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Wissenschaft

23.12.2020 - KARTOGRAPHIE

Aus der Vogelperspektive betrachtet - und aus dem Weltraum

Aus der Geschichte der Karten und Globen

von Josef Tutsch

 
 

Martin Behaims Erdapfel, 1493
(Germanisches Nationalmu-
seum, Nürnberg)
Bild: Alexander Franke/Wikipedia

Viele Vögel fliegen im Herbst nach Süden und finden im Frühjahr zuverlässig den Weg zurück in ihr Sommerquartier. Fische und Schildkröten reisen über weite Strecken durch die Weltmeere und kehren zum Laichen an den Strand oder in den Fluss zurück, wo sie selbst geschlüpft sind. Und Bienen können ihren Artgenossen durch den „Schwänzeltanz“ mitteilen, wo sich lohnende Futterquellen befinden. Offenbar haben sie eine innere „Landkarte“ parat, womöglich einen inneren „Globus“, wissen auch, wie sie sich darauf zu „orientieren“ haben.

Fähigkeiten, die dem Menschen abgehen. Irgendwann in prähistorischer Zeit, berichtet der norwegische Journalist Thomas Reinertsen Berg in seinem neuen Buch zur „Geschichte der Landkarten“, begannen unsere Vorfahren damit, die Welt sozusagen aus der Vogelperspektive darzustellen. Vielleicht war es zunächst nicht einmal die Erde, die „kartographiert“ wurde, sondern der Sternenhimmel. Etwa die Darstellung der Plejaden auf der fast 4.000 Jahre alten „Himmelsscheibe von Nebra“ half vermutlich dabei, den richtigen Zeitpunkt für die Aussaat festzulegen.

Eine Felszeichnung in der Ortschaft Bedolina in der Lombardei, entstanden im 1. Jahrtausend v. Chr., könnte tatsächlich eine Landkarte wiedergeben, nämlich von einem Abschnitt des Camonica-Tals. Aber die Interpretation ist umstritten. Wenn die Vierecke, die vielleicht Grundstücke bezeichnen, mit Namen beschriftet wären, könnte man an ein Katasterblatt denken.

Als frühes Beispiel einer Weltkarte nennt Berg eine 2.600 Jahre alte Tontafel aus der babylonischen Stadt Sippar, die sich heute im Britischen Museum befindet. Im Inneren des Weltkreises sind die Stadt Babylon und die Völker skizziert, über die Babylon Herrschaft beanspruchte. Am Rande der Tafel, mit dem Ozean ringsum, verfließt die damals bekannte Welt ins Mythische.

Andere Karten im Alten Orient wurden zu sehr praktischen Zwecken erstellt. Aus den Bedürfnissen von Wirtschaft und Militär heraus entstand eine recht genaue Vermessungstechnik. Auf einem Stadtplan von Nippur, um 1500 v. Chr., sind Gebäude und Wasserläufe im richtigen Lageverhältnis dargestellt, wie Ausgrabungen gezeigt haben. Eine ägyptische Karte aus dem 12. Jahrhundert v. Chr. zeigt den Weg vom Niltal zu den Goldgruben und Steinbrüchen im Wadi Hammamet in Ostägypten.

Einerseits Wegweisung zu praktischen Zwecken, andererseits der Versuch, das Ganze der Welt zu erfassen, und zwar aus der Sicht „von oben“ – eine doppelte Intention, die unsere Karten und Globen bis heute prägt. Die Hersteller der ersten Atlanten im 16. Jahrhundert, schreibt Berg, hatten den Ehrgeiz, die geographische Wissenschaft mit einer Philosophie und Theologie der Geschichte zu verbinden. Auf dem Titelblatt von Abraham Ortelius‘ „Theatrum orbis terrarum“, gedruckt 1570 in Antwerpen, sind vier allegorische Frauengestalten abgebildet. Sie sollen die Erdteile repräsentieren. Zuoberst thront – im Zeitalter der Entdeckungen selbstverständlich – Europa mit einer Krone auf dem Haupt. In der Hand hält sie ein Kreuz und einen Globus, als Zeichen der Aufgabe, das Christentum in der Welt zu verbreiten.

