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04.01.2021 - RECHT

Damit der Schimpf nicht auf mein Haupt faellt

Das Delikt der Blasphemie, vom Alten Testament bis zum modernen Pluralismus

von Josef Tutsch

 
 

Von einer Fatwa bedroht: Salman
Rushdie, Verfasser der "Satani-
schen Verse"
Bild: David Shankbone/Wikipedia

Wer Gott den Allmächtigen, hieß es 1787 im Strafgesetzbuch von Kaiser Joseph II., öffentlich in Worten, Schriften oder Handlungen „freventlich lästere“, der sei als „Wahnwitziger“ zu behandeln und in einem „Tollhaus“ zu verwahren. Josephs Vorgänger waren um einiges rigoroser gegen das Delikt der Blasphemie vorgegangen. „Gotteslästerliche Reden“, verlangte das Gesetzbuch von Kaiser Justinian im 6. Jahrhundert n. Chr., seien mit der Todesstrafe zu belegen. Gotteslästerung, bestimmte die „Peinliche Gerichtsordnung“ Karls V. 1532, müsse „an Leib, Leben oder Gliedern“ bestraft werden.

Forscher der Universität Basel haben jetzt einen Sammelband mit Beiträgen aus verschiedenen Disziplinen zum Thema „Blasphemie“ herausgegeben, von der christlichen Theologie über die Vergleichende Religionswissenschaft und die Kunstgeschichte bis zur Rechtswissenschaft. Aus dem Strafrecht wurde das Phänomen im westlichen Europa in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten mehr und mehr hinausgedrängt. Religiöse Bekenntnisse und ebenso die demonstrativ vorgetragene Ablehnung religiöser Bekenntnisse werden heute weitgehend als Privatsache empfunden, in die sich der Staat nicht einzumischen hat.

Dass diese Entwicklung in keiner Weise zwangsläufig ist, wird vielen erst in jüngster Zeit bewusst geworden sein, seitdem in Westeuropa neben den etablierten christlichen Kirchen islamische Religionsgemeinschaften an Bedeutung gewonnen haben. Auch jene Strafvorschrift im Alten Testament, die dann im Christentum fast zwei Jahrtausende lang das Vorbild für die Paragraphen gegen Blasphemie gab, entstand im Kontext kultureller und religiöser Begegnung, betont der Basler Theologe Hans-Peter Mathys in seinem Beitrag zum Sammelband. „Das Alte Testament quillt über von Texten, in denen fremde Götter verspottet werden“, konstatiert Mathys. Beliebt war es, sie mit Schimpfwörtern zu belegen, etwa „Scheißgötter“.

Daneben gab es im antiken Judentum aber auch die Forderung nach Respekt zwischen den Kulturen und Religionen. Bei dem jüdischen Geschichtsschreiber Flavius Josephus im 1. Jahrhundert n. Chr. heißt es, niemand solle „die Götter lästern, welche andere Städte verehren noch fremde Tempel berauben noch einen Schatz an sich nehmen, der welchem Gott auch immer gewidmet ist“. Dass es damit nicht so einfach steht, zeigte der jüdische Theologe Philon in seinem Bericht über eine Gesandtschaft der Juden von Alexandria an Kaiser Caligula. Der Kaiser empfand es als Blasphemie, dass die Juden ihm göttliche Ehren verweigerten. Umgekehrt lag für die Juden gerade in dieser Erwartung des Kaisers eine Gotteslästerung. Die Passage zeigt: Blasphemie gab es auch in der polytheistischen Religionswelt. Hier bestand das Verbrechen darin, dass die Teilnahme am staatlich vorgeschriebenen Kult verweigert wurde. Gotteslästerung und Majestätsbeleidigung lagen nah beieinander.

Einen Fall wechselseitiger Blasphemievorwürfe hat der Theologe Moisés Mayordomo auch im Neuen Testament gefunden. „Ihr habt die Gotteslästerung gehört“, sagte der Hohepriester, nachdem Jesus seinen Anspruch bekräftigt hatte, als Menschensohn „zur Rechten der Macht“ zu sitzen. Andererseits war es zum Beispiel für den Verfasser des Markusevangeliums eine Lästerung des Heiligen Geistes, wenn die Schriftgelehrten von Jesus behaupteten, er sei vom Satan besessen. „Er ist schuldig und muss sterben“, lautet das Urteil über Jesus, nachdem der Hohepriester das Delikt der Blasphemie festgestellt hat. Eine Anwendung der oben zitierten Vorschrift aus dem Alten Testament: „Wer den Namen Jahwes lästert, muss getötet werden.“

