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23.02.2021 - BIOLOGIE

Der Skandal mit unseren Vorfahren

vor 150 Jahren erschien Charles Darwins Buch Von der Abstammung des Menschen

von Josef Tutsch

 
 

Karikatur zur Abstammung des
Menschen in "The Hornet", März
1871 - Bild: Wikipedia

Der Skandal lag längst in der Luft, und zwar nicht erst, nachdem Charles Darwin 1859 im Schlusskapitel seines Buches über den „Ursprung der Arten“ den vielsagenden Satz geschrieben hatte: „Licht wird auf den Ursprung der Menschheit und ihre Geschichte fallen.“ Eine Andeutung hatte das englische Publikum bereits 1794 in einem Buch von Charles‘ Großvater, dem Arzt Erasmus Darwin, zu lesen bekommen: „Sollte es wohl zu kühn sein, sich vorzustellen, dass alle warmblütigen Tiere aus einem einzigen lebendigen Wesen entstanden sind“, „welches die Macht besaß, durch seine ihm eingepflanzte Tätigkeit sich zu vervollkommnen, diese Vervollkommnungen durch Zeugung der Nachwelt zu überliefern?“

Der französische Zoologe Jean-Baptiste Lamarck sprach sogar unverblümt vom Menschen, als er 1809 Überlegungen anstellte, wie es möglich sein konnte, dass Affen „schließlich zu Zweihändern umgebildet wurden“ und zu einer aufrechten Haltung gelangten. Aber noch ein halbes Jahrhundert später hielt Darwin, als er dem Publikum die Ergebnisse seiner Forschungen zur Evolution der Tiere vorstellte, es für besser, seine Erkenntnis nur verhüllt auszusprechen. Doch seine Anhänger drängten. 1868 gebrauchte der deutsche Naturwissenschaftler Ernst Haeckel, bewusst provozierend, die Formel von der „äffischen Abstammung“ des Menschen.

Endlich traute auch Darwin selbst sich aus der Deckung. 1869 konnte sein Verleger John Murray das neue Buch ankündigen: „Die Schlussfolgerungen, zu denen Darwin in ‚Der Ursprung der Arten‘ gelangte, werden auf den Menschen angewendet werden.“ „Ebenso wird die schwierige Frage der schrittweisen Entwicklung der Besonderheiten der Moral und der intellektuellen Eigenschaften von Menschen behandelt werden.“ Am 24. Februar 1871, vor 150 Jahren, erschien „The Descent of Man, and Selection in Relation of Sex“. Wenige Monate später kam die deutsche Übersetzung heraus: „Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl“.

Dass Darwin die besonders heiklen Fragen der Moral und der „Gemütsbewegungen“ aus Zeitgründen ausgeklammert und auf einen späteren Band verschoben hatte, tat der Wirkung keinen Abbruch. „Die Abstammung des Menschen“ wurde zu einem der großen Sensationserfolge auf dem Buchmarkt des 19. Jahrhunderts. „Im Salon“, schrieb der Rezensent des „Edinburgh Review“, „konkurriert das Buch mit dem neuesten Roman und im Studierzimmer beunruhigt es gleicherweise Wissenschaftler, Ethiker und Theologen. Überall ruft es einen Sturm, gemischt aus Zorn, Erstaunen und Bewunderung, hervor.“

In den Zeitungen wurde Darwin, als Primat dargestellt, zu einem Lieblingsmotiv der Karikaturisten. Der Forscher war amüsiert und sammelte eifrig „Darwin Apes“. Aber bloß witzig war die Evolutionstheorie, angewandt auf den Menschen, in der Wahrnehmung der Zeitgenossen keineswegs. Im historischen Rückblick nannte Sigmund Freud die Entdeckung, dass der Mensch von Tieren abstammt, genauer: von affenähnlichen Tieren, eine der drei großen „Kränkungen“ der menschlichen Eigenliebe im Erkenntnisfortschritt der Neuzeit, nach Kopernikus‘ Entfernung der Erde aus dem Mittelpunkt des Kosmos und vor seiner eigenen Psychoanalyse, in der die Herrschaft des Unbewussten enthüllt wurde.

Die Diskussionen der letzten Jahre um „Kreationismus“ und „Intelligent Design“ haben gezeigt: Die Menschheit konnte ihre „Kränkung“ durch Darwin bis heute nicht voll bewältigen. Auch Darwin selbst war, als er im Dezember 1831 mit der „Beagle“ zu seiner Expedition nach Südamerika und in den Pazifik aufbrach, noch weit vom Evolutionsgedanken entfernt. Er neigte zur Lehre des englischen Geistlichen William Paley, der 1802 in seinem Buch zur „Natürlichen Theologie“ den Schöpfergott für eine Art Uhrmacher erklärt hatte: Die Komplexität des organischen Lebens sei nicht anders als durch eine planende Intelligenz zu erklären.

