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20.01.2021 - WIRTSCHAFTSGESCHICHTE

Kaufleute, die fuer ihre Stadt sprachen, Stadtraete, die Firmenpolitik betrieben

Wirklichkeit und Mythos der Deutschen Hanse

von Josef Tutsch

 
 

Schiffsmodell im Artushof, Danzig
Bild: Nemo/Wikipedia

„Handgreiflichster Scherz war angenehme Abwechslung im einförmigen Leben“, berichtet eine Quelle aus dem 14. Jahrhundert vom Handelskontor der Hanse in Bergen, Norwegen. In der Tat, besonders bei der Aufnahme der Neuen in die Gemeinschaft ging es sehr „handgreiflich“ zu. Die Älteren unterzogen sie einem Initiationsritus, der für die Jungen keineswegs angenehm war: Sie flößten ihnen ekelhafte Getränke ein, badeten sie in eisigem Wasser, hängten sie über Feuer in den Rauch usw. usf. Sie wurden „gehänselt“, eben in die Hanse aufgenommen. Das mittelhochdeutsche Wort „hanse“ bedeutete soviel wie Gemeinschaft oder Gruppe.

Die Etymologie unseres Wortes „hänseln“ ist heute so gut wie vergessen. Dagegen erlebt die Erinnerung an die Hanse, die vom 13. bis zum 17. Jahrhundert das Geschick Nordeuropas maßgeblich mitbestimmte, gerade in den letzten Jahren eine Renaissance, schreibt der Historiker Hiram Kümper von der Universität Mannheim in seinem neuen Buch. Auf Kongressen zu Fragen wie „Unternehmensberatung“ oder „Corporate Identity“ oder gar „Wirtschaftsethik“ ist das Wort vom „ehrbaren Kaufmann“ in aller Munde, gern konkretisiert als der „hanseatische ehrbare Kaufmann“.

Nach dem Krieg des Deutschen Bundes gegen Dänemark 1864 war ins Gedächtnis gerückt, dass 1870 der 500. Jahrestag des Friedens von Stralsund anstand. Mit dem Sieg über den dänischen König hatten sich die damals zwei Dutzend verbündeten Städte an Ost- und Nordsee als ernstzunehmende Kraft in der europäischen Politik erwiesen. Und ein halbes Jahrtausend später, im Zeitalter des entstehenden deutschen Nationalstaats, so Kümper, wurde die mittelalterlichen Hanse für das Bürgertum der norddeutschen Städte „zu einem neuen Kristallisationspunkt ihrer Identitätspolitiken“. Dass die Kaufleute, die 1370 in Stralsund für ihre Städte verhandelten, sich für Politik bloß sekundär interessierten, als den Raum, in dem ihre Geschäfte ablaufen mussten, wurde geflissentlich übersehen.

Was war diese Hanse eigentlich? So etwas wie eine Organisation existierte im Grunde überhaupt nicht, wie der Lübecker Domherr Johannes Osthusen 1468 in einem Gutachten ausführlich darlegte. Vorangegangen war ein Konflikt zwischen den Königen von England und Dänemark. Die Mannschaften von zwei Danziger Schiffen hatten den Dänen dabei geholfen, englische Händler im Sund festzusetzen. Dafür wollte sich König Edward schadlos halten. Er ließ den „Stalhof“, das Hansekontor in London, versiegeln und seine Bewohner gefangen setzen. Als Entschädigung forderte er von den Hansestädten 20.000 Pfund.

Aber in der Deutschen Hanse geb es kein „Gemeingut“, antwortete Osthusen in seinem Gutachten, um diese Forderung abzuweisen. Es gebe auch kein Personal und keine für alle Städte verbindlichen Beschlüsse. Die Hanse sei bloß ein „festes Bündnis“ mit dem Ziel, „dass der Handel zu Wasser und zu Lande den gewünschten Erfolg habe und der nötige Schutz gegen Piraten, Wegelagerer und andere Räuber“ garantiert sei. Da stapelte der Domherr allerdings ziemlich tief, kommentiert Kümper: „Die Ziele waren durchaus nicht nur defensive, friedenssichernde, sondern umfassten auch den aktiven Privilegienerwerb.“

Andererseits stapelte Osthusen auch wieder ein bisschen hoch. Gar so „fest“ war dieses Bündnis nicht. Man kann nicht einmal von einer festen Mitgliedschaft sprechen. Bei den Hansetagen, hat Kümper ausgezählt, waren in der Regel weniger als 20 Städte vertreten, oft weniger als zehn – von insgesamt mehr als 100, die gelegentlich mitmachten. Am Anfang standen Vereinbarungen zwischen einzelnen Städten wie Lübeck, Hamburg, Rostock und Wismar und Braunschweig, die im Laufe des 13. Jahrhunderts immer wieder Anläufe unternahmen, die Rechte ihrer Kaufleute und den Frieden auf den Straßen zu sichern. Auch gegen die größeren und kleineren Territorialherren im Umland, die vom Wirtschaftsaufschwung in den Städten auf ihre Weise profitieren wollten.

