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Kultur

26.01.2021 - MEDIZIN

Der wagt sein Leben aufs Ungewisse

Die Bekaempfung der Pocken - aus der Fruehgeschichte des Impfens

von Josef Tutsch

 
 

Lady Mary Wortley Montague,
Gemälde von Jonathan Richard-
son d. J., 1725 - Bild: Wikipedia

„Newgate Prison“ – bei den Touristen in London weckt der Name des ehemaligen Gefängnisses am westlichen Stadttor so manche Lektüre-Erinnerung. Schriftsteller wie Edward George Bulwer-Lytton oder Wilkie Collins ließen dort gern die Karrieren ihrer Verbrecher-„Helden“ enden, oft am Galgen. Durch die Romane von Charles Dickens wurde der Ort zum Inbegriff einer unmenschlichen Strafjustiz und einer so hilflosen wie brutalen Antwort auf die sozialen Probleme der Industrialisierung.

Aber auch in der Geschichte der Medizin hat dieses Gefängnis seinen Platz. 1721 wurden dort die ersten Experimente im westlichen Europa mit der Impfung durchgeführt, und zwar gegen die Pocken, die damals alle paar Jahre schreckliche Epidemien auslösten. Probanden waren verurteilte Verbrecher. Bei einem günstigen Ausgang des Experiments winkte ihnen die Begnadigung. Parallel wurden sechs Waisenkinder geimpft, von denen man Dankbarkeit für ihre Aufzucht erwartete.

In Europa gab es mit dem Impfen noch keinerlei Erfahrungen, lediglich einige Berichte aus dem Orient. 1713 war in London eine Abhandlung von Emmanuel Timoni erschienen, der in Konstantinopel als Arzt bei der britischen Botschaft gearbeitet hatte. 1718 berichtete Mary Wortley Montagu, die Frau des britischen Gesandten bei der Hohen Pforte, sie habe beobachtet, dass unter der griechischen Bevölkerung im Osmanenreich manche Frauen ihren Kindern Pockeneiter in die Haut spritzten. Montagu gewann den Eindruck, in keinem dieser Fälle sei es zu einem Schaden gekommen. Sie ließ noch in der Türkei ihren vierjährigen Sohn und nach der Rückkehr, als in England wiederum eine Epidemie ausbrach, ihre dreijährige Tochter impfen.

In der „Volksmedizin“ mehrerer asiatischer Länder war dieses Prinzip der Immunisierung damals bereits seit längerem bekannt. In China ließ der Arzt Wan Quan 1549 Pockenschorf zermahlen und in die Nase seiner Patienten blasen. In Europa dagegen setzte man in der Hauptsache darauf, dass Epidemien, nachdem sie viele Opfer gekostet hatten, irgendwann zum Erliegen kamen. Vage Schätzungen besagen, dass zum Beispiel durch die Pocken in der frühen Neuzeit jeweils bis zu 15 Prozent der Bevölkerung starben.

Die Experimente mit Waisenkindern und Strafgefangenen überzeugten sogar den britischen Hof, dass die Gesellschaft gegen Seuchen nicht hilflos sein müsse. 1722 wurden die Kinder des Prince of Wales geimpft; sie blieben gesund. Etwa 200 weitere Personen aus dem Adel folgten diesem Beispiel. Etwa zur selben Zeit fanden auch in Nordamerika die ersten Impfungen statt. Der puritanische Geistliche Cotton Mather hatte von einem Sklaven aus Ghana gehört, dort sei es üblich, Pockeneiter zum Schutz vor einer Erkrankung in den Arm zu injizieren. Aus dem Boston des Jahres 1721 ist eine Erfolgsquote überliefert: Infolge der Impfung starben „nur“ noch 2 Prozent.

Es waren Versuche mit vollem Risiko – Menschenversuche, ganz wörtlich. 1723 starb in London der Sohn von Robert Spencer, Earl of Sunderland, nach dem Eingriff. Die Öffentlichkeit lastete seinen Tod den Ärzten an. Die Bereitschaft in England, seine Gesundheit durch eine Impfung schützen zu wollen, ging daraufhin schlagartig zurück. Bezeichnend, dass die Verwaltung der britischen Kolonie Jamaica nicht von Bedenken geplagt wurde, es mit der neuen Methode zu versuchen. Unter den Sklaven führte sie 1729 eine Massenimpfung durch. Die Pocken würden oft eine Menge Menschen dahinraffen, hieß es zur Begründung. Es sei also zu hoffen, dass „durch diese Prozedur die Neger wohlfeiler werden und dieses endlich auf den Rumpreis Einfluss nehmen dürfte“.