Charles Darwn, 1859/60
Bild: Wikipedia 


Dass sein Großvater in eine andere Richtung gedacht hatte, säte in ihm aber wohl einen Zweifel. Die Jahrzehnte um 1800 waren die Ära der ideellen und politischen Revolutionen in Europa, der praktisch gewordenen Aufklärung. Erasmus‘ Gedanke, dass Gott seiner Schöpfung eine Tendenz mitgegeben habe, sich selbst zu vervollkommnen, entsprach dem Geist der Epoche.

Ein Problem lag allerdings darin, dass die weitgehend als selbstverständlich angenommene Voraussetzung, die Erde sei erst einige Jahrtausende alt, für einen solchen Prozess wenig Zeit ließ. Bei dem großen Disput um die Möglichkeit einer Evolution der Natur 1830 in der Pariser Akademie der Wissenschaften war es ein wichtiges Argument des Zoologen Georges Cuvier, dass er bei Untersuchungen an mumifizierten Katzen aus dem alten Ägypten keinerlei anatomische Abweichungen gegenüber „modernen“ Katzen hatte feststellen können.

1807 hatte Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seiner „Phänomenologie des Geistes noch lapidar festgestellt: „Die organische Natur hat keine Geschichte.“ Dass Darwin aufgrund seiner Beobachtungen an den Tieren der Neuen Welt zu einem anderen Schluss kam, signalisierte zweieinhalb Jahrhundert nach Galileis Beobachtungen mit dem Fernrohr einen weiteren Sieg der Erfahrungswissenschaften über die spekulative Philosophie. Nach Darwins Rückkehr 1836 dauerte es aber noch mehr als zwei Jahrzehnte, bis er sich entschloss, mit der Evolutionslehre an die Öffentlichkeit zu treten. Erstens konnte er sich nicht verhehlen, dass sein System eine empfindliche Lücke aufwies. Über den Mechanismus der Vererbung war wenig bekannt, Gene und Chromosomen wurden erst viel später entdeckt. Zweitens und vor allem – er scheute den Skandal. „Mir ist, als gestünde ich einen Mord ein“, schrieb er an einen Freund, als er sich endlich durchgerungen hatte.

In der Tat, in den Augen vieler Zeitgenossen war es schlimmer als ein Mord. Der Gedanke, „alle“ Tierarten würden von gemeinsamen Vorfahren abstammen, stellte die biblische Schöpfungsgeschichte in Frage – zumindest dann, wenn man diese wortwörtlich verstand. Den Ausschlag für die Publikation des Buches „Vom Ursprung der Arten“ 1859 gab ein Manuskript, das ihm sein Kollege Alfred Russell Wallace im Jahr zuvor zugesandt hatte. Inzwischen war Wallace zu ähnlichen Schlussfolgerungen gelangt. Beide stellten ihre Arbeiten dann der „Linnean Society of London“ gemeinsam vor.

Es gehört zu den Paradoxien der Wissenschaftsgeschichte, dass Wallaces Entwurf dem, was wir heute „Darwinismus“ nennen, in einer Hinsicht sogar besser entsprach als der seines Kollegen. Darwin ging ebenso wie Lamarck davon aus, dass auch erworbene Eigenschaften vererbt werden könnten, Wallace bestritt das. Paradebeispiel war übrigens von Anfang an die Frage, wie die Giraffen im Laufe der Evolution zu ihrem langen Hals gekommen sein konnten. Andererseits war Darwins Konzept umfassender. Während Wallace nur die Konkurrenz um Nahrungsressourcen als wirkenden Faktor sah, berücksichtigte er auch die sexuelle Selektion.

Die heftigen Reaktionen auf sein Buch bestimmten Darwin, sich auf theologisches Gebiet zu wagen. „Es ist wahrlich etwas Erhabenes um die Auffassung, dass der Schöpfer den Keim alles Lebens, das uns umgibt, nur wenigen oder gar nur einer einzigen Form eingehaucht hat“, fügte er 1860 in der zweiten Auflage ein, „und dass aus einem so schlichten Anfang eine unendliche Zahl der schönsten und wunderbarsten Formen entstand und noch weiter entsteht.“

Das war beinahe ein Zitat aus dem Buch von Großvater Erasmus, der von einer „Macht“ der Natur geschrieben hatte, „sich durch eine eingepflanzte Tätigkeit zu vervollkommnen, diese Vervollkommnungen durch Zeugung der Nachwelt zu überliefern“. Dass 1856 bei Düsseldorf der Schädel des Neandertaler, entdeckt worden war, trug später wesentlich dazu bei, der Darwinschen Lehre auch beim breiten Publikum Plausibilität zu verschaffen. Aber der Gelehrtenstreit, ob es sich wirklich um einen fossilen Menschen handeln könne, dauerte Jahrzehnte lang an.