Eine formelle Gründung der „Deutschen Hanse“ wurde niemals vollzogen. In Frage käme zum Beispiel das Jahr 1280, als Kaufleute aus mehreren norddeutschen Städten mit der Stadt Brügge verhandelten. In den Jahrzehnten zuvor hatten die Grafen von Flandern bereits ausländischen Kaufleuten einige Privilegien gewährt; doch das führte in der Stadt zu Unmut, weil der Rat die Einkünfte der eigenen Kaufleute gefährdet sah. Nun gelang es den Norddeutschen, als deren Wortführer der Lübecker Ratsherr Johann von Dowey auftrat, direkt mit dem Stadtrat ein ganzes Paket an Privilegien zu vereinbaren.

Peterhof in Nowgorod, 15. Jahr-
hundert - Bild: Wikipedia 


Verwirrend für spätere Historiker, die sich wie selbstverständlich am Ideal des Nationalstaates orientierten: In der Regel handelten die hansischen Kaufleute „eigenständig und ohne diplomatischen Auftrag aus der Heimat“. Bereits 1226 hatten sich die Lübecker, als sie gemeinsam mit einer holsteinischen Adelsopposition die dänische Besatzung auf der Burg von Ratzeburg vertrieben, von ihren Verbündeten bestätigen lassen, sie hätten „nicht aus Pflicht, sondern aus freien Stücken und rechtem Willen“ mitgekämpft. Man wollte, erläutert Kümper, schwarz auf weiß zugesichert bekommen, dass niemand in diesem Vorgang einen Präzedenzfall sehen und daraus irgendwelche Verpflichtungen ableiten würde.

Kein Wunder, dass solche „freien“ Städte von den großen Herren im Umland als Fälle nicht-legitimer Herrschaft angesehen wurden. Noch im selben Jahr ließ sich Lübeck von Kaiser Friedrich II. einen „Reichsfreiheitsbrief“ ausstellen. Die ältere Forschung hat die Entwicklung der Hanse gern als Abfolge von zwei Perioden gesehen: Die „Kaufmannshanse“ der Frühzeit als lockere Initiative von Privatleuten sei im Laufe des 14. Jahrhunderts in die „Städtehanse“ übergegangen, „die Kriege führte und Könige unter Druck setzte“. Aber dieses Nacheinander, schreibt Kümper, trifft nicht die historische Wirklichkeit: Die Führungsschicht in den großen Handelsstädten bestand überwiegend aus ebenjenen Hansekaufleuten „Die Stadträte machten gleichzeitig Stadt- und Firmenpolitik“.

Das bedeutete im Inneren fast immer „den Ausschluss der Handwerker vom Stadtregiment“, also eine „Monopolisierung der politischen Macht durch die Kaufmannsschicht“. Es kamen sogar Fälle vor, dass ein Hansetag auf einzelne Mitgliedsstädte Druck ausübte mit dem Ziel, das  Regiment der privilegierten Kaufleute wiederherzustellen. 1374 war es in Braunschweig nach Steuererhöhungen zu einem Aufstand gekommen. Ein Hansetag beschloss eine Wirtschaftsblockade gegen die Stadt. Fünf Jahre später wurde die alte Verfassung wieder hergestellt.

Gegen auswärtige Mächte griff die Hanse auch zu den Waffen. Aber einen eigenen Zwangsapparat hatte sie nicht, sie war darauf angewiesen, dass ihre größeren Mitglieder die Aktionen trugen. Lübeck, das in der historischen Literatur manchmal „Haupt der Hanse“ genannt wird, war nicht mehr als eine „Schaltzentrale“, ohne besondere Vorrechte: Dort liefen die Informationen und Kommunikationen zusammen.

Im populären Geschichtsbewusstsein von heute ist die Hanse nicht zuletzt durch den Kampf gegen die „Vitalienbrüder“ präsent. Klaus Störtebeker gehört zu den mythenbeladenen Gestalten des späten Mittelalters; das Museum für Hamburgische Geschichte zeigt den Schädel eines Hingerichteten, angeblich von Störtebeker. Historisch korrekt, meint Kümper, ist zweifellos, dass die Hansestädte wie Lübeck und Hamburg sich um eine Befriedung der Ost- und der Nordsee bemühten. Aber oft wird es in diesem Prozess gar nicht so einfach gewesen sein, zwischen legitimen und illegitimen Aktionen zu unterscheiden. 1393 überfielen die Viktualienbrüder die Stadt Bergen. Die Beute verkauften sie, anscheinend ohne irgendwelchen Anstoß zu erregen, in Wismar und Rostock an die Bürger.

