Spielzeug. „Wenn einer mit dem Pulver oder mit der Büchse umgeht“, warnte 1420 der Verfasser eines Lehrbuches der Feuerwerkskunst, „so hat er seinen großen und allergrößten Feind gegenwärtig.“ Im April 1749 wurde im Londoner Green Park der Sieg Großbritanniens im Österreichischen Erbfolgekrieg mit einem großen Feuerwerk begangen. Georg Friedrich Händel hatte dazu seine „Feuerwerksmusik“ für „martial instruments“ komponiert. Ein Teil der prachtvollen Holzarchitektur geriet in Flammen, drei Menschen kamen ums Leben.

Das Feuer selbst war nicht einmal das einzige Problem bei solchen Spektakeln. Einige Tage zuvor war es bei der öffentlichen Generalprobe zu diesen „Royal Fireworks“ zum ersten Verkehrsstau der Londoner Geschichte gekommen. Auf der London Bridge ereigneten sich Schlägereien zwischen den Kutschern. Im Mai 1770, bei einem Feuerwerk zur Hochzeit von König Ludwig XVI. mit Marie-Antoinette von Österreich-Lothringen, starben infolge einer Panik mehr als 130 Menschen.

Das früheste zivile Feuerwerk der europäischen Geschichte wurde, soweit bekannt, zu Pfingsten 1379 in Vicenza abgehalten, ein halbes Jahrhundert nach den ersten dokumentarisch belegten Einsätzen im Krieg. 1331 hatten österreichische Ritter bei der Belagerung der Stadt Cividale del Friuli auch Feuerwaffen genutzt. Eine Art Vorläufer des Schießpulvers war das „Griechische Feuer“: Im 7. Jahrhundert entwickelte der Architekt Kallinikos einen Flammenwerfer, mit dem brennende Substanzen wie Erdöl oder Schwefel, später dann auch Salpeter, auf feindliche Schiffe geschleudert werden konnte. Ein halbes Jahrtausend lang half es Byzanz dabei, seine Seeherrschaft im östlichen Mittelmeer aufrecht zu erhalten. Die Kenntnis davon verbreitete sich auch im Westen. 1252 soll Erzbischof Konrad von Staden das „Griechische Feuer“ bei einer erfolglosen Belagerung seiner aufsässigen Residenzstadt Köln verwendet haben.

Zur Unterhaltung scheint das Griechische Feuer jedoch niemals gedient zu haben. Anders beim Schwarzpulver. Zunächst in Italien, bald auch in den Ländern nördlich der Alpen entwickelte sich eine eigene Kunstgattung, die das Publikum mit staunenswerten Licht- und Knalleffekten überwältigte. In einem Maße, wie wir das in unserer Zeit des elektrischen Lichts kaum noch nachempfinden können. Selbst in den großen Metropolen war der Nachthimmel damals viel dunkler als heute – eben bis auf die großen Events, wenn die Reichen und Mächtigen weder Kosten noch Mühen scheuten, ihn zu erhellen, wenigstens für einen Augenblick.

Feuerwerk in Brüssel 1686, Kupferstich von
Romeyn de Hooghe - Wikipedia 


Und noch ein zweiter Punkt unterscheidet die Feuerwerkskunst in Renaissance und Barock von unserer Moderne. Wir bewundern die Effekte – die Zeitgenossen damals achteten vor allem auf die symbolischen oder allegorischen Inhalte. Die Schweizer Kulturhistorikerin Alice Villon-Lechner hat beispielhaft das große Feuerwerk zur Inthronisation von Papst Innozenz X. im November 1644 in Rom analysiert. Schauplatz war die Piazza Navona vor dem Palazzo Pamphilj, dem Stammhaus von Innozenz‘ Familie. Auf dem Platz war ein riesiger Hügel aufgetürmt, auf dessen Spitze thronte ein Schiff – das Schiff der Kirche. Der Hügel meinte den „Felsen“, auf den Christus die Kirche gebaut hatte.