Karikatur aus "The London
Sketchbook", 1874 
Bild: Wikipedia 


Kein Wunder, dass Darwin erneut zögerte, bevor er sich entschloss, seine Ankündigung vom „Licht auf den Ursprung der Menschheit“ einzulösen. Wahrscheinlich waren es am Ende  gar nicht so sehr die empirischen Belege, die Darwins Lehre zu einer der wirkungsmächtigsten Ideen der Moderne machten, auch nicht die Stringenz seiner Beweisführung. Es war die Faszination des Vervollkommungsgedankens: Der „Fortschritt“, die beherrschende Idee der Epoche, erhielt seine naturwissenschaftliche Basis. Karl Marx sah in der Evolution ein vorhistorisches Modell des Klassenkampfes, der die Geschichte vorantrieb: In den „Bestien und Pflanzen“ sei „die englische Gesellschaft mit ihrer Teilung der Arbeit, Konkurrenz, Aufschluss neuer Märkte und Erfindungen und Kampf ums Dasein“ wiederzuerkennen.

Marx war noch aus einem zweiten Grund fasziniert. Seit einem Vierteljahrhundert arbeitete er daran, die spekulative Geschichtsphilosophie Hegels mit den Kategorien der englischen Nationalökonomie „materialistisch“ umzukehren. Darwins Evolutionstheorie bot nun eine Möglichkeit, auch für den Bereich der Natur von „idealistischen“ Voraussetzungen abzusehen. Die „Teleologie“, also die Lehre von einem vorgegebenen Zweck und Ziel in der Welt, sei endgültig „kaputt gemacht“, jubelte Marx. Ein Jubel, den man anderthalb Jahrhunderte später allerdings etwas verwunderlich finden kann: Marxistische Geschichtstheoretiker konnten die Evolution sehr gut in das Schema einer zwangsläufigen Entwicklung hin zur klassenlosen Gesellschaft einfügen.

Ein Fortschritt unter Opfern – auch der Gestus, sich mit den harten Tatsächlichkeiten der Welt und des Lebens heroisch abzufinden, gehörte zum Geist der Epoche. Im sogenannten „Sozialdarwinismus“ wurde die Evolutionslehre gar zu einer moralischen Rechtfertigung der Brutalität umgedeutet. „Es scheint“, schrieb 1895 jubelte Reverend Josiah Strong von der Evangelical Society of the United States. „als ob die minderwertigen Rassen nur die Verkünder des Kommens der höherstehenden Rasse seien, Stimmen, die in die Wildnis rufen: ‚Bereitet dem Herrn den Weg!‘“

„Survival of the Fittest“ hatte der Gesellschaftstheoretiker Herbert Spencer wenige Jahre nach dem Erscheinen der „Abstammung des Menschen“ den Mechanismus der Evolution bündig zusammengefasst. „Fit“ meinte: an die gegebenen Umweltbedingungen optimal angepasst. Populär wurde daraus das Überleben des „Stärkeren“ im Kampf ums Dasein – womöglich nicht nur als Analyse der Realitäten aufgefasst, sondern als ethisches Postulat.

An solche Folgerungen aus seiner Lehre hatte Darwin nicht im Geringsten gedacht. Aber manche Passagen in seinem Buch über die Abstammung zeigen auch: Die Beobachtung, dass unsere moderne Moral offenbar auf anderen Grundsätzen beruht als denen der Evolution, bereitete ihm Kopfzerbrechen. „Bei Wilden werden die an Geist und Körper Schwachen bald beseitigt und die, welche leben bleiben, zeigen gewöhnlich einen Zustand kräftiger Gesundheit. Auf der andern Seite tun wir zivilisierten Menschen alles nur Mögliche, um den Prozess dieser Beseitigung aufzuhalten.“

Darwin fügte dann jedoch gleich an, die „Instinkte der Sympathie“ und die „Hilfe, welche dem Hilflosen zu widmen wir uns getrieben fühlen“, seien der „edelste Teil unserer Natur“. Eine Aussage, die von den Sozialdarwinisten geflissentlich übersehen wurde. 


Mehr im Internet:

Von der Abstammung des Menschen - Wikipedia 
scienzz artikel Der Streit um die Evolution 

 

 

 

 

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