Ein Versuch, durch Impfung „Herdenimmunität“ herzustellen, würde man heute sagen. In Europa gab es vorläufig keine Massenimpfungen. Ohne viel Resonanz empfahl der Philosoph Voltaire, der bei seinem Aufenthalt in England die neue „Mode“ der Impfungen beobachtete, die Methode auch für Frankreich: „Die Engländer nennen die restlichen Europäer feige und widernatürlich. Feige, weil sie Angst davor haben, ihren Kindern einen kleinen Schmerz zuzufügen, widernatürlich, weil sie sie der Gefahr aussetzen, irgendwann an den Pocken zu sterben.”

Edward Jenner bei einer Pockenimpfung,
Lithographie von Gaston Mélingue, spätes
19. Jahrhundert - Bild: Wikipedia 


Andererseits: Die Europäer auf dem Kontinent würden die Engländer für „Dummköpfe und Verrückte“ halten, weil sie nämlich „ihren Kindern die Pocken verabreichen, um zu verhindern, dass sie sie bekommen.“ Mit einem letztlich unkalkulierbaren Risiko. Es wird kein Zufall sein, dass die Debatte um die moralische Zulässigkeit oder Unzulässigkeit von Versuchen am Menschen gerade in diesen Jahren aktuell wurde. 1732 stand in „Zedlers Universal-Lexikon“ zu lesen, „die Zergliederung eines lebendigen Menschen“ werde sicherlich „ganz sonderbare und wichtige Entdeckungen ergeben“. Bei Tieren seien solche Maßnahmen ja erlaubt, aber bei Menschen? Der „Zedler“ kam zu dem Schluss, es sei „dem natürlichen Rechte gar nicht zuwider“, an großen Verbrechern solche Operationen vorzunehmen. Die Argumente: Erstens seien manche gängigen Strafarten vielleicht noch schmerzhafter. Zweitens sei von solchen Experimenten großer Nutzen für die Allgemeinheit zu erwarten.

Ein halbes Jahrhundert später antwortete Immanuel Kant auf solche Überlegungen mit seinem „Kategorischen Imperativ“: „Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchst.“ Was die Anwendung dieses Grundsatzes auf die Pockenimpfung anging, zu der in England der Arzt Edward Jenner gerade damals eine neue Methode mit Kuhpocken erarbeitet hatte, war Kant sich allerdings nicht ganz sicher: „Wer sich die Pocken einimpfen zu lassen beschließt, wagt sein Leben auf Ungewisse, ob er es zwar tut, um sein Leben zu erhalten“. Der Philosoph sprach von „moralischer Waghälsigkeit“.

Dass die Experimente, die der modernen Medizin im Zeitalter der Aufklärung den Weg bereiteten, Kants moralischer Maxime gerecht wurden, darf man bezweifeln. So arbeitete Jenner mit Kindern, die in den Versuch nicht einmal einwilligen konnten. Andererseits ist wissenschafts- und erkenntnistheoretisch zu fragen: Wie begründet und verlässlich sind Aussagen über die Wirksamkeit von Impfungen überhaupt, wenn man sie nicht an lebenden Menschen erprobt hat? Tierversuche, die ja nach unserem moralischen Bewusstsein  – anders als der „Zedler“ 1732 meinte – selbst nicht ohne ethische Probleme sind, führen nicht unbedingt zum Ziel, müssen zumindest auf ihre Beweiskraft hin geprüft werden.

1964 versuchte der „Weltärztebund“ in Helsinki, ethische Grundsätze für die medizinische Forschung am Menschen zu formulieren: Vorrang „vor den Interessen der Wissenschaft und der Gesellschaft“ müsse auf jeden Fall „das Wohlergehen der Versuchsperson“ haben. „Die Versuchspersonen müssen Freiwillige sein und über das Forschungsprogramm aufgeklärt sein.“ Dass „Freiwilligkeit“ eine sehr interpretationsbedürftige Forderung ist, war den Autoren durchaus bewusst: „Die besonderen Schutzbedürfnisse der wirtschaftlich und gesundheitlich Benachteiligten müssen gewahrt werden.“ Ist die Einwilligung in einen Versuch „freiwillig“, wenn die Alternative vielleicht in Hunger besteht?

Natürlich mischte sich in die Frühgeschichte der Impfungen auch eine Menge Scharlatanerie. Aus dem Umland von Magdeburg ist überliefert, dass ein fahrender Händler auf den Jahrmärkten Pockeneiter verkaufte, zur freien Anwendung – das wird kein Einzelfall gewesen sein. In anderen Quellen heißt es, dass Pockeneiter gegen alle möglichen und unmöglichen Krankheiten verabreicht wurde: Die Impfung, deren Wirkungsweise ja auch nicht erklärt werden konnte, galt als Universalweg zu wunderbarer Heilung.