Aus dem Schiff ragte die Statue eines Mannes, der seine Arme zum Palazzo hin ausbreitete. Und plötzlich sprang ein Fenster des Palazzo auf, flügelschlagend erschien eine Taube, um sich auf der Barke niederzulassen. Die Taube – das Symbol des Heiligen Geistes wie der Unschuld; der Papstname „Innocentius“, den Kardinal Giovanni Battista Pamphilj sich gewählt hatte, bedeutet „der Unschuldige“. Im Schnabel hielt die Taube einen Ölzweig als Zeichen des Friedens. Der Papst wollte seinem Volk vermitteln, dass er – mitten im Dreißigjährigen Krieg – entschlossen war, die Kriegsgefahr vom Kirchenstaat abzuwenden.

Einige Jahrzehnte später setzte der junge Ludwig XIV., der „Sonnenkönig“, alles daran, um diese päpstlichen Feuerwerke in ihrer Pracht noch zu übertrumpfen. Im Mai 1664 wurde im Park des gerade entstehenden Schlosses Versailles die Geschichte vom Ritter Roland, frei nach Ariosts Epos, in Szene gesetzt, in der Hauptrolle der König selbst. Dutzende großer und kleiner und kleinster Höfe in ganz Europa ahmten das französische Vorbild in den folgenden Jahrzehnten nach. Zum Beispiel der Dresdner Zwinger wurde in der Hauptsache als Kulisse für solche Festivitäten gebaut.

Eine Kunst der Verschwendung, berechnet für den Augenblick. Im Lichte moderner, „bürgerlicher“ Moral liegt es nahe, nach den Kosten dieser Verschwendung zu fragen und nach ihrem Sinn oder Nutzen. Der Kulturhistoriker Peter Burke hat jedoch darauf hingewiesen, dass „demonstrativer Konsum“ in der frühen Neuzeit geradezu als Pflicht der Herrschenden galt. Es war, paradox gesagt, nicht zuletzt der Triumph des Scheins, der die Gesellschaft politisch zusammenhielt, ein großes Theater der Repräsentation.

Dabei blieb die Entwicklung der Feuerwerkerei aus der Kriegskunst immer gegenwärtig. Das Schießpulver eignete sich zu beidem, zum Töten ebenso wie zum Erregen eines ungläubigen Staunens. Eine Doppelheit, die Ende des 19. Jahrhunderts die britische Kolonialmacht in Afrika strategisch einzusetzen wusste. Zum silbernen Thronjubiläum von Queen Victoria wurden 1897 am Sambesifluss riesige Portraits der Königin und ihrer Generäle an den Himmel geworfen, um die Eingeborenen gehörig einzuschüchtern.

In Europa selbst war dieses repräsentative Feuerwerk seit dem späten 18. Jahrhundert mehr und mehr fragwürdig geworden. Der Karlsruher Kunsthistoriker Beat Wyss demonstriert diesen Wandel an Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ von 1809. Baron Eduard macht seiner angebeteten Ottilie mit einem Feuerwerk eine Liebeserklärung: „Raketen rauschten auf, Kanonenschläge donnerten, Leuchtkugeln stiegen, Räder gischten ...“ Aber „Ottiliens zartem, aufgeregtem Gemüt war dieses rauschende, blitzende Entstehen und Vergehen eher ängstlich als angenehm“.

Sparsamkeit war modern geworden, jedenfalls im Ausdruck privater Gefühle. Wenn es darum ging, die Leistungsfähigkeit von Technik und Wirtschaft zu demonstrieren, galt Anderes. Die großen Weltausstellungen in London und Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts brachten neue Höhepunkte der Feuerwerkskunst. Doch gegenüber der Barockzeit hatten sich auch die Erwartungen des Publikums enorm gesteigert. Durch die Gasbeleuchtung waren die Boulevards des Nachts nun gleichmäßig hell. Die Feuerwerker klagten, es sei kaum noch möglich, diese Helle effektvoll zu überbieten. Und wenn, dann nur mit immer größerem Aufwand.

Jacob Philipp Hackert: Feuerwerk auf der      
Engelsburg in Rom, 1775 (Klassik Stif-
tung, Weimar ) - Bild: Wikipedia 


Da stellte bereits der Wirtschaftshistoriker Werner Sombart vor hundert Jahren eine verblüffende Parallele des modernen Kapitalismus mit dem Barockzeitalter fest: Beide erfordern einen stetig steigenden „Luxus“, also einen immer größeren Aufwand auf einer immer währenden Flucht vor der drohenden Langeweile. Der Ursprung der heute so selbstverständlichen Sitte, den Jahreswechsel mit einem Feuerwerk zu begehen, wird ja gern mit einem alten Aberglauben begründet: Unsere Vorfahren hätten die Gespenster des alten Jahres vertreiben, die guten Geister des neuen Jahres willkommen heißen wollen.