Noch ausdrücklicher ist die theologische Aussage in der „Londoner Psalterkarte“ aus dem 13. Jahrhundert. Über dem Weltenrund findet sich eine Darstellung des segnenden Christus. Ihm zunächst ist das Paradies eingezeichnet, gegenüber der Schlund der Hölle. Vergleichbare Weltkarten, wenngleich ohne religiöse Botschaft, muss es bereits im Athen des 5. Jahrhunderts v. Chr. gegeben haben. Der Dichter Aristophanes machte sich in einer Komödie über die Unbildung eines Bauern lustig, der erstmals eine Karte zu sehen bekommt – und völlig verwirrt ist, weil er das Prinzip der kartographischen Verkleinerung nicht versteht. Er ist enttäuscht, weil er zwar Athen eingezeichnet findet, jedoch nicht sein Heimatdorf. Statt dessen, Athen bedrohlich nahe, das feindliche Sparta!

Abraham Ortelius: Typus Orbis Terrarum,
1570 - Bild: Wikipedia


Eine Generation zuvor hatte der Geschichtsschreiber Herodot über Karten gespottet, in denen die Umrisse der Kontinente Europa, Asien und Afrika eingezeichnet waren – obwohl sich darüber doch gar nichts Sicheres sagen ließ. Ein Problem, das noch die Entdeckungsreisen der frühen Neuzeit motivierte. Auf der Weltkarte des Ortelius ähneln Europa, Asien und Afrika schon sehr unseren heutigen Karten. Bei Nord- und Südamerika dagegen musste die Phantasie aushelfen. Und ganz im Süden der Erde findet sich eine riesige Landmasse, die als „Terra australis nondum cognita“ bezeichnet wird, „noch unbekannter Südkontinent“. Er war eine bloße Vermutung: Viele Gelehrte glaubten, das Gleichgewicht der Erde erfordere eine gleichmäßige Verteilung der Kontinente.

„Auf einem Blatt die ganze Welt“ haben die deutschen Übersetzer den Band betitelt. Im Wörtchen „Blatt“ liegt auch gleich ein Grundproblem der Kartographie. Die Kugelform der Erde lässt sich zweidimensional nur wiedergeben, wenn man Verzerrungen in Kauf nimmt. Entweder fallen die Länder ganz im Norden und ganz im Süden im Verhältnis zu denen am Äquator viel zu groß aus oder die Winkel stimmen nicht, sodass eine Orientierung anhand der Karte schwierig wird. Eine Kugel bilde die Erde am besten nach, erklärte bereits der antike Geograph Strabon um Christi Geburt. Etwa anderthalb Jahrhunderte zuvor hatte in Pergamon ein Gelehrter namens Krates den Globus erfunden.

Als Kolumbus 1492 den Weg über den Atlantik nach Indien suchte, orientierte er sich an Globen, die damals nach den Angaben des antiken Geographen Ptolemäus hergestellt wurden. Also an einem Modell, das die Erde im Ganzen „realistisch“ wiedergab. Allerdings hatte Ptolemäus aufgrund fehlerhafter Berechnungen die Distanz viel zu gering eingeschätzt. Wer weiß, meint Berg, ob Kolumbus bei Kenntnis der wahren Entfernungen die Überfahrt gewagt hätte. Drei Jahrzehnte später bewies die Weltumrundung unter Ferdinand Magellan empirisch, dass die Erde tatsächlich eine Kugel ist.

Für die meisten praktischen Anforderungen ziehen wir aber Karten vor – die Kugelform zieht der Darstellung von Details von vornherein enge Grenzen. Wahrscheinlich im 4. Jahrhundert n. Chr. in Rom entstand eine Karte, in der das Straßensystem der gesamten damals bekannten Welt zusammengefasst war. Eine fast acht Meter lange Kopie, bekannt unter dem Namen „Tabula Peutingeriana“, aus dem 12. Jahrhundert ist erhalten. Etwa 104.000 Straßenkilometer, von Britannien oder Marokko bis nach Indien, in einer sehr „schematischen“ Darstellung.

Eine vergleichbare Karte für Seereisen im Mittelmeer entstand in Genua im 13. Jahrhundert. Um eine „realistische“ Ansicht aus der Vogelperspektive ging es in beiden Fällen nicht, für die praktische Orientierung kam es darauf nicht an. Aber was heißt hier „realistisch“ – keine Karte, betont Berg, „zeigt die ganze Welt bis ins Detail, jeder Kartograph muss auswählen, was er aufnehmen will, was er weglässt, wo er Verzerrungen in Kauf nimmt.

Vielmehr: Die Interessen seiner Auftraggeber oder Kunden sind entscheidend. Auf der „Tabula Peutingeriana“ ist bei einzelnen Orten angemerkt, dass es dort Bäder gab – diese Information wird für die Reisenden damals sehr wichtig gewesen sein. Der „Atlas Tyroliensis“ von 1774 legte viel Wert auf die Unterscheidung zwischen Landstraßen, die mit Fuhrwerken befahren werden konnten, und nicht befahrbaren Pfaden. Heute sind Karten vom Meeresboden wirtschaftlich besonders gefragt – und für die umweltpolitische Diskussion Karten mit Daten zum Beispiel über das Vorkommen bedrohter Tierarten.