Justinian und später Karl V. übernahmen diese Vorschrift in ihre Gesetzbücher. Dahinter, erläutert Mayordomo, stand die Vorstellung, es gebe Verbrechen, die Gottes Zorn in einem solchen Maße auf sich ziehen, dass das Wohl der ganzen Stadt und des ganzen Staates gefährdet sei. „Denn wegen solcher Vergehen entstehen Hungersnot, Erdbeben und Pest.“ Ausgesprochen und vollstreckt wurde die angedrohte Todesstrafe zunächst jedoch eher selten. „Erst im 13. Jahrhundert erwachte die Aufmerksamkeit für das Phänomen der Gotteslästerung“, vermerken die Basler Theologen Matthias D. Wüthrich und Matthias Gockel. Als Hintergrund ist zu vermuten: Die Kreuzzüge in den Orient einerseits, die „ketzerische“ Bewegung der Katharer andererseits hatten den Blick dafür geschärft, dass neben der katholischen Kirche und dem verachteten, aber geduldeten Judentum noch weitere Glaubensformen möglich waren.

Geradezu eine Konjunktur erlebte der Blasphemievorwurf dann in der frühen Neuzeit, also nach der konfessionellen Spaltung des Christentums. Der Theologe Reinhold Bernhardt zitiert eine Äußerung von Jean Calvin: „Wo es um meines Gottes Ehre und Wahrheit geht, will ich lieber rasen, als nicht zu zürnen, damit der Schimpf, mit dem seine heilige Majestät befleckt wird, nicht auf mein Haupt falle.“ In Calvins Sicht ebenso wie in der seiner katholischen wie lutherischen Zeitgenossen war es selbstverständlich, dass dafür auch die Staatsgewalt in Dienst genommen werden musste.

Spottkruzifix vom Palatin, Rom, 3. 
Jahrhundert n. Chr. (Nachzeichnung)
Bild: Wikipedia 


In der neueren Theologie, berichtet Bernhardt, hat sich dagegen der Gedanke durchgesetzt, dass es Menschen von vornherein unmöglich sei, Gott zu „kränken“: Unter dem Einfluss der philosophischen Metaphysik wurde das Gottesbild „vom anthropomorphen Modell eines auf seine Ehre bedachten Herrschers gelöst“. Schwer zu sagen, inwieweit dieser Wandel inzwischen alle Strömungen des Christentums erfasst hat. Die Kirchen, konstatiert der Religionswissenschaftler Jürgen Mohn, sind „mit den blasphemischen Tendenzen von Kunst und Medien einen modus vivendi eingegangen“. „Wohl oder übel“, fügt Mohn hinzu. Neben theologischen Überlegungen spielte dabei auch eine Rolle, dass Klagen vor Gericht immer wieder scheiterten.

In der Gesetzgebung haben die europäischen Staaten zwei durchaus verschiedene Wege eingeschlagen. Frankreich folgt bereits 1791 der Forderung Voltaires „Es gibt ein Recht auf Blasphemie, sonst gibt es keine wahre Freiheit“ und strich das Delikt aus seinem Strafrecht. Ersatzweise galt im 19. Jahrhundert zeitweise allerdings ein Gesetz, das „Verstöße gegen die öffentliche und religiöse Moral“ unter Strafe stellte, referiert der Theologe Jean-Pierre Wils von der Universität Nijmegen. Sein Berliner Kollege Rolf Schieder weist darauf hin, dass seit den 1970er Jahren in Frankreich die Tendenz festzustellen ist, die Meinungsfreiheit zugunsten des Opferschutzes einzuschränken. So werde eine Kritik am Islam heute gern „rassistisch“ umgedeutet, um einen Schutz gegen rassistische Diskriminierung in Anspruch nehmen zu können.

Dagegen schrieb des Strafgesetzbuch für das Deutsche Reich 1871 vor: „Wer dadurch, dass er öffentlich in beschimpfenden Äußerungen Gott lästert, ein Ärgernis gibt [...], wird mit Gefängnis bis zu drei Jahren bestraft.“ Dieses Delikt der Gotteslästerung wurde erst 1969 aufgehoben. Heute ist es in Deutschland nur noch strafbar, „Bekenntnisse, Religionsgemeinschaften und Weltanschauungsvereinigungen“ in einer Weise zu beschimpfen, „die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören“. Prinzipiell ähnlich die Gesetzeslage in Österreich: Es ist verboten, Religionsgemeinschaften zu beleidigen – vorausgesetzt, dieses Verhalten ist „geeignet, berechtigtes Ärgernis hervorzurufen“. Und in der Schweiz: Glaube und Religionsausübung dürfen nicht „böswillig“ beschimpft werden.