Schwer zu sagen, inwieweit solche Voraussetzungen in uns noch nachwirken. Wahrscheinlich ist etwas anderes viel wichtiger: Nach Art barocker Fürsten wollen wir demonstrieren, dass wir uns eine solche Ressourcenverschwendung für einen flüchtigen Augenblick, solche „Wegwerfkunstwerke“, leisten können. Den Ethnologen ist das Phänomen unter dem Begriff „Potlatch“ geläufig. Bei den Indianerstämmen an der amerikanischen Nordwestküste mussten die Häuptlinge etwa bei einer Rangerhöhung oder einem Begräbnis ihr Glück und ihren Reichtum demonstrieren, indem sie nicht nur großzügig Geschenke verteilten, sondern auch kostbare Güter rituell vernichteten. Da wurden dann Pelze und Decken, Holzschnitzereien und Kupferplatten im Meer versenkt, manchmal auch Pferde und Sklaven totgeschlagen. Je verschwenderischer der Potlatch ausfiel, desto höher stieg das Prestige des Veranstalters – jedenfalls bis zum nächsten Potlatch, wo ein anderer Häuptling seinen Rivalen übertrumpfen musste.

Zurück in die „Alte Welt“. Heute sind es vor allem die großen Volksfeste, die zur demonstrativen Verschwendung immer wieder Anlass bieten, etwa der Tag des heiligen Josef am 19. März in Valencia oder das Fest des Erlösers am dritten Sonntag im Juli, zu dem jedes Jahr die Lagune von Venedig in Feuer gesetzt wird. Zwischen Bonn und Rüdesheim erstrahlt an einigen Sonntagen im Sommer der Mittelrhein in Flammen. Und weltweit wird an vielen Orten eben die Silvesternacht mit Feuerwerk begangen. In der Regel handelt es sich nicht um komplexe Symbole wie im Barock, sondern, so die Formulierung der Kunsthistorikerin Alexandra Reininghaus, um „abstrakte Funkenbündel“. 1983 versuchte André Heller in Lissabon, ein Jahr später in Berlin die alte Kunst der allegorischen „Feuerwerkerei“ vor Hunderttausenden von Zuschauern neu zu beleben. Ganz nach barockem Vorbild inszenierte er unweit der Berliner Mauer seinen Traum von drohendem Krieg und endgültiger Versöhnung. Als Erlöserfigur erschien zum Schluss Picassos Friedenstaube.


Auf dem Büchermarkt:
Die schöne Kunst der Verschwendung. Fest und Feuerwerk in der europäischen Geschichte, Artemis Verlag, Zürich und München 1988 (zur Zeit leider nur antiquarisch zu erhalten)


Mehr im Internet:
Silvester - Wikipedia 
scienzz artikel Rund um Neujahr 

 

 

 

 

Artikel versenden

Druckversion

 >>> 


ticker


termine


impressum


├╝ber uns
Unsere Dossiers

Hier finden Sie - nach Fachgebieten aufgeschlüsselt - eine Liste unserer gesammelten Magazin-Artikel.

Beispiel:

Dossiersammlung
 Sprache und Literatur > mehr
       Einzel-Dossier
        Thomas Mann > mehr
               Einzelner Artikel
                Goethe steigt vom Sockel,
                Zur Neuausgabe von Tho-
                mas Manns Roman "Lotte
                in Weimar" > mehr


Dossiersammlung
Philosophie und Wissen-
schaftsgeschichte
> mehr

Dossiersammlung
Religion
> mehr

Dossiersammlung
Sprache und Literatur
> mehr

Dossiersammlung
Theater, Musik, Kunst
> mehr

Dossiersammlung
Brauchtum und Kultur
> mehr

Dossiersammlung
Gesellschaft und Politik
> mehr

Dossiersammlung
Geschichte
> mehr

 

kurz gemeldet