Bereits der Maßstab ist von den vorgegebenen Interessen abhängig, betont Berg. Im Kalten Krieg konnten sich die USA wegen ihrer Luftüberlegenheit selbst bei Gebieten von strategischem Interesse mit Karten im Maßstab 1:250.000 begnügen. Die Sowjetunion, die mehr auf Panzerheere setzte, erstellte von allen westlichen Staaten viel detailliertere Karten. Und natürlich dienten und dienen Karten auch der Propaganda. Auf vielen Karten der DDR waren die Bundesrepublik und „die besondere politische Einheit Westberlin“ ganz einfach weiß gelassen – den Westen gab es eigentlich gar nicht. Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. ließ sich der römische Senator Mettius Pompusianus in seinem Haus eine auf Pergament gemalte Weltkarte anbringen. Kaiser Domitian witterte darin einen Anspruch auf Herrschaft. Pompusianus bezahlte seinen Bildungseifer mit dem Leben.

Ausschnitt aus der "Tabula Peutingeriana"
mit der Stadt Rom (Faksimile von Conradi  
Millieri, 1887/88)
Bild: Wikipedia 


Einen Schwerpunkt legt der norwegische Autor auf die Kartographie zu Skandinavien und den Polargebieten. 1516 brachte der Kartograph Martin Waldseemüller auf seiner Weltkarte am nördlichen Rand einen Text unter, „aufgrund widersprüchlicher Reiseschilderungen“ sei es nicht möglich, über diese Regionen ein klares Bild zu gewinnen. 1569 wagte es  Gerhard Mercator dennoch, eine Karte der Gebiete hoch im Norden zu erstellen. Rund um den Nordpol zeichnete er vier große Inseln – der „horror vacui“ obsiegte über den Willen, nur das zu kartieren, was empirisch erwiesen war.

Am Beispiel Norwegens zeigt Berg auch, wie eng die Wissenschaft der Kartographie immer wieder mit politischen Interessen verknüpft war. 1905 erlangte das Land seine Unabhängigkeit von Schweden und entfaltete nun einen wahren „Eismeerimperialismus“. Expeditionen wurden nach Grönland und auf die anderen Inseln im Nordmeer entsandt, ebenso in die Antarktis. Zwar machten Schnee und Nebel es oft unmöglich, den Horizont zu erkennen. Dennoch – die Kartierung musste vorgenommen werden. Sie bekräftigte den Herrschaftsanspruch über das Eismeer und seine Inseln.

Damals hatte die Ära der Karten auf der Grundlage von Lauftaufnahmen allerdings längst begonnen. Bereits 1794, in den Revolutionskriegen, schickte das französische Militär Ballons in die Luft, um einen Überblick über die feindlichen Stellungen zu gewinnen. In den Weltkriegen spielte die Luftaufklärung auf allen Seiten eine zentrale Rolle. Und seit 1968 ist es in der Realität möglich geworden, nicht nur die Erdoberfläche „von oben“ zu betrachten, sondern die gesamte Erde „von außen“. „Google Map“ und „Google Earth“ bieten Satellitenbilder von jedem beliebigen Winkel.

Wenn man nicht doch eine Möglichkeit findet, sich und sein Grundstück vor neugierigen Blicken abzuschirmen. Berg verschweigt auch nicht, dass da ein bedrohliches Monopol heranwächst: Google verfügt heute über mehr als 70 Prozent des zivilen „Kartenwissens“ in der Welt. Über mehr verfügen nur die Militärgeographen. Die technologischen Träume wachsen ins Unendliche. Berg zitiert einen Google-Mitarbeiter, der meinte, irgendwann würden wir Weltkarten im Maßstab 1:1 auf unsere Computer laden können – dreidimensional und in Farbe, wie sich versteht.


Neu auf dem Büchermarkt:

Thomas Reinertsen Berg: Auf einem Blatt die ganze Welt. Die Geschichte der Landkarten, Globen und ihrer Erfinder, aus dem Norwegischen von Frank Zuber und Günther Frauenlob, dtv, München 2020, 351 S. mit zahlr. farb. Abb., ISBN 978-3-423-28246-8, 34,00 € [D], 35,00 € [A], 44,50 CHF


Mehr im Internet:
Kartographie - Wikipedia  
Thomas Reinertsen Berg: Auf einiem Blatt die ganze Welt, dtv 
scienzz artikel Reisen 

 

 

 

 

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