Schutzobjekt des Strafrechts ist also nicht mehr Gott selbst, sondern eine menschliche Gemeinschaft – wie ja auch Individuen gegen Beleidigung geschützt werden. Wie schwer sich die Gesetzgeber mit den Formulierungen getan haben, zeigen die reichlich unbestimmten Begriffe wie „öffentlicher Friede“ oder „berechtigtes Ärgernis“ oder „Böswilligkeit“. Dass  nicht alle Vertreter der Religionsgemeinschaften mit der geltenden Gesetzeslage einverstanden sind, liegt auf der Hand. Wils hat beobachtet, dass die christlichen Kirchen in Westeuropa mehr und mehr eine „weiche“ Form von Religion praktizieren, einen primär moralischen „Universalismus in menschenfreundlicher Absicht“, der weniger ein „orthodoxes Gefüge von Glaubenswahrheiten“ verkünden als „einen Beitrag zum geglückten Leben des einzelnen leisten“ will. In globalem Maßstab sei dagegen die „harte Religion“, vor allem in Gestalt des Islams, „eine wachsende Realität“.

Solche „harten“ Tendenzen gibt es, wenngleich zur Zeit weniger auffällig, freilich auch im Christentum. Auch im modernen Hinduismus – Michael Hüttenhoff berichtet von Religionskonflikten im Umfeld des „Hindunationalismus“. Und im japanischen Buddhismus, der allgemein doch als tolerant gilt. Der Religionswissenschaftler Christoph Kleine zieht ein nachdenkliches Fazit der kulturellen Globalisierung: „Offenbar fühlen sich Teile der islamischen Welt, aber auch Hindunationalisten, buddhistische Eiferer usw. von einer fortschreitenden, als aufgezwungen empfundenen Säkularisierung bedroht.“

In diesem Sinn erklärt der Paderborner Theologe Klaus von Stosch den Wunsch zum Beispiel von Muslimen nach stärkerem Schutz ihres Glaubens gegen Blasphemie für nachvollziehbar: Auch einem modernen Europäer würde „es weh tun, wenn man ihm Heiliges symbolisch zerstört“. Zum Beispiel, wäre fortzuführen, der Gedanke der Menschenrechte und des weltanschaulichen Pluralismus, einschließlich des Rechts, sich religiösen Bekenntnissen zu verweigern. Ins Strafgesetzbuch wird man einen Paragraphen zum Schutz gegen das Gefühl, da werde einem „weh getan“, schwerlich aufnehmen können. In der Praxis sei es kaum möglich, eine wirkliche Verletzung religiöser Gefühle von einer bloß eingebildeten zu unterscheiden, vermerkt Bernhardt: „Manche Gläubige sind sehr schnell beleidigt.“

Félicien Rops: Die Versuchung des    
hl. Antonius, 1878 (Bibliothèque
Royale, Brüssel) - Bild: Wikipedia 


Die Islamwissenschaftlerin Rifa‘at Lenzin weist jedoch darauf hin, dass Blasphemie in der islamischen Tradition keineswegs mit der Konsequenz verfolgt wurde, die heute sowohl radikale Fundamentalisten als auch Islamkritiker gern unterstellen. „Du sagst“, sprach im 12. Jahrhundert der Dichter Omar Khayyam Allah an, „Du wirst jeden Gläubigen mit zwei Jungfrauen belohnen. Ist das Paradies denn ein Bordell?“ Omar wurde nicht weiter behelligt. Aber als 2013 der Pianist Fazil Say den Spruch auf Twitter verbreitete, wurde er von einem Gericht wegen „Störung der öffentlichen Ordnung“ verurteilt.

Von den islamischen Rechtsgelehrten, so Lenzin, wird Blasphemie traditionell als eine Form der „Apostasie“ aufgefasst. In den ersten Jahrhunderten des Islams wird ein solcher Abfall vom Glauben, also dass sich jemand außerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen stellte, ein seltenes Phänomen gewesen sein. Der Eindruck einer existentiellen Bedrohung kam erst in der Konfrontation mit der westlichen Moderne auf. Lenzin erinnert an den Theoretiker der ägyptischen Muslimbruderschaft, Sayyid Outh, der den intellektuellen und moralischen „Relativismus“ des Westens insgesamt als „absoluten Gegensatz zum Gottesrecht“ geißelte, als eine neue Form heidnischer Unwissenheit


Neu auf dem Büchermarkt:

Blasphemie. Anspruch und Widerstreit in Religionskonflikten, herausgegeben von Matthias D. Wüthrich, Matthias Gockel und Jürgen Mohn, Mohr Siebeck, Tübingen 2020, XII + 437 S., ISBN 978-3-16-155899-3, 84,00 € 


Mehr im Internet:

Blasphemie - Wikipedia 
Blasphemie,herausgegeben von Matthias D. Wüthrich, Matthias Gockel und Jürgen Mohn, Mohr Siebeck 
scienzz artikel Das Heilige Wort 

 

 

 

 

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