Der alte Goethe erinnerte sich später daran, dass während seiner Kindheit „spekulierende Engländer“ durch Deutschland reisten und „gegen ein ansehnliches Honorar die Kinder solcher Personen impften die sie wohlhabend und frei von Vorurteilen fanden“. Für Goethe selbst kam dieses Angebot, wie seriös oder unseriös es nach heutigen Maßstäben auch gewesen sein mag, zu spät. 1758 erkrankte er an den Pocken, überstand sie allerdings glücklich. Der erste Fall in Europa, dass die Behörden die Pockenimpfung in die Hand nahmen, ist aus Wien überliefert. Von 1768 an ließ Kaiserin Maria Theresia ihre Kinder impfen, nachdem sie selbst drei Kinder durch die Pocken verloren hatte, und begründete dann auch eine kostenlose Impfaktion für die Bevölkerung Wiens.

Da mag sich religiös begründete Fürsorge mit dem Bewusstsein verbunden haben, dass die Gesundheit der Bevölkerung ein wichtiger Faktor war, um die ökonomische und militärische Macht des Staates zu steigern. Die historische Wende, die sich in diesem Schritt andeutete, hat der französische Philosoph Michel Foucault analysiert: Das „alte Recht der Souveränität, sterben zu machen oder leben zu lassen“, wurde ergänzt um die „Macht, leben zu machen oder sterben zu lassen“.

1776 zeigte sich die Relevanz der Impfung zum ersten Mal auf dem Schlachtfeld. Wenige Monate nach ihrer Unabhängigkeitserklärung, hatten sich die USA daran gemacht, Kanada zu erobern. Die Invasion scheiterte an einer Pockenepidemie, die in der amerikanischen Armee grassierte. Die britische Armee war durch eine Massenimpfung geschützt worden. Nach Freiwilligkeit wird da niemand gefragt haben. Mit einer subtileren Methode versuchte 1804 der Bückeburger Arzt Bernhard Christoph Faust, die Impfbereitschaft in der Bevölkerung zu fördern. Jahr für Jahr veranstaltete er ein „Krengelfest“. Kinder, die sich dabei impfen ließen, erhielten eine Brezel, in Westfalen „Krengel“ genannt.

Denkmal zur Pockenimpfung vor dem     
Hauptquartier der WHO in Genf
Bild: Thorkild Tylleskar/Wikipedia 


Ein frühes Beispiel des Widerstands gegen das Impfen ist aus der Region Aachen bekannt. Vorbehalte gegen das kostenlose Angebot, das die Regierung von Kaiser Napoleon dort 1801 propagierte, gab es vor allem bei konservativen Katholiken. 1807 führte Bayern als erstes Land der Welt die Pflichtimpfung gegen die Pocken ein. In Preußen gab es eine solche Pflicht zunächst eher indirekt: Kinder wurden zur Schule nur zugelassen, wenn sie einen Impfausweis vorlegen konnten. 1874 wurde die bayerische Regelung vom Deutschen Reich übernommen.

Es waren in der Regel eher kleine Gruppen, die sich der Impfung verweigerten – sei es, weil ein Risiko nun einmal nicht auszuschließen war, sei es aus grundsätzlichen, etwa religiösen Gründen. So klein, dass die staatlichen Behörden die angestrebte Herdenimmunität dadurch nicht gefährdet sahen. Der Grundsatzfrage ließ sich daher ausweichen: Haben die Eltern das Recht, die Gesundheit ihrer Kinder zu gefährden, indem sie eine Impfung verweigern? Oder umgekehrt: Darf der Staat eine Impfung erzwingen, um die Kinder zu schützen – auf die Gefahr hin, dass der Versuch im Einzelfall, sei er auch noch so selten, dann doch tödlich endet?

Im Fall der Pocken gelang es tatsächlich, die Weltbevölkerung „durchzuimpfen“. Mit Erfolg: Seit 1980 gelten die Pocken als ausgerottet. Inwieweit ein entsprechendes Projekt für andere Seuchen wie zum Beispiel Corona nachvollzogen werden könnte – da sind Zweifel angebracht. Schon die Fähigkeit des Virus zur Mutation dürfte dem Ehrgeiz einer vorsorgenden Medizin da Grenzen setzen. Und wie das Beispiel zeigt, stehen dem Erfolg auch Opfer gegenüber. Menschenopfer der angestrebten und im Fall der Pocken am Ende ja auch erreichten Immunität für die vielen, um es zynisch auszudrücken. Bei den letzten großen Impfkampagnen um 1960 soll es pro 1 Million Impfungen zwei Todesfälle und 15 lebensbedrohliche Komplikationen gegeben haben. 


Mehr im Internet:

Pockenimpfung - Wikipedia 
scienzz artikel Gesundheit

 

 

 

 

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