Dass die Bedeutung der Hanse seit dem späten 15. Jahrhundert mehr und mehr zurückging, bringt Kümper mit der Stabilisierung der Territorialherrschaften in Verbindung. Viele Städte konnten ihren Anspruch auf „Freiheit“ nicht mehr aufrechterhalten, das Lavieren zwischen den Fürsten – und zwar mit relativ bescheidenen militärischen Mitteln – wurde immer schwieriger. Die Hanse versuchte zu reagieren, indem sie ihre Organisation stärkte. 1557 wurde ein jährlicher Beitrag eingeführt, der erstmals eine gemeinsame Kasse schuf. Erstmals wurde auch ein „Statut“ beschlossen und ein Syndikus bestellt, der die Gesamtheit der Städte diplomatisch vertreten sollte. In der Zeit der entstehenden modernen Staaten konnten die Hansestädte dennoch nicht mithalten. Denn in einem, resümiert Kümper, waren sich die Fürsten, die gegeneinander doch andauernd Krieg führten, einig: Die „Möglichkeit außenpolitischen Handelns“ sollte ihnen allein vorbehalten bleiben.

Das Städtebündnis wurde, wie der  Göttinger Gelehrter Georg Friedrich Sartorius 1802 bilanzierte, zu einer „halbvergessenen Antiquität“. Zwei Generationen später hatte sich das historische Gedächtnis allerdings gründlich geändert. Als 1870 der „Hansische Geschichtsverein“ gegründet wurde, galt der Wirtschaftsverbund, der sich bloß gelegentlich, in manchen Situationen, zu gemeinsamem Handeln zusammengefunden hatte, als „politische Einheit“ – oder zumindest als Ansatz zu einer politischen Einheit. Dass ihr auf Dauer die „Bindungskraft“ mangelte, wurde als eines der großen Versäumnisse der deutschen Geschichte gesehen.

Natthäus Merian d. Ä.: Lübeck, 1641               
Bild: Wikipedia 


Ob es der historischen Wahrheit näher kommt, wenn seit den 1980er Jahren die Hanse gelegentlich als „erste europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ bezeichnet wird? Jedenfalls konnte die Erinnerung an die Hanse dabei helfen, die Regionen an Nord- und Ostsee einander näherzubringen, einschließlich jener Länder, die nunmehr ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erlangt hatten. Die neuerdings modische Berufung auf den „hanseatischen ehrbaren Kaufmann“ dagegen erklärt der Historiker rundum für „ökonomischen Kitsch“: Der Markt „hat kein Ansehen der Person, ‚sachliche‘ Interessen beherrschen ihn, er weiß nichts von ‚Ehre‘“.

Dieses Urteil schränkt Kümper aber auch gleich wieder ein: Der Markt selbst weiß zwar nichts von Ehre, wohl jedoch „das Umfeld, in dem jedes Unternehmen agiert. „Wer arglistig täuscht, setzt seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel“ – natürlich nur, wenn er sich bei der Täuschung erwischen lässt. Ein ehrbarer Ruf kann durchaus ökonomisches Kapital bedeuten. Aber ein „ehrbarer“ Kaufmann ist eben nicht unbedingt auch ein „ehrlicher“. Zumindest ist es nicht zwangsläufig, dass beides zusammenfällt.

Inwieweit können normative Überzeugungen ökonomisches Handeln beeinflussen?, fragte Max Weber vor über hundert Jahren in seinen Aufsätzen zur Religionssoziologie. Der alte Konsul Johann in Thomas Manns „Buddenbrooks“ setzte so etwas voraus, als er seinen Erben mahnte: „Mein Sohn, sei mit Lust bei den Geschäften am Tag, aber mache nur solche, dass wir bei Nacht ruhig schlafen können!“ Für die hanseatischen Kaufleute des späten Mittelalters, erläutert Kümper, ging es dabei ganz wörtlich um ihr Seelenheil. Kaufleute seien „nicht ehrlich“, zitiert der Autor aus einer Lübecker Predigt des 15. Jahrhunderts, „Judas, der Verräter des Herrn, war auch ein Kaufmann.“ Viele Kirchen von Brügge bis nach Nowgorod wären vermutlich viel weniger glanzvoll gestaltet worden, hätten die hansischen Kaufleute nicht das Bedürfnis gespürt, ihren „Wucher“ durch reiche Stiftungen zu büßen


Neu auf dem Büchermarkt:

Hiram Kümper: Der Traum vom Ehrbaren Kaufmann. Die Deutschen und die Hanse, Propyläen/Ullstein Buchverlage, Berlin 2020, 541 S. mit s/w. Abb., ISBN 978-3-549-07649-1, 28,00 € [D), 28,80 € [A]


Mehr im Internet:

Hiram Kümper: Der Traum vom Ehrbaren Kaufmann, Propyläen 
Hanse - Wikipedia 
scienzz Artikel Deutsche Geschichte

 

 

